V.. i'n', ' ' ' J - '. i i ■ : : > \ I ' NATURWISSENSCHAFT UND TECHNIK IN LEHRE UND FOESCHUNG EINE SAMMLUNG VON LEHR- UND HANDBÜCHERN HEKAÜSGEGEBEN VON Dr. f. DOFLEIN Dr K. T. FISCHER A.O.PBOr. DEB ZOOIiOOIE A. D. CSIVKBSITÄT MtSCHES A. O. PROF. DEE PHYSIK AS DEK KÖSIGL. TECHNISCHES VSJ> H. KOXSKEtVATOB DEB ZOOZiOG. STAATBSAIIMLCKO HOCHSCHULE IK MÜNCECES PLANKTONKÜNDE VON Dr. ADOLF STEUER PBrVATDOZENTEX AS DEB CSIVEBSITÄT ISSSBBUCK LEIPZIG UND BERLIN DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 1910 d ^^.^^-^^cv^/^^ PLANKTONKUNDE VON Dk. ADOLF STEUER "» PRIVATDOZENTEX AN DER UNIVERSITÄT INNSBRUCK MIT 365 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 1 TAFEL LEIPZIG UND BERLIN DEUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 1910 COPYRIGHT 1910 BT B. G. TEUBNER IX LEIPZIG ALLE RECHTE, EENSCHLIESZLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEX Vorwort. Voi'AVort. Bei dem ungeahnten Aufschwung, den die Planktonkunde in den letzten Jahren genommen, dürfte eine zusammenfassende Darstellung der gesamten Planktologie, wie sie in diesem Buche zum ersten Male geboten wird, nicht unerwünscht sein. Wenngleich eine der jüngsten biologischen Disziplinen, hat sie doch schon, ein würdiges Kind un- serer rasch vorwärts stürmenden Zeit, eine bewegte Vergangenheit. Ich glaube, es lassen sich in dem Entwicklungsgang, den die Erfor- schung des Planktons genommen, unschwer drei Epochen unter- scheiden, die ebenso vielen Forschungsrichtungen unserer Wissenschaft entsprechen. Während der ersten Epoche der systematischen Vorarbeiten galt es zunächst, durch fleißisces Aufsammeln und Beschreiben der gefundenen Arten einen Überblick über die erdrückend reiche Formen- fülle zu gewinnen, durch die sich die planktonische Lebensgemeinde auszeichnet. Trotz umfassender, systematischer Sammelwerke aus neuerer Zeit ist uns heute sicher erst ein Bruchteil aller Plankton- arten einigermaßen gut bekannt, für die Freunde floristischer und faunistischer Aufnahmen also noch für viele Jahre reichliche Arbeit vorhanden. Schon drohte die allzu einseitig betriebene Forschungsrichtung, deren Resultat lediglich umfangreiche Fanglisten waren, die Plankton- kunde zu diskreditieren, da brachten zur rechten Zeit aufgeworfene Fragen von allgemein biologischem Interesse, so vor allem die über den gesamten Stoffwechselkreislauf im Wasser, neue Anregung. Die Erkenntnis von der hohen Bedeutung der Planktonkunde für die För- derung der praktischen Fischerei machte alsbald unsere Wissenschaft auch in Laienkreisen populär und war u. a. mitbestimmend bei jener großartigen, internationalen Organisation der europäischen Nordstaaten, die den Zweck verfolgt, auf Grund umfassender biologischer Unter- suchungen einen rationellen Seefischereibetrieb bei den beteiligten Staaten zu erzielen. Man versuchte zunächst, die Mengen der für den Bestand der Nutzfische so überaus wichtigen, planktonreichen „Urnahrung" zahlen- VI Vorwort. mäßig festzustellen. Eine methodisch bis ins Detail ausgearbeitete Plankton-Populationsstatistik verdanken wir diesen Studien. Als Gegenstück zu den langweiligen Fanglisten aus der ersten Epoche sehen wir nun Arbeiten aus der zweiten Epoche der sta- tistischen Planktonforschung mit endlosen Zählprotokollen an- gefüllt. Immerhin sind diese scheinbar wenig wertvollen Namen- und Zahlenreihen eine nicht zu unterschätzende Sammlung von Daten jedem Planktonforscher, der sie richtig zu ordnen und zu verarbeiten versteht. Einige wertvolle Publikationen der letzten Jahre scheinen mir den Beginn einer dritten Epoche der experimentellen Plank- tonkunde anzuzeigen. Yon der experimentellen Behandlung vieler Fragen der Planktologie , so der Temporalvariation, der Ernährungs- physiologie, der zyklischen Fortpflanzung der Planktonten, dürfen wir in der Zukunft noch manch wertvolles Ergebnis von weittragender Bedeutung erwarten. Das lebhafte Interesse, dessen sich heute die Planktonkunde er- freut, verdankt sie vielleicht hauptsächlich dem Umstände, daß sie Vertretern der verschiedensten naturwissenschaftlichen Forschungs- richtungen Aussicht zu erfolgreicher Mitarbeit bietet und damit einem tiefgefühlten Bedürfnis entgegenkommt, bei intensiver Spezialforschung mit verwandten Disziplinen in steter Fühlung zu bleiben. Diesem gewiß berechtigten Bestreben der modernen Naturforscher suchte ich in der Darstellung möglichst gerecht zu werden. Unter Verzichtleistung auf absolute Vollständigkeit versuchte ich zu zeigen, wie die Probleme der Planktologie von den verschiedensten Gesichtspunkten aus in Angriff genommen werden können iind auch zum Teil schon bearbeitet worden sind. So hoffe ich, daß das Buch nicht nur den zoologisch und bota- nisch vorgebildeten Leser interessieren wird, sondern auch den Geo- graphen, Paläontologen, Physiologen und Entwicklungsmechaniker, den Histologen und nicht in letzter Linie den praktischen Fischer. Es soU ein Nachschlagebuch sein für den auf planktologischem Gebiete tätigen Gelehrten, ein Hilfsbuch für Lehrer und Lernende. In der erwähnten Vielseitigkeit der Materie liegt für den Ver- fasser auch die Schwierigkeit, aus dem heute schon für den einzelnen fast unübersehbaren Tatsachenmaterial die richtige Auswahl zu treffen. SoUte dies nicht durchaus geglückt sein, so mag zur Entschuldigung der Hinweis auf die großen Schwierigkeiten der Literaturbeschatfung erlaubt sein, die sich gerade an einer kleinen österreichischen Uni- versität von Jahr zu Jahr fühlbarer machen. Um so mehr bin ich allen denen zu größtem Danke verpflichtet, Vorwort. VII die mich in meiner Arbeit mit literarischen Hilfsmitteln unterstützten. Ich danke vor allem meinem hochverehrten Chef, Herrn Professor Dr. C. Heider, nicht nur für die Anregung zu dem vorliegenden Buche, sondern auch für seine vielfache, tatkräftige Unterstützung, deren ich mich stets zu erfreuen hatte. Bei der Zusammenstellung der Literatur waren mir weiterhin noch besonders behilflich die Herren Professoren Dr. C. v, Dalla Torre und Dr. J. Nevinny sowie die Direktoren der zoologischen Stationen in Triest und Rovigno, die Herren Professor Dr. C. J. Cori und Dr. 0. Hermes. Der größte Teil der Illustrationen wurde von Herrn L. Müller- Mainz und Fräulein E. Kißling (München) hergestellt; einige Karten und Apparate zeichnete Herr Major C. Korälek (derzeit Mähr.-Weiß- kirchen). Photographien und Tafelwerke stellte mir Herr Dr. Fr. Winter (Frankfurt a. M.) bereitwilligst zur Verfügung; einige Klischees erhielt ich durch freundliche Vermittlung des Herrn Professor Dr. C. Ap stein von der Kommission zur Erforschung deutscher Meere (Kiel) sowie von der Firma Ad. Zwickert (Kiel). Ihnen allen sei auch an dieser Stelle herzlichst gedaokt, sowie nicht minder den Herren Vertretern der Verlagsfirma, die allen meinen Wünschen in der liebenswürdigsten Weise entgegenkamen, Innsbruck, Herbst 1909. A. Steuer. VIII Inhaltsübersicht. Inhaltsübersicht Kapitel I. Einleitung. Seite Was ist Plankton? Die Planktonkunde bei den Alten und bei Fischerleuten. Beginn der wissenschaftlichen Planktologie. — Das Plankton, ein Teil des Hydrobios. — Bedeutung der Systematik. — Literatur . 1 — 8 Kapitel II. Das Wasser, (Seine Verteilung auf der Erde.) 1. Wassertiefe und Lotung. A. Apparate. Lotungen im Süßwasser. — Isobathen. — Lotmascbinen und Tiefseelote von Brooke, Sigsbee, Monaco, Leger. B. Ergebnisse. Beziehungen zwischen Bodenrelief und Plankton. — Wyvüle- Thomson - Rücken. — Bodenablagerungen und Plankton. — Ge- schichte der CoccoUthophoridenforschung. — Bodenproben der Süß- wasserseen und ihr Plankton. — Literatur 9—17 2. Die ehemiselie Zusammensetzung des 'Wassers. A. Apparate. Selig OB Wasserschöpfapparat. — Meyers Stöpsel flasche. — Wasserschöpfer nach Sigsbee, Pettersson, Buchanan, Richard. — Aräometer. B. Ergebnisse. Chemismus des Süßwassers. — Gasgehalt des Wassers und Planktonleben. — Kieselsäure. — Stickstoffverbindungen. — Teich- düngung. — Kalkgehalt und Plankton Verbreitung. — Chemismus des Meerwassers und des Wassers der Salzseen. — Salzgehalt. — Abhängig- keit des Planktons vom Salzgehalt der Nord- und Ostsee. — Salz- gehalt im Mittelmeer, in der Adria und im Roten Meer. — Salzgehalt im Oberflächen- und Tiefenwasser. — Stenohaline Planktonten. — Gas- gehalt des Meerwassers. — Sauerstoffverbrauch einiger Planktonten. — Verteilung von Sauerstoff, Schwefelwasserstoff und Plankton im Kaspisee. — Kohlensäuregehalt des Meerwassers. — Stickstoffgehalt. — Brandts Lehre vom Stoffwechsel im Meere. — Planktonlarvenzucht in künst- lichem Seewasser. — Literatur 17 — 48 3. Temperatur des Wassers. A. Apparate. Pinselthermometer. — Maximum-Minimumthermometer. — üm- kippthermometer. Inhaltsübersicht. IK B. Ergebnisse. Seite Foreis Einteilung der Seen. — Thermische Schichtung. — Ther- mische Perioden. — Spningschicht. — Thermik der Alpenseen. — Eisabschluß. — Einfluß der Wassertemperatur auf das Limnoplank- ton. — Eurytherme und stenotherme Planktonten. — Temperatur der Ozeane. — Tiefseetemperaturen. — Sprungschicht im Meere. — Ein- fluß der Wassertemperatur auf das Haliplankton. — Theorien von Ross und Chun. — Eisberge und Plankton. — Literatur .... 48 — 72 4. Lichtverhältnisse des Wassers. A. Apparate. Secchi- Scheibe. — Versenkung leuchtender Körper. — Ver- senkung photographischer Platten. — Petterssons Photometer. — Linsbauers Photometer. B. Ergebnisse. Sichttiefen in Seen und Meeren. — Planktonquantität und Trans- parenz. — Maximum und Minimum der Transparenz. — Reaktions- tiefe der photographischen Platte und Beginn der aphotischen Region. — Lichtintensitätsabnahme im Wasser nach Versuchen von Regnard und Linsbauer. — Lichtintensität und Phytoplankton. — Eupho- tische, dysphotische und aphotische Region. — Tiefsee. — Wasser- blüte und vertikale Planktonwanderung. — Literatur 72 — 84 5. Die Farbe des Wassers. A. Apparate. Foreis Farbenskala. — Die Farbe einiger Seen und Meere. — Farbenskalen nach Ule, Burckhardt, Lorenz. B. Ergebnisse. Allgemeine Ursachen der Färbung des Wassers. — Plankton- qualität und -quantität und Wasserfarbe. — Das Rote Meer. — Ver- färbung des Meerwassers durch Planktonten. — Verfärbung des Süß- wassers durch Planktonten. — Wasserblüte. — Literatur 84 — 98 6. Geruch des Wassers. Whipples Einteilung. — Geruch der Schizophyceen und Peridi- neen. — Veilchenduft und Ozongeruch. — Korallengenich. — Plank- tonöl. — Literatur 98 — 101 7. Die Druekverhältnisse des Wassers. Druckzunahme und Plankton der Tiefsee. — Experimente über Druckempfindlichkeit. — Ti'ommelsucht der Tiefseefische. — Anpassung der Coregoneneier an hohen Druck. — Druck- und Temperaturverhält- nisse der Tiefsee. — Literatur 101 — 103 8. Die Bewegung des Wassers und meteorologische Einflüsse. La) Wellenbewegung. — Größe der Wellen. — Limnoplankton bei Wellengang. — Haliplankton bei Seegang. — Kenternde Plank- tonten. — Do fl eins Stillwasserfauna. 29770 X Inhaltsübersicht. b) Strömungen, a) horizontale. Zu- und Abflußverhältnisse im Genfersee. — Kofoids Gesetz. — Schröders Gesetz. — Studium der Meeresströmungen. — Quallen als Strömungsweiser. — Strommesser. — Der Golfstrom. — Stromverhältnisse im Mittelmeer und in der Adria. ß) vertikale. Bedeutung der Konvektionsströmungen für das Plankton. c) Gezeiten. Planktonquantität bei Ebbe und Flut. ^ Die Straße von Messina. — Pegelbeobachtungen im Süßwasser. — Wasser- stand und Limnoplankton. n. Meteorologische Einflüsse. Winde. — Bora und Adria- plankton. — Tierströme oder Zookorrenten. — Oberflächenfauna. — Einfluß des Regens auf die Planktonverteilung. — Triester und Neapler Plankton bei Scirocco. — Einfluß der Gewitter auf das Plankton. — Verhalten des Neapler Planktons beim letzten Vesnvausbruch. — Literatur 103—121 Kapitel III. Methodik der PLanktonforschung. 1. Fangapparate für qualitative Planktonforschung. Müllemetz. — Müllergaze. — Andere NetzstofFe. — Netzsack und Eimer. — Vertikalnetz. — Planktongrippo. — Oberflächenkurre. — Dreischerbretternetz. — Seile und Stahltrosse. — Schlittennetze. — Schließnetze. — Helgoländer Brutnetze. — Turb yne-Netz. — Tanner- netz. — Schließnetze nach Marsh, Bruce, Burckhardt, Apstein, Palumbo, Petersen-Chun, Fowler, Lakowitz, Cori, Voigt, Monaco, Giesbrecht und Richard. — Fischerei bei voller Fahrt: Filet Buchet, Modelle von Richard, Hensen, Viguier, Borgert, Apstein, Zacharias, Volk. — Planktonfanggefäße nach Peck- Harrington, Whipple, Fischer, Pfenniger, Portier und Ri- chard, Kofoid. — Planktonpumpen nach Frenzel, Fordyce, Volk, Lohmann. — Planktonfang mit der Schiffspumpe. — Bj-itik der Methoden. — Fischerei mit künstlichem Licht 122 — 150 2. Fangapparate für quantitative Planktonforschung. Hensens vertikal fischende, quantitative Planktonnetze. — Stufen- fänge. — Vollplankton, Fangplankton nnd Fangverlust. — Filtrations- widerstand. — Filtrationskoeffizient. — Netz, Pumpe, Filter, Appen- diculariengehäuse und Zentrifuge. — Literatur 150 — 163 3. Beobachten, Züchten, Konservieren und Färben des Planktons. Lupenbeobachtung. — Hensens Zählmikroskop. — Untersuchung lebhaft sich bewegender Objekte. — Zeichnung und Photographie. — Künstliche Zucht von Planktonten. — Zucht planktonischer Hummer- und Fischlarven für praktische Zwecke. — Fixierung und Konservie- rung des Planktons. — Zentrifuge und Auftriebsieb. — Senkmethode. — Aufbewahren der Planktonfänge. — Fangjournal. — Literatur . . 163 — 173 4. Die statistische Planktonforschung und ihre Methoden. A. Variationsstatistik. — Varianten. — Frequenz- oder Häufig- keitszahlen. — Variationsreihe. — Variationsindex. — Variations- kurven. Inhaltsübersicht. XI B. Planktonpopulationsstatistik. — Der erste Planktonzähler Scoresby. — Hensens Filtrator. — 1. Volumbestimmung. — a) Roh- Tolumen (Fang- oder Setzvolumen V — b) Dichtes Volumen. — c) Abso- lutes Volumen. — 2. Gewiebtsbestimmung. — 3. Chemische Analyse. — 4. Zählung. — Hensens Stempelpipette. — Zählmikroskop. — Setzerkasten. — Ertrag und Einheitsmenge. — Jahreskurven. — Dar- stellung der Kurven. — Literatur 173 — 187 Kapitel IV. Anpassungserscheinnngen des Flanktons. 1. Sehwebvermögen. ,, Fliegende" Planktonten. — Am Wasserspiegel lebende Plank- tonten. — Mittel zur Erhöhung der Schwebfähigkeit bei den Haupt- gruppen des Planktons. — Literatur 188 — 228 2. Theorie des Seh-webens. Begriff des „Schweben." — Übergewicht. — Formwiderstand. — Viskosität. — Die Formel der Sinkgeschwindigkeit. — Ceratien im Guinea- und Südäquatorialstrom. — Größenunterschiede einiger Plank- tonten als Lokalvariation. — Größenunterschiede von Oberflächen- und Tiefenformen. — Unterschiede im Skelettbau. — Plankton der Hoch- alpenseen (Daphnien). — Literatur 229 — 238 3. Temporalvariation. Zyklomorphosen bei Süßwasserdiatomeen und Protozoen, Rota- torien, Cladoceren, Copepoden. — Eine zweite Art von Temporal- variation. — Erklärungsversuche der Temporalvariation von Wesen- berg-Lund und Ostwald. — Ausnahmen. — Temporalvariation und Fortpflanzung. — Literatur 238 — 253 4. Fortpflanzungsverhältnisse der Planktonten. Geringe Vermehrungsfähigkeit. — Eizahl. — Langsames Tempo der Vermehrung. — Plankton und Benthos. — Perennierende und temporäre Planktonten. — Benthonische Ruhezustände der Plank- tonten. — Hertwigs „Kernplasmarelation". — Einfluß der Wasser- temperatur. — Weismanns Lehre der zyklischen Fortpflanzung. — Bedeutung des Benthos für die Fortpflanzung des Haliplanktons. — Schwebe- und Mikrosporen der Diatomeen. — Larven von Benthos- tieren im Haliplankton. — Der Palolo. — Nächtliches Ausschwärmen der Larven. — Vermehrungsfuß einiger Planktonten. — Das Lebens- alter einiger Planktonten. — Copepodenentwicklung in Zirkelströmen. — Dissogonie der Ctenophoren. — Tagesgrade. — Ihre Bedeutung für die praktische Ichthyologie. — Literatur 253 — 275 5. Die Farbe der Planktonten. Farblosigkeit und Durchsichtigkeit. — Blaue Farben als Mime- tismus durch Homochromie. — Grüne Planktonten. — Gelbe und rote Planktonten. — Farbe des Tiefseeplanktons. — Bedeutung der Rot- färbung. — Biologische Gruppierung des Planktons nach der Farbe. XII Inhaltsübersicht. Schmuckfarben und irisierende Planktonten. — Chemismus und physio- logische Bedeutung der Farben des Planktons. — Literatur .... 275 — 290 6. Lichtprodiiktion (Meerleuchten) und Liehtperzeption. Historische Daten über Meerleuchten. — Arten des Meer- leuchtens. — Leuchtende Pflanzen und Tiere des Pelagials. — Art des Leuchtens und Leuchtorgane. — Physikalische Eigenschaften des Organismenlichtes. — Zweck des Leuchtens. — Die Augen der Plank- tontiere. — Literatur 291—334 Kapitel V. Die biologische Schichtung des Plauktons. 1. Die vertikale Verteilung und vertikale Wanderung des Limnoplanktons. Die biologische Schichtung in norddeutschen und in Alpenseen. — Untere Grenze in tiefen Seen. — Jahreszeitliche Schwankungen. — Einfluß auf die Verteilung der Fische. — Verteilung des Phytoplank- tons. — Nährschicht und Speicherschicht. — Veränderungen in der vertikalen Verteilung des Phytoplanktons und was sie verursacht. — Vertikale Verteilung des Zooplanktons. — Schichtenfolge. — Verti- kale Wanderungen des Zooplanktons. — Verschiedenheiten im Ab- lauf des Phänomens. — Reihenfolge der wandernden Planktonten. — Bedeutung der Wanderung für die Praxis. — Literatur 335 — 353 2. Die vertikale Verteilung und die vertikale "Wanderung des Haliplanktons. Azoische Tiefen. — Superfiziale Massenentwicklung — Die verti- kale Verteilung der Hauptgruppen des Haliplanktons. — Allgemeine Schemen der Planktonschichtung von Haeckel, Fowler, Chun. — Ansichten Agassiz'. — Die Schichtenfolge des Mittelmeerplanktons nach Lo Bianco. — Temporale Verschiedenheiten der Plankton- schichtung. — Vertikale Wanderungen des Haliplanktons. — Ampli- tude derselben. — Chuns jährliche Wanderungen des Haliplanktons (chimo-pelagische Planktonten Haeckel s). — Ontogenetische Wande- rungen. — Vertikale Wanderungen der Tiefseeplanktonten. — Lite- ratur 353—383 3. Die Ursachen der aktiven (vertikalen) Wanderung des Planktons. Ältere Ansichten. — Loebs Heliotropismus. — Umkehr photo- taktischer Bewegungen. — Theorie der Tropismen nach Loeb und Ostwald. — Thermo-, Geo-, Kheo-, Stereo-(= Thigmo-), Baro-, Chemo- und Galvanotaxis. — Die taktische Reizfähigkeit eine zweckmäßige Anpassung. — Ostwalds Erklärungsversuch der vertikalen Wande- rang. — Literatur 383 — 395 Kapitel VI. Die horizontale Verteilung des Planktons. 1. Der Einfluß des Ufers auf das lünanoplankton. Bewohner der vadalen und profundalen Region. — Abgrenzung der limnetischen Region. — Vermischung des Limnoplanktons mit Inhaltsübersicht. XHI vadalen und profundalen Elementen. — Einteilung der limnetischen Planktonten. — Literatur Ö96— 403 2. Helo- und Potamoplankton. Definition der Begriffe See und Teich. — Charakteristik des Helo- planktons. — Bedeutung und Wert des Heloplanktons für die Biologie und Praxis. — Charakteristik des Potamoplanktons. — Sein Arten- reichtum. — Biologische Gruppierung der potamischen Planktonten. — Horizontale und vertikale Verbreitung des Potamoplanktons. — Für seine Entwicklung maßgebende Faktoren. — Biologische Wasseranaljse und Selbstreinigung der Flüsse. — Literatur 403 — 420 3. Das Plankton der Salzseen und das BrackAvasser-(Hyplial- niyro)-Plankton. Klassifikation der Seen. — Planktonreichtum der Salzseen. — Zusammensetzung des Salzseenplanktons. — Haliplanktonten in Süß- wasserseen. — Plankton des Suez- und Kaiser-Wilhelm-Kanales. — Brackwassei-plankton. — Watten als Planktonfriedhöfe. — Zusammen- setzung des ßrackwasserplanktons. — Ausbreitung des Hyphalmyro- planktons an Strommündungen. — Die Zonen der Tocantinsmündung. — Literatur 420—438 4. Der Einfluß der Küste auf das Haliplankton. A. Ozeanisches und neritisches Plankton. Holo- und meroplanktonische Organismen, ozeanische und neri- tische Planktonten. — Atolle als Planktonfallen. — Abgrenzung der Gebiete des neritischen und ozeanischen Planktons. — Die Hochsee als Grab des Küstenplanktons. — Neritische Planktonten als Strö- mungsweiser. B. Die Sargassosee. Historische Daten. — Isophykoden. — Tierwelt der Sargassosee. C. Bedeutung der Küste für die Planktonphylogenie. Das Plankton der Halostase. — Die Meeresküste als Geburts- stätte des Pelagials. — Fossile Planktonten. — Larvale Charaktere der Zooplanktonten. — Urplankton und Xeoplankton. — Bedeutung der „mud-line". — Pfeffers Hypothese. — Der im Tertiär beginnende Klimawechsel. — Die Sargassosee der Vorwelt. — Literatur .... 438 — 456 Kapitel VII. Die geographische Verbreitung des Planktons. 1. Die geographische Verbreitung des Haliplanktons. Die bei der Verbreitung des Haliplanktons wichtigsten Faktoren (biologische, topographische und klimatologische). — Die V^erbreitung neritischer Planktonten, erklärt aus der Verbreitung litorüler Benthos- tiere. — Verbreitung neritischer Diatomeen der Nordmeere. — Über- sicht der geographischen Verbreitung des Küstenplanktons. — Die Verbreitung des Hochseeplanktons. — Das südatlantische und indische Phvtoplankton. — Verbreitung einiger Planktonten (Bakterien, Schizo- XIV Inhaltsübersicht. phyceen, Diatomeen, Peridineen, Tintinnen, Foraminiferen, ßadiolarien, Coelenteraten, Würmer, Krebse, Mollusken, Tunicaten, Fische) haupt- sächlich im Atlantik auf Grund der Ergebnisse der Planktonexpedition. — Übersicht der geographischen Verbreitung des Hochseeplanktons. — Bipolarität. — Pfeffer-Murrays Reliktenhypothese. — Ort- mann-Chunsche und Meisenheimers Migrationsbypothese. — Literatur 457 — 509 2. Die geographische Verbreitung des Limnoplanktons. Abstammung des SüßwasserjDlanktons. — Pavesis Relikten- hypothese. — Besiedelung der Süßwasserbecken. — Aktive und pas- sive Wanderung. — Nordischer Ursprung der alpinen Planktonwelt. — Die Eiszeit. — Gegenwärtige Verbreitung einiger Planktonkruster in den Alpen. — Interglaziale Einwanderer. — Endemische Formen der Mittelmeerländer. — Marine Reliktenformen. — Mysis und Limno- calanus macrurus. — Verbreitung der Eurytemora. — Geographische Verbreitung einiger Planktonten in Europa. — Verbreitung einiger Planktoncopepoden in den Süßwässern der Erde. — Verbreitung der europäischen Cladoceren. — Literatur 509 — 535 Kapitel VIII. Temporale PlanktoiiTerteilung. 1. Planktonkalender und Jahreskurve des Limnoplanktons. Temporale Verteilung einiger Limnoplanktonten (Bakterien, Schizophyceen , Diatomeen, Chlorophyceen , Peridineen, Rhizopoden, Infusorien, Rotatorien, Cladoceren und Copepoden). — Rohvolumen. — Jahreskurve. — Jahreskurve nahe verwandter Planktonten. — Jahres- kurven in tiefen und seichten Seen. — Vorschreiten des Produktions- maximums vom Ufer gegen die Seenmitte. — Die Jahreskurve ab- hängig von der Planktonqualität, der geographischen Lage des Sees, den Temperaturverhältnissen. — Ein- und zweigipflige Kurven. — Variation der Jahreskurve in einzelnen Jahrgängen. — Literatur . . 536 — 558 2. Planktonkalender und Jahreskurve des Haliplanktons. Planktonkalender des Triester Golfes im Vergleich mit dem anderer Häfen des Mittelmeeres und der Nordmeere. — Einige allgemeine Er- gebnisse. — Literatur 558 — 588 Kapitel IX. Die Bedeutung des Planktons im Haushalte der Natur. Der Reichtum des Hydrobios und die Menge des Planktons. — Tierschwärme und Ansammlungen. — Die Planktonkurve des ,, National". — Planktonreichtum kalter Meere; Erklärung desselben. — Plankton- produktion in Süßwässern verschiedener Breiten. — Das Verhältnis von Produzenten zu Konsumenten. — Nahrungswert des Zooplanktons. — Schutzmittel. — Symbiose und Parasitismus. — Bau des Ver- dauungsapparates und Art der Ernährung des Zooplanktons. — Nessel- zellen und Hypnotoxin. — Trophologie der wichtigsten Zooplankton- typen. — Nahrung planktonischer Fischlarven und Jungtische. — Limnoplankton und Süßwasserfische. — Nahrung der Clupeiden. — Inhaltsübersicht. XV Planktophagen unter den Vögeln, Robben und Walen. — Kril und Lodde. — Planktonzehrende Bentbosf'ormen. — Anpassung der Tief- seefauna an den Planktonregen. — Ozeanische Bodenablagerungen. — Kreide. — Bodenablagerungen der Süßwasserbecken. — Tripel und Kieseiguhr. — Gytje. — Faulschlamm, Sapropelgesteine, Petroleum und Salzlager. — Cannelkohle. — Chemische Analysen einiger Plank- tonten. — Chemismus der Fisch- und Viehweide. — Chemismus des Planktons und der Fische. — Kreislauf des Fettes im Meere. — Pütters Untersuchungen über die Ernährung der Wassertiere. — Literatur 589—667 Kapitel X. Die Bedeutung des Planktons für den Menschen. Schädliche Planktonten. — Quallen. — Bakterien. — Mare sporco. — Svaev der Nordmeere. — Aka-shiwo der Japaner. — Durch Planktonalgen verpestetes Süßwasser. — Nützliche Planktonten. — Eßbare Medusen und Planktonpastetchen. — Plankton als Futter bei künstlicher Fischzucht. — Heloplankton als Indikator des Nähr- stoffgehaltes der Fischteiche. — Xahrungsuntersuchung und Bonitie- rung der Fischteiche. — Becherglasmethode von Zuntz und Knauthe. — Düngung, Fütterung und Dubi seh -Verfahren. — Bedeutung des Planktons bei der Selbstreinigung des Wassers. — Die Planktologie im Dienste der marinen Fischerei. — Quantität der Nutzfische und Nahrungsmenge. — Künstliche Zucht von Seefischen. — Plankton- kunde als ünterrichtsgegenstand. — Planktonformen als Kunstformen der Natur. — Literatur 668—691 Sachregister 692—723 Steuer, Planktonkunde. Färbung mariner Planktonten. Blaue und violette Oberflächenformen : Grüne Planktonten: Gelbe und braune Organismen : Rote Tiefseeformen: Dunkelviolette, purpurne oder sch-warze Tiefseetiere: Jihizostoma pulmo (Nach Schmoll). Janthina fra'jiUs (Nach Leanis und Lesueur). Glaucus euchari» (Nach Lesueur). Anomalocera patertoni (Nach Giesbrccht). Halosphaera viridi» (Nach Schmitz). Chryiaora ruediterranea (Nach Haeckel». Gaetanu» kriippi (Nach Lo Bianco). Gigantocypris aumtizi (Nach Müller). Eucopia atutralii (Nach Lo Bianco). Atolla chuni (Nach Vanhöflfen). Cyclothone livida (Nach Brauer). Historisches. Kapitel I. Einleitung. Die Planktonkunde oder Planktologie befaßt sich mit der Erforschung jener im freien Wasser schwebenden, größtenteils mikro- skopischen Lebewesen, die wir heute mit dem Namen Plankton be- zeichnen. Der Ausdruck Plankton wurde im Jahre 1887 von dem Kieler Physiologen V. Hensen in die Wissenschaft eingeführt und stammt von dem griechischen 7ildt,oi (herumirren), nlay^xog (herura- irrend).^) Hensen nennt Plankton „Alles, was im Wasser treibt", im Gegensatze zu dem Festsitzenden, auf dem Boden Kriechenden, oder dem, Avas eigene Bahnen, unabhängig von Wind und Strömungen, verfolgt. Die Planktonorganismen oder Planktonten sind also größten- teils kleine Lebewesen, die ohne Eigenbewegung oder ungeachtet der- selben hilflos im Wasser treiben wie der edle Dulder Odysseus, ,,oj accka nöXla Tckdyx^ri''''^ und die Planktologie ist demnach die Lehre von den schwebenden Wasserorganismen. Die Kenntnis der Planktonorganismen ist älter, als man vermuten würde. Schon bei Plato (geb. 429 v. Chr.) finden wir (Philebus 21c) die ^^ciliTCVEvybovag''^, die Seelungen (pulmones marini der Römer) er- wähnt, die Schirmquallen (s. Fig. 1 der Farbentafel). Ali an erzählt im 3. Jhh. n. Chr. von einem Seegewächse, dessen mohnkopfartige Frucht ein flimmerndes, nächtliches Licht ausstrahle; ich vermute, daß es sich hier um die SaJpa africana-niaxima des Mittelmeeres gehandelt haben dürfte. Ohne Zweifel hatten die Alten nicht nur vom „Makroplankton" (Großplankton), wozu u. a. Schirmquallen und Salpen gehören, son- dern auch von den mikroskopischen Planktonten des Süß- und See- wassers eine einigermaßen klare Vorstellung. Wir werden kaum fehl- gehen, wenn wir bei den von Aristoteles (geb. 384 v. Chr.j gebrauchten Ausdrücken ä(pvr^ und dq)Q6g („Fischbrut" oder „Schaum des Meeres" der Übersetzer) zunächst an Plankton denken. Daraus entstehen die Fische, „welche weder Eier legen noch lebendige Junge gebären'^, also, wie wir heute sagen würden, die pelagischen Fische. -J „Diese Art Aphye . . . geht zugrunde, wenn 1) Wohl nicht von nlaväto (herumirren), wie Hensen angibt. 2) ^x di iLiag acpvrig, olov riig iv rm'A&rivixicov Xifiivi, oi iyAQaaixo'/.oi y.uXov- uivoi {yiyvovtai). Steuer, Planktonkunde. 1 2 Kapitel I. Einleitung. sie längere Zeit existiert hat, jedoch bildet sich wieder neue, weshalb sie mit Ausnahme eines kurzen Zeitraumes fast während des ganzen übrigen Jahres angetroffen wird." „Manchmal wird auch auf der Ober- fläche des Meeres bei gutem Wetter eine solche Masse herangetrieben, [in welcher sich diese Schaumfischchen wie die Würmer im Kot zu- sammenballen], an den Stellen der Oberfläche, wo sich dergleichen gebildet hat." Schlecht nennt Aristoteles die Arten von Aphye, die sehr schnell wachsen und an beschatteten und sumpfigen Stellen entstehen, wenn heiteres Wetter eingetreten ist imd der Boden sich erwärmt. Vielleicht ist damit die „Wasserblüte" gemeint, ein Phä- nomen, das jedenfalls PliniUs bekannt war, der die blutrote Färbung des Vulsivischen Sees beschreibt. Die genauesten Kenntnisse von der Existenz des Planktons, lange noch bevor die Wissenschaft sich mit seiner Erforschung befaßte, dürfen wir bei den Berufsfischern vermuten. Denselben ist bekannt, daß gewisse pelagische Fische den Planktonschwärmen nachziehen. Die norwegischen Fischer z. B. betrachten die Salpen als Vor- boten eines guten Heringsfanges und nennen sie Silderäk oder Silder- okker (von Süd, Hering, und räke oder roke, mit dem Strom treibenj. Wenn die Salpen ausgeprägte Golfstromtiere sind, deren Annäherung an die Küste also ein .-\bbiecren des Golfstromes in diese Richtunor in sich faßt, so können sie vielleicht insofern Vorboten des Herings sein, als der Golfstrom bei diesem Anschwemmen gegen die Küste das Heringe enthaltende sogenannte Bankwasser vor sich hertreibt (Aurivillius). Als „Maidre" bezeichnen die Fischer vom Firth of Forth Plankton- massen, die vorzugsweise aus Entomostraken, kleinen Krebschen, be- stehen. „Whalaat" nennt der Waljäger die Myriaden kleiner Flügel- schnecken, die die nordischen Meere bevölkern, „Kril" heißen bei den Lappländern planktonische Kruster, in deren Nähe sich Blauwale auf- zuhalten pflegen; die zierlichen Phronimiden tauften italienische Fischer zu Ehren ihrer Neapler Berufsgenossen „Napoletani", und wenn der adria- tische Sardinenfischer fein zerstampfte Muscheln und Krebse, die wie ein feiner Staub im Wasser absinken, als „esca" (Köder) verwendet, so lockt er seine Beute mit — künstlichem Plankton an: „Che i pessi crede, che sia plancton!" (Daß die Fische meinen, es sei Plankton) versicherte mir, stolz auf seine biologischen Kenntnis.se, ein Gradenser Fischer. Sogar einzelne mikroskopische Planktonten wissen die italieni- schen Fischer mit Namen zu benennen. „Punti verdi" neunen z. B. die Neapler Fischer die Halosphaera viridis (Fig. 5 der Farbentafel) und die „fliegenden Copepoden" unserer Adria (Anomalocera patersoni) heißen bei den Fischern von Rovigno „ociussi" (Fig. 4 d. Farbentafel). Historisches. Auch die allerersten — Planktonzählunffen verdanken wir nicht etwa einem vertrockneten Stubengelehrten, sondern einem wetterfesten Waljäger aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, nachdem schon im 16. Jahrhundert ein englischer Seefahrer, Sir John Hawkins, auf die außerordentliche Reichhaltigkeit des pelagischen Lebens hingewiesen hatte (J. Thoulet). Die wissenschaftliche Erforschung des Planktons aber beginnt erst mit der Erfindung des Mikroskops (A. van Leeuwenhoek^ 1632 — 1T23), allerdings zunächst in dem beschränkten Maße genauer Beschreibung, sorgfältiger Zeichnung und gewissenhafter Katalogi- sierung der gefundenen Formen. Die umfassende, zielbewußte Er- forschung der j.pelagischen" Lebewelt, speziell der marinen (von -Tf'Acc^og, das Meer), ist indessen kaum viel älter als 60 Jahre. Im Jahre 18-15 begann Johannes Müller auf Helgoland müh- sam durch „mikroskopische L'ntersuchung des eingebrachten See- wassers" Echinodermenlarven zum Studium ihrer Entwicklung zu sammeln und sprach damals zu seinem Schüler E. Haeckel die denk- würdigen Worte: „Da können Sie noch viel tun; und wenn Sie erst recht in diese pelagische Zauberwelt hineinkommen, werden Sie bald sehen, daß man nicht wieder davon loskommen kann.'' An die Stelle der primitiven, ursprünglichen Fangmethode trat später die „Fischerei mittels des feinen pelagischen Netzes", dessen sich Johannes Müller und seine Schüler mit bestem Erfolge be- dienten, ja das „Müllersche Netz" bildete von nun ab eines der wich- tigsten Instrumente aller an die See ziehenden Zoologen. Sie wählten ihre Studienobjekte schon damals mit Vorliebe aus der fast unerschöpflichen Formenmannigfaltigkeit des „pelagischen Auftriebes", wie damals das Plankton allcremein orenannt wurde, weil man meinte, es lebe ausschließlich an der Oberfläche des Meeres. Da machte man bei den Tiefenlotungen der Korvette „Gazelle" (1874 — 76) die Beob- achtung, daß sich an der Lotleine am häufigsten aus Tiefen von 800 bis 1500 Faden bisher unbekannte Siphonophoren verfangen hatten. Das ließ schon das Vorkommen pelagischer Tiere auch in tieferen Wasserschichten vermuten. Als nun gar zur selben Zeit, reich mit Schätzen beladen, die Challenger- Expedition (1873 — 76) heimkehrte, wußten die beiden Zoologen derselben, Thomson und Murray, zu berichten, daß das Meer bis zu 1000 Faden Tiefe von Plankton bevölkert sei. „Wir haben nirgends eine wirklich unfruchtbare, von organischem Leben entblößte Region angetroffen"; ja sogar eine spezielle pelagische Tiefen- fauna war entdeckt worden. Alex. Agassi z (Blake-Expedition 1878) I Kapitel I. Einleitung. erklärte zwar bald darnach auf Grund von „exakten Experimenten"^ die mittels des unvollkommenen „Sigsbeeschen Zylinders" angestellt worden waren, daß das Tiefenwasser der Ozeane azoisch sei und das Plankton nicht unter 100 Faden hinabgehe, allein die Behauptungen konnten den von der italienischen „Vettor Pisani-Expedition" (1884) [die zum ersten Male statt der bisher üblichen offenen Netze mit einem Schließnetz gearbeitet hatte] erbrachten Gegenbeweisen nicht standhalten. Für das lebhafte Interesse, das man fortan der Plauktonforschung entgegenbrachte, spricht die Entsendung der deutschen National- Expedition unter Hensens Leitung (1889), die sich ausschließlich mit dem Studium des nordatlantischen Planktons zu befassen hatte, und auch bei allen folgenden, in schönem Wettstreit von den verschiedensten Staaten ausgerüsteten, Avissenschaftlichen Expeditionen bildete die Er- forschung des Planktons einen wichtigen Programmpunkt; wir nennen u. a. die österreichische Pola-Expedition (1890 — 97), die deutsche Tief- see-Expedition (Valdivia, 1898 — 99), femer die Reisen des Fürsten von Monaco (seit 1885), Nansens Nordpolfahit auf der Fram (1893 — 96), die Serie der antarktischen Expeditionen: Belgica (1897 — 99), Scotia (1903 — 4), die schwedische, französische, englische und deutsche ant- arktische Expedition der Jahre 1901 — 1903, die internationalen Termin- fahrten zur Erforschung der Nordmeere seit 1901. Ja über dem intensiven Studium des marinen Planktons vergaß man das Nächstliegende: die Erforschung der Planktonverhältnisse unserer heimischen Süßwasserseen. Ohne die Verdienste schmälern zu wollen, die sich 0. F. Müller (1730 — 1784), der „dänische Fürst mikroskopischer Forschung", wie ihn Ehrenberg nennt, Ehrenberg selbst (1795 — 1876) und noch viele andere um die Erforschung der Mikrofauna und -flora des Süßwassers erworben, müssen wir doch das planmäßige Studium der Lebensverhältnisse des Limnoplanktons als eine Errungenschaft der neuesten Zeit betrachten. Es sind vorzüglich Forel, Weißmann und Fritsch, die wir als Begründer der modernen Limnologie anzusehen haben. Heute hat bereits jeder Kulturstaat einen Stab von tüchtigen Planktologen aufzuweisen, fast an sämtlichen biologischen Stationen, die in den letzten Dezennien an den Meeresküsten und an den Ufern der Seen und Flüsse errichtet wurden, wird über Plankton gearbeitet. Vielfach hat sich die Planktologie in den Dienst der Praxis gestellt und es darf wohl behauptet werden, daß sie zu dem Aufschwung, den die marine wie die Binnenfischerei genommen, ihr gut Teil beigetragen hat. Terminologie. 5 Wenn wir die gesamte Welt des Lebendigen (Bios des Aristo- teles) nicht nach systematischen, sondern nach ethologischen\) Ge- sichtspunkten ordnen wollen, werden wir zunächst zwei Hauptgruppen zu unterscheiden haben: die Gesamtheit der landbewohnenden Orcra- nismen (Geobios oder Terrestrial) und die Lebewelt des Wassers (Hydrobios). Die letztere wird wieder unterzuteilen sein in: Halo- bios, d. i. die marine Flora und Fauna, und Limnobios, die Pflanzen- und Tierwelt des süßen Wassers. Im besonderen werden wir in dem Lebensbezirk des Hydrobios zu unterscheiden haben: die nichtschwimmenden Organismen oder das Benthos"), das sind solche Organismen, die sich nicht dauernd vom Substrat freimachen können, und das Pelagial, das sind alle jene Tiere und Pflanzen, die, unabhängig vom Substrat, schwimmend oder flottierend im Wasser leben. Nach ihrer mehr oder minder innigen Verbindung mit dem Sub- strat können wir die benthonischen Organismen wieder unterteilen in sessile (festsitzende) und v agile (kriechende, laufende), ferner nach ihrer Abhängigkeit vom Lichtgenuß und damit nach ihrer Verbreitung in die Tiefe in ein Litoralbenthos oder Litoral und ein Abyssal- benthos oder Abyssal. Speziell für das Süßwasser wird von Frenzel statt „litoral" der Ausdruck „vadal" vorgeschlagen. Das Pelagial zerfällt wieder in ein Nekton und Plankton, und wir zählen unter die nekterischen Organismen nach Haeckel die aktiv schwimmenden, unter die planktonischen oder ploterischen die passiv treibenden Organismen. Im Plankton des Meeres oder Haliplankton (Gegensatz: das Limuoplankton des süßen Wassers) haben wir noch das ozeani- sche oder Hochseeplankton von dem neritischen oder Küsten- plankton abzutrennen. Trotz des Schwebens im freien Wasser ist das Plankton ab- hängiger vom Substrat, von der Art und dem Relief des Bodens, als man vermuten würde. Submarine, namentlich bewachsene Hügel, geben 1) Ethologie (von i^og, Gewohnheit), früher schlechtweg Biologie genannt, ist die Lehre von den gesamten Lebensverhältnissen der 'Tiere. Sie zerfällt in die Oecologie (bzw. Chorologie), die sich mit der Erforschung der Beziehungen der Tiere zu ihrem Aufenthaltsorte und mit deren Verbreitung, und in die Trophologie, die sich mit der Erforschung der Nahrang zu befassen hat. 2) Der Ausdruck Benthos wird nicht immer in diesem Sinne gebraucht; oft ist Benthos als Fortsetzung des Litorales nach der Tiefe gleichbedeutend mit ,, Tiefsee", würde also unserem Abyssalbenthos entsprechen. Kapitel I. Einleitung. dem Hochseeplankton durch das Hinzutreten zahlreiclier planktonischer Jugendstadien von Benthostieren einen neritischen Anstrich; die Sargasso- see des Xordatlantik, die, wie wir hören werden, dem Litoral des Karaibischen Meeres ihre Entstehung verdankt, zeigt ganz eigenartige Planktonverhältnisse, und schließlich wird der Planktologe bisweilen zur Lösung mancher Fragen auch die Planktonsedimente am Meeres- grunde nicht unbeachtet lassen dürfen. Viel bedeutender ist natürlich wegen der viel geringeren Flächen- ausdehnung des „Mediums'^ die Abhängigkeit des Limnoplanktons von den Bodenverhältnissen. Wir werden von dem eigentlichen Seenplankton ein Teich- plankton oder HeleoplanktonM und ein Flußplankton oder Po- tamoplankton abzutrennen haben, wir werden den Einfluß der Höhe der Wohngewässer über dem Meeresspiegel auf das Plankton festzu- stellen und endlich als Übergang zwischen dem neritischen Hali- plankton und dem Potamoplankton das Plankton des Brackwassers oder das Hyphalmyroplankton zu besprechen haben. Eine Übersicht über die Stellung des Planktons in der Lebens- gemeinde unserer Erde gibt die folgende Zusammenstellung: Bios Abion Geobios Hydrobios Halobios Limnobios Benthos Pelagial Litoral Abyssal / Nekton Haliplankton Limnobenthos Liinnopelagial Vadal Profundal / Limnonekton Limnoplankton oceanisch neri tisch Potamo- Helo- Eulimno- plankton plankton plankton Hyphalmyro - Plankton 1) Von fXos (Teich), daher besser Heloplankton (Volk). Terminologie und Systematik. Es scheint mir nicht überflüssig, wenn ich noch auf den Wert der Systematik für die Planktonkunde hinweise. Bei dem regen Interesse, das man gegenwärtig wieder biologischen Fragen entgegen- bringt, werden auch unserem engeren Arbeitsgebiete immer häufiger Forscher zugeführt, denen zugleich mit der systematischen Vorbildung auch das nötige Verständnis für systematische Fragen fehlt. Ihnen kann nicht eindringlich genug gesagt werden, daß die Lösung bio- logischer Fragen kaum möglich ist, wenn man die Tiere und Pflanzen selbst nicht gründlich kennt. Richtige Bestimmung der Planktonten ist die erste, wichtigste, freilich bisweilen nicht mühelose und selten genügend gewürdigte Vorarbeit für weitere planktonische Studien. Es gibt kein zusammenfassendes Werk, nach dem sich gegen- wärtig jeder Linino- oder Haliplanktont sicher bestimmen he&e. Eine eingehende Kenntnis der gesamten Spezialliteratur ist die notwendige Vorbedingung jeder richtigen Bestimmung^ Bei der großen Menge der jetzt schon bekannten Planktonarten ist eine Beherrschung der gesamten, vorliegenden Literatur dem einzelnen nicht mehr möglich. Das Bestreben gewissenhafter Bestimmung führt daher jeden not- wendigerweise zur Spezialisierung auf eine oder einige kleinere Gruppen von Planktonten. Aus diesen Gründen können im folgenden nur einige der wich- tigeren Arbeiten über die Systematik der Planktonten aufgezählt wer- den, die dem Anfänger nur zur ersten Orientierung dienen sollen. Außerdem werden noch solche größere Werke oder Zeitschriften nam- haft gemacht, die sich ausschließlich oder doch größtenteils mit der Erforschung des Planktons befassen. Literatur. 1. Apstein, C. Das Süßwasserplankton. Kiel u. Leipzig, Lipsins & Tischer, 1896. 2. Blochmann, F. Die mikroskopische Tierwelt des Süßwassers. I. Protozoa. 2. Aufl. Hamburg, L. Graefe & Sillem, 1895. 3. Brandt, K., u. Apstein, C. Nordisches Plankton. Kiel u. Leipzig, Lipsius k Tischer (seit 1901) (Botan. Teil vollständig). 4. Bronns Klassen u. Ordnungen des Tierreiches (Protozoen, einige Gruppen der Metazoen). Leipzig, C. F. Winter (seit 1859). 5. Bulletin du Musee Oceanographique de Monaco. Monaco, Selbstverlag (seit 1904). 6. Chun,C. Wissenschaftliche Ergebnisse d. Deutschen Tiefseeexpedition. Jena, G. Fischer (seit 1902). 7. Engler Ä: Pran tl. Die natürlichen Pflanzenfamilien (Bakterien, Algen). Leipzig, VV. Engelmann, 1897, 1900. 8. Eyferth, B. Einfachste Lebensformen des Tier- und Pflanzenreiches. 3. Aufl. Braunschweig, W. Schönichen Ä: A. Kalberlah, 1900. Kapitel I. Einleitung. 9. Fauna u. Flora des Golfes von Neapel. Herausgegeben v. d. zool Station in Neapel. Berlin, R. Friedländer <^' Sohn (^seit 1880). 10. Forel, F. A. Le Leman. Lausanne, F. Rouge. 3 Bde. 1902. 11. Haeckel, E. Plankton-Studien. Jen. Zeitschr. f. Naturw. Bd. 25. 1891. 12. Hen8en,V. Ergebnisse der Planktonexpedition der Humboldtstiftung. Kiel u. Leipzig, Lipsius ^' Tischer (seit 1895). 13. Johnstone, J. Contributions of live in the sea. Cambridge, Univeraity Press. 1908. 14. Kirchner, 0. Die mikroskopische Pflanzenwelt d. Süßwassers. 2. Aufl. Hamburg, L. Graefe k Sillem, 1891. 15. Lampert, K. Das Leben der Binnengewässer. 2. Aufl. Leipzig, Tauch- nitz, 1907—8. 16. Lemmermann, E. Phytoplankton d. Meeres. Abh. nat. Yer. Bremen. Bd. 16, 17, 1899, 1903. 17. Migula, W. System der Bakterien. Jena, G. Fischer, 1900. 18. Publications de circonstance. Conseil permanent international pour l'exploration de la mer. H08t A: Fils, Copenhague. 19. Report of the Challenger Expedition. Eyre & Spottiswoode, London (vollständig, seit 1881). 20. Revue, Internationale, der gesamten Hydrobiologie und Hydrographie. Leipzig, W. Klinkhardt (seit 1908). 21. Rousseau, E. Annales de Biologie Lacustre. Bruxelles, F. Vanbuggen- houdt (seit 1906). 22. Schutt, F. Analytische Planktonstudien. Kiel u. Leipzig, Lipsius 1892. 23. Seligo, A. Tiere u. Pflanzen des Seenplanktons. Mikrolog. Bibl. Bd. 3. Stuttgart 1908. 24. Tierreich, Das. Eine Zusammenstellung u. Kennzeichnung d. rezenten Tierformen. Berlin, R. Friedländer & Sohn (seit 1896). 25. Wissenschaftliche Meeresuntersuchungen. Herausgegeben v. d. Kommission z. Unters, d. deutsch. Meere in Kiel und der Biolog. An- stalt auf Helgoland. Kiel, Schmidt u. Klaunig (früher unter anderem Titel) (seit 1873). 26. Zacharias, 0. Die Tier- und Pflanzenwelt des Süßwassers. 2 Bde. Leipzig, J. J. Weber, 1891. 27. Zacharias, 0. Archiv für Hydrographie u. Planktonkunde. Stuttgart, E. Schweizerbart (früher unter anderem Titel) (seit 1893). 28. Zacharias, 0. Das Süßwasserplankton. Leipzig, B. G. Teubner, 1907. -Das Wasser. Kapitel IL Das Wasser. Das Studium des Hjdrobios ist seit langer Zeit eine der vor- nehmsten und schönsten Aufgaben der Naturforschung und wenn auch die schon von den Schullaboratorien ab etwas einseitige Bevorzugung der Wasserfauna dem Zoologen von heute vielfach den Spottnamen eines „Wasserzoologen" einoretragen hat, so können wir dieser Er- scheinung ihre Berechtigung nicht versagen. Verlegt doch ein, ich möchte sagen, frommer Forschersflaube in Übereinstimmung mit den Mythen vieler Kulturvölker den Ursprung alles Lebens in das Meer, und darum ist es wohl für den Biologen naheliegend, vor allem an den Bewohnern dieser Urheimat des Lebens das Leben selbst in seiner reichsten Mannigfaltigkeit zu beobachten. Aber auch in bezug auf die räumliche Ausdehnung seines Wohn- gebietes steht das Hydrobios an erster Stelle: T3% der Erdober- fläche ist von Wasser bedeckt; davon entfallen 35 7o ^^^ den Pazifik, 18 7o auf den Atlantik, 15 7o auf den Indik und je 4% auf das nördliche und südliche Eismeer. Dabei drängen sich die Festlandmassen auf der nördlichen Halbkugel zusammen; sie ist daher wasserärmer als die südliche. „In Zahlen ausgedrückt stellt sich für die Wasserbedeckung südlich des Gleichers zu jener nördlich desselben das Verhältnis wie 10: 1" (Attlmayr). Wie in seiner horizontalen Entfaltung geht der Pazifik auch in seiner Ausbreitung in die Tiefe (Maximum Nerotiefe in der Nähe der Insel Guam: 9636 m) den übrigen Ozeanen voran. Im Verhältnis zu den riesigen Dimensionen dieser Becken, deren Wasser an dem großen Kreislauf des flüssigen Elementes auf unserem Erdballe die Hauptrolle zufällt, muß uns ein Süßwassersee in seinen physikalischen und biologischen Verhältnissen wie ein Mikrokosmus erscheinen, wie „eine Welt, die sich selbst genügt". Ist doch der gewaltigste See (Kaspi) nur 439418 qkm groß und für die vergleichs- weise geringen Tiefen sind folgende Zahlen beweisend: Baikalsee 1373 (nach a. A. 1447) m, Kaspi 1098 m, Comersee 409 m, Michigan 300 m, Bodensee 252 m, Plöner See 60,5 m. Aber gerade der Umstand, daß sich im Süßwasser die Lebens- prozesse auf einem beschränkteren Räume und infolge eines geringeren 10 Kapitel K. Das Wasser. Formenreichtums in weit übersichtlicherer Weise abspielen, erbebt die Ergebnisse der Limnologie in gewissem Sinne zu Fundamenten und Prüfsteinen der komplizierteren, ozeanographi sehen Forschungs- resultate. 1. Wassertiefe und Lotung. A. Apparate. Für die Planktonforschung ist es unumgänglich notwendig, sich zunächst über die Tiefanverhältnisse des zu untersuchenden Gebietes zu orientieren. Namentlich im Meere sind, wenn es sich um größere Tiefen handelt, Seekarten nicht immer ganz verläßlich, und die durch Nichtloten ersparte Zeit hat man oft mit Beschädigungen oder gar Verlust der feinen Planktonnetze teuer zu bezahlen. Die Tiefe eines Gewässers festzustellen, scheint dem Laien keine schwierige Aufgabe zu sein: dies gilt aber nur in seichteren Seen, wo wir mit einer einfachen, in Abständen von je einem Meter abgeteilten, mit irgendeinem Eisenstück beschwerten Leine auskommen. Bei Seen, die im Winter zufrieren, ist es nicht unvorteilhaft, die Lotungen im Winter vorzunehmen, da man dann auf festem Boden steht und Ungenauigkeiten in der Vermessung, wie sie durch Seegang und Abtreiben des Bootes durch Wind und Strömungen verursacht werden, in Wegfall kommen. Denkt man sich vom Ufer bzw. von der Küste gegen das freie Wasser die Punkte gleicher Tiefen durch Linien miteinander ver- bunden, so erhält man Isobathen, die, in eine Karte eingezeichnet, ein um so genaueres Bild des Bodenreliefs geben werden, je zahl- reichere Lotungen gemacht wurden. Nach einer von Lorenz gegebenen Zusammenstellung kommt z. B. nach den Arbeiten verschiedener Autoren gegenwärtig eine Lotung im Starnbergersee auf 300000 qm Walchensee „ 90000 Genfersee „ 80000 Bodensee „ 49000 Hallstättersee „ 48000 Kleinen Koppenteich .... 97 (im Riesengebirge') Wenn es sich um größere Tiefen handelt, also namentlich im Meere, genügt die einfache Lotleine nicht; an ihre Stelle treten komplizierte Lotmaschiuen, so die von Lucas, Leblanc und Sigsbee. Ein Zähl- werk registriert hier die Umdrehungen des Meßrades, auf welchem der Lotapparate. 11 Lotdraht läuft. Statt der Lotleine wird nämlich gegenwärtig ausschließ- lich Klaviersaitendraht benutzt.^) An seinem Ende ist das eigentliche Tiefenlot befestigt. Dieses besteht im wesentlichen aus einem schweren Metallstab oder einer Eisenröhre, die von einem oder Fig. 1. Brookesches Tiefseelot, « beim Hinablassen, & beim Auf- kommen. (Nach Chun.) / Lotröhre, .V Sinkgewicht, s Schlamm- röhre zur Gewinnung von Grundproben, A zwei um einen Bolzen bewegliche Arme ; jeder seitlich mit einer Ein- kerbung zur Aufnahme der Draht- schlinge. Fig. 2. Sigsbeesches Tiefseelot, a beim Hinablassen, b beim Aufkommen. (Nach Chun.) « Nase des Schlippers, welcher durch einen Pallhebel p beim Hinablassen festgehalten wird. Bei der Grund- berührung senkt sich der Pallliebel (p) und gibt den Schlipper frei, der durch eine Feder nach rückwärts ge- drtlckt wird. Die das Sinkgewicht S tragende Draht- schlinge fällt dann ab. mehreren Sinkgewichten umscheidet ist. Letztere haben die Bestim- mung, den Lotdraht in die Tiefe hinabzuziehen, sodann am Grunde liegen zu bleiben, um die Drahtleitung für das Aufwinden zu entlasten. Beim älteren Brooke sehen Lot (Fig. 1) ist die Lotröhre (l) von 1) Je 1000 m Hanfleine (Gewicht 45 kg") kosten zirka 220—250 JC Pianofortedraht von 0,9 mm Dicke (Gew. 20 kg) in Kränzen nur 20 „ „ auf Blechtrommeln fein aufgespult . , . . . 80 „ (Preise für 1902 nach Krümm el). 12 Kapitel II. Das Wasser. einem ovalen, in der Mitte durchbohrten Sinkgewicht (S) umgeben,, welches mit Draht an einer selbständig wirkenden Auslösevorrichtung (Ä) aufgehängt ist. Sobald das Lot den Boden berührt, gehen die beiden beweglichen Arme (Fig. la) auseinander. Die Drähte des Sinkorewichtes gleiten an den flachen Einkerbungen ab, das Sinkgewicht fällt zu Boden, und das Lot kann nun ohne dieses aufgezogen werden (Fig. 1 b). Das Sigsbeesche Tiefenlot (Fig. 2) hat den Vorzug, daß das Sinkgewicht nur einseitig mittels Draht an der Nase eines Schlippers (ii) befestigt ist und daher mit größerer Sicherheit im ent- scheidenden Momente zu Boden fällt. Am untern Ende des Lotes findet sich meist eine mit Talg ausgeschmierte Höhlung, in der noch eine Probe des Grundschlammes mit - heraufgebracht wird (s bei Fig. 1). Außerdem kann noch am Lot- drahte ein Tiefseewasserschöpfer oder ein Tiefseethermometer befestigt wer- den, um gleichzeitig mit dem Loten auch die Tiefentemperatur bestimmen bzw. Wasser aus der Tiefe zu che- mischen, bakteriologischen etc. Unter- suchungen erlangen zu können. Die Schwere des Sinkgewichtes richtet sich nach der erwarteten Tiefe; bei Tiefen unter 1000 m genügen 15 kg. Etwas komplizierter ist das vom Fürsten A. v. Monaco erfundene Schlüssellot (Fig. 3). Es besteht aus einem hohlen, eisernen Zylinder, in welchem eine am oberen Ende mit dem Lotdraht befestigte Platte so weit hin- und hergleiten kann, als zwei Zapfen gestatten, die einen spaltförmi- gen Einschnitt des Rohres als Führung benützen. Die Haltedrähte der Sinkgewichte werden wieder an zwei seichten Kerben der Platte aufgehängt. Am unteren Ende der Röhre befindet sich ein eigenartiger Verschlußapparat, mit dem ein flacher aig. o. Monacos Schlüssellot. (Nach A. V. Monaco.) Lotapparate, Wassertiefe und Limnoplankton. 13 Schlüssel zum Öffnen und Schließen der Röhre in Verbindung steht. Dieser Schlüssel, der, niedergelegt (bei verschlossenem Rohr), in eine Nische paßt, ist beim Versenken des Apparates mittels eines leicht zerreißbaren Fadens horizontal gestellt und damit die Röhre geöffnet. Sobald nun der Apparat auf Grund kommt, sinkt der Stab so weit nach abwärts, als es die Zapfen im Spalt des Rohres gestatten, die Haltedrähte fallen ab, die Sinkgewichte gleiten nach abwärts, zugleich hat sich das beschwerte Lotrohr in den Grund gebohrt und mit Schlamm angefüllt; durch die niedergleitenden Gewichte klappt der vorstehende Schlüssel ein, und damit schließt sich auch die Hahnbüchse, so daß der aufgenommene Schlamm nicht mehr entweichen kann; der Zwirnfaden zerreißt, und während nun der Apparat eingeholt wird, bleiben die abgeglittenen Sinkgewichte am Boden liegen. In den letzten Jahren wurde bei den Fahrten des Fürsten das Leger sehe Dredge-Lot benützt; dasselbe besteht im wesentlichen aus zwei tiefen Löffeln, die, am Boden angelan^j^t, Grundprobe fassen und beim Aufziehen zusammenklappen. Ahnliche, einfachere Lote sind schon seit langem als Löffellote oder Schnapplote bekannt. Das feine Loten in großen Tiefen ist, wie Chun sagt, eine Kunst, ■die durch Erfahrung gelernt sein will. B. Ergebnisse. Die Mächtigkeit der Wasserschicht ist nicht ohne Einfluß auf das sie beherbergende Plankton: je geringer sie ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß das Plankton mit Grundformen unter- mischt ist. Einige Planktonten (z. B. manche Diaptomiden) sind in ihrem Vorkommen wesentlich von der Tiefe der Seen abhängig. Das gilt namentlich in Seen der südlicheren Breiten, während dieselben Formen in kälteren Zonen auch seichtere Becken bewohnen (Ekman u. a.). Eine mitten in einem See oder Meeresabschnitt bis gegen den Wasserspiegel reichende Bodenerhebung kann eine qualitative oder quantitative Ungleichmäßigkeit in der Planktonverteilung bedingen, die uns so lange unverständlich bleiben muß, als wir nicht durch vorgenommene Lotungen über das Bodenrelief orientiert sind. Wir werden weiters später wiederholt von den vielfachen Wechsel- beziehungen zwischen Plankton und Benthos zu sprechen haben; es sendet einerseits das Benthos immerzu ein Heer von jugendlichen Emigranten ins freie Wasser, andererseits ist das sessile Benthos be- züglich seiner Ernährung größtenteils auf das Plankton angewiesen, das ihm der blinde Zufall zuführt. Es wird sich daher dort am üppigsten 14 Kapitel II. Das Wasser. entfalten, wo ein dichter Regen von Planktonleichen zu Boden fällt, wie das namentlich dort der Fall ist, wo Ströme von sehr ver- schiedener Temperatur sich berühren und „stenotherme", d. h. auf eine bestimmte Temperatur abgestimmte Planktonten in großen Massen zugrunde gehen. Doflein vermutet, daß manche der faunenreichen Bänke, welche an der japanischen Küste und in anderen Gegenden sich gerade an Stellen erheben, wo Strömungen von verschiedener Temperatur zusammenstoßen, diesem seit Jahrtausenden anhaltenden organischen Regen ihre Ent- stehung verdanken. Weiter berichtet Monaco über einen auffallenden Bakterien- reichtum des Meeres ungefähr zwischen den Azoren und Por- tugal: die Ursache ist auch hier eine submarine Erhebung (le banc Gorringe), die von einer Fig. 4. Bodenrelief zwischen Schottland und Island in 400 Faden (730 m) Tiefe. (Nach Chun.) WT Wyville-Thomson-Rücken ; in nordöstlicher Rich- tung die Faröer-Shetland-Kinne. Fig. 5. Profil des Wyville-Thomson- Rückens mit Angabe der vertikalen Temperaturschichtung. (Nach Chun.) 100—600 Tiefen in Faden. Die übrigen Ziffern geben die Temperatur in Celsiuggraden an. reichen Fauna bewohnt wird, und dadurch ist die quantitative Stei- gerung des Keimgehaltes an dieser Stelle erklärt. In einiger Ent- fernung von diesem Plateau erwiesen sich die Meer wasserproben aus der gleichen Tiefe als fast keimfrei. Wie sehr durch solche Bänke und Rücken die physikalischen und damit auch die biologischen Verhältnisse im Wasser beeinflußt werden, zeigt am besten der sog. Wyville-Thomson-Rücken, ein in ozeanographischer Beziehung klassisches Gebiet, in dem W. Thomson, der spätere Mitführer der Challenger-Expedition, seine ersten Tiefsee- untersuchungen vorgenommen hatte (Fig. 4 und 5). Wassertiefe und Haliplankton. 15 Dieser Wyville-Thomson-Rücken erhebt sieh bis zu 300 Faden i = 580 m) und stellt eine Einschnürung zwischen dem breiten Island- Kücken und dem Flachgebiete der Nordsee dar. Gegen den Thomson-Rücken verstreicht in NO-Richtung die tiefe, mit eiskaltem Polarwasser erfüllte Faröer-Shetland-Rinne, von Süden aber dringt das warme Golfstromwasser vor, das über den Rücken hinwegflutet. Wenn nun auch nach den neueren Untersuchungen Dicksons die hydrographischen Verhältnisse in den einzelnen Jahren nicht unbedeutenden Schwankungen unterliegen, so viel scheint schon jetzt aus den Untersuchungen Wolfen den s, der dort seit einigen Jahren mit seiner Yacht „Walwin" fischt, hervorzugehen, daß die Faröer-Shetland-Rinne ihre besondere Planktonfauna beherbergt, die sich nur gelegentlich mit norwegischen .Gästen oder über den Thomson-Rücken hin- weg aus dem südlicheren Atlantik vorge- drungenen Fremdlingen mischt. Ein ähn- licher Rücken, der W^alfisch- rücken, scheint im südlichen Atlantik dem V'ordringendes kalten antark- tischen Tiefsee- wassers einen Riegel vorzu- schieben. Wie wir später aus- führlicher be- richten werden, veranlaßt in der Meerenge von Messina eine auf- steigende Barre in erster Linie das Vordringen typischer Tiefsee- planktonten in den nur 50 m tiefen Hafen von Messina (s. Abschnitt 8c: Gezeiten). Von nicht zu unterschätzendem Vorteil ist weiters für den Hali- planktonforscher die Untersuchung der mit dem Lot aufgebrachten Bodenproben, in denen vielfach Reste abgestorbener Pianktonten zu finden sind. Der Ozeanograph unterscheidet, wie später noch aus- führlicher mitgeteilt werden soll, unter den ozeanischen Boden- ablagerungen einen Globi gerinen-, Pteropoden-, Diatomeen- und Radio- larienschlamm. Viele der planktonischen Protisten kannte man zuerst aus den marineu Sedimenten oder gar als Fossilien, und erst später ch)\--- ^Jiti-chr. Fig. 6. Coccolithophoriden. a JRhabdosphaera stylifer Lohmann, h Coccolithophora icallichi Lohmann. (Nach Lohmann.) H Kern, chr^ c/ir^ die beiden Chromatophoren, /• Khabdolithenstiel, c Coccolithen, 'j Geißel. 16 Kapitel IL Das Wasser. entdeckte man sie als heute noch lebende Ororanismen im Plankton. Sehr bezeichnend ist diesbezüglich die Entdeckuntrsgeschichte der Coccolithophoriden (Fig. 6a, b). Die Coccolithen wurden 1836 von Ehrenberg in der Kreide entdeckt und für unorganische Elemente gehalten. Erst 20 Jahre später zeigten Huxlev und Wallich, daß Coccolithen auch in den heutigen Meeren vorkommen, und Wallich führte auch (1865) den Nachweis, daß sie Skeletteile kleiner, an der Meeresoberfläche lebender, also planktonischer Organismen sind. Eine genaue biologische Kenntnis der Planktonten ist auch der Geologie förderlich und führte vor aUem zu einem etwas vorsichtigeren Gebrauch des Wortes „Tiefseeablagerung". Der Vergleich rezenter und fossiler Formen dürfte endlich auch einer „Paläobiologie" vielfach wertvolle, neue Gesichtspunkte schaffen. Während die kalkhaltigen Meeresablagerungen zum großen Teile von Planktonten herrühren, ist bisher ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Limnoplankton und Bodensedimenten nicht beobachtet worden. Tatsächlich enthalten ja die Limnoplanktonten fast nie Kalk, sondern nur Kieselsäure, Chitin und Zellulose. Dementsprechend stammen auch die Kalkablagerungen in unseren Seen nie vom Plankton, sondern von Bodentieren oder Bodenpflanzen, Mollusken und Algen ( Kalkmergel). Immerhin ist auch für die Limnoplanktologie die gelegentliche Untersuchung von Bodenproben nicht wertlos. Bolochontzew macht z. B. auf Grund seiner Untersuchungen russischer Seen darauf auf- merksam, daß im Phytoplankton der Seen mit sandigem, schlammigem oder lehmigem Boden Schizophyceen und Diatomeen vorherrschen, während in Sphagnumseen, die sich zwischen Sphagnummooren be- finden, Desmidiaceen und Chlorophyceen dominieren. Nach Bachmanu ist neben dem Rotsee der Schönenbodensee (ein Flachmoorsee, in 1204m Höhe gelegen, der einzige Schweizer See mit üppiger Desmidiaceen- flora) durch das Fehlen typischer Planktondiatomeen ausgezeichnet.^) Schließlich müssen wir noch auf die Wichtigkeit regelmäßiger Pegelbeobachtungen namentlich an Flüssen, periodischen und tropischen Seen aufmerksam machen, da erhebliche, jährliche Xiveauschwaukungen das Plankton ebenfalls zu beeinflussen vermögen. Die Bedeutung einer zeitweiligen Trockenlegung für das Gedeihen der gesamten Klein- tierwelt haben die praktischen Teichwirte längst erkannt: in Verbin- dung mit entsprechender Düngung des Teichbodens vermag man auf diese Weise die Produktion der „Urnahrung" und damit den Gesamt- ertrag der Fischteiche bedeutend zu steigern. 1) Siehe auch Kap. IX (Gytje). Planktonische Bodenablagerungen. — Chemismus des Wassers. 17 Literatur. 1. Attlmayr, F. Handbuch der Ozeanographie. Wien, Hof- und Staats- di-uckerei, 1883. 2. Bach mann, H. Vgl. Studien ü. d. Phytoplankton der Seen Schottlands u. d. Schweiz. Arch. f. Hydrobiol. Bd. 3. 1907. 3. Bolochontzew. Das Phytoplankton d. Seen im Kreise Rostow. 1904. Ref. Bot. Cbl. 98 (Jahrg.' 26). 4 Chun, C. Aus den Tiefen des Weltmeeres. Jena, G. Fischer, 2. Aufl., 1903. 5. Dickson, H. N. Hydrography of the Faroe-Shetland Channel. Geogra- phical Journal, April 1903. 6. Do f lein, F. Fauna u. Ozeanographie d. Japan. Küste. Yerh. d. deutsch. zool. Ges. Leipzig, W. Engelmann, 1906. 7. Ekman, Sven. Die Phyllopoden, Cladoceren u. freileb. Copepoden der nordschwed. Hochgebirge. Zool. Jahrb. Syst. Bd. 21. 1904. s. Heidler, J. Die Tiefenverhältnisse d. Hallstätter Sees, nach den vom k. k. Forstverw. J. H. im Januar u. Februar 1880 auf festgefrorenem Seespiegel gemachten Lotungen. 9. Huxley, Th. H. Appendix A. in Capt. Daymans Report „Deap Sea Soun- dings in the North Atlantic Ocean." 1858. 10. Krümmel, 0. Handbuch der Ozeanographie. Stuttgart, J. Engelhorn, 1907. 11. Leger, M. Sondeur ä drague. Bull. Mus. Oceanogr. Monaco. Nr. 8. 1904. 12. Lohmann, H. Die Coccolithophoridae. Arch. f. Protistenkunde. Bd. 1. 1902. 13. Lorenz, J. v. Liburnau. Der Hallstätter See. Mitt. geogr. Ges. Wien. Bd. 41. 1898. 14. Monaco, A. v. (Marenzeil er, E. v.). Zur Erforschung der Meere und ihrer Bewohner. Wien, A. Holder, 1891. 15. Monaco, A. v. Consideration sur la Biologie marine. Bull. Mus. Oceanogr. Monaco. Nr. 56. 1905. 16. Penck, A. Morphologie der Erdoberfläche. Bibl. geogr. Handbücher von Ratzel. Stuttgart, J. Engelhorn, 1894. 17. Selige, A. Die Abhängigkeit der Produktivität nordostdeutscher Seen von ihrer Sohlenform. Hydrobiol. Untersuchg. II. Danzig 1907. 18. Thoulet, M. J. Oceanographie (Statique). Paris, Baudoin et Co. 1890. 19. Wesenberg - Lund, C. Studier over de danske S0ers Plankton. Dansk ferskvands-Biologisk Laboratorium. Kjobenhavn, Nordisk Forlag (2 Vol.), 1904 und 1908. 20. Wolfenden, R. N. The Plankton of the Faroe Channel and Shetland. Journ. Mar. Biol. Assoc. 1902. 21. Wolfenden, R. N. Notes on the Copepoda of the North Atlant. Sea and the Faroe Channel. Ebenda 1904. 2. Die cliemisclie Zusammensetzung des Wassers. Wenn wir mit Hensen das freie Flottieren in einem von allen Seiten gleichartijif einwirkenden Medium für die charakteristischeste Eigenschaft des Planktons ansehen, dann wäre eine gleichmäßige und auch gleichartige Verteilung des Planktons in den Meeren wie im Süßwasser und zwar in horizontaler wie in vertikaler Richtung nicht Steuer, I'lanktonkunde. 2 18 Kapitel II. Das Wasser. undenkbar. Da dem nicht so ist, werden wir an nicht vollkommen gleichartig wirkende äußere Faktoren zu denken haben; und diese sind, wie wir im folgenden sehen werden, recht mannigfacher Art. Aus der Summe all dieser äußeren Einflüsse die im speziellen Falle wirk- samen herauszufinden, ist eine der lohnendsten, aber auch schwierigsten Aufgaben der Planktologie. Das Problem wäre als gelöst zu betrach- ten, sobald wir an einer beliebigen Stelle des Meeres oder eines Sees allein aus dem Studium aller „äußeren Faktoren" mit mathematischer Sicherheit die am bezeichneten Orte existierenden Erscheinungsformen des Planktonlebens als einer Resultierenden aus den vielen Kompo- nenten rekonstruieren könnten. Zu diesem idealen Ziele führt indessen ein langer Weg, und wir werden uns in den meisten Fällen bei plank- tologischen Untersuchungen vorläufig darauf beschränken müssen, die einzelnen äußeren Faktoren namhaft zu machen und nur selten in der glücklichen Lage sein, einen planktonischen Lebens Vorgang mit einiger Sicherheit als Funktion dieser oder jener äußeren, chemisch -physi- kalischen Vorgänge bezeichnen zu können. Wir beginnen mit dem Studium der chemischen Zusammensetzung des Wassers. A. Apparate. Im einfachsten Falle werden wir möglichst weit vom Ufer oder von der Küste sorgfältig Wasser schöpfen und dieses in größerer, für die chemische Untersuchung hinreichender Menge (etwa 20 1), in Glasballons gut verschlossen, der chemischen Untersuchung überweisen. Um die Verunreinigungen des Oberflächenwassers zu vermeiden, benützte Seligo einen Apparat, der es } erlaubte, das Wasser ohne starke, eventuell den Gas- gehalt desselben beeinflussende Bewegungen in den Sammelzylinder zu befördern (Fig. 7). Der Schöpfapparat ist ein zylindrischer Eimer aus Zinkblech (20 cm hoch, 14 cm Durchmesser), der ^ 2 1 Wasser aufnimmt. Am trichterförmigen Boden be- Fig. 7. Ein- findet sich eine Schraubtülle mit luft- und wasserdicht facher Wasser- aufschraubbarem Hahn (a) ; an diesen läßt sich ein starker Schöpfer. Gümmischlauch mittels Schraubtülle befestigen. Seitlich trägt das Gefäß einen zweiten, kleineren Hahn (&), welcher ebenfalls mit einem (aber kürzeren und engeren) Schlauch verbunden ist. Man benutzt das Gefäß mit dem Schlauch als Stech- heber, indem man die freie Öffnung des Schlauches (a), nachdem man beide Hähne geschlossen hat, in diejenige Wassertiefe bringt, welche Wasserschöpfapparate. 19 man untersuchen will. Nach Öffnen des Hahnes a füllt sich das Gefäß mit Wasser, und sodann wird der Hahn a unter Wasser geschlossen. Hierauf wird das Gefäß so weit aus dem Wasser genommen, daß man den Schlauch des Hahnes h in die Transportflasche bringen kann, und nach Offnen des Hahnes b strömt das Wasser ruhig und langsam in die Sammelflasche. Aus geringeren Tiefen kann mau Wasserproben auch mit Hilfe der Meyerschen Stöpselflasche (Fig. 8) erlangen. Es ist dies eine starke, ca. 1 1 fassende Flasche, welche dicht ober- halb des Senkbleies an die Lotleine festgebunden ist. Ein guter Korkstöpsel wird mit einem dünnen, ca. 30 cm langen Faden ungefähr 1 m höher als die Flasche an der Lotleine befestigt. Ist die Flasche geschlossen, so hängt der Teil der Lotleine zwischen der Befestigungs- stelle des Korkfadens und dem Halse der Flasche lose daneben. Die Flasche mit dem Senkblei wird dann durch die Korkschnur getragen. Hat die Flasche die gewünschte Tiefe erreicht, so entfernt man durch einen kräftigen Zug an der Lotleine den Kork aus der Öffnung des Flaschenhalses; alsbald sieht man die entweichenden Luftblasen aufsteigen. Erscheinen keine mehr, so kann man mit Sicherheit die Flasche als gefüllt annehmen und die Leine aufziehen. Eine Modifikation der Meyerschen Flasche ist der von F. C. G. Müller konstruierte Apparat (s. d. Literaturverz.). Schwieriger ist die Erlangung des Wassers aus größeren Tiefen und speziell von Grundwasserproben. Zur Erlangung dieser dient der Sigsbeesche Tiefsee- wasserschöpfer. Dieses handliche Instrument von Y2 1 Fassungsvermögen kann ohne Bedenken dem Lot- gtöüselflasche draht anvertraut werden und besteht der Hauptsache (Xach Meyer.) nach aus einem Messingzylinder, der durch ein oberes und ein unteres Ventil verschließbar ist. In etwas modifizierter Form werden wir diesen Apparat später als Wasserschöpfer für bakteriolo- gische Untersuchungen kennen lernen (Fig. 72). Für Gasbestimmungen eignet sich besonders der kompliziertere Petterssonsche isolierende Wasserschöpfer. Der Vorteil, den dieser Apparat bietet, besteht im wesentlichen darin, daß der zur Aufnahme der Wasserprobe bestimmte Zylinder in eine Anzahl ineinandergefügter, konzentrischer Messingzylinder ein- geschachtelt ist, deren Wasser beim Emporziehen des Apparates in- 2* 20 Kapitel 11. Das Wasser. /CO --. folge der großen spezifischen Wärme des Wassers resp. der großen Träg- heit gegen Temperaturänderungen das Wasser im innersten Zylinder, das eben für die chemische Unter- suchung bestimmt ist, gegen Er- wärmung schützen soll. Einen Pettersson-Nansen- schen Schöpfer verwendet gegen- wärtig Prof. Krümmel bei den Terminfahrten der „Internationalen Meeresforschung". Einen von Buchanan erfun- denen Schöpfapparat benützten die Teilnehmer der Challenger-Expedi- tion und in letzter Zeit auch der Fürst von Monaco auf seinen wissenschaftlichen Reisen. In seiner neuesten, von J. Richard wesentlich verbesserten Form (Fig. 9) wiegt dieser Apparat nur 2 kg und ist bedeutend billiger. Der Zylinder (a) faßt 315 ccm und ist zwecks Umkehr um seine Achse in seinem unteren Teile {a^ in einen Rahmen eingespannt und an den oberen (&') und unteren (&^) Hähnen, die sich bei der Umkehr des Zylinders automatisch schließen, ist außerdem ein Umkehrthermo- meter (s. darüber später Abschnitt 3: Temp. d. W.) befestigt, das mit seinem Gewicht noch zur Sicherung des Verschlusses beiträgt. In ähn- licher Weise wie beim Pettersson- schen Apparate funktioniert auch hier als Auslösevorrichtung ein Propeller, der beim Aufholen des Apparates durch seine Drehung einen Stift hebt (rf), durch welchen bis zum gewünschten Moment der Zylinder am Umkippen verhindert war. Der ganze Apparat kann durch zwei seitliche Klammern an jedem Richards Wasserschöpfer. (Nach Richard.) a geöffnet beim Hinablassen, h geschlossen beim Aufholen. Wasserschöpfapparate. — Wasser und Hydrobios. 21 Tau befestigt werden, und der billige Preis ermöglicht die Anschaffung einer größeren Anzahl von Apparaten, die hintereinander in bestimmten Abständen voneinander befestigt, gleichzeitig und unabhängig von- einander funktionieren. Das spezifische Gewicht des Wassers wird mit dem Steger- schen Glasaräometer bestimmt. Aus gutem, volumbeständigem Glase angefertigte Aräometer mit Teilung von 0,9990 — 1,0310 Lin. sind in Sätzen von 5 oder 10 Instrumenten im Handel; für eigentlich ozeanisches Wasser ist das sog. Helgoländer Modell (Teilung 1,020 — 1,029) zu empfehlen. Besonders unempfindlich gegen Schiffs- schwankungen und außerdem vor Störungen der Kapillarität ganz ge- sichert sind die von Fr. Nansen angegebenen Sinkaräometer mit voller Eintauchung ohne Skalenstengel. Nächst der aräometrischen Methode ist das chemische Verfahren, den Chlorgehalt durch Titer- analyse zu bestimmen, am meisten zu empfehlen. B. Ergebnisse. Das Wasser in der uns geläufigen Form als Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff nach der Formel HgO ist ein theoretischer Begriff und findet sich so nirgends vor. Jedes natürliche Wasser ist vielmehr ein Mineralwasser, wie solches in seinen Extremen als Bitter- wasser, Schwefelwasser, Säuerling, Stahlwasser und Soolwasser bekannt ist; unter die Soolwasser müssen wir auch das Meerwasser rechnen. Nach Forel können wir das Medium des Hydrobios, das Wasser, mit der Lymphe im Blute des Tierkörpers vergleichen. So wie hier die verschiedenen Gewebe der einzelnen Organe aus der Lymphe die zu ihrer Ernährung notwendigen Stoffe ziehen und der Lymphe die Produkte ihrer Dissimilation geben, so ist in unserem Falle das Wasser das Medium, in welchem alle diese Reaktionen des Ernährungsprozesses für die darin wohnenden Organismen vor sich gehen. Es wird ein gewisser Zusammenhang bestehen zwischen der Menge des im Wasser vorhandenen „Rohmateriales" und der organisierten, lebenden Sub- stanz, die sich aus ihm aufbaut; wir müssen annehmen, daß Ver- schiedenheiten in der chemischen Zusammensetzung des Wassers auch gewisse Verschiedenheiten in der Zusammensetzung seiner Organismen- welt bedingen, daß schließlich in jeder geschlossenen, hydrobiotischen Gemeinde, etwa in einem See, Teich oder Meeresabschnitt, die im W^asser enthaltenen Baumaterialien zwar in ibrer Menge bestimmten, gesetzmäßigen, periodischen Schwankungen unterliegen, der Haupt- sache nach aber sich jahrein, jahraus gewöhnlich qualitativ und auch quantitativ nahezu gleich bleiben. Veränderungen in dem Verhältnis 22 Kapitel II. Das Wasser. von Zufuhr und Abfuhr, Aufbau und Abbau der Baumaterialien wer- den auch in Veränderungen, in Art und Menge des Hydrobios zum Ausdruck kommen. Von diesen und ähnlichen Gesichtspunkten aus muß die genaue Kenntnis der chemischen Zusammensetzung des Wassers dem Plankto- logen von größter Wichtigkeit sein. Allerdings ist es uns dermalen noch selten möglich, in speziellen Fällen den innigen Zusammenhang aufzudecken, der zwischen den Lebensprozesseu des Planktons und dem Chemismus des Wassers unzweifelhaft besteht. Wir beginnen mit der Untersuchung der chemischen Zusammen- setzung des süßen Wassers. Nach Forel enthält z. B. ein Liter Wasser des Genfersees in aufgelöstem Zustande: In Gasform: Sauerstoif 6,65 ccm Stickstoff. 14,69 ,, Kohlensäure 2,85 „ An festen Substanzen: Natrium- und Kaliumchlorid ... 1,8 mg Schwefelsaures Natrium 15,0 „ „ Ammoniak . . Spuren „ Calcium 47,9 „ Salpetersaures Calcium ^ß ,, Kohlensaures Calcium 73,9 „ Kohlensaures Magnesium .... 17,0 „ Kieselsäure 3,7 „ Tonerde und Eisenoxyd 1>9 „ Organische Materie, Verluste . . . 11,9 „ total 174,1 mg Dabei ist die chemische Zusammensetzung des Wassers in der Seentiefe dieselbe wie an der Oberfläche, nur die Gase sind im Tiefen- wasser reichlicher, speziell Sauerstoff (7,08 ccm) und namentlich Kohlen- säure (5,28 ccm pro Liter) — wohl eine Folge der niederen Tem- peratur des Tiefenwassers, bei der die Löslichkeit für Gase bekannt- lich größer ist. Berechnet man nämlich nach der Bunsenschen Formel die Quantität des Gases, welches das Wasser vermöge seines einfachen Kontaktes mit der atmosphärischen Luft in gelöstem Zu- stande auf der Höhe des Wasserspiegels des Genfersees enthält, so kommt man nach Forel zu folgenden Ziffern pro Liter: Chemismus des Süßwassers. — Sein Gasgehalt. 23 Sauerstoff Stickstoff Kohlensäure bei + 5° C . . 7,3 ccm 13,6 ccm 0,6 ccm bei +20» C . . 5,7 „ 10,7 „ 0,3 „ Daraus ergibt sich also, daß sich das Wasser des Leman in einem Zustande der Sättigung an Sauerstoff und Stickstoff befindet und einen beträchtlichen Überschuß an Kohlensäure enthält. Im übrio;en schwankt der Gascjehalt des süßen Wassers erheb- lieh. Er ist mit Rücksicht auf die früher erwähnten Temperatur- einflüsse im Winter größer als im Sommer, in den Hochgebirgsseen größer als in warmen Tieflandseen. Allerdings wird der Gas- bzw. Luftgehalt der Hochalpenseen wieder beeinträchtigt durch den ver- minderten Luftdruck, bei dem die Sättigung des Wassers mit Sauer- stoff nur unvollkommen vor sich gehen kann, ferner durch Pflanzen- armut und den langen Eisabschluß. Allein diesen ungünstigen Fak- toren wirken wieder entgegen die reinen, schäumenden und stäubenden, zufließenden Bäche, durch die einerseits nachteilig wirkende Oxy- dationsprozesse vermieden werden, wie sie sonst durch zuströmende Abwässer aus Städten und Fabriken eingeleitet werden, andererseits auf rein mechanischem Wege eine reichliche Durchlüftung, eine gründ- liche Vermischung von Wasser und Luft erzielt wird. Wie sehr der Gasgehalt an verschiedenen Lokalitäten wechseln kann, das mögen folgende Zahlen beleuchten: Im Katzensee in der Schweiz schwankt der Kohlen Säuregehalt zwischen 8,976 mg (im Juni) und 12,320 mg (im November) und im Lützelsee im Kanton Zürich fand Waldvogel gar 57,1 mg freie und halbgebundene Kohlensäure. Im Plönersee schwankt der Sauerstoffgehalt nach Voigt zwischen 2,3 und 12,35 ccm pro 1 1, in den Stuhmer Seen (Westpreußenj nach Seligo im Winter zwischen 0,428 und 12,6 ccm pro Liter; er nähert sich im Oberflächenwasser in der Regel der Sättigungsmenge, über- steigt dieselbe aber zuweilen nach dem Auftauen des Eises. Diese Übersättigung des Wassers mit Luft, der Umstand also, daß der Sauer- stoff'gehalt des Wassers bisweilen weit höher steigt, als nach dem theoretischen Sättigungskoeffizienten zu erwarten ist, lenkte die Auf- merksamkeit der Forscher auf die Sauerstoffproduktion der mikro- skopischen Planktonalgen. Man hatte früher geglaubt, daß der Wechselverkehr mit der Atmosphäre den wichtigsten Regulator des Gasgehaltes des Wassers darstelle und sich vorgestellt, daß die im Übermaß entstandene Kohlen- säure in jene entweiche und dem Bedarf entsprechend Sauerstoff durch Absorption aus der Atmosphäre aufgenommen werde. Die Diffusion, welche sich als Funktion der Gasdichte und des Absorptionskoeffizienten 24 Kapitel 11. Das Wasser. berechnen läßt, erfolgt indessen in größeren Tiefen viel zu langsam, als daß sie allein zur Deckung des Bedarfes der in diesen Tiefen lebenden Organismen ausreichen könnte; denn selbst die vertikalen, den Temperaturausgleich bewirkenden Strömungen, Wellenschlag und der Zufluß frischen Wassers aus Bächen und Flüssen, sind in vielen Fällen allein nicht imstande, den Gasverbrauch im Wasser zu decken. Und gerade in kleineren, reichbevölkerten Teichen ist nach den Untersuchungen Knauthes der Sauerstoffschwund ein außerordentlich lebhafter. In diesen Fällen haben wir die grünen Phytoplanktonten als die auso^iebigsten Sauerstofflieferauten anzusehen. Die Beziehungen des Planktons zum Gasgehalt des Wassers wur- den von M. Voigt am Plönersee genau studiert. Im Winter (Dezember bis April) ließ sich im Wasser gar kein Kohlendioxyd nachweisen. Die Quantität des Phytoplanktons steht im engsten Verhältnis zur Menge der Kohlensäure, die ja von den Pflanzen aufgenommen wird. Zur Zeit des Produktionsmaximupis des Phytoplanktons fehlt die Kohlensäure, weil sie unmittelbar nach ihrem Auftreten von den Pflanzen verbraucht wird. Aber nicht nur die jährlichen, sondern auch die täglichen Oszillationen des Gasgehaltes sind mit der Plankton- verteilung in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. So hängt die abendliche Abnahme des Sauerstoffs und Zunahme des Stickstoffs an der Oberfläche wohl mit dem Aufstieg des Zoo- planktons um diese Zeit zusammen. Nur während starker Algen- wucherung ist der Überschuß an Sauerstoff so groß, daß sich der Konsum dieses Gases durch das Zooplankton erst während der Nacht fühlbar macht. Auch der Gehalt des Süßwassers an gelösten festen Substanzen ist nach Ort und Zeit ein recht verschiedener. Betrachten wir zunächst die Gesamtrückstände in Milligramm aus 1 1 Wasser von verschiedenen Süßwässern. Durch- schnittliche Tiefe in m . Gesamt- rückstand Davon anorg. organ. Genfer See 300 i 174 164 10 1 Hallstätter See .... Plöner See 100 60 138,9 176,4 208 121,8 17,1 23,0 18 153,4 190 Katzensee 8 223,0 193,8 103,8 113,2 119,2 80~6~ Lntzelsee 6 215,2 158,8 56,4 Unterpoceraitzer Teich 3 247 215 32 ! Donau bei Wien. . . . 3 172,1 166,5 5,6 Beziehungen zwischen Gas-, Kieselsäuregehalt und Plankton des Süßwassers. 25 Es zeigt sich, daß der Gesamtrückstand im großen und ganzen bezüglich seiner Quantität im verkehrten Verhältnis steht zur Tiefe des betreffenden Gewässers, und wir werden später sehen, daß normalerweise dasselbe Verhältnis auch bezüglich der Planktonproduktion statthat. Nur die Flüsse machen eine Ausnahme: sie gleichen nicht nur bezüglich des geringen Rückstandes, sondern auch wegen ihrer meistens spärlichen Planktonproduktion den tiefen Seen. Aus der Tabelle ist auch der nicht unerhebliche, jahreszeitliche Unterschied in den Mengenverhältnissen der gelösten festen Substanzen ersichtlich (Hallstätter- und Katzensee). Diese rühren teils her von dem durch die Zuflüsse zugeführten Detritus, teils von der abgestorbenen Uferflora und auch von den absterbenden Planktonten. Im allgemeinen wird sich der Sommer durch eine größere Lösungsfähigkeit für feste Substanzen, der Winter durch eine solche für Gase auszeichnen. Unter den mineralischen Bestandteilen interessiert uns zunächst der Gehalt des Wassers an Kieselsäure. Er beträgt z. B. im Hall- stättersee 1,4 — 2,2, im Genfersee 3,7, in der Donau 4,8, im Plönersee 5,2, in der Elbe 9,07 und im ünterpocernitzer Teich in Böhmen gar 12 mg. Da die Kieselsäure bekanntlich zum Aufbau des Diatomeenpanzers dient, werden wir versucht sein, aus einem hohen Gehalt des Was- sers an Kieselsäure auch auf eine zeit- weilig große Menge von Diatomeen zu schließen. Das dänische Fureseeplankton be- stand z. B. im September 1906 großen- teils aus Fragilaria crotonensis (Fig. 10) und TaheUaria fenestrata (Fig. 11). An- :\ ^' l crotonensis Kitt. (Nach Kirchner.) ü iig. lu. Fiaqilaria fang Oktober waren die Fragilarien von der Oberfläche verschwunden, aber als abgestorbene oder absterbende Zellen > wasserhell, ohne Oltröpfchen und Chromatophoren ) in Tiefe zu finden, während an der Oberfläche damals sprochenes Tahellaria- und Melosira - Maxi- mum vorhanden war. Die chemische Unter- suchung des filtrierten Wassers ergab den ne- benstehenden Kiesel- säuregehalt in 700 g: a b Fig. 11. TaheUaria fenestrata Kg. (Nach Kirchner.) n liürtelseite, h Schalenseite. ca. 30 m ein ausge- Tiefe 1 Temperatur Kieselsänregelialt , m 12,8 0,0016 mg 13 m 12,8» 0,0011 mg 17 m 12,8° 0,0012 mg 20 m i 12,8«] — 23 m 9,6 » \ Sprungschicht — 26 m 1 7,8»] — 30 m 7,4» — 31 m — 0,0030 mg 26 Kapitel II. Das Wasser. Es zeigte sich also, daß 2y2iiial mehr Kieselsäure in der Wasser- schicht niit den abgestorbenen Fragilarien vorhanden war als in den anderen Schichten. Weil die zahlreichen Bodenproben, die Wesen- berg-Lund vom Furesee untersucht hat, nur ganz vereinzelte Schalen von Fragilnria crotonensis, dagegen große Mengen von Melosira usw. enthalten, glaubt er, daß die abgestorbenen Fragilarien in tieferen Wasserschichten in Auflösung sind und daß der größere Kieselsäure- gehalt des Wassers hier jene Fragilarien als Hauptursache hatte (Karsten). Die Diatomeen beeinflussen wieder, wenn sie in großen Massen auftreten, die Mengen der im Wasser enthaltenen stickstoffhaltigen Körper. Allerdings war es Kofoid nicht möglich, zwischen diesen Veränderungen in dem von ihm untersuchten Illinois River eine Gleichartigkeit oder Proportionalität aufzudecken; es zeigten vielmehr die temporalen Veränderungen der Planktonproduktion und der jahres- zeitliche Wechsel in der chemischen Zusammensetzung des Illinois- wassers keine näheren Beziehungen. Leider ist es auch anderwärts nicht oft geglückt, sichere Beziehungen zwischen dem Chemismus des Wassers imd dem Plankton aufzufinden oder aber — und das ist wohl der häufigere Fall — man hatte sich um diese interessanten Fragen noch zu wenig gekümmert. So viel ist gewiß, daß der Reich- tum an gelösten organischen Substanzen (viel Humussäure) einen Reichtum an Phytoplankton des betreffenden Gewässers zur Folge hat, wofür die norddeutschen Seen geradezu Schulbeispiele abgeben. Nach Brandt enthalten von den Seen in Holstein die plankton- reichen viel, die planktonarraen wenig Salpetersäure und salpetrige Säure. Im Zürichersee fällt der Maximalgehalt des unfiltrierten Wassers an organischen Substanzen auf die Monate Mai und September, und wir finden einen Maximalgehalt an freiem Ammoniak im Juni und August, an albuminoidem Ammoniak im April bis Mai und Oktober. Ohne freies Ammoniak finden wir das Wasser im Februar und April und Ende Oktober, mit einem Minimalgehalt von albuminoidem Am- moniak von Mitte November bis Ende Februar. Amberg, dem wir diese Daten entnehmen, gibt folgende Tabelle: min. max. Gehalt an organ. Subst. (mg pro Liter) Gehalt an freiem Ammoniak Gehalt an albuminoidem Ammoniak . . . Nach Pfenniger ist der Gehalt an albuminoidem Ammoniak und an organischer Substanz eine Punktion der suspendierten Orga- 8 23 0,034 0,04 0,062 Chemismus und Planktonproduktion des Süßwassera. 27 nismen, des Planktons. Nun zeichnet sich der Obersee vor dem unteren Zürichsee durch einen geringeren Gehalt an albuminoidem Ammoniak aus (0,02 gegen 0,052 im September 1906). Also sind im oberen Zürichsee geringere Planktonmengen zu erwarten als wie im unteren, eine Tatsache, die von Bally vollkommen bestätigt werden konnte. Weiters konnte im Sommer 1898 im Zürichsee plötzlich eine be- deutende Steigerung des Gehaltes an albuminoidem Ammoniak beob- achtet werden, und Schröter und Vogler glauben dieselbe auf das Wuchern eines Phvtoplanktonten (^Oscillaforia) zurückführen zu dürfen. Der gleichzeitige Rückgang der Kieselsäure auf die Hälfte des ur- sprünglichen Gehaltes wird von Pfenniger dem Rückgang der Dia- tomeen infolge ebendieses Überhandnehmens der Oscillatoria zuge- schrieben. Xoch wenig geklärt ist die Frage über den Nutzen oder Schaden der einzelnen im Wasser gelösten Stoffe für den Bestand des Planktons. Kuauthe weist im Anschluß an Susta auf den hohen Wert der Phosphorsäure für das Gedeihen verschiedener Planktonformen hin; auch der Magnesia dürfte eine ähnliche Bedeutung zukommen. Die moderne Teichwirtschaft verlangt u. a. zeitweilige Düngung, also Zu- führung neuer, im Wasser nur spärlich vorhandener Stoffe, durch die die Anreicherung des Wassers mit „Urnahrung" gesteigert werden soll. In der Tat verdanken wir die besten Aufschlüsse über die Wechsel- beziehung zwischen der chemischen Zusammensetzung des Wassers und der Produktion an lebender Substanz den im Interesse der prak- tischen Teichwirtschaft angestellten Versuchen. Darnach beseitigt man den Stickstoffmangel durch Zufuhr leicht löslicher bzw. gelöster, organischer Substanzen (Jauche, Fäzes aller Art, gutes Blut- oder Kadavermehl usw.). Von Mineralstoffen wird in kaliarmen Gegenden Chlorkalium empfohlen, und chinesische Fischzüchter halten auch Koch- salz für eine nützliche Zutat. Einer der wichtigsten Bestandteile des Süßwassers ist jedenfalls der in ihm gelöste Kalk. Schon quantitativ nimmt meist das Calcium, gebunden an Schwefel, Salpeter und Kohlensäure, unter den im Wasser gelösten, minerali- schen Bestandteilen den ersten Rang ein. Im einzelnen schwankt der Kalkgehalt je nach der Lokalität recht erheblich. Das Wasser der Juraseen enthält im Liter bis 210 mg Kalkkarbonat, das des Genfer- sees dagegen nur 74 mg. Bezüglich der Frage nach der Abhängigkeit gewisser Planktonten vom Kalkgehalt der Gewässer möchte ich auf die Verbreitung einer 28 Kapitel 11. Das Wasser. Cladocere, Holopedhim gibherum (Fig. 12) hinweisen, von dem Stingelin sagt: „Es hat den Anschein, als ob dieses Tier bloß in kalkarmen Gewässern sich wohlfühle, ist es doch bei uns (das ist in der Schweiz) wie auch anderwärts, zumeist nur in Seen der Urgebirge (Vogesen, Schwarz wald, Böhmerwald, Zentralalpen, Skandinavien, Rocky Moun- tains), noch nicht aber im Jura und in den Kalkalpen aufgefunden worden." Seligo fand diese Form in zwei kleinen westpreußischen Seen, deren Kalkarmut er ausdrücklich hervorhebt. Nach West soll die Abwesenheit von Kalk die Desmidiaceenvegetation begünstigen. Demgegenüber verweist allerdings Bachmann auf den schottischen Loch Balnagown (Insel Lishmore), der trotz seines hohen Kalkgehal- tes reichlich Desmidia- ceen beherbergt. Der Reichtum des Wassers an gelösten Mineialstoffen hängt von der Natur der Gesteine ab, über welche es strömt: in gipsreichen Gebieten steigt die Menge der gelösten Salze auf ein Maximum; sie sinkt im Kalkgebirge, um im Kieselgebirge das Minimum zu erreichen. Wenn nun tatsäch- lich das Plankton qua- litativ oder quantitativ von der chemischen Zusammensetzung des Wassers abhängig ist, dann wird es vielleicht möglich sein, das Plankton irgendeines Sees mit dem geologischen Charakter der Gegend, in der der See liegt, in nähere Beziehung zu bringen. So schrieb mir vor Jahren der Berliner Entomostrakenforseher W. Hartwig, er gehe, von ähnlichen Gedanken geleitet, nur mehr mit der geologischen Karte in der Hand auf den Fang seiner Krebschen aus. Fordyce, der die Verbreitung der Cladoceren von Nebraska studierte, fand u. a. das Plankton (speziell das Phytoplankton^ in der Region des Mergel arm, in den Gewässern der Lößregion reich. Nach Whipple gedeihen die Diatomeen vorzüglich in stick- Fig. 12. Holopedium gibherum Zacld. (Nach Lilljeborg.) Chemismus u. Planktonzusammensetzung d. Süßwassers. — Chemismus d. Meerw. 29 stoffreichem, hartem Wasser. Weith, Pavesi und Monti bringen geradezu den Tierreichtum mancher Seen in direkte Beziehung zu dem hohen Gehalt ihres Wassers an Kalkkarbonat. Allerdings stehen mit dieser Annahme einige faunistische Erfahrungen nicht im Einklang. So sehr auch die hier zitierten Angaben revisions- bedürftig sind, wird sich doch die Tatsache nicht von der Hand weisen lassen, daß ein mehr oder minder inniger Zusammenhang zwischen dem Chemismus des Wassers und der Zusammensetzung des LimnoplanktoDS besteht. Es wäre eine lohnende Aufgabe, durch Zucht einzelner Planktonten in verschieden zusammengesetzten Nährlösungen ihren Bedarf an mine- ralischen Bestandteilen experimentell festzustellen. Wir haben früher erwähnt, daß man das Meerwasser wegen seines Gehaltes an Kochsalz zu den Soolwässern zu zählen hat; doch gehört es zu den schwachen Soolen, denn es enthält im Mittel nicht über 3,5 7o Salze und zwar sind das hauptsächlich: Chloruatrium, Chlor- magnesium, schwefelsaures Magnesium. Daß das Seewas.ser durch die darin gelösten Salze schwerer wird, ist im Mündungsgebiet der Flüsse sinnfällig, wo es die tiefen Lagen einnimmt. Im Seewasser ließen sich bisher 32 Grundstoffe nachweisen. Die vornehmlich gelösten und die Seesalze bildenden Elemente sind folgende sieben: Chlor, Brom, Schwefel, Kalium, Natrium, Cal- cium und Magnesium. Nach den Ergebnissen der Challenger-Expedition finden wir un- gefähr 1 1 in 1000 g in Prozent Wasser aller Salze 1. Kochsalz oder Chlornatrium NaCl . . . 2. Chlormagnesium MgCU 3. Magnesiumsulfat Mg.SÖ^ 4. Gips oder Calciumsulfat CaSO^ .... 5. Kaliumsulfat K^SO^ 6. Calciumkarbonat CaCOg 1 7. Magnesiumbromür MgBr., 27,213 77,758 3,807 10,878 1,658 4,737 1,260 3,600 1 0,863 2,465 ; 0,123 0,345 0,076 0,217 35,000 ! 100,000 1 Zum Vergleich möge hier noch die chemische Zusammensetzung des Wassers im Kaspisee nach den neuesten Analysen Lebedinzeffs Platz finden. 30 Kapitel II. Das Wasser. Hier finden sich in Prozenten des ganzen Salzgehaltes: NaCl .... 62,15 MgCl^ .... 4,47 MgSO, . . . 23,58 CaSO^ .... 6,92 Die abflußlosen Seen der Kontinente, wahre Sammler des Ab- raums der Festlandsoberfläehe, wie sie Krümmel nennt, haben eine ganz anders geartete und höchst wechselvolle Zusammensetzung gegen- über der so gleichmäßig gemengten des Meeres. Sein Salzgehalt ist nämlich in den offenen Ozeanen ein ziemlich gleichförmiger, indem im Pazifik und Atlantik, wie auch im Indik im Maximum 3,6 7o ge- funden wurden. Im speziellen variiert er allerdings in gewissen Grenzen, namentlich in den Küstenregionen, wo sich gewöhnlich wegen des ^"J Xa^.^ 1 '-- vi Rhizo- poda Hydrozoa 11 Cteno- phorae Gastro- poda Salpae 11 Radiolaria Scyphomed. Hydromed. Cestidae Heteropoda Desmomyaria 11 Collozoum inerme Rhizostoma pulmo Carmarina hastata Cestua veneris Pterotrachea mutica Salpa pinnata Salpa tilesii 27776 1940 2320 1558 2110 4458 639 1 2500000 0,111 2400 0,808 7,750 0,30 5,400 0,288 i 8,000 0,70 121000 i 0,036 4000 0,159 1 1 Verhältnis steht zu der bisweilen gewaltigen Entwicklung des Kiemen- apparates dieser Tiere. Die kiemenlosen Quallen {Rhizostoma) haben mit 0,808 mg Sauerstoffverbrauch ein wesentlich höheres Sauerstoff- bedürfnis als Salpa tilesii mit 0,159 mg Sauerstoffverbrauch pro Tier und Stunde. Je mehr der Sauerstoff nach der Tiefe abnimmt, desto mehr ver- armt auch (in quantitativer Hinsicht wenigstens) das Planktonleben, was sich am besten nach den Untersuchungen russischer Forscher am Kaspisee und am Schwarzen Meere demonstrieren läßt. In den oberen 150 m des Kaspi fand Knipowitsch eine reiche Copepoden- fauna, die aber in tieferen Regionen zugleich mit der hier beginnen- den Sauerstoffabnahme verarmt; dafür treten in 150 m Tiefe Schizo- poden auf. Unterhalb 350 m erfolgt eine weitere Abnahme des Plank- tonlebens und weiter unten ist dieses alsbald erloschen. Im Schwarzen Meere wurde von A. Lebedinzeff von einer Tiefe von 183 — 200 m an eine Vergiftung des Wassers durch Schwefel- Wasserstoff beobachtet. Der HgS- Gehalt nimmt mit der Tiefe be- ständig zu und steigert sich am Meeresgrunde in 2500 m Tiefe bis fast auf das 20 -fache. Vor den Schichten mit HgS wird auch hier von einer bestimmten Tiefe an ein Abnehmen des Sauerstoffes kon- statiert, der sein Minimum in 183 — 200 m erreicht. Entsprechend der Abnahme des Sauerstoffes schwindet in diesen Schichten auch das Plankton und in Tiefen von 183 m bis zum Meeresgrunde ist, ab- gesehen von anaeroben Bakterien, alles Leben erloschen. Auch in Kohlen Säuregehalt des Meerwassers. 41 den norwegischen „Pollen" kommt es bisweilen zu einer bedenklichen Herabsetzung der Sauerstoffmenge und Bildung von Schwefelwasser- stoff — zum Schaden der dort unterhaltenen Austernkulturen (Heiland- Hansen). Neben dem Sauerstoff interessiert uns weiter der im Vergleich zum Süßwasser größere Kohlensäuregehalt des Meerwassers. Der Mittelwert beträgt 99 mg auf 1 1 Wasser, was einer Kohlenstoffmenge von 21 mg entspricht. In den wärmeren Meeren erhalten wir etwas ojerino;ere Werte als in den Nordmeeren, wohl aus demselben Grunde wie beim Sauerstoff. Erheblich höhere Werte ergeben sich für den Gesamtkohlenstoff. Nach Pütt er enthält 1 1 Seewasser 92 mg. Da, wie eben erwähnt, 27 mg in Form von COg nachgewiesen sind, bleiben pro Liter 65 mg C, die in Form komplexer Verbindungen im Seewasser enthalten sind. Wie wir später noch ausführlicher zu berichten haben werden, basiert u. a. auf der Beobachtung dieses Reichtums an gelösten or- ganischen Kohlenstoffverbindungen die Ansicht Pütters, daß diese Kohlenstoffverbindungen für niedere marine Tiere in verschiedenem Maße, für manche vielleicht ausschließlich, als Nahrungsquelle dienen. Es ist klar, meint Henze, daß diese neuen Ideen ohne weiteres diskutabel sind, sobald der exakte Nachweis erbracht ist, daß sich tatsächlich einigei'maßen nennenswerte Mengen organischer Verbin- dungen im Meer Wasser gelöst finden. Die bei Henze s Kontroll- versuchen gefundenen Zahlen beweisen aber, „daß die Differenzen zwischen den Mengen von Kohlensäure, die im Meerwasser absorbiert oder an Karbonate gebunden ist, und derjenigen, die aus eventuell existierenden gelösten Substanzen stammt, so gering sind, daß sie in die Fehlergrenzen fallen." Umgekehrt wie der Gehalt an Sauerstoff verhält sich der Über- schuß an absorbierter Kohlensäure mit zunehmender Tiefe. An der Oberfläche enthält das Liter Seewasser ungefähr 5 ccm gebundene Kohlensäure; allmählich steigt der Gehalt, um freilich erst in nahezu 3000 m Tiefe 6 ccm zu erreichen. Diese ansehnliche Menge von Kohlensäure bedingt gewisse Eigen- tümlichkeiten in der Organisation der abyssalen Fauna. Unter dem großen Druck, der in der Tiefe herrscht, löst die Kohlensäure den Kalk auf, und daher finden sich in den größten Tiefen oft nur spärliche Trümmer von Kalkschalen abgestorbener Tiere. Die Folge davon ist, daß die Vertreter gehäusebauender Tiere in der Tiefsee hier nicht mehr genügend kalkige Nadeln und Schalenstücke als Baumaterialien vorfinden und nicht mehr imstande 42 Kapitel 11. Das Wasser. sind, ihre Gehäuse in gleicher Weise aufzuführen wie ihre Verwandten in höheren Meeresschiehten. Auch unter den Vertretern des abyssalen Planktons macht sich Kalkarmut bemerkbar. Der eigenartigen, plank- tonischen Tiefseeholothurie, Felagothuria (Fig. 20), fehlen z. B. die für die Seegurken so charakteristischen Kalkkörper vollkommen. Mit dem Schwunde des Kalkskelettes geht, wie es scheint, eine Verdickung der Kieselskelette der abyssalen Planktonten parallel. So finden wir, daß die Tiefseeradiolarien in vielen Fällen mit einer dickeren Schale ausgerüstet sind als ihre Verwandten in den ober- flächlichen Schichten. Die Lückenräume des Maschenwerkes sind enger, die Balken dicker. Überdies zeichnen sich auch die Schalen der eigentlichen K altwasserformen bisweilen durch ihre Dicke aus (Challengeriden). Von höchster Bedeutung für die Produktivität des Meerwassers ist sein Gehalt an Stickstoff und Stickstoffverbinduncren. ^ i r y o> ( Fig. 20. Pdagothuria ludwigi Chun. (Nach Chun.) Wir wissen, daß sich das Phytoplankton, die ürnahining, aufbaut aus unorganischen Stoffen, die im Wasser enthalten sind, und aus Wasser selbst. Bis zur Zeit der Entdeckung der primitiven, prototrophen Bak- terien, der Salpeter- und Stickstoffbakterien, glaubte man, daß nur die grüne Pflanze (neben den Rot- und Braunalgen des Meeres) imstande sei, die Kohlensäure der Luft mit Hilfe des Sonnenlichtes zu assi- milieren und in organische Substanz überzuführen. Die Auffindung der farblosen Salpeterbakterien hat uns aber ge- zeigt, daß diese primitiven Organismen befähigt sind, ihre Leibessub- stanz lediglich aus der Kohlensäure der Luft und dem Stickstoff des Salpeters und imbeeinflußt vom Sonnenlicht aufzubauen. Diese prototrophen Bakterien bedürfen entweder gar keiner orga- nischen Nahrung (Salpeterbakterien), ja verschmähen sie sogar, oder vermögen doch wenigstens den Stickstoff in elementarer Form zu ver- arbeiten bei Gegenwart organischer Kohlenstoffquellen, vielleicht ein- fachster Art (Stickstoff bakterien). Von diesen Stickstoffbakterien ver- Stickstoffgehalt des Meerwassers. 43 arbeiten nur die einen, die sog. Nitritbakterien, den Ammoniak zu salpetriger Säure, die anderen, die Xitratbakterien, die salpetrige Säure weiter zu Salpetersäure und Salpeter. Nun ist aber nach Brandt der Ozean, trotzdem ihm vom Lande her fortwährend Stickstoffverbindungen in beträchtlichen Mengen zu- fließen, so arm an ihnen, daß sie für seine Produktionskraft nach dem Oesetz des Minimums geradezu bedingend werden. Die Nährsalze werden nämlich, im Gegensatze zum Kontinent, von den Meerpflanzen nicht direkt dem Boden, sondern dem umgebenden Wasser entzogen, das eine sehr verdünnte Nährlösung darstellt, aus der sich die organische Substanz, die ürnahrung des Meeres, nach bestimmten prozentischen Verhältnissen die zu ihrem Aufbau nötigen Substanzen auswählt. Aus diesem Grunde werden die am spärlichsten vorhandenen Rohstoffe zugleich die für die Produktivität des Meeres maßgebendsten sein, und zu ihnen gehören nach Brandt in erster Linie die Stickstoffverbin- dungen. Daß diese nun im Meere nur in so geringer Zahl vorhanden sind, erklärt Brandt aus der Anwesenheit gewisser denitrifizierender Bakterien, die imstande sind, den Salpeter rückläufig zu zersetzen in Nitrit, Ammoniak und freien Stickstoff. Sie bedingen eine Selbst- reinigung des Ozeans, indem sie eine durch fortwährende Zufuhr an- organischer, stickstoffhaltiger Substanzen hervorgerufene Verjauchung desselben verhindern. Nach den Angaben Natterers enthält ein Liter Oberflächen wasser des Mittelmeeres im Mittel etwa 0,05 mg Stickstoff (in Form von Ammoniak). Der Gesamtstickstoff eines Liters Seewasser beträgt nach Pütter 0,74 mg. Wenn nun tatsächlich der Stickstoffgehalt ein Kriterium für die Produktivität eines Meeres ist, wenn weiter, wie durch Versuche mit Bacterium actinopelte Baur und B. lobatum Baur festgestellt wurde, die denitrifizierenden Bakterien des Meeres ihre zerstörende Wirksam- keit ebenso bei erhöhter Temperatur steigern wie die im Ackerboden lebenden, so muß der größeren Produktionskraft der nordischen Meere auch ein größerer Gehalt an StickstoffVerbindungen entsprechen. Und in der Tat geht aus den Untersuchungen Raben s hervor, daß die äußerst geringen Mengen von Stickstoffverbindungen in den nordischen Meeren immer noch größer sind als in den wärmeren Meeren. Während, wie eben erwähnt. Natterer in 1 1 Oberflächenwasser des Mittelmeeres im Mittel etwa 0,05 mg Stickstoff (in Form von Ammoniak) fand, ergaben die Bestimmungen von Raben in 11 Ober- flächenwasser der Nord- und Ostsee im Mittel 0,1 mg Stickstoff. Während ferner nach Natterer im Mittelmeerwasser die Nitrite 44 Kapitel II. Das Wasser. in sehr geringer, kaum meßbarer, die Nitrate in überhaupt niclit nach- weisbarer Menge vorhanden sind, sind nach Raben s Untersuchungen Nitrite und Nitrate zusammen im allgemeinen in größerer Menge ver- treten als Ammoniak. Die Planktonproduktivität der Nordsee, der westlichen und öst- lichen Ostsee kommt in dem Stickstoffgehalt deutlich zum Ausdruck, indem die westliche Ostsee stickstoffireicher ist als die östliche Ostsee und die Nordsee. Der Stickstoffgehalt ist aber nicht nur in verschiedenen Wasser- schichten, sondern auch an derselben Stelle und in derselben Wasser- schicht zu verschiedenen Zeiten verschieden. In der Nordsee z. B. ist der Ammoniakgehalt des freien Wassers im Mai im allgemeinen größer als im August und November, in der Ostsee waren während der Terminfahrten die Werte im August höher als im November. Suchen wir nun nach anderen, nach dem oben erklärten Gesetz des Minimums nur spurenweise im Meerwasser vertretenen Pflanzen- nährstoffen, so finden wir in der Nordsee einen mittleren Gehalt an Kieselsäure von 0,9, in der Ostsee einen solchen von 1,16 7o; es kommen also im Durchschnitt auf 1 Million Teile Meerwasser 1 Teil gelöste Kieselsäure. Sie ist also für eine sehr wichtige Gruppe von Nahrungsproduzenten im Meere, die kieselschaligen Diatomeen, zu gewissen Zeiten und in manchen Gebieten im Minimum vorhanden. Wenn nach den Untersuchungen von Brandt bei stärkster Wuche- rung der Diatomeen in der Kieler Föhrde (im Frühjahr) etwa 1 Teil feste Kieselsäure (in Gestalt von Diatomeenschalen) auf 1 Million Teile Meerwasser entfällt, also auch nur im Verhältnis 1 : 1 Million vorhanden ist, dann wird auch bei den wuchernden Diatomeen für die Neubildung der Schalen das Rohmaterial nicht ausreichen. Für den Phosphorgehalt liegen noch keine einwandfreien Zahlen vor; wir nehmen daher vorläufig einenDurchschnittsgehalt von 0,75 Teilen Phosphor auf 1 Million Teile Wasser an. Es hat nicht an Einwänden gefehlt, die man dieser Brandt- schen Lehre vom Stoffwechsel im Meere entgegenstellte, und von Nathanson und Pütter sind sogar Versuche gemacht worden, auf wesentlich anderen Wegen der Lösung derartiger Probleme näherzu- kommen. Wir werden uns mit ihren Ideen später noch zu be- schäftigen haben. Aber selbst wenn sich die Brandt sehe Lehre in ihrer gegenwärtigen Fassung nicht aufrecht erhalten lassen sollte, gebührt Brandt unstreitig das Verdienst, zum ersten Male in groß- zügiger Weise die Frage vom Stofflo-eislauf im Meere behandelt zu haben. Chemismus des Meerwassers und Entwicklung der Haliplanktonten. 45 Wenn wir bisher die Beziehungen zwischen der chemischen Zu- sammensetzung des Wassers und dem Plankton in seiner Gesamtheit festzustellen suchten, wollen wir nun im einzelnen zu erfahren trach- ten, ob überhaupt und in welchem Ausmaß die einzelnen, im Meer- wasser gelösten Stoffe für das Leben und Gedeihen der einzelnen Planktonten von Belang sind. Wir werden den besten Einblick ge- winnen, wenn wir nach dem Vorschlage Herbsts in künstlichem Seewasser die Entwicklung einer Planktonlarve, und zwar der Echino- dermenlarve beobachten, und in den betreffenden Kulturen, um die Notwendigkeit der einzelnen Stoffe zu prüfen, diese jedesmal durch einen anderen ersetzen, d. h. es wird, soll die Notwendigkeit eines Stoffes geprüft werden, wie gewöhnlich künstliches Seewasser erzeugt und nur an Stelle der betreffenden Verbindung eine mit derselben äquimolekulare (also isotonische) gewählt, die den zu prüfenden Stoff nicht enthält. Es zeigt sich nun, daß von den im Meerwasser gelösten Stoffen die einen schon von Beginn der Entwicklunor an vorhanden sein müssen und sofort auch vom Echinodermenei aufgenommen werden, die anderen aber erst früher oder später für die ältere Larve von Bedeutung sind und dieser von einem bestimmten Zeitpunkt ab zur Verfügung stehen müssen. Von Beginn der Entwicklung an müssen z. B. im Meerwasser gelöst enthalten sein: Chlor, Natrium, Kalium, Calcium; erst später während der Entwicklung werden u. a. benötigt: Sulfate, Karbonate, Magnesium. Phosphor und Eisen scheinen zur Entwicklung überhaupt nicht nötig zu sein, obzwar das erstere stets im natürlichen Seewasser vorhanden ist. Es scheinen schon die un- befruchteten Seeigeleier genügend Phosphor (als Phosphat) zu ent- halten, der bis zur Pluteusausbildung ausreicht. Herbst fand ferner, daß zur normalen Befruchtung und Ent- wicklung der Seeigellarven ein bestimmter Alkalinitätsgrad notwendig sei, und Loeb konnte sogar durch Zusatz einer geringen Menge von NaOH zu gewöhnlichem Seewasser die Entwicklung einer Echino- dermenlarve (Ärhacia) beschleunigen, während in Wasser von un- genügender Alkalität knittrige und faltige Seeigellarven entstehen. Kalium steigert nicht nur die Größenzunahme, es ist auch für die Wimperbewegung notwendig. Dem Natrium und Chlornatrium scheint die Aufgabe zuzufallen, den Zellverband aufzulockern, während der Kalk völliges Auseinanderfallen der Furchungskugeln verhindern dürfte und in diesem Sinne als Antagonist des Natrium bezeichnet werden könnte. In kalkfreiem Wasser zerfallen die Furchungskugeln von Echinodermen- und Ascidieneiern, entwickeln sich aber, jede für sich, noch weiter. Außer für den Zellzusammenhalt ist Calcium auch für 46 Kapitel 11. Das Wasser. die Kontraktilität der Medusen, Ascidien usw. notwendig. In Form von Calciumkarbonat ist endlich der Kalk zur Bildung des Kalk- skelettes der Echinodermenlarven unentbehrlich, während schwefel- saurer Kalk hemmend auf die Skelettbildung einwirkt. Das Kalium scheint mit der Wasseraufnahme beim Wachstum der Larven und auch mit der Wimperbewegung und Kontraktilität in Zusammenhang zu stehen. Schwefel ist erst zur normalen Entwicklung der auf die Blastula und Gastrula folgenden Stadien von Bedeutung, da erst diese Sulfate aus dem Wasser aufzunehmen scheinen, und zwar dürften die Sulfate für die Ausgestaltung und Richtung des Darmes, für die Pigment- bildung, für die Regelmäßigkeit des Skelettes, für die Architektonik der Larvenformen (Bilateralität, Lage des Wimperringes usw.) von Wichtigkeit sein. Schließlich fällt dem Sulfat noch die Rolle zu, eine Hypertrophie des Wimperschopfes der Echinodermenlarve zu ver- hindern, die durch Calcium stark befördert wird. Magnesium endlich ist für die Darmgliederung und Wimper- bewegung der Larve von Wert, und auch bei der Skelettbildung muß dem Magnesium ein Anteil zugeschrieben werden. Wir sehen daraus, daß zur Entwicklung einer Planktonlarve sehr verschiedene Stoffe notwendig sind, die zum Teil noch nicht im Ei enthalten waren, sondern erst früher oder später, je nach Bedarf, dem Meerwasser als der „Nährlösung" entnommen werden müssen. Literatur. 1. Amberg, 0. Beiträge z. Biologie d. Katzensees. Vierteljahresschr. Naturf. Ges. Zürich, Bd. 45, 1900. 2. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 3. Apstein, C. Plankton in Nord- und Ostsee auf den deutschen Termin- fahrten. Wifisensch. Meeresunters. Kiel. N. F. Bd. 9. 1905. 4. Bachmann, H. (s. p. 17 Nr. 2). 5. Bally, W. Der obere Zürichsee. Arck f. Hydrobiol. Bd. 3. 1907. 6. Birge, E. A. The Respiration of au Inland Lake. Populär Science Monthly. April 1908. 7. Brandt, K. Die Koloniebild. Radiolarien. Fauna u. Flora. Neapel, Bd. 13, 1885. 8. Brandt, K. Über d. 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The respiratory exchange of the lower marine inverte. brates. Journ. Physiol. Bd. 19. 1895—96. 50. Voigt, M. Die vertikale Verteilung des Planktons im großen Plöner See u. ihre Beziehungen zum Gasgehalt dieses Gewässers. Plöner Forschungsber. Bd. 12. 1905. 51. Waldvogel, T. Das Laurikerried u. d. Lützelsee. Vierteljahres- schr. Zürich. Bd. 45. 1900. 52. Walther, J. Bionomie d. Meeres. Jena, G. Fischer, 1893. 53. Wesenberg-Lund, zitiert v. Karsten (s. Nr. 22). 54. West, W. and G. S. A further contribution of the fresh water Plankton of scottish lochs. Trans, roy. soc. Edinburg. Bd. 41. 1905. 55. Zschokke, F. Die Tierwelt d. Hochgebirgsseen. Denkschr. Schweiz, naturf. Ges. Bd. 37. 1900. Fig. 21. Träges Thermo- meter. (Klischee von Z Wickert, Kiel.) 3. Temperatur des Wassers. A. Apparate. Im einfachsten Falle, wo es sich um keine exakten Messungen des Oberflächenwassers handelt, genügt jedes be- liebige Thermometer. Tauglicher schon ist das Träge- oder das Pinselthermometer (Fig. 21). Die Entnahme der Wasserprobe geschieht auf See zu- meist mittels eines Öegeltucheiraers (sog. Admiral), der einige Zeit nachgeschleppt und gut ausgespült werden muß, damit seine eigene Temperatur die des Wassers nicht ändere. Die Ablesung der Skala hat im Schatten zu erfolgen. Ther- mometer mit kleinem Schöpfgefäß aus Metall sind bequemer, aber entsprechend teuerer, nach Krümm el indessen „von nebensächlichem Wert." Thermometer. 49 In der gemäßigten und tropischen Region, wo die Temperatur des Wassers sukzessive nach dem Grunde zu abnimmt, werden ge- wöhnlich Maximum- und Minimum -Thermometer verwendet, die, wenn es sich um bedeutende Tiefen handelt, gegen den gewaltigen Druck (1 Atmosphäre pro 10 m) durch eine besondere Glashülle geschützt sein müssen. Ein Maximum-Minimum-Thermometer (Fig. 22), also ein Instrument zur selbsttätigen Aufzeichnung der höchsten und tiefsten Temperatur für einen beliebigen Zeitraum, wurde schon im Jahre 1782 von Six beschrieben. Es besteht aus einer U- förmig gebogenen ^ o Glasröhre, die an ihren beiden oberen Enden zugeschmolzen p^ und erweitert ist. Der untere Teil der Röhre ist mit Queck- silber, der eine Arm (1) von a bis obenhin mit Wein- geist oder Kreosot gefüllt. Der andere Schenkel (2) ist in seinem oberen Teile luftleer, bis c hin aber auch mit einer therm ometrischen Flüssigkeit angefüllt. In den beiden mit Weingeist bzw. Kreosot gefüllten Teilen be- findet sich je ein Stahlstift, der durch kleine an ihm befestigte Borsten das Bestreben hat, sich in jeder Stel- lung zu erhalten. Wird das Thermometer nun in kalte Schichten versenkt, so zieht sich der Weingeist im Schen- kel 1 zusammen und Stift I wird durch den Meniskus a hinaufgeschoben. Im warmen Wasser dehnt sich der Weingeist wieder aus und treibt das Quecksilber, also auch den Meniskus h und den Stift II vor sich her, während Stift I stehen bleibt. Stift I zeigt also die niedrigste, Stift II die höchste Temperatur an. Die Zu- rückführung der Stahlstifte nach beendeter Ablesung ge- schieht durch einen an den Schenkeln herabgeführten Magneten. Solche Indexthermometer erfordern eine er- hebliche Anpassungszeit (meist 7 Minuten) und müssen beim Aufholen möglichst vor Erschütterungen bewahrt bleiben, da sich der Index sonst verschiebt. Ein weiterer Apparat, dessen Anwendung besonders in den arktischen und antarktischen Meeren unentbehr- Fig. 22. Maximum- und Mini- lich ist wegen der eigenartigen Temperaturverhältnisse, mumthermo- wie sie durch die dort herrschende dichotherme Schieb- meter nach tung der Wassermassen gegeben sind, ist das von der ^^^ ^ }" Firma Negretti und Zambra in London konstruierte ^^^j^ Casella Umkippthermometer (Fig. 23). in London. Bei diesem ist die Kapillarröhre an einer Stelle der- (N. Krümmel.) Steuer, Planktonkunde. 4 50 Kapitel 11. Das Wasser. art verengt, daß bei der Umkehr des Apparates (Fig. 23, II) ein der be- treffenden Temperatur ge- nau entsprechendes Stück des Quecksilberfadens ab- reißt und in den nach dem Umkippen unteren Teil der Kapillarröhre fällt, wo es als kleine Masse so gut wie keine Ände- rungen durch spätere Tem- peratureinwirkungen erlei- det. Das Umkippen erfolgt beim Heraufziehen des In- strumentes durch die Dre- hung des Propellers (P>-) in der oben beim J. Ri- chardschen Wasserschöp- fer (Fig. 9) beschriebenen Weise. Das Freigeben des Thermometers erfolgt, nachdem man das Instru- ment durch eine 10 — 15 m mächtige Wasserschicht aufwärts gewunden und die Propellerschraube dadurch in Tätigkeit gesetzt hat. Die Teilung nach Graden ist auch gleich für diese Stellung und für den ab- gerissenen Quecksilber- faden berechnet und an- gebracht. Bei einem zweiten Modell von Negretti und Zambra sowie beim Umkehrthermometer von Luksch (Fig. 24) wird die Umdrehung nicht durch einen Propeller sondern durch ein Lauf- gewicht bewirkt, und außerdem ist, um das Thermometer vor Ver- letzungen beim Aufholen zu schützen, die Drehungsachse vom unteren Ende des Rahmens nach der Mitte desselben verlegt. Fig. 23. Richters verbessertes Propeller-Kippthermometer. (Nach Doflein.) f vor, // nach dem Kippen, Pr Pro- peller, K Kabel, P Pumpenbremse, Th Thermometer mit Metallhülse. Thermometer. 51 Das Schlagge wicht (S) fällt nicht direkt auf den Rahmen, sondern auf eine seitlich angebrachte Feder. Durch das heftige Umbippen ergeben sich mitunter Feh- ler, indem Teile des sehr dünnen Quecksilberfadens in das Bassin zurückgeschleudert werden. Um diesem Feh- ler zu begeofnen, hat der Mechaniker Richter an dem Kippthermometer von Negretti und Zanibra eine Bremse angebracht: eine durch Hebel verbundene Zylinderpumpe, welche beim Umkippen das Wasser mit ihrem Kolben langsam aus dem Zylinder austreibt (Fig. 23, P). Zu einem sehr einfachen Instrumente mußte Lorenz gelegentlich der Untersuchung des Hallstättersees seine Zuflucht nehmen: Ein Selterwasserkrug wurde mit Wasser gefüllt, verkorkt und durch den gebohrten Kork wurde ein kurzes, träge gemachtes Thermometer eingeführt, dessen Skala vom Striche + 3^ an oben hervorragte. Die Akkomodationszeit für das Wasser bzw. das Thermometer im Kruge, d. h. die Zeit, der es bedurfte, bis das Wasser im Kruge die Temperatur des Wassers annahm, in das der Krug gesenkt worden war, betrug nun allerdings zirka 3 Stunden, doch findet Lorenz dieses billige Verfahren, zu dem man in Notfällen immer wird j.. „, . " ... . Flg. 24. greifen müssen, ebenso sicher wie die Beobachtungen mit Umkehr- Kippthermometer. thermometer Mittels wärmeisolierender Wasserschöpfer, die im nachLuksch. Prinzip aus mehrfach ineinandergeschalteten Hartgummi- (^- Luksch.) Zylindern bestehen, bestimmten Ekman, Pettersson, '^gfwichf Nansen und Drygalski Temperaturen bis etwa 800 m Tiefe; doch dürfen dieselben um nicht mehr als lö'' verschieden sein und das Aufholen muß genug rasch geschehen können. Für die Messung von Tiefseetemperaturen auf elektrischem Wege liegen noch keine exakt arbeitenden Apparate vor. Wenn man in bestimmten Abständen vollständige Reihentem- peraturen mißt, werden von Krümmel folgende Tiefen empfohlen: 0, 5, 10, 15, 20, 30, 40, 50, 75, 100, 150, 200, 250, 300, 400, 500, 750, 1000, 1500, 2000, 2500 usf. B. Ergebnisse. Nach Forel lassen sich die Seen bezüglich ihrer Temperaturen in folgender Weise einteilen: wir unterscheiden 1. tropische Seen, d. s. solche Seen, die jahraus, jahrein direkte 4* 52 Kapitel IL Das Wasser. oder normale Wärmeschiclitung zeigen, d. h. es finden sich warme, daher leichtere Wasserschichten oben, kalte am Seegrunde. Im Winter frieren die Seen dieser Gruppe nie zu und ihre Temperatur sinkt nicht unter 4*^; 2. polare Seen nennen wir solche, deren Wassermasse sich das ganze Jahr in verkehrter Schichtung oder indirekter Stratifikation befindet; 3. temperierte Seen oder Seen vom gemäßigten Typus endlich sind solche, die abwechselnd direkte und indirekte Schichtung zeigen, deren Oberflächen temperatur ein Maximum von mehr als 4** und ein Minimum von weniger als 4*^ aufweist, deren Tiefentemperatur (bei genügender Tiefe) 4" beträgt. Ein solch temperierter oder gemäßigter See befindet sich somit abwechselnd im Zustande eines polaren und eines tropischen Sees. In diese Gruppe gehört die Mehrzahl der zentraleuropäischen Seen. Es ist selbstverständlich, daß die Temperatur des Wassers in erster Linie von der der Atmosphäre abhängig ist. Neben verschiedentemperierten Zuflüssen (ober- oder unterirdischen) ist die Zeitdauer der Beschattung bei Bergseen eine nicht zu unter- schätzende Ursache der gleichzeitlichen örtlichen Differenzen der Ober- flächentemperaturen eines und desselben Sees und kann Verschieden- heiten in der Planktonverteilung bedingen. So suchen sich z. B. nach den Untersuchungen von R. Monti die Plankton -Entomostraken des Panelattesees durch horizontale Wanderungen dem direkten Sonnen- lichte zu entziehen: sie suchen schattige und kühle Seeabschnitte auf. Wenn sich auch die Wassertemperatur in allen Schichten an- nähernd wie die Lufttemperatur bewegt, so sind doch die entsprechen- den Beträge im Wasser viel niedriger^), sie werden mit zunehmender Tiefe kleiner, um bei Tiefen von 80 — 100 m beinahe ganz zu ver- schwinden (Fig. 25). Ferner verspäten sich Zu- und Abnahme der W^assertemperatur, also auch die Maxima und Minima, gegenüber denen der Luft desto mehr, je tiefer die Wasserschicht ist. Am engsten ist der Anschluß der Wasseroberflächen an die Lufttemperatur in der kälteren Jahreszeit. 1) Wo es sich nur um ungefähre Feststellung der Temperaturverhältnisse von stehenden Gewässern handelt, empfiehlt Burckhardt die Messungen der Oberflächentemperatur nicht wirklich an der Oberfläche, sondern in von den unterschiedlichen Zufälligkeiten (Bewölkung, Insolation, Niederschläge, Wind und Wellen) weniger abhängigen Tiefen von '/j — 1 m vorzunehmen. Weiter ist es oft erwünscht, die Temperaturunterschiede am Ufer und in der Seenmitte („pela- gische Temperatur") festzustellen. Thermik der Seen. 53 Ähnlicli wie ZWuS»*^ Oiu^. S«)*C. Q(^. SHav. Q'cc. d^it*.t>ii\.Znciiit,(Xff>i.Onai beim Chemismus des Wassers kön- nen wir auch beim Studium der Temperatur neben jährlichen Oszillationen (s. Fig. 25) auch tägliche Tempe- raturschwan- kungen beob- achten. Im allgemei- nen nimmt die Temperatur von den frühen Mor- genstunden an bis zu den ersten Nachmittags- stunden zUjbleibt dann bis zum Abend konstant und sinkt gegen den Morgen wie- iji der. Während des 7'S^ größten Teiles des Jahres und zwar im Sommer ist in unseren Seen die Tempe- h '— ratur an der ^^ IfL U L 1 Oberfläche am . 8 9^ D*VlO-tn-'Kt4i&^ — - — _ S'l 6 4:8 .y.;^'Vv6o*»vtu^^ WL . 'fS H-y i'f Otvioo t*^ '^iefe^ höchsten und D<4/n*JUÄ Äh^. J«^. O^t. dtoa. Sf^.iyä^ V^x.VtUiM.O!yy%,.tfttfi(^ nimmt nach der Fig. 25. Temperaturkurven des Hallstätter Sees. (Nach Lorenz.) Tiefe zu ab: der See befindet sich im Stadium der Sommerstagnation, und wir sprechen dann von einer „rechten Schichtung'' oder „direkten Stratifikation". Rein theoretisch betrachtet müßte das Wasser am Grunde größerer 54 Kapitel II. Das Wasser. Seen eine Temperatur von 4^ C aufweisen, weil bei dieser Temperatur das Wasser die größte Schwere besitzt und demnach sowohl wärmere wie kältere Wassermassen, die leichter sind, darüber lagern müßten. Tatsächlich geht aber die Temperatur in der Tiefe der Seen nur dann auf 4" C herab, wenn auch die Oberfläche im Winter sich auf mindestens 4" C abkühlt. Ist dies, wie z. B. in den Tropen, nicht der Fall, so bewirken vertikale Strömungen einen Temperaturausgleich, der es auch in größerer Tiefe nicht zu einer Temperatur von -f- 4" C kommen läßt. Auffallend hoch ist die Temperatur des Plöner Sees, und Ule erklärt dieses abweichende Verhalten durch Speisung des Sees aus dem Grundw^asser, das 9" Wärme besitzt. Ohne diese Wärme- zufuhr würde auch im Plöner See in zirka 50 m Tiefe statt der gefundenen Temperatur von (im Maximum) 8,2*^ nur eine Temperatur von etwa 4,4 '^ zu konstatieren sein, wie sie z. B. Grissinger im Weißen See in Kärnten beobachtet hat. Im Winter finden wir die Temperatur an der Oberfläche, wo es sogar zur Eisbildung kommt, am niedrigsten, nach unten zu nimmt die Temperatur dann zu, bis sie wiederum die Temperatur der größten Dichte, d. h. + 4^ C erreicht hat; wir beobachten also während der Winterstagnation eine „verkehrte Schichtung" oder „indirekte Stratifikation'^ Es muß demnach zweimal im Jahre, im Frühling und im Herbst, ein Zeiipunkt eintreten, in dem das Wasser des ganzen Beckens von der Oberfläche bis zur Tiefe die gleiche Temperatur von zirka 4** besitzt, worauf dann jedesmal eine Umkehr der bisherigen Schichtung eintreten muß. Die Aufhebung der jeweiligen Schichtung infolge von Konvektionsströmungen wird Zirkulation genannt, und wir sprechen füglich von einer Frühlings- und einer Herbstzirkulation, für die die Homothermie, d. i. die thermische Ausgleichung der ganzen Wasserschicht charakteristisch ist. Wir können die im vorstehenden besprochenen Vorgänge des Wärmeausgleiches beim kalten (0 — 4") und beim warmen (> 4°) Wasser in folgendem von Forel gegebenen Schema zusammenfassen: Schichtungstypus Vorgang Resultat des Vorganges Warmes f Direkte ( Erwärmung — >- Schichtung Wasser \ Schichtung I. Abkühlung — >■ Aufhebung der Schichtung Kaltes f Verkehrte f Erwärmung — >■ Aufhebung der Schichtung AVasser 1 Schichtung 1 Abkühlung — ► Schichtung. Für die periodische jährliche Temperaturschwankung eines Sees, dessen Wassermasse durch die sommerliche Erwärmung bis auf den Grund beeinflußt wird, hat Pfenniger ein Schema (s. Fig. 26) auf- Thermisches Seejahr. OO gestellt, das die thermisch verschiedenen Perioden sehr gut charak- terisiert; er unterscheidet: I. Periode der Erwärmung. von 4** zum Jahresmaximum (direkte Stratifikation: Sommerstagnation). IL Periode der Abkühlung vom Jahresmaximum bis zur Tem- peratur des Grundes (Sommerteilzirkulation). I Fig. 26. Schema des Verlaufes eines thermischen Seejahres. (Nach Pfenniger aus Huber.) Beginn mit 4° Oberflächen- und Grundtemperatur (Homothermie) ; hierauf Sommerstagnation ; längste Periode, direkte Schichtung (Periode I). Dann Abkühlung der Oberfläche zur Temperatur des (irundes. ca. 5,.^°, Sommerteilzirkulation (Periode II). Folgt als III. Periode Kückkehr der Tempe- ratur der ganzen Wassermasse zur Temperatur von 4°: Herbstvollzirkulation (Homothermie, Anfang Dezember). — Hierauf Periode IV: Bildung der umgekehrten Schichtung durch Oberflächenabküh- lung von 4° an auf das Jahresminimum, ca. 2 — 3°, bzw. Eisbildung; am Grund 3,.")°: Winterstagna- tion. — Die umgekehrte Schichtung wird aufgehoben (ca. Mitte Januar) infolge beginnender Er- wärmung von der Oberfläche (2 — 3°) her, Winterteilzirkulation; Herstellung der Temperatur des Grundes 3,5" (Periode V). — Infolge einer Vollzirkulation (Frühlings-) steigt in Periode VI die Temperatur der ganzen Wassermasse von 3,5" auf 4°, Homothermie, d.h. Schluß des thermischen Seejahres. III. Periode der Abkühlung von der erreichten Grundtemperatur bis auf 4° (HerbstvoUzirkulation). IV. Periode derAbkühlung von 4 "^ auf das Jahresminimum (Winter- stagnation). V. Periode der Erwärmung vom Jahresminimum auf die Tem- peratur des Grundes (Winterteilzirkulation). VI. Periode der Erwärmung von der Grundtemperatur auf 4" (Frühlingsvollzirkulation). 56 Kapitel IL Das Wasser. Von diesen 6 Perioden eines thermischen Seejahres kommen die ersten 3 stets vor, die letzten 3 können mitunter auch fehlen. Eine höchst auffällige und eigentümliche Erscheinung in den Seen mit direkter Stratifikation ist das Auftreten einer sog. Sprung- schicht oder Thermokline, auf die zuerst Richter (gleichzeitig mit Hergesell und Langenbeck) aufmerksam machte. Richter fand nämlich bei seinen Untersuchungen des Wörthersees, daß die Tem- peratur in vertikaler Richtung im Sommer nicht durchaus gleich- mäßig abnimmt, sondern nur bis zu einer bestimmten Tiefe, von da ab aber einen merklichen Sprung macht, so daß sie in der darunter liegenden Wasserschicht sofort erheblich niedriger ist. Wir können also als Sprungschicht diejenige Wasserschicht bezeichnen, innerhalb welcher das Temperaturintervall unvermittelt einen auffallend großen Betrag annimmt, während die Tem- peraturintervalle sowohl in den darüber als in den darunter liegenden Schichten stets viel geringer sind. Die nachstehende, der Arbeit von G. Hub er über die Montiggler- seen entnommene Tabelle, in welcher die aufeinanderfolgenden Tem- peraturintervaUe zusammengestellt sind, mag diese thermische Eigen- tümlichkeit zur Anschauung bringen. Diffexenz m VI VII VIII IX X 1 27 7 29 14 4 24 8 28 ] m , 0,5» 1,6« 0,7« 2,2» 0,2" 0,9» 1,4» 0,2» 3,2» 0, 0,7 » 0,0" 2,7»' 2 m { 1 0,4 4,5 0,3 3,6 2,8 2,9 0,6 0,2 0,4 1,1—0,5 0,1 0,2 4 m 1 6 m 1 8 m 1 2,6 3,5 Ml 5,3 m 6,61 V] ö,o| 5,7 j 5,71 — 0,4, 0,5 0,3 0,1 1,5 2,1 2,3) 3,3 j 5,1 J 5,1 i 4,6 1 6,6 j 6,4) 2,5 1 3,2) 0,1 0,2 0,1 1,0 1,0 0,8 1,4 2,0 2,0 2,0 8,5 j 4,4 1 4,2 10 m 1 0,3 0,0 0,6 0,4 0,5 0,2 0,6 0,5 l,a 0,3 0,5 0,8 ! 1 12 m J ! Die Sprungschicht tritt demnach in diesem See im März in einer Tiefe von 4— 6 m auf, im April ist sie von 2 — 6 m zu konstatieren (abnorme Witterungsverhältnisse während des Beobachtungsjahres 1 902 j, vom Mai bis Anfang September in 4 — 8 m, Ende September bis Ende Oktober in 8 — 10 m. Ende November ist sie verschwunden. Mit dem geringen Intervall von 2,6^ beginnt der Temperatur- sprung; das Intervall wird größer und erreicht Ende Juli in der Schicht von 4,6 m den Maximalwert von 9,5 (auf 2 m Xiveauunterschied). Von März bis Juli ist es die Schicht von 4 — 6 m, wo die Temperatur Sprungschicht in Seen. 57 auffallend schnell sinkt; die Schicht von 6 — 8 m zeigt gleichzeitig ebenfalls einen Temperatursprung, der aber in diesen Monaten schwächer ist als der erstere. Man könnte diese tiefere Schicht als sekundäre Sprungschicht bezeichnen; es ist, als ob in dieser Schicht die eigentliche große Sprungschicht gleichsam „austöne". Vom Juli an ändern sich aber diese Verhältnisse; August und September zeigen nämlich, daß das Temperaturintervall nicht mehr wie bisher in der 4 — 6 m -Schicht größer ist, sondern nur in der (früher sekundären) 6 — 8 m-Schicht; diese ist nun zur Hauptschicht geworden. Von Ende September an treffen wir diese noch tiefer, in 8 — 10 m, mit dem Intervall von 8,5", und ebendort im Oktober, mit dem Intervall von ca. 4«. Wir ersehen also aus diesem Beispiel, daß mit fortschreiten- der Jahreszeit die Sprungsehicht in jeweils größerer Tiefe anzutreffen ist, und daß der Temperatursprung in der wärmsten Periode den größten Betrag annimmt. Die Lage der Sprungschicht ist aber auch in den verschiedenen Seen eine verschiedene. In dem eben besprochenen Montigglersee bewegt sie sich zwischen 4 und 10 m, im Bodensee zwischen 10 und 20 m, im Weißen See (in den Vogesen) zwischen 17 und 53 m, im Gardasee zwischen 10 und 30 m. lu den Flußseen tritt die Sprung- schicht überhaupt weniger stark hervor. Richter erklärt dies eigenartige Phänomen in folgender Weise: „Denken wir uns am Ende eines warmen Junitages die Seentempera- tur so geschichtet, daß die Oberfläche 20*^ warm ist, beim ersten Meter 19", beim zweiten 18", beim dritten 17" herrscht usf. Es tritt nun die nächtliche Abkühlung ein, und nach vorliegenden Erfahrungen kann sich da die Oberfläche um 2" oder 3" abkühlen. Sowie nun die Oberflächenschicht abgekühlt ist, sinkt sie sofort unter und zwar bis dahin, wo sie ein Wasser von gleicher Temperatur und Dichte vorfindet. Es wird also eine Zirkulation eingeleitet, welche bis zu jener Schicht nach abwärts greift, welche die gleiche Temperatur mit der nächtlich abgekühlten Oberflächenschicht besitzt. Wird also in unserem Beispiel die Oberfläche bis 17" abgekühlt, so wird die Zir- kulation bis zum dritten Meter hinabgreifen. Zwischen der Ober- fläche und diesem dritten Meter befindet sich aber Wasser von 19" und 20". Es wird nun aUes dieses Wasser durcheinander gemengt und wird eine gewisse Mitteltemperatur annehmen, und am Morgen wird das Resultat sein, daß die obersten 3 m eine gleichmäßige Tem- peratur von etwa 18" haben werden, auf welche dann unmittelbar eine Schicht von 16" folgt. So ist der erste grelle Übergang ge- 58 Kapitel II. Das Wasser. schaffen, und der täglich wiederholte Vorgang verstärkt die Mächtig- keit der warmen Schicht und die Schärfe des Kontrastes." Garbini bringt auf Grund seiner Untersuchungen am Gardasee das Auftreten der Sprungschiebt in Zusammenhang mit dem ver- schieden tiefen Eindringen der dunklen und leuchtenden kalorischen Strahlen. Schon Forel unterschied in tiefen Seen drei Temperaturschichten: 1. Die Oberflächenschicht (bis zu etwa 10 m Tiefe), die den täglichen Temperaturschwankungen unterworfen ist. 2. Eine mittlere Zone (zwischen 10 und 200m) ist nur noch den jährlichen Temperaturschwankungen ausgesetzt. 3. Die Tiefenzone endlich (von 200 m abwärts) zeichnet sich durch mehr oder minder unregelmäßige periodische Temperatur- schwankungen aus. Die konstante abyssale Temperatur beginnt im Gardasee zirka zwischen 175 und 250 m Tiefe. Die Grenzschicht der oberfläcblichen Zone mit variabler und der Tiefenregion mit konstanter Temperatur ist überdies nicht für alle Seen gleich; sie liegt nach Garbini im Lago di Como bei . 150 — 200 m Genfersee bei . . . . 180 m Lago Maggiore „ . 150 — 200 m \ Luganosee bei .... 150 m Lago di Garda „ . 200 m j Lago di Orta bei ... 80 m Die konstante Abyssaltemperatur ist im Gardasee am höchsten; sie beträgt im Lago di Garda . . . 7,8—7,7" Lago di Orta 5,2" Lago Maggiore ... 6 — 5,7" . Genfersee 5,2® Lago di Como . . . 6,2 — 5,9" ' Luzemersee 4,6" Lago di Lugano . . 5,3" Wenn wir den Gardasee, dessen Oberflächentemperatur normaler- weise nicht unter 6,25" C zu sinken scheint und der in historischer Zeit nur einmal (im Jahre 1709, zugleich mit dem Genfer-, Boden- und Zürichersee) zugefroren sein dürfte, als Beispiel eines tropischen Sees^) hinstellen, mögen im folgenden noch kurz die Temperatur- verhältnisse hochalpiner Seen betrachtet werden, von denen wir nach der früher gegebenen Einteilung und im Anschluß an Zschokkes grund- 1) Sehr hohe Temperaturen finden wir natürlich in den äquatorialen Seen. So fand z. B. Fülleborn im Dezember im Nyassasee Oberflächentemperaturen von 27,6 — 29,7" C, in der Tiefe von 193 m noch 22,75° C. Die Abnahme der Temperatur in der Tiefe ist bis zu 50 m ziemlich regelmäßig (von 28,2 — 27,2); die nächsten 10 m erfolgt sie rasch (von 27,2 — 24,1), um dann sehr langsam und gleichmäßig abzufallen. Die Temperaturschwankungen im Verlaufe des Jahres sind jedenfalls nur unbedeutend. Abyssaltemperatur; Thermik der Hochgebirgsseen. 59 legende Arbeiten die größeren und tieferen Seen zu den temperierten, die kalten Eisseen aber zu den polaren Seen zu rechnen haben werden. Mit Ausnahme von seichten, sonnigen Weihern und Tümpeln bleiben die Wasserbecken der Hochalpen auch mitten im Sommer kalt. In größeren und tiefen, also temperierten Seen herrscht über Sommer (Juli bis September) meist eine Temperatur von 8 — 12" C, während die polaren Schmelz wasserseen in derselben Jahreszeit nur selten 7° C erreichen; sehr häufig bleibt ihre Temperatur bei 4 — 6° C stehen. So herrschen in thermischer Hinsicht in manchen Alpen- gewässern auch im Hochsommer winterliche Verhältnisse. Es entspricht ferner die Oberflächentemperatur vieler Hoch- gebirgsseen auch im Sommer der Temperatur tieferer Schichten von großen Wasserbecken der Ebene. Der Zschokkeschen Arbeit ent- nehmen wir diesbezüglich folgende Zusammenstellung: a) Mittlere Sommertemperaturen von Hochgebirgsseen (Oberfläche): Lünersee .... 6,8—12,8" C Gafiensee .... 7,5—10» C Partnunersee . . 9—11,6" C Todtalpsee . . * . 0,5-6" C Tilisunasee . . . 10—12,8" C | b) Tiefentemperaturen von großen subalpinen Seen: Genfersee: W^alensee: Tiefe: 40 m . . . 7,1—8,0" C 100 m. 140 m. 200 m. 300 m . 5,0—5,6" C 4,7—5,4" C 4,5-5,2" C 4,5—5" C Tiefe: 40 m . . . 5,5—6,6" C 100 m . . . 4,6" C 140 m . . . 4,6" C Eine ähnliche thermische Stellung nehmen nach J. Richard hochnordische Seen ein. Auf der Halbinsel Kola maß der Kolozero im August 15" C, der Imandra 12,2 — 13,8" C. Auf Island erreicht der tiefste, Thingvallavatn , im Maximum (Mitte August) 11" C, der Myvatn Ende Juli 12,5" C (Ostenfeld und Westenberg-Lund). Dem Schweden Sven Ekman verdanken wir einige wertvolle Angaben über die Temperaturverhältnisse der nordschwedischen Hoch- gebirgsseen. Wir wählen als Beispiel den großen und tiefen Torne- Träsk der Birkenregion (von 350 — 700 m Höhe), der im Juli 1900 folgende Temperaturen aufwies: Tiefe in m . 5 10 20 30 40 50 60 70 85 Temp. in » C +3,1 4-3,1 -|-3,1 -f3,l +3,1 +3,2 +3,2 +3,2 +3,3 +3,3 Man könnte ihn nach diesen Zahlen als typischen „polaren See" betrachten, allein im Juli des Jahres 1903 war doch das Oberflächen- wasser auf +9" C erwärmt. 60 Kapitel 11. Das Wasser. Selbst in der Grauweidenregion (von 700 — 1000 m Höhe) kann die Oberflächentemperatur der Seen, obgleich sie, wenn sie nicht auf flacher Ebene liegen, von Schmelzwässern den ganzen Sommer hin- durch gespeist werden, bei sonnigem Wetter bis auf -f 14 bis 15" C steigen, dürfte sich jedoch im allgemeinen auf + lO*' C halten. Erst in der Flechtenregion des nordschwedischen Hochgebirges (von 1000 — 3500 m) treffen wir Seen von rein polarem Charakter. „Zwischen großen Feldern von ewigem Schnee eingebettet und mit einer kaum schmelzenden Eisdecke belegt, dürften diese Gewässer ihr Wasser auf -)- 4" C nicht erwärmen können." Doch selbst in dieser Region können die unteren kleinen und seichten Seen im August eine verhältnismäßig hohe Temperatur (bis zu +12" C) erreichen. Eine der bekanntesten und zugleich für die Biologie des Planktons sehr wichtige Erscheinung polarer Seen ist der oft vielmonatliche Abschluß des Wassers durch eine Eisschicht; schon bei 1800 m be- trägt der Eisabschluß der Alpenseen meistens 6 Monate und darüber. „Seine Dauer steigert sich im allgemeinen mit der Höhe der Wasser- becken; doch steht sie außerdem unter einer Reihe anderer, lokaler Einflüsse. Hier müssen wohl in erster Linie maßgebend sein die mehr oder weniger sonnige Lage des Sees, die Wassermenge und die Wasserfläche, die Art der Speisung mit Quell- oder Bachwasser oder mit Schmelz- und Gletscherwasser, die größere oder geringere An- häufung von Schneemassen auf der gefrorenen Seefläche. Alle Fak- toren, die die Temperatur des Hochalpensees regeln, werden auch für die Dauer seines Eisabschlusses entscheidend sein. Am ungünsticfsten stellen sich wieder hochgelegene, kleine, schattige Eis- und Schmelz- wasserseen. Sie bleiben oft jahrelang geschlossen. Auch von lang- samschmelzenden Schneemassen umgebene, bedeckte und gespiesene, größere Wasserbecken öffnen sich sehr spät." (Zschokke.) Doch variiert die Dauer des Eisabschlusses sowohl örtlich wie auch zeitlich je nach den meteorologischen Verhältnissen in weiten ' Grenzen. Zschokke gibt darüber folgende Daten: Dauer des Abschlusses 1740 m Höhe 150—160 Tage 1796 m „ 124—193 „ 1874 m „ 190—200 „ 1943 m „ 180-190 „ 2102 m „ 220—240 „ 2189 m „ 220—240 „ 2340 m „ 280—300 „ 2445 m „ 211—330 „ Oberer Arosasee Silsersee . . Partnunsee . Lünersee . . Tilisunasee . Garschinasee Todtalpsee . St. Bernhardtsee Eisabschluß; eury-, stenotherme Limnoplanktonten. 61 Der vorhin benannte isländische Mvvatn ist durch 213 Tage eis- bedeckt, während die beiden Forscher Ostenfeld und Wesenberg- Lund den tiefen Thingvalavatn das ganze Jahr über offen fanden. Nach Ekman beträgt die Dauer des Eisabschlusses bei den Seen der Birkenregion des nordschwedischen Hochlandes 261 Tage (Vassi- jaure), bei denen der Grauweidenregion ca. 260 — 300 Tage und dar- über, bei den Seen der Flechtenregion endlich, die „ebenso arktische Lebensbedingungen darbieten wie die von Greely untersuchten Seen auf Grinell-Land bei 82** nördl. Br.", umfaßt der Eisabschluß im besten Falle ca. 320 Tage und währt in nicht wenigen Seen das ganze Jahr über. Die Dicke des Eises übersteigt in den Alpen nach Imhofs Er- fahrung, auf die sich Zschokke beruft, nirgends 80 cm, nach Ekman kann sie aber in den nordschwedischen Hochalpenseen bis gegen 2 m Dicke anwachsen. Zugleich mit der Verlängerung der eisfreien Zeit in den tem- perierten Seen nimmt auch die Mächtigkeit der Eisdecke ab, und in den tropischen Seen endlich gehört, wie wir früher bereits erwähnten, ein Zufrieren zu den Seltenheiten. Es ist sicher, daß die Thermik des Wassers für das Plankton- leben des süßen Wassers von höchster Bedeutung ist, wenn auch natürlich nicht alle Planktonten durch diesen Faktor in gleicher Weise beeinflußt werden; ja wir kennen nicht wenige Formen, die für Tem- peraturänderungen in hohem Grade unempfindlich zu sein scheinen; wir nennen sie eury therm und stellen ihnen die stenothermen Planktonten gegenüber, die teils für wärmeres, teils für kälteres Wasser abgestimmt und damit auch den speziellen Temperaturverhältnissen angepaßt erscheinen. Das Studium des Verhaltens der Planktonten gegenüber den verschiedenen thermischen Reizen ist eine der wich- tigsten und lohnendsten Aufgaben der experimentellen Planktonforschung, und wir wollen diese Erscheinungen später, gelegentlich der Besprechung der Tropismen, im Zusammenhange behandeln (Kap. V, 3). An dieser Stelle mag nur kurz darauf hingewiesen werden, daß die Temperaturverhältnisse ein wesentlicher Faktor bei der geographi- schen Verbreitung des Planktons sind, daß sie quantitativ die Plank- tonproduktivität beeinflussen und auch bei den jährlichen und täg- lichen Wanderungen unzweifelhaft eine große RoUe spielen. Die Temperaturverhältnisse machen sich auch in der Art der Vermehrung der Planktonten insofern bemerkbar, als tiefe Temj^eraturen vielfach das Auftreten von Dauereiem begünstigen, und wie andere „un- günstige Faktoren" damit das Erscheinen von Männchen bei einigen Zooplanktonten veranlassen. -.* w^ '^ ^X^^v-" • *• 62 Kapitel II. Das Wasser. Glaziale Relikte und Kaltwasserformen, wie gewisse Limnocalanus- und Mysis- Arten, schreiten im Herbst zur Fortpflanzung, wenn die Temperatur bis zu einem bestimmten, ihnen zusagenden Grade (etwa 7^) gefallen ist. Auch die obere Temperaturgrenze ist für beide Formen dieselbe, nämlich 14'', während für die Warm wasserform Eurytemora velox die untere Temperaturgrenze bei etwa 8" liegen dürfte (Ekman). Von der Höhe der Temperatur scheint es auch weiters abzu- hängen, welche der Planktonalgen in diesem oder jenem See die als „Wasserblüte" bekannte Erscheinung hervorruft. Die „zyklische Variation" der Planktonten (s. Kap. IV, 3) hat man geradezu als „Temperaturvariation" aufgefaßt. Auf den Zusammenhang zwischen den vorerwähnten Zirkulations- strömungen des Wassers und gewissen Planktonvorkommnissen werden wir noch später zurückkommen. Nur ein Beispiel mag hier Platz finden. Bachmann macht darauf aufmerksam, daß in dem ganzen Seengürtel, der sich vom Genfersee nordwärts der Alpen bis zum Bodensee hinzieht, besonders reichlieh die Cyclotellen entwickelt sind. Die südalpinen Randseen und die Schweizer Gebirgsseen sowie die schottischen Seen dagegen l)eherbergen die erwähnten Diatomeen nur in geringen Mengen. „An all diesen Seen sind die Zirkulations- strömungen des Wassers viel geringer als in den erwähnten Cyclotellen- seen. Und so kann dies die Ursache der üppigen Cyclotellenentwick- lung darstellen." Daß das Entstehen der Eisdecke auf das Planktonleben nicht ohne Einfluß ist, wurde schon früher angedeutet, denn es bedeutet für das Plankton einen oft lange andauernden , mehr oder weniger voll- ständigen Abschluß von Luft und Licht und schaift somit ungünstige Lebensbedingungen, hauptsächlich wohl deshalb, weil unter der mäch- tigen Eisdecke die Assimilation der grünen Phytoplanktonten nur un- zureichend erfolgen kann oder aber ganz ausbleibt. Das „Aussticken" der Karpfenteiche im Winter ist eine den Fischern bekannte Erscheinung. Allerdings verhindert die abschließende Eisdecke auch zu rasche und weitgehende Abkühlung der ganzen Wassermasse, so wie eine dicke Schneehülle ^) den darunter liegenden Erdboden vor allzu starkem 1) Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß das Vorhanden- sein einer speziellen Schneeflora Chodat geradezu zur Aufstellung des Terminus ^,Cryoplankton" veranlaßte. Die Volvocine Sphaerella nivalis, ferner Raphiditim nivale, die Desmidiacee Ancylonema nordenskiöldi, ein Cosmarium und die Zoo- sporen von Cystococcus (IHeurococtus) vulgaris mögen als die wichtigsten Ver- treter dieser eigenartigen, nivalen Flora genannt sein. U. a. hat Ist v an ff i die Schneeflora des Balaton festgestellt. Thermik und Planktonleben des Süßwassers. 63 Wärmeverlust schützt. Eine eigentümliclie Erscheinung ist das all- mähliche, von der Luftwärme und der Besonnung unabhängige Steigen der Temperatur unter der Eisdecke, das wohl in der Einwirkung der Erdwärme auf* das Wasser seinen Grund hat. Daß überdies auch unter einer dicken Eisdecke noch eine ziem- lich reiche Planktonfauna zu existieren vermag, beweisen u. a. die Untersuchungen Levanders über die Winterfauna finnischer Gewässer und die von E. Wolf über die Fortpflanzungs Verhältnisse württem- bergischer Copepoden. „Verschiedene Beobachtungen haben mir ge- zeigt, daß z. B. bei einer Eisdecke von 20 — 25 cm Mächtigkeit auf dem Grunde eines ca. 2 — 3 m tiefen Gewässers auf einmal das orgra- nische Leben erwacht. Diatomeen tauchen in ungeahnter Zahl auf, Dauereier, die bisher geruht, entlassen ihre Nauplien, selbst Fische erscheinen." Interessant sind weiters die Beziehungen, die Wesen berg-Lund zwischen dem Eisabschluß und der Entwickluncf gewisser Plankton- diatomeen, Asterionella und Melosira, aufgedeckt hat. Für die erste wirkt das Zufrieren des Wassers wie eine Art Reiz zu maximaler Entwicklung, während ebendadurch die Entwicklung der Melosira zurückgehalten oder zum Stillstand gebracht werden kann. Friert ein See einmal ausnahmsweise nicht zu, so entwickelt Melosira ein be- deutendes Maximum, Asterionella nur ein weit geringeres. Vou wesentlichem Einfluß auf die Planktonverteilung kann schließ- lich auch die Sprungschicht werden. So gehen z. B. im Lake Men- dota (U. S. A.) nach E. A. Birge die Planktoncrustaceen im allgemeinen bis in die thermokline Schicht, um dort, oft sehr abrupt, das Ende ihrer vertikalen Verteilung zu finden, und C. D. Marsh findet, daß beispielsweise Daphnia pulex var. pulicaria in den Clover Leaf-Seen unterhalb der Thermokline vorkommt, während ihr Vorkommen in den Seen ohne Sprungschicht nicht von einer derselben entsprechen- den Wasserschicht abhängig ist. Die Sprungschicht veranlaßt auch eine Fallverzögerung des „Leichenregens" und damit darf ihr auch eine Bedeutung für die An- sammlung spezifisch schwererer Nährlösungen zugeschrieben werden, wie das früher (Kap. II, 2, S. 25) angeführte Beispiel aus dem Fursee zeigt. W^enn nämlich die absinkenden Kieselpanzer der Diatomeen in der Sprungschicht wegen der größeren Wasserdichte einen Aufenthalt erleiden und damit länger der lösenden Wirkung ein und derselben Wasserschicht ausgesetzt bleiben, wird diese Schicht größere Mengen der Kieselsäure aufnehmen müssen. Ahnlich wie im Süßwasser sind die Temperaturverhältnisse im 64 £apitel II. Das Wasser. Meere, nur treten uns hier die thermisclien Erscheinungen wegen der großen, zu einem Ganzen vereinigten Wassermassen sowie wegen der fehlenden Höhenunterschiede mehr als eine geschlossene Einheit vor Augen. Der Lebensbezirk des Süßwassers schließt sich eben in topo- graphischer Beziehung viel enger an den terrestrialen an, für den sehr bedeutende Temperaturschwankungen charakteristisch sind, die auch auf die in ihm liecrenden Süßwasseransammluncren nicht ohne Einfluß o o sein können. Als Mitteltemperatur ergeben sich für den Atlantik 20,7® C, für den Pazifik 20,3, für den Indik 23,8" C. In den Polarmeeren schwankt die Temperatur zwischen bis — 2° C, in den Äquatorialgegenden der Ozeane gelten 27" C als Durchschnitts wärme; die Temperatur steigt im Indik bis auf 28", im Roten Meer gar bis auf 34,4" C. Dabei sind die jährlichen Temperaturschwankungen in höheren Breiten größer als in den Äquatorialgegenden; sie betragen z. B. im Nordatlantik 7,2" und im äquatorialen Teil nur 2,4" C. In den polaren Gegenden hinwiederum (z. B. Spitzbergen) ist die größtmögliche Schwankung nur 6,2" C. Wir sehen demnach, daß in den äquatorialen Teilen der Ozeane eine fast gleichmäßige Temperatur herrscht, die nur geringen Schwan- kungen unterworfen ist, daß diese Schwankungen mit der Breite zu- nehmen, irgendwo in gemäßigten Breiten ihr Maximum erreichen, um dann wieder in den höchsten Breiten, den Polargegenden, auf ein geringeres Maß zu sinken. Nach Ortmann läßt sich dieser für die geogi-aphische Verbreitung des Pelagials sehr wichtige Satz aus den Insolationsverhältnissen und aus den physikalischen Eigenschaften des Wassers, sich nur bis zu einem bestimmten Punkte abkühlen zu können, ohne zu gefrieren, theoretisch ableiten. In den äquatorialen Gegenden der Erde wird nämlich durch die im Laufe des Jahres sich nur wenig ändernde Insolation das Wasser der Meeresoberfläche auf einer gleichmäßigen Höhe der Temperatur erhalten, weiter nach den Polen zu machen sich die unterschiede der Jahreszeiten, stärkere Er- wärmung im Sommer und stärkere Abkühlung im Winter, bemerkbar. Die Differenz zwischen diesen Extremen erreicht in der nördlichen und südlichen gemäßigten Zone ihren höchsten Wert, und von da ab wird in noch höheren Breiten das Minimum der Wassertemperatur dasselbe bleiben, d. h. sich nahe dem Gefrierpunkt halten, während das Maxi- raum, die durch die sommerliche Erwärmung verursachte Temperatar- erhöhung, geringer wird. Die Differenz zwischen Maximum und Minimum, die Amplitude der Schwankung, wird also abnehmen. Trotz der großen Gleichförmigkeit sind die Temperaturunterschiede Thermik des Meeres. 65 der einzelnen Ozeane und ihrer korrespondierenden Teile sehr merk- lich; so ist z. B. der Xordatlantik wärmer als der Xordpazifik, der Südatlantik aber kälter als der entsprechende südliche Teil des Stillen Ozeans. Strömungen und Verschiedenheiten in der Tiefe beeinflussen hier das Jahresmittel. Auffallend warm ist bis in die Tiefe hinab im Vergleich zum Atlantik das Mittelmeer. Der Grund dieser Verschiedenheit liegt darin, daß das vom Pole herströmende kalte Unterwasser des Atlantik bei dem bis •^■^ geg^n 82 m unter dem Wasserspie- gel sich erhebenden Höhenrücken von Gibraltar in das abgre- ^_ schlossene Mittelmeerbecken .fZ%^j 24" C und an \ ] den Küsten über 2Q'' C. In der Adria (Fig. 27) schwankt die Oberflächen- temperatur im Sommer zwischen 22" im NO und 26" im SW. Nach meinen Untersuchungen im Golf von Triest beträgt das Jahresmini- mum der Oberflächentemperatur 5" C (20. IL 1901), das Maximum 25° (4. VIII. 1900). Im Neapler Golf schwankt die Oberflächentemperatur zwischen ca. 13" im Winter und 26" im Sommer. Im Roten Meere treffen wir die höchsten Temperaturen im SO und 0, die niedrigsten im NW und W; im Golf von Suez speziell finden wir an der Oberfläche: Oktober Januar Februar März Mai Juli 1895 1896 1896 1896 1896 1905 23,2» C "14,7« C 15,8« C 17,40 C 21,50 c 26,5 « C In den Warmmeeren nimmt die Temperatur nach der Tiefe zu konstant ab (direkte Schichtung). So fand die Valdivia- Expedition z. B. im Bereich des Guineastromes folgende Werte: S t euer, Planktonkunde. 66 Kapitel II. Das Wasser. m . . . . 26,6« C 100 m . . 14,5« C 800 m . . . 5,2« (' 10 m. . . . 25,8" C 200 m . . 12,3« C 1000 m . . . 4,8« C 20m. . . . 25,7» C 600 m . . 6,9« C 1500 m . . . 3,7« r 60 m. . . . 19,3« C Die Durchwärmung scheint indessen nicht überall o;leicliweit nach der Tiefe vorzuschreiten; nach den Untersuchungen der deutscheu Plankton- Expedition erwies sich die Sargassosee als der am tiefsten hin durchwärmte Meeresteil. In der gemäßigten Zone wird die direkte Beeinflussung der Wasser- temperatur durch die Sonnenwärme kaum tiefer hinab reichen als 180 bis 200 m, im Mittelmeer vielleicht nur bis 100 m. Unterhalb dieser Tiefe verschwindet jeder Einfluß der Jahreszeiten auf die Wasser- wärme. Erstaunlich hoch ist, wie schon erwähnt, die Temperatur des Tiefenwassers im Mittelmeer. Chun hat nach den vom „W^ashington'^ im Juli und September ausgeführten Temperaturserien folgende Mittel- werte berechnet: 50 m . . . 18,4« C 200 m . . . 14,0« C 500 m . 13,9« C 100 m . . . 15,3« C 300 m . . . 13,8« C 1000 m . . 13,5« C 150 m . . . 14,1« C Wir ersehen daraus, daß die konstant wiederkehrende Tiefen- temperatur von über 13« C der durchschnittlich niedersten Winter- temperatur des Oberflächenwassers entspricht. Das M fi t elm eer steht bezüglich seiner Thermik nicht vereinzelt da. Die Existenz einer ähnlichen „homothermen Schicht" von rund 900 m Tiefe abwärts wurde von der „Valdivia" auch in der Sumatra- see nachgewiesen. Hier betrug die Bodentemperatur immer 5,9« t', während sie im offenen Ozean sofort auf 4 — 3« sank. Es muß dem- nach die Sumatrasee gegen den offenen Indik in einer Tiefe von rund 900 m abgesperrt sein. Ahnliche Relief- und Temperaturverhältnisse treffen wir weiters auch in der Celebes- und Bandasee an. Im Roten Meer beträgt die Temperatur der homothermen Schicht von 700 m abwärts gar 21,5« C. Diesen hohen Werten stellen wir einige Messungen der „Valdivia" aus der südatlantischen Tiefsee gegenüber; es wurden für eine Boden- tiefe von rund 5000 m gefunden: unter dem Äquator -f 1,7« C unter dem südlichen Wendekreis . . . -f 1,0« C zwischen Kap und Bouvetinseln . . . +0,4« C zwischen 55« und 64« südl. Br -0,4« C Abyssaltemperatur des Meeres. 67 Diese im Verhältnis zur Abyssaltemperatur der tiefen Süßwasser- seen niederen Werte erklären sich aus dem Umstände, daß das See- wasser seine größte Dichte nicht wie das Süßwasser bei +4*^C, son- dern einige Grade unter dem Nullpunkt erreicht. Wesentlich anders als in den Meeren der gemäßigten Zone und des Tropengürtels gestalten sich die Temperaturverhältnisse des Wassers in der Tiefe der Polarmeere. Zum Vergleiche geben wir im folgenden drei Temperaturreihen der „Valdivia", von denen die erste die Wärmeschichtung in der tropischen Zone, die zweite die in der südlich gemäßigten repräsentieren soll, während die dritte als antark- tische, also polare Temperaturserie gelten kann. Tiefe in m und Bodentiefe 1 § c öS ° C Atlantik südlich von Capstadt Autarktik, an der Eis- g kante ira _ Meridian von Enderby- Land Tiefe in m und Boduntiefe Indik bei den CocoB- insoln Atlantik südlich von Capstadt oc 27,4 15,6 -1,0 250 13,4 ! 10 — — — 1,1 300 13,2 — + 1,7 i 20 — — — 1,2 400 — + 1,6 ' 40 — — — 1,2 500 9,2 9,5 j 50 27,1 — -1,4 600 — — + 1,2 60 — — — 1,4 800 6,7 — + 1,5 80 — — - 1,7 1000 5,5 4,6 + 1,6 1 100 25,1 14,6 — 1,1 1500 3,3 2,7 + 1,6 110 — — — 0,5 2000 — + 0,6 120 — — — 0,3 2750 — — — 0,3 130 — — 4-0,6 4170 — 0,7 — 140 — — + 0,8 4600 — — 0,5 150 — — + 0,8 5834 1,3 — — 200 20,8 + 1.4 Wir bemerken zunächst, daß in den Polarmeeren bis in große Tiefen eine verkehrte Schichtung oder indirekte Stratifikation anzu- treffen ist, daß das Oberflächenwasser bis zu einer Tiefe von 150 m Temperaturen unter 0° aufweist und daß dann erst Schichten folgen, in denen die Temperatur über O*' steigt. Zwischen 300 und 400 m liegt eine Schicht wärmsten Wassers. Von hier ab erst nimmt die Temperatur ungefähr gleichmäßig ab, um erst in 2000 m Tiefe wieder auf ungefähr 0*^ abzusinken. Die Bodentemperatur beträgt etwa —0,5° C. Wir haben uns noch die Frage vorzulegen, ob auch im Meere jene eigenartige Erscheinung zu beobachten ist, die wir in unseren Süßwasserseen bereits kennen lernten: die Sprungschicht oder Thermokline. Da für ihre Entstehung im Meere ähnliche Be- 5* 68 Kapitel n. Das Wasser. dingungen gegeben sind wie im Süßwasser, müßte sie sich auch in den Ozeanen auffinden lassen, und das ist tatsächlich der Fall. Das Vorkommen der Sprungschicht ist nach Schott nicht auf einen Ozean beschränkt, sondern ist in allen tropischen Meeren konstatiert, und es beläuft sich die Dicke der Schicht mit 2" überschreitenden Gradianten auf 25,50 oder höchstens 75 m. Die Schicht liegt stets zwischen 50 und 200 m Tiefe, wie aus der folgenden Zusammen- stellung zu ersehen ist: Mittellage der Sprungschicht im: Atlantik 25—80 m Indik 90—140 m Pazifik 110—180 m Für die Beherbergung von Dauersporengenerationen und Schweb- sporen ist die Sprungschicht jedenfalls im Leben der ozeanischen Planktonten von großer Bedeutung. Wie im Süßwasser werden auch im Meere die absinkenden Formen wegen des Eintrittes in ein dich- teres Medium hier offenbar einen längeren Aufenthalt erleiden. Das- selbe gilt von den zu Boden sinkenden Nährstofflösungen. Schließlich mögen noch die für die polaren Meere so charak- teristischen Eisberge hier kurz Erwähnung finden. Ihre Geburtsstätte sind die von dem Festlande der Arktis und Antarktis in die See vorwachsenden Gletscher. Der Unterschied zwischen dem spezifischen Gewicht des Seewassers und des Inlandeises führt dazu, daß das ungefähr horizontal dem Meer aufliegende Ende des Gletschers mit dem landwärts gelegenen Gletscherteil einen sehr stumpfen Winkel bildet, und der Auftrieb des Wassers dürfte eine der Ursachen sein, daß mit der Zeit das äußerste Ende des Gletschers abbricht („Kalben" genannt) und als tafelförmiger Eisberg den Strömungen überlassen fortschwimmt. Genaue Berechnungen haben ergeben, daß die Eisberge zu etwa % ihrer Höhe ins Wasser eintauchen, das ist etwa bis in 400 m Tiefe und nur mit y. über dasselbe vorragen. Die Höhe der Eisberge vom Wasserspiegel ab schwankt nach den Beobachtungen der „Valdivia" in der Antarktis zwischen 30 und 60 m. Was wir über den Einfluß der Teraperaturverhältnisse auf das Limnoplankton sagten, gilt natürlich ebenso für das Haliplankton ; auch hier haben wir zunächst kosmopolitische eurytherme Plank- tonten und auf gewisse Temperaturgrade abgestimmte und daher nur beschränkt verbreitete stenotherme Planktonformen zu unterscheiden, die wir nach ökologischen Gesichtspunkten wieder in Kaltwasser- und Marine Sprungschicht; Eisberge; eury- und stenothenne Haliplanktonten. 69 Warm wasserformen unterteilen können. Und wir werden dabei mit Ortmann nicht so sehr auf die Isokrymen (nach Dana Linien gleicher niederster Temperatur) zu achten haben, d. h. auf die jeweilige absolute Temperaturhöhe, die für die einzelnen Organismen ein Mini- mum der Existenzmöglichkeit darstellen, als vielmehr an die Ampli- tude zu denken haben, das ist die Größe der zeitlichen Temperatur- schwankungen an den einzelnen Lokalitäten. Die einzelnen Planktonten richten sich zwar auch nach der absoluten Höhe der Temperatur, die durch das Jahresmittel angegeben wird, viel wichtiger aber ist es, ob an einer bestimmten Stelle bedeutende Schwankungen vorkommen oder nicht. Die stenothermen Tiere vermögen derartige bedeutende Schwankungen nicht zu ertragen, sie sind an eine mehr gleichmäßige Temperatur gebunden, während die eurythermen Tiere von oft be- deutendem Wechsel nicht affiziert werden. In einzelnen Fällen konnten tatsächlich schon die Temperatur- schwankungen, die Amplituden, angegeben werden, innerhalb deren dieser oder jener Planktont sich dauernd zu erhalten / ^\ -^ \\ vermag. So können z. B. von den stenothermen Warmwassercopepoden der Gattung Copüia (Fig. 28) C. mirabilis nach Dahl nur in Wasser von 23 — 29^ C, C. mediterranea und fjuadrata nur in sol- chem von 14 — 26*^ C gut gedeihen. Je weiter wir nach der Tiefe zu vorschreiten, desto geringer werden die Temperaturschwankungen, und wir dürfen daher nicht erwarten, daß klimatische Einflüsse das abyssale Plankton irgendwie beein- flussen. Charakteristisch für die Tiefsee ist das gleichmäßig kalte Wasser, und das abyssale Plankton wird sich daher größtenteils aus stenothermen Kaltwasser- formen zusammensetzen. Wir haben früher gesehen, daß die Temperaturverhältnisse der Fig. 28. Copüia mediterranea (Clatis). (Original.) 70 Kapitel II. Da« Wasser. Tiefsee denen der Polai-meere ähnlicli sind, und wir dürfen daher auch in der Zusammensetzung des Planktons, das ja hier wie dort hauptsäch- lich aus Kaltwasserformen besteht, gewisse Übereinstimmungen er- warten. Finden wir doch auch beim Geobios Beziehungen zwischen den polaren Organismen und denen der Hochalpen, und auch das Limnoplankton hochalpiner Seen zeigt nach Zschokke u. a. A. viel- fach hochnordischen Charakter. Schon James Clark Roß war es 1841 aufgefallen, daß die marinen Polarformen gegen den Äquator zu immer mehr in tiefere Regionen absteigen, und Roß dachte auch schon daran, ob nicht viel- leicht in dem kalten Tiefenwasser der Aquatorialregion ein Austausch zwischen den beiden polaren Faunen erfolgt. Von dem gleichen Gedanken ausgehend suchte Chun die Be- ziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton klar- zustellen, und er glaubte auch einige w^enige Planktonarten gefunden zu haben {Scujiüa [Krolinia] liamata und Dipliyes arctica), die an- scheinend tatsächlich an den Polen das Oberflächenwasser und das kalte Tiefenwasser der dazwischen liegenden Meere bewohnen. Damit wäre auch der Weg bezeichnet, auf dem noch heute ein beständiger Aus- tausch polarer Formen vor sich gehen könnte (s. Kap. VII, 1). Wenn wir schließlich uns noch die Fraore vorlegen, in welcher Weise die Eisberge der polaren Regionen das Plankton beeinflussen, so mag zunächst daran erinnert werden, daß trotz der verhältnismäßig günstigen Existenzbedingungen, die wegen der direkten Insolation usw. dem arktischen und antarktischen Plankton an der Meeresoberfläche geboten sind, dieses doch hier nur spärlich vertreten ist, weil, wie wir früher erwähnten, offenbar der eine ungünstige Faktor (Aussüßung durch das Schmelzwasser der Eisberge) gegen die anderen, günstigen von ausschlaggebender Bedeutung ist. Die Eisberge scheinen aber auch^ wie u. a. Giesbrecht ver- mutet, an ihrer Unterseite litorale Organismen vom Festlande her bis weit in den Ozean fortzuführen, und diese dann auf der Hochsee gefischten „zufällig- oder tychoplanktonischen" Organismen bilden einen zwar quantitativ zumeist kaum bedeutenden, doch darum nicht minder interessanten Bestandteil des arktischen und antarktischen Planktons. Nach Gran können die Dauersporen von Diatomeen [Chaetoceros contortum, Thalassiosira nordenskioldi) in den treibenden Eisschollen des Nordpolarmeeres einfrieren und bewahren dabei doch ihre Keim- fähigkeit. Das Treibeis ersetzt demnach gewissermaßen den neriti- schen Diatomeen die seichten Küsten, auf deren Grunde sie nach Thermik und Planktonleben des Meeres. 71 einer bestimmten Periode der Ruhe aufzukeimen beginnen, und ver- ursacht, daß solche Sporen dann nach oft langer Wanderung an gaaz anderen Stellen, als wo sie gebildet wurden, keimen. überdies sind auch höher organisierte Planktonten gegen tiefe Temperaturen recht unempfindlich. Reibisch stellte z. B. fest, daß das Einfrieren von Scholleneiern ohne Schädigung ertragen werden kann. Selbst so zarte Gebilde wie die Sphärozoen und Collozoen ertragen nach Brandt stundenlange Abkühlung auf 1°, ohne zu sterben; sie erleiden jedoch gewisse Verändenmgen, die erst nach 2 — 3 Tagen ein Wiederaufsteigen der zu Boden gesunkenen Tiere möglich machen. Literatur. 1. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 2. Amberg, 0. (s. p. 46 Nr. 1). 3. Bachmann, H. (s. p. 17 Nr. 2V 4. Birge, E. A. Plankton Studies on lake Mendota 1,11. Transact. of Wiscons. Acad. Bd. 10, 11, 1895—97. 5. Brandt, C. (s. p. 46 Nr. 7). 6. Burckhardt, G. Quant. Studien ü. d. Zooplankton des Vierwaldstättersees. Mitt. naturf. Ges. Luzern 1900. 7 Chodat, R. Algues vertes de la Suisse. Mat^r. pour la flore cryptog. suisse, Bd. 1. Beme 1902. 8. Chun, C. (8. p. 17 Nr. 4). 9. Chun, C. Die pelagische Tierwelt in größeren Meerestiefen . . . Bibl. Zoo- logica H. 1. 1887—88. 10. Chun, C. Die Beziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton. Stuttgart, E. Nägele, 1897. 11. Chun, C, Schott, G., u. Sachse, W. 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Schon die primitive Gestalt der gewöhnlich zur Untersuchung der Transparenz dienenden Apparate zeigt uns, daß wir einen Wissens- zweig vernachlässigen, der für das Planktonleben zumindest von der- selben Bedeutung ist wie die Untersuchungen über Wärme, Chemis- mus u. dgl. Zur Feststellung der Durchsichtigkeit des Wassers bedient man sich heute noch vielfach einer weißen, kreisrunden Mattscheibe von 20 cm Durchmesser (Krümmel gibt 50 oder 45 cm Durchmesser an). Man hat nun die Tiefe (Sichttiefe) zu beobachten, in der die Scheibe dem Auge entschwindet, nach weiterer, tieferer Versenkung beim Aufziehen eben wieder sichtbar wird. Es empfiehlt sich, das arithmetische Mittel aus der Maßzahl für die Tiefe beim Versenken der Scheibe und der etwas kleineren beim Wiedererscheinen derselben zu nehmen, weiters die Messungen mehr- mals hintereinander vorzunehmen und auch daraus wieder das Mittel zu berechnen. Amberg schlägt vor, auf die Scheibe ein schwarzes Kreuz malen zu lassen, da sich dann die Sichtbarkeitsgrenze viel schärfer markieren läßt als mit einer reinweißen. Im Notfalle kann auch statt der Scheibe einfach das Planktonnetz beim vertikalen Fischen zur Bestimmung der Transparenz verwendet werden. Bei bewegtem Wasser muß die Transparenzbestimmung unter Anwendung des Wasserspiegels geschehen, eines Holzrahmens, der auf das Wasser gelegt wird. Auch Ausgießen oder Ausspritzen von Ol, wie es bei italienischen Fischern üblich ist, glättet die Wellen; bei starken Wellen ist allerdings die Transparenzbestimmung unmög- lich. Um das Auge vor allen störenden Lichtreflexen zu schützen, ist es vorteilhaft, die Transparenzbestimmung unter einem schwarzen Schirm oder Tuch vorzunehmen. Die ersten, noch unvollkommenen Senkversuche wurden schon 1817 von 0. von Kotzebue an Bord des Rurik im Pazifischen Ozean angestellt; planmäßige Versuche in größerem Maßstabe stellten dann Lorenz, P. Secchi (daher der Name Secchischeibe) und Cialdi, Wolf imd Luksch, Kapitän Ascherborn u. m. a. an. Statt einer weißen kann man auch rote, gelbe oder sonstwie gefärbte Scheiben benützen. Kaum viel vorteilhafter ist die Methode (von Soret, Spindler und Wrangell) der Versenkung eines leuchtenden Körpers, etwa einer elektrischen Lampe, bei welcher man genau die Zusammen- setzung des Lichtes, sowie dessen Intensität kennt und letztere kon- 74 Kapitel IL Das Wasser. stant zu erhalten vermag. Es zeigt sicli bei derartigen Versuclien, daß wir vor allem zwischen direktem und diffusem Licht genau zu unterscheiden haben, indem sich das letztere in ungefähr doppelt so großen Entfernungen ausbreitet als diejenige Entfernung ist, in welcher ein leuchtender Punkt, eben die Lichtquelle, dem Auge entschwindet. Denn auch dann noch, wenn der Lichtpunkt selbst dem Auge längst entschwunden ist, bleibt das Wasser in der Umgebung der versenkten Lampe immer noch erhellt. Bei aUen diesen Bestimmungen funktioniert das menschliche Auge als Photometer, bekanntlich ein individuell sehr variabler Apparat. Es könnten daher im besten Falle nur von demselben Beobachter mit denselben Methoden durch gleich sorgfältige Untersuchungen gewonnene Werte miteinander verglichen werden. Wir müssen bedenken, daß man sich anfangs hauptsächlich für die Frage interessierte, bis in welche Tiefen überhaupt das Licht noch vorzudringen vermag, d. h. von welcher Tiefe ab wir von einer „aphotischen" Region sprechen können. Man kam auf den Gedanken, die Reduktion von Silbersalzen durch das Licht d. h. die dabei auftretende Schwärzung des chemischen Präparates als Maß für die Lichtstärke zu benützen. In jener Tiefe,, wo keine Schwärzung mehr eintrat, glaubte man den Beginn der „aphotischen" Region ge- funden zu haben. Die ersten zur Versenkung photographischer Platten verwendeten Apparate von Forel und Fol hatten zunächst zwei Übelstände. Sie öffneten sich beim Aufstoßen auf den Boden und konnten immer erst bei Nacht an die Oberfläche gezogen werden, v. Petersen konstruierte daher einen Apparat, der uns von der Tiefe unabhängig macht, indem er in jeder gewünschten Tiefe sich öifnet und nach der Exposition sich selbsttätig schließt. Ebenso verbesserte Roux den Forel sehen Apparat, so daß er jetzt auch bei vollem Tageslicht ver- wendet Averden kann. Die von Petersen verwendete Bromsilberplatte, die vom See- wasser nicht angegriö'en werden soll, liegt in einer Bleidose. Der ebenfalls aus Blei bestehende Dosendeckel kann an einem Scharnier auf- und zugeklappt werden und greift in einen doppelten Falz derart ein, daß seitlich kein Lichtstrahl einzudringen vermag. Die Dose hängt exzentrisch, freibeweglich in einem Rahmen und würde dem- gemäß ohne weitere Vorrichtung die aus Fig. 29 c ersichtliche Stellung einnehmen. Um nun in beliebiger Tiefe ein Ofihen des Deckels, also eine Exposition herbeizuführen und nach beliebiger Zeit wieder die Dose zu schließen, ist nach dem Prinzip des Negnetti- und Zambra- Photometer. 75 sehen Umkippthermometers ein Propeller verwertet, der erst durch Aufziehen des Apparates in Bewegung gesetzt wird. Ein feines, an den Propeller befestigtes Schraubengewinde greift durch eine Schrauben- mutter in den durchbohrten Rand der Dose ein und steckt etwa einen halben Zentimeter tief in dem seitlichen Falz des Deckels. Der Apparat wird nun in eine beliebige, durch das Zählwerk der Lotleine kontrollierbare Tiefe hinabgelassen (Fig. 29 a). Wird er, dort angelangt, in die Höhe gezogen, so hebt sich das " Schraubengewinde durch die Drehung der Propellerflügel und tritt aus dem entsprechenden Falz des Deckels. Letzterer klappt auf und die Platte wird exponiert (Fig.29 b). Ein dem Deckel seitlich anhängen- des Bleigewicht er- leichtert das Auf- klappen, welches bei einer Hebung i des Apparates um 2,5 m erfolgt. Hat man die erforder- liche Zeit hindurch exponiert, so tritt bei einer weiteren Hebung des Appa- rates das Gewinde St. Fig. 29. Petersens photographischer Apparat zur Messung der Lichtintensität in größeren Tiefen. (Nach Chun.) fi geschlossen, beim Versenken ; b geöffnet, beim Beginn des Aufholens; c geschlossen, aufgeholt. auch aus der entsprechenden Öffnung der Dose und letztere, weil exzentrisch aufgehängt, klappt zu (Chun). Allein je feinere, lichtempfindlichere Apparate man verwendete (Chromsilberpapier, Bromsilberpapier, Bromsilbergelatineplatten), desto weiter nach unten mußte der Beginn der aphotischen Region an- gesetzt werden. Viel wichtiger für die Biologie des Plaul^tons ist die Frage nach der Intensität des Lichtes in den einzelnen Wasser- schichten, in denen assimilierendes Phytoplankton sich aufhält, denn die untere Verbreitungsgrenze des Phytoplanktons muß ja mit dem ihnen eben noch genügenden Lichtintensitätsminimum zusammenfallen, sowie die Verbreitungsgrenze nach der Oberfläche mit einem eben 76 Kapitel 11. Das Wasser. WZ noch erträglichen Lichtintensitätsmaximum für die betreffenden Formen übereinstimmen muß; ja es könnten auch tägliche, jährliche Liclit- intensitätsschwankungen mit ebenso periodisch verlaufenden Ortsverände- rungen des Phytoplanktons und damit des Plankton überhaupt in Beziehung gebracht werden. Dazu ist es zunächst nötig, die Lichtintensität in beliebiger Tiefe genau, zahlenmäßig festzustellen und durch das Aufstellen einer fixen Intensitätseinheit eine Intensitätsskala in Anwendung zu bringen, die einen Vergleich der ge- fundenen Werte ermöglicht. Weiters ist es zur richtigen Beurteilung der Qualität des Lichtes in verschiedenen Tiefen mit Rücksicht auf die auswäh- lende Absorption des Wassers nötig, nicht das gesamte, in der betreffenden Tiefe vorhandene Licht, sondern immer nur einen ganz bestimmten Spektral- teil desselben mit Ausschluß sämtlicher übrigen Strahlengattungen, mögen diese nun ebenfalls das betreffende photo- graphische Präparat beeinflussen oder nicht, zu messen. Wenn man nun in derselben Tiefe alle Teile des Spek- trums einzeln nacheinander prüfen könnte, würde man erkennen, ob und welche Spektralteile in dieser Tiefe fehlen, d. h. zu schwach sind, um noch chemisch wirksam zu sein. Linsbauer versuchte nun, einen Apparat zu konstruieren, der es er- laubt, mithochempfindlichen Silbersalzen Films), welche in beliebiger Tiefe eine bestimmte Zeit hindurch dem Lichte ausgesetzt wer- den, in vergleichenden Maßanoraben die Lichtintensität zu ermitteln. Mit Rücksicht auf die spektrale Zerlegung des Lichtes im Wasser ist es weiters nötig, zur Intensitätsbestimmung nur möglichst mono- Fig. 30. Linsbauers Photometer. (Nach Linsbauer, etwas verändert.) Die einzelnen Bestandteile sind überein- ander gezeichnet. A Gehäuse (Dose). A' der Deckel mit sei- nem Mechanismus: rechts die Dunkel- kammer zur Aufnahme der Gefäße mit ab- sorbierenden Flüssigkeiten, welche nur spektroskopisch bestimmtes Licht durchzu- lassen haben. Der unteren Lichteinlaß- öfEnung entspricht eine ebensolche, durch eine Glasplatte verschlossene am Dosen- deckel (auf der Fig. nicht sichtbar); links der Elektromagnet, zwischen beiden, im Deckelzentrum, die Scheibenachse mit Fe- der und Zahnrad. Auf diese Achse wird i • i K, die fi fenstrige Kreisscheibe mit den Films (photOgraphlSChcn aufgesetzt, die durch den darüber befestig ten Stern L niedergehalten werden. Photometer; Transparenz der Seen. 77 chromatisches Licht zuzulassen und für dieses Licht die photographi- schen Platten zu sensibilisieren. Der Apparat muß licht und wasser- dicht und bei Anwendung in größeren Tiefen entsprechend solid und schwer gebaut sein. Eine elektrische, vom Boote aus zu handhabende Auslösevorrichtung ermöglicht, mehrere Aufnahmen in einem Zuge zu machen (Fig. 30). Die Form des Apparates ist die einer flachen Dose. Der Deckel (Ä') der Dose (Ä) trägt den ganzen Bewegungs- d. h. Expositions- mechanismus. Derselbe besteht aus zwei Hauptteilen: Der eine be- wirkt die Umdrehung einer Achse, an welcher ein Träger zur Auf- nahme der lichtempfindlichen Schicht (Platte, Papier usw.) befestigt ist, der zweite reguliert die Bewegung, welche er teils auslöst, teils arretiert. Die Auslösung sowie die Arretierung erfolgt durch einen Elektromagneten. Seine beiden Spulen sind ebenfalls auf dem Dosen- deckel montiert. (Näheres s. in der Figurenerklärung.) Für Lichtuntersuchungen in geringeren Tiefen konstruierte Lins- bauer einen einfacheren, handlicheren Apparat. B. Ergebnisse. Trotz der Einfachheit und Mangelhaftigkeit der Methode haben doch auch die Versuche mit der Senkscheibe zu einigen interessanten Ergebnissen geführt, die wir zunächst bezüglich des Süßwassers karz besprechen wollen. Die Sichttiefe ist je nach der Lokalität eine recht verschiedene. Man fand sie im Maximum im: Lake Tahoe (ü. S. A.) in 33 m Tiefe Annecysee Gardasee . . . . „ 21,6,, „ Genfersee . . . . „ 18,6,, „ Vierwaldstättersee . „ 17,4,, „ Nyassasee . . . . „ 16 „ „ Bodensee . . . . „ 11,5,, „ Wie bei der Besprechung des Chemismus sehen wir auch hier bei der Transparenz einen gewissen Zusammenhang mit der Tiefe des Gewässers, die im allgemeinen proportional ist der Durchsichtigkeit, doch gibt es natürlich auch hier noch andere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen und nicht wenige Ausnahmen. Im Meere, insbesondere in der Hochsee der wärmeren Zone, dürfte die Sichttiefe bedeutender sein, während wir die geringsten Maximal- zahlen in der Küstennähe zu erwarten haben. Hier einige Beispiele. Die Maximalsichttiefe beträgt ungefähr: Annecysee . in 11 m Tiefe Plönersee . . }f 10 „ „ Zürichersee . }} 9,5 „ „ Hallstättersee j} ^f^ » « Lac de Bret . V ö;ö 7f }f Katzensee 4,5 „ „ 78 Kapitel II. Das Wasser. im Golf von Triest . 13 m im Indik . . . . 45 m „ Quarnero . . . 24 „ „ Roten Meer . • 51 „ „ östl. Mittelmeer . 30 „ In der Ostsee erreicht nach Aschenborn die Transparenz nur ungefähr den dritten Teil der im Mittelmeer beobachteten. Mit ungefähr 50 m dürfte das überhaupt erreichbare Maximum der Sichttiefe gegeben sein. Bezüglich des jahreszeitlichen Wechsels der Transparenz gilt als durchaus nicht allgemein gültige Regel ein Maximum im Winter und ein Minimum der Durchsichtigkeit im Sommer. Beeinflußt wird die Transparenz in erster Linie von der Menge der suspendierten minerali- schen, sowie organischen Körperchen (Plankton), ferner von der Beleuch- tung und der Tageszeit, der Farbe und Tempe- ratur (wenigstens in- direkt). Die Fig. 31 zeigt sehr schön die Abhängigkeit derDurch- sichtigkeit vom Plank- tonsehalt des Wassers. c/v»v -9 *••.. -8 -7 1. c^Ittt/ic^. % ■s ii i> ."■•"'" ■h / i ' i -h 1 i i \ 2.c)rUvx^. ■^ -.1^-^ 1 1 1 ' ' 1 VvT"T\ -1 : — ^""^i i 1 ' 1 I . -0 ; 1 \ ' , 1 ' 1 1 ' ! i 1 1 ■'■ I iririiry'srmiaiiixiiiiir Fig. 31. Planktonquantität und Transparenz des lac d'Annecy in den einzelnen Monaten auf Grund zehnjähriger Beobachtungen. (Nach Le Roux.) Die Farbe des Wassers wird, wie im nächsten Abschnitt gezeigt werden soll, hauptsächlich durch die im Wasser suspendierten Körper bedingt. Die Temperatur des reinen Wassers beeinflußt allerdings, wie experimentell nachgewiesen wurde, die Transparenz, indem wärmeres Wasser mehr Licht absorbiert, mithin weniger durchsichtig ist als kälteres, doch spielt dieser Faktor im Vergleich zu den folgenden kaum eine größere Rolle. Weit wichtiger sind jedenfalls die klima- tischen Verhältnisse, die durch sie bedingten Trockenheits- und Regen- perioden, die Schneeschmelze u. dgl.; sie führen namentlich in Seen und an Küstengebieten bedeutende Trübungen herbei und verursachen oft geradezu im Gegensatz zur oben angegebenen Regel ein Minimum der Transparenz im Winter, ein Maximum im Sommer, wie es z. B. von Huber im Montigglersee, von Lorenz im Quarnero und von mir im Golf von Triest nachgewiesen werden konnte. Transparenz und Planktongehalt. 79 Huber findet folgende Mittelwerte der Sichttiefe in dem von ihm untersuchten See: Winter 2 m Sommer 3,70 m Frühling 2,85 „ [ Herbst ...... 3 „ Lorenz fand im Quarnero (1858) folgende Werte: Februar — April . . . 8 — 14 m 1 Juni — (inkl.) September 20 — 24 m Mai 16 >? I Oktober- — Dezember . 10 — 12 „ Im Triester Golf fand ich im Jahre 1900 ein Minimum im Januar (3,5 m), ein Maximum Ende September (13 m); im speziellen ist aber der Kurvenverlauf sehr variabel, da das Wasser des seichten Golfes durch starken Seegang und anhaltenden Regen jederzeit in kurzem eine erhebliche Trübung erfährt. Dasselbe gilt von Flußseen und flachen, den Winden preisgegebenen Seen der Ebene. Der Einfluß des Planktons auf die Durchsichtigkeit des Wassers scheint früher vielfach insofern überschätzt worden zu sein, als man annahm, daß in allen Fällen die Quantität des Planktons die Trans- parenz des Wassers beeinflusse. Das ist tatsächlich der Fall in plankton-, namentlich phytoplanktonreichen Seen, so in denen der norddeutschen Tiefebene. Apstein gibt darüber folgende Daten: Molfsee Westensee Plönersee Plankton gehalt . . 1363 ccm 167 ccm 13 ccm Transparenz . . . 0,5 m 6 m 10 m Ahnlich liegen die \^ erhältnisse im Meere. G. Schott kommt zu dem Resultate, daß das Planktonvolumen von überwiegendem und maßgebendem Einfluß auf die Transparenz des Meerwassers, jedoch nicht als die einzige Ursache zu betrachten ist. Während der Valdivia- Expedition zeigten z. B. im Durchschnitt Planktonvolumen Sichttiefe 11 planktonarme Stationen 85 ccm 26 m 12 planktonreiche Stationen- 530 „ 16 ?> Wie eingangs erwähnt wurde, stand ursprünglich die Frage im Vordergrunde: Wie weit geht das Licht überhaupt in die Tiefe? Forel stellte im Jahre 1883 im Genfersee mittels Chromsilberplatten die „Reaktionstiefe" im Frühling bei 45 m, im Winter bei 100 m fest; durch Verwendung der empfindlichen Brom silberplatten rückte die Reaktionstiefe bis gegen 170 m hinab, im Mittelmeer endlich nach den Untersuchungen des „Albatros" auf 400 m, und Wolf und Luksch berichten, daß mit den von ihnen verwendeten Platten selbst in 500 m Tiefe die Reaktionstiefe noch nicht erreicht war. Wir ersehen also aus diesen Angaben, daß die Reaktionstiefe mit der Empfindlichkeit der photographischen Platten wächst. Um den 80 Kapitel II. Das Wasser. Beginn der aphotischen Region nach dieser Methode wirklieh über- haupt feststellen zu können, müssen wir uns zu der Annahme be- quemen, daß erstens das Licht in jenen Grenzschichten nur aus einer oder einigen wenigen Strahlenarten besteht, nämlich bloß aus den ehemisch wirksamen, die photographischen Platten beeinflussenden blauen und violetten Strahlen, während doch noch andere, chemisch nicht wirksame Strahlen vorhanden sein und noch tiefer ins Wasser eindringen könnten, und daß weiters die Empfindlichkeit der Platten erst dort aufhört, wo auch die Intensität der wirksamen Strahlen gleich Null wird; das dürfte aber kaum der Fall sein, denn die Platten werden jedenfalls schon in jenen Tiefen sich nicht mehr schwärzen, wo noch Lichtstrahlen vorhanden sind. Bezeichnen wir die Stärke des auf die oberste Wasserschicht auf- fallenden Lichtes mit i und werde letzteres durch eine Wasserschicht von bestimmter Dicke auf den wten Teil seiner ursprünglichen In- tensität abgeschwächt, nachdem es diese Wasserschicht passiert hat, so herrscht nunmehr nur noch eine Lichtstärke L = -. Nach dem 1 n Passieren einer zweiten, gleichmächtigen, in ihren Eigenschaften sich ebenso verhaltenden Wasserschicht wird auch diese Lichtstärke «\ wiederum auf den wten Teil abgeschwächt worden sein, d. h. es ist ig = - 5 oder, wie leicht ersichtlich, ig = ^ , usw. Daraus folgt die allgemeine Formel für die in einer beliebigen Tiefe m herrschende Lichtintensität «'^, wenn das mit der Intensität i auffallende Licht durch die Schichteneinheit auf - der ursprünglichen Stärke abgeschwächt wird. Es ist nämlich «' = — , in Worten: Wenn die passierten Wasserschichten in arithmetischer Progression zunehmen, so nimmt die Intensität des jeweilig herrschenden Lichtes in geo- metrischer Progression ab. Daraus folgt der theoretisch richtige Schluß, daß i^ = wird, wenn tn = oo ist, anders ausgedrückt, daß die im Wasser vorhandene Lichtstärke erst nach dem Passieren von unendlich vielen Schichten gleich NuU wird; d. h. selbst in den allergrößten Meerestiefen ist noch eine gewisse, wenn auch minimale Lichtstärke vorhanden, das Licht — und das gilt für jede einzelne Farbe — dringt bis zum tiefsten Grunde in das Wasser ein. — Ob sich diese theoretische Folgerung bewahrheitet, ist fraglich; jedenfalls dringt das diffuse Licht tiefer ein als direktes Licht, wie aus den früher erwähnten Versuchen von Soret hervorgeht. Aphotische Region; Lichtintensitätsabnahme. 81 Fol und Sara sin vermuten für den Genfersee in 120 m Tiefe noch starkes Licht, in 170 m Tiefe soll die Beleuchtung der einer klaren, mondscheinlosen Nacht gleichen. Wenn wir uns daran erinnern, daß das Sonnenlicht aus ver- schiedenfarbigen Strahlen zusammengesetzt ist, wird es uns interessieren zu erfahren, in welcher Weise diese verschiedenfarbigen Strahlen vom Wasser absorbiert werden. Um dies zu entscheiden, wurde statt der weißen Senkscheibe eine andersfarbige (rote, gelbe usw.) genommen und es zeigte sich, daß die schwächer brechbaren Strahlen (rot, gelb) des Spektrums zuerst verschwanden. Wir werden schon durch diese Tatsachen veranlaßt, das Licht nicht mehr in seiner Gesamtheit zu betrachten. Kny machte bereits den Vorschlag, die stärker und schwächer brechbare Hälfte des Spektrums gesondert zu untersuchen. „Erstere sollte mit Hilfe eines photogi-aphischen Papiers gemessen werden. Zur Ermittelung der Intensität der letzteren aber schlug er vor, eine Wasserpflanze in einem luftdicht schließenden Gefäße gleichzeitig mitzuversenken und zwar unter vollständigem Licht- abschluß. Erst in der gew ünschten Tiefe wäre die Pflanze und das Papier eine Zeitlang zu exponieren. Schwärzung des Papieres muß dann die Gegenwart (und Stärke) der kurzwelligen Strahlen angeben, während die Änderung des Kohlendioxyd- bzw. auch des Sauerstoff- gehaltes des vorher daraufhin genau untersuchten Yegetationswassers auf die etwaige Anwesenheit assimilatorisch wirksamer Strahlen hin- wiesen." Dieser Versuch führt uns auf die für die Biologie des Planktons wichtigste Frage der Lichtverhältnisse im Wasser, nämlich auf die für die Assimilation des Phytoplanktons nötige Intensität der Licht- strahlen. Hofer, Lampert und Krümmel machen auf die, wie es scheint, zu wenig beachteten, diesbezüglichen Angaben Regnards aufmerksam. Bei einem seiner Versuche wurden die Änderungen der Licht- intensität an der damit proportionalen elektrischen Leitfähigkeit einer Selenzelle gemessen. Das kristallinische Selen hat die Eigenschaft, den galvanischen Strom im Dunkeln sehr gering, im voUen Sonnen- schein aber in etwa lOfacher Stärke zu leiten, und zwar reagiert es vorzugsweise auf die Strahlen des weniger brechbaren (roten) Endes des Spektrums. Es ergaben sich nun, wenn wir die bei vollem Sonnenlicht erhaltene Galvanometerablesung als Einheit =100 setzen, folgende Abstufungen mit der Tiefe: Tiefen: 1 100 52 Steuer, Planktonkandc. 2 3 4 5 7 9 11 m 40 37 34 32 31 30 20 6 82 Kapitel II. Das Wasser. Schon in der geringen Tiefe von einem Meter ist also die In- tensität fast auf die Hälfte, in 4^1^ m auf Yg gesunken, was also eine außerordentlich rasche Abnahme des (roten) Lichtes schon in den obersten Schichten bedeutet, während sie um so langsamer von 7 m abwärts erfolgt, und aus einer graphischen Darstellung kann man schließen, daß eine Intensität = Y4 erst um 100 m herum erreicht worden wäre. Noch krasser ist der Intensitätsschwund in den obersten Wasser- schichten nach den Untersuchungen von Linsbauer im Traunsee. Setzen wir die Intensität des auffallenden Lichtes = 100, so ergeben sich folgende Werte: „. „ stärke des ,^^^. Stärke des durchgelassenen Lichtes durchgelassenen Lichtes m 100 3 m 3 y, „ 29 5 „ 1,4 1 „ 19 10 „ 1,4 2 „ 4,9 Es werden also folgende Prozente des auffallenden Lichtes auf- gehalten: Dicke p . Dicke p der Wasserschicht der Wasserschicht "" 14 m 71 3 m 97 1 „ 81 5 „ 98,6 2 „ 95 10 „ 98,6 Wir sehen, daß die Intensitätsabnahme schon im ersten halben Meter bedeutend ist, ja Regnard findet sie in der Seine sogar schon innerhalb des ersten Dezimeters auffallend stark. In filtriertem Wasser ist die Abnahme der Intensität bedeutend geringer und erfolgt auch gleichmäßiger. Immerhin vermutet Linsbauer, daß der Kurven- verlauf der Intensitätsabnahme im Traunseewasser wenigstens durch Absorption und diffuse Reflexion seitens suspendierter Partikel im Vergleich zur Wirkung des Mediums selbst keineswegs erheblich alteriert werde. Einen Anhaltspunkt für den der Phytoplanktonassimilation nötigen Lichtintensitätsgrad wird uns die vertikale Ausbreitung des Phyto- planktons selbst geben, und da hat es sich gezeigt, daß das Vor- kommen desselben auf d^e „Zweihundertfadenleine", also ungefähr auf eine Oberflächenschicht von etwa 400 m beschränkt ist. Unterhalb dieser Zone kommen jedenfalls assimilierende, lebende Pflanzen nur in sehr geringer Menge vor. Da indessen in dieser 200 Faden-Zone die Verteilung des Phyto- planktons keine gleichmäßige ist, sondern auch hier einige Formen höhere, andere tiefere Zonen bevorzugen, können wir schließen, daß Lichtintensitätsabnahme und vertikale Planktonverteilung. 83 nicht alle Phytoplanktonten auf dieselben Tntensitätsgrade abgestimmt sind. Und in der Tat hat ein mit in Glaskolben eingeschlossenen Diatomeen {Asierionella) unternommener Versuch gezeigt, daß diese Algen sich, in verschiedene Tiefen versenkt, verschieden stark ver- mehrten, und zwar fand die stärkste Vermehrung in Tiefen von 3 bis 8 m statt. Die Versuche ergaben, daß sich Asterionella bei stärkerer Lichtintensität auch stärker vermehrt, daß aber das Lichtintensitäts- maximum in diesem Falle nicht etwa erst an der Oberfläche, sondern schon in 2 m Tiefe erreicht war: in geringeren Tiefen als 2 m näm- lich fand ebenfalls keine Vermehrung mehr statt. Die Ergebnisse dieses Experimentes stimmen gut mit dem über- ein, was wir bisher über die Verteilung des Planktons in den oberen Meeresschichten wissen. In bezug auf das Quantum an lebender, organischer Substanz lassen sich mit Chun die Wasserschichten in drei Etagen gliedern. Die oberste Etage, wir wollen sie die eu- photische Region nennen, reicht bis zu 80 m hinab und ist dadurch charakterisiert, daß in ihr die niederen pflanzlichen Organismen unter dem Einfluß des Sonnenlichtes üppig gedeihen, indem sie durch Assi- milation ihren Leib aufbauen. Die zweite Etage, die dysphotische Region, reicht von 80 bis zu etwa 350 m. Sie zeichnet sich dadurch aus, daß in ihr nur wenig pflanzliche Organismen ganz unabhängig von den verschiedenen, dort obwaltenden Temperaturen ihre Existenz- bedingungen finden. Diese ,,Schattenflora", wie sie Schimper ge- nannt hat, setzt sich hauptsächlich aus einigen Diatomeengattungen (PlanMoniella, Asteromphalus, Coscinodisciis) und aus der kugeligen Alge Halosphaera zusammen. In der dritten Etage, der aphotischen Region, wird nahezu kein lebendes Phytoplankton mehr gefunden. Mit ca. 400 m Tiefe werden wir ungefähr auch die obere Grenze der eigentlichen Tiefsee annehmen können (Chun) — ungefähr, „denn erstens verschiebt sie sich in den polaren Gegenden nach den Jahres- zeiten, in den übrigen nach den Tageszeiten, zweitens leben viele Formen in ihren Jugendstadien in den Oberflächenschichten und drittens reicht für viele das Verbreitungsgebiet bis in höhere Schichten hinauf." (Brauer.) - Daß im Süßwasser den oberflächlichen Algenwucherungen, die als „Wasserblüte" alloremein bekannt sind, bei der Intensitätsabnahme des Lichtes große Bedeutung zukommt, daß sie gewissermaßen als Lichtschirm wirken für das Plankton tieferer Schichten, scheint außer Frage zu sein. Ja, man hatte sogar diese schattenspendenden Algen- wucherungen für das angebliche Nichtwandern des Planktons in verti- 84 Kapitel ü. Das Wasser. kaier Richtung in norddeutschen Seen verantwortlich gemacht (s. Kap. V, 1). Damit soll aber nicht geleugnet werden, daß die wechselnde In- tensitätsabnahme bei den täglichen und jährlichen vertikalen Wande- rungen des Planktons eine hervoiTagende Rolle spielt; wir werden später (s. Kap. Y. 3) sehen, daß nach den Untersuchungen Loebs die „heliotropischen Bewegungen" des Planktons vielfach geradezu in der Richtung der einfallenden Strahlen erfolgen. Literatur. 1. Amberg, 0. (s. p. 46 Nr. 1). 2. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 3. Brauer, A. Fische. Wissensch. 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(s. p. 47 Nr. 31). 18. Regnard, P. Recherches experimentales sur les conditions physiques de la vie dans les eaux. Paris, Masson, 1891. 19. Ruttner, F. U. d. Verhalten d. Oberflächenplanktons zu verschied. Tages- zeiten. Plöner Forschungsberichte. Bd. 12. 1905. 20. Schimjjer, A. F.W. Pflanzengeographie auf physiolog. Grundlage. Jena, G. Fischer, 1898. 21. Schott G. (s. p. 72 Nr. 41). 22. Ule, W. Der Würmsee. Wiss. Veröfi"entl. d. Vereins f. Erdkunde. Leipzig. Bd. 5 1901. 23. Wesenberg-Lund, C. Über Süßwasserplankton. Prometheus, Bd. 17. 1906. 5. Die Farbe des Wassers. A. Apparate. Um die Farbe eines Gewässers zu bestimmen, bedient man sich heute fast ausschließlich der Forelschen Farbenskala (Xantho- meter). Dieselbe besteht aus einer Reihe mit gefärbten Flüssigkeiten gefüllter Röhren. Forel verwendete folgende Stammlösungen: Xanthometer. 85 für blau: 0,5 g Kupfersulfat + 5 ccm Ammoniak + 95 ccm Wasser, für gelb: 0,5 g neutr. chromsaures Kali in 100 ccm Wasser. Dreizehn nach den unten angegebenen Zahlen dargestellte Mischun- gen werden filtriert und in ebenso viele Fläschchen von etwa 8 mm Durchmesser und beliebiger Höhe (etwa 15 cm) gegeben und stellen so eine Skala dar, nach der die Farbe des zu untersuchenden Ge- wässers durch Yerffleich zu bestimmen ist. I u m IV V VI vn VIII IX X XI XII xin 1 blau gelb 100 98 2 95 5 91 9 86 14 80 20 73 27 65 35 56 44 46 54 35 65 23 10 77 90 Um die störende Wirkung der Sonnenstrahlen abzuhalten, spannt man über sich einen schwarzen Schirm auf und sieht an der Schatten- seite des Bootes, indem man sich über die Bordwand vorbeugt, senk- recht auf die Wasserfläche. Bei leicht bewegtem Wasser bedient man sich des Wasserspiegels. Nach in dieser Weise vorgenommenen Beob- achtungen wurde z. B. bezeichnet: Genfersees mit Nr. IV Zürichsees j; VI— VII Katzensees V X— XI Luzernersees V V-VI Lago di Nemi » VI— vm „ „ Albano 77 VIII „ „ Cavazzo )> VIII— IX „ „ Viverone X Im Mittelmeer treffen wir z. B. die Nr. I, II, III, im Roten Meer Nr. IV und V. Die Ostsee ist fast ausnahmslos grün, die Nordsee in ihrem nördlichen und mittleren Teil um einige Prozente der For ei- schen Skala stärker blau; im nördlichen Teil hat v. Drygalski so- gar einmal Nr. II, also fast reines Blau beobachtet. Das reinste und tiefste Blau hat die Sargassosee und das Mittelmeer zwischen Kreta und Zypern. Es zeigte sich sehr bald, daß die Forelsche Skala namentlich wegen des Fehlens der braunen Töne^) nicht ausreichend sei, und Ule mischte daher in einem 21 Flaschen zählenden Satz blauer und 1) Auch das Blau Nr. I genügte Garbini nicht für seine Unteriäuchungen des Gardasees bezüglich des Faxbentones. Ebenso möchte Lorenz zwei bis drei blaue Stammflüssigkeiten herstellen und dann von jeder derselben mehrere Ver- dünnungsgrade festsetzen. 86 Kapitel IL Das Wasser. grüner Farbentöne von Nr. 12 ab in aufsteigender Menge eine braune Farbe von folgender Zusammensetzung: 0,5 g Kobaltsulfat in 95 com Wasser + 5 g Ammoniak. Die erweiterte Forelsche Skala sieht demnach so aus: ||l|2 34|6 6 78|910| 117^12113 11 j 12 13 14 15 I 16 ; 17 18 1 19 i 20 21 1 blau . . i gelb . . ! ; braun . | 100 98 2 95 91 86 6 9 14 80 20 7.S 27 65 56 46 35 23 35 44 54 65 77 10 90 35 35 35 35 35 35 65 60 165^50 145 40 — i 5 10 15 20 25 35 35 30 35 30 35 35 35! 35 25 1 -20 ' 15 40 45 50 Ap stein möchte den braunen Ton schon bei 2 oder 3 ein- geschaltet wissen. Aber auch diese Skala dürfte nicht allen Anforderungen ent- sprechen und Burckhardt schlug daher vor, statt der linearen eine bidimensionale Skala zu verwenden nach folgendem Schema: I II III IV V VI VII VIII IX X XI eventuell noch weitere A = den Forel sehen Mischungen event. weiter bis zum reinen Gelb ,-H ^ U - mit von B zu F usw. wachsendem Zusatz von Kobaltsulfat (Braun) Diesem Schema entsprechen dann folgende Farben: blau grün gelb bD braun — braunrot Eine weitere Form der Farbenskala, die sich eng an die Forel- sche anlehnt und sie durch ihre größere Haltbarkeit übertreffen soll, hat Thoulet ausgeführt; doch ist ihre Herstellung zu umständlich. Weiters kann man zur Bestimmung der Wasserfarbe auch die Neßlerskala benützen. Das zu untersuchende Wasser wird in einen Zylinder von bestimmter Höhe und bestimmtem Volumen gebracht. In gleiche Zylinder bringt man reines Wasser mit wechselnden Mengen einer konzentrierten Ammoniaklösung und je einem Kubikzentimeter von Neßlers Reagens. Es entstehen so verschiedene Farbentöne, die Xanthometer; Ursachen der Wasserverfärbung. 87 raan in der Weise beurteilt, daß man von oben auf die gefüllten Zylinder sieht, die auf weißem Grunde stehen. Mit diesen Farben- tönen vergleicht man die Farbe des zu beurteilenden Wassers. Die Neßlerskala ist indessen nur für deutlich bräunliches oder gelbes Wasser verwendbar (Amberg). Schließlich wäre es auch möglich, die auf Raddes internationaler Farbeuskala in Betracht kommenden 189 Felder für Grün und 63 für Blau für unsere Zwecke zu verwenden, und Lorenz empfiehlt den Vergleich der Seefarben mit einigen bekannten Mineralien, die in einer Typensammlung von etwa 20 Stücken ähnlich wie die Forel- sche Skala zu verwenden wären. Der Vorteil läge dabei in der ge- naueren Unterscheidung von Lasur- und Deckfarben. Daß hiermit aber die in der Natur vorhandenen Übergänge zweifelfrei zu definieren sein werden, erscheint Krümmel ausgeschlossen. Endlich versuchte (ähnlich wie früher schon Steenstrup) Fri- soni die Bestimmung der Wasserfarbe mittels verschieden gefärbter Gläser. Wir ersehen aus all diesen Versuchen, daß wir ebenso wie bei den Lichtmessungen auch bei der Bestimmung der Farbe des Wassers zu keinen exakten Resultaten kommen können, solange unser Auge selbst als Meßapparat zu dienen hat. B. Ergebnisse. Zunächst ist es notwendig, zwischen der Farbe des vollkommen reinen Wassers und zwischen der Eigenfarbe eines bestimmten telluri- schen Gewässers genau zu unterscheiden. Optisch leeres Wasser von vollkommener Durchsichtigkeit muß uns über tiefen Regionen vollkommen schwarz erscheinen; destilliertes Wasser hat in Schichten von 1 — 2 und mehr Meter Dicke eine schöne, natürliche, blaue Farbe: je durchsichtiger, desto blauer ist im all- gemeinen das Wasser. Blau sind im allgemeinen die Quellseen, grüne Seen vor allem in humusarmen Gegenden, insbesondere im Kalkgebirge anzutreffen, braune Seen in humusreichen Gegenden, besonders im Ur- gebirge und in Moorgegenden (Breu). Als Faktoren, die eine Ver- änderung der reinblauen Wasserfarbe in Gelb, Grün, Rot und Braun bedingen, werden etwa folgende namhaft gemacht: 1. Tiefe des Wassers, 2. Farbe des Grundes, 3. Intensität des Himmelslichtes (Klarheit oder Bewölkung des Himmels), 4. Erhebung der Sonne über den Horizont, 5. Temperatur und Salzgehalt, welche den Brechungsindex des Wassers verändern, 6. Bewegung der Ober- fläche, 7. Beschaffenheit, Größe und Menge der vom Wasser in der 88 Kapitel II, Das Wasser. Schwebe gehaltenen mineralischen oder vegetabilischen Körper (Algen) und Tiere. Selbstverständlich sind diese Faktoren nicht in gleicher Weise an dem Zustandekommen einer bestimmten Wasserfarbe beteiligt; so sind z. B. nach neueren Untersuchungen (Valdivia) farblose, voll- kommen crelöste Salze wohl ganz ohne Einfluß, während die Braun- oder Grünfärbung kleiner Seen vielfach durch die im Wasser gelösten Humussäuren verursacht werden soll, von denen schon ein geringer Zusatz genügt, um das Azurblau chemisch reinen Wassers in grüne, bei Mehrzusatz in braune Töne überzuführen. Ein intensives Kaffee- braun zeichnet z. B. die Wasserfarbe schottischer Seen aus. „Noch nirgends", schreibt Bachmann, „ist mir die Tatsache, daß die braunen Farbentöne der Seen ihren Ursprung in Humussäuren haben, so an- schaulich vor Augen geführt worden, wie in Schottland" Für uns ist jedenfalls die Färbung des Wassers durch pflanzliche und tierische Körper, speziell Plankton ten, zunächst von Interesse, und die neueren Planktonuntersuchungeu haben in der Tat gezeigt, daß zwischen der Qualität und Quantität des Planktons einerseits und der Farbe und Durchsichtigkeit des Wassers anderseits ein gewisser Par- allelismus besteht, ohne daß aber in allen Fällen eine genaue Pro- portionalität zwischen ihnen zu bestehen braucht. „Man hat also," sagt Schott, „auf Grrund der Ergebnisse der Valdivia-Expedition an- zunehmen, daß zwar die Plauktonvolumen von überwiegendem und maßgebendem Einfluß auf Farbe und Durchsichtigkeit sind, jedoch nicht deren einzige Ursache sein können." Zu dem gleichen Resultate kommen auch die Bearbeiter der Steenstrupschen Planktonproben, Ostenfeld und Paulsen. Betrachten wir nun nach diesen Gesichtspunkten die Farbe unserer großen und kleinen Seen und Teiche und endlich die Farbe der Ozeane, so werden wir begreifen, warum gerade diejenigen Seen, welche wegen ihrer blauen Farbe berühmt sind, sich zumeist durch ihre erhebliche Größe, aber vor allem Tiefe und ihren geringen Planktongehalt aus- zeichnen; dabei liegen diese Seen auch gewöhnlich in südlicheren Breiten, denn auch für diese ist, wie später gezeigt werden soll, ver- hältnismäßige Planktonarmut denen des Nordens gegenüber charak- teristisch. So bilden der wegen seines leuchtenden Blau berühmte, sonnige Gardasee, ferner der Genfersee, der Achensee u. v. a. nicht allein biologisch, sondern auch nach ihrer Farbe einen scharfen Gegen- satz zu den seichten, mehr grünen und viel planktonreicheren Seen Schleswig-Holsteins. Ähnlich verhalten sich die Meere. Schon Tyndall hat die Wasser- Verfärbung des Wassers durch Planktonten, 89 färbe als „Farbe eines trüben Mediums aufgefaßt" und diesbezügrliche Un- tersuchungen im Winter 1870 — 71 auf seiner Heimreise von Gibraltar nach England angestellt, und Schutt verdanken wir den treffenden, oft zitierten Satz: „Blau ist die Wüstenfarbe des Meeres." In ihrer ganzen Schönheit zeigt sie sich im planktonarmen Mittelmeer und in der Sargassosee, sowie in unserer schönen, „blauen Adria" zur Sommers- zeit. Wenn dagegen, wie es nicht selten im Winter namentlich dei" Fall ist, reiches Diatomeenplankton in Küstennähe zu wuchern be- beginnt, pflegt alsbald eine Verfärbung ins Blaugrüne und Grüne ein- zutreten, Farben, die im Verein mit dem winterlichen hohen Seegang dem Südländer einen Begriff von dem wuchtig-ernsten Charakter nor- discher Meere zu geben vermögen. AUein auch den Meeren höherer Breiten kann bisweilen ein schöner Sommertag freundlichere, blaue Töne, wenn auch nicht den vollen Glanz des Tropenmeeres verleihen. So schreibt z. B. Drygalski von den grönländischen Gewässern: „Den Grundton der Meeresfarben müssen wir ... als ein tieferes Blau bezeichnen, dem Farbe I der Forelschen Skala recht gut entspricht. Wohl durch Beimengungen organischer Substanzen, wie es sich in einzelnen Fällen durch die gleichzeitigen Planktonfänge Dr. Van- höffens mit Sicherheit erkennen ließ, wird diese tiefblaue Farbe in bläuliches Grün, Grün und dann in bräunliche Töne übergeführt. Be- sonders die Davisstraße war an bläulichen Nuanzen reich." Der Vollständigkeit wegen mag hier nur erwähnt sein, daß neben bestimmt gefärbtem Plankton auch Schlamm in typischer Weise die natürliche Wasserfarbe zu verändern vermag. So färbt der Amazonas das Meer auf weite Strecken hin kaffeebraun, vor dem Nildelta hat das Mittelmeer einen schmutzig gelblichgrünen Farbenton angenommen und das „Gelbe Meer" verdankt seinen Namen den ungeheuren, vom Hoangho mitgeführten, gelben Schlammassen. Das „Pur- purmeer" Kaliforniens dagegen beherbergt zuzeiten massenhaft rotgefärbte Crustaceen, nach '^ anderen Autoren Trichodesmien, das Persische Meer, auch „grü- nes Meer" genannt, ist offen- bar zuweüen von monotonem ^'^- ^'- ^'"''^'^(J^^^^^ilj;^*''""'""' ^''^^^ Phytoplankton grünlich gefärbt „ ^^^ ^^ Auflösung begriffenes Bündel, b-d Fäden, und den Namen des ,,Roten starker vergrößert, c-d Bildung von Vennehrungsakine- -.|- '' durch Verdicken und Spalten der Querwände, Meeres leitete man, WOnl kaum d durch Absterben der ZwlschenzeUen. .«^••fM'ifif^ •R*«ÄÄp|^ (1 90 Kapitel H. Das Wasser. mit Recht, von einer seinerzeit dort zuerst gefundenen, aber auch anderweitig mitunter massenhaft vorkommenden Planktouaige ab, dem Irichodesmmm erythraeum (Fig. 32). Schon Pomponius Mela er- wähnt in seiner Schrift „de situ orbis" den roten Farbenton und nach ihm Strabo, Später wurde das Phänomen von Alfonso d'Albu- querque (um 1513) beobachtet und beschrieben. Die älteste wissen- schaftliche Kunde über die Färbung des Roten Meeres aus unserer Zeit verdanken wir jedoch Ehrenberg, dem Entdecker des Triclio- desm'mm erythraeum selbst (1823). Indessen soll nicht nur diese Art, sondern auch Tr. thiehauti (Fig. 33) Rotfärbung des Wassers bedingen. Auch die von Giesbrecht bearbeiteten Co- Fig. sl Trichodesmium thiebmUi P^poden aus den oberflächlichen Schieb- Gom. (Nach Wille.) t,en des Roten Meeres waren „nahezu durchweg nur stark rot gefärbt"; doch hat das wohl wenig zu bedeuten, da ich selbst zu eben dieser Zeit (im Hochsommer) im Golf von Suez nur fast farbloses Plankton fischte, dagegen in der Hochsee des östlichen Mittelmeeres auffallend viele hochrot gefärbte Planktonten verschiedenster Art sammeln konnte. Thoulet macht gar die roten Korallen für die Farbe des Roten Meeres verantwortlich. In jüngster Zeit scheint man dieses wunder- liche Phänomen lediglich den Lichteffekten in diesem „sonnigsten Süden" zuzuschreiben. „Im Roten Meer und Indischen Ozean fesselt vor allem der Farbenwechsel des Wassers. Bei klarer, ruhiger Luft erscheint die See dunkelveilchenblau, an den Untiefen grünlich, bei schwach be- wölktem Himmel kornblumen- bis lichtblau, im Reflex dunkler Wolken blaugrau, marineblau bis tintenschwarz. Eine leichte Brise wirft grün- liche Tinten dazwischen und im Reflex der Strahlen des Sonnenaul- und Unterganges glüht das Wasser wie flüssiges Kupfer." So schreibt Selenka in seinen „Sonnigen Welten". Und nicht minder anschau- lich weiß Krämer das großartige Schauspiel zu schildern. „Scharf umgrenzt in der zitternden Luft der Libyschen Wüste sinkt der goldrote Sonnenball und setzt den Abendhimmel in purpurne Glut. Im Osten das Sinaigebirge in rosafarbigem Schimmer, da- zwischen die spiegelnde blaue See, im Widerglanz rot schimmernd, in seinen Schatten violett; was vermögen da die zerstreuten, gelbroten Fladen der Algen, die wenigen kümmerlichen Korallenriffe der Ost- küste oder gar die verhältnismäßig große Zahl von roten Copepoden . . . gegen die Großartigkeit des Wüstenlichtes, welches nur an den Polen, wenn auch nicht an Tinten, so doch im Spiele des Lichtes übertroffen wird." Verfärbung des Meerwassers durch Planktonten. 91 Trotzdem ist nicht zu zweifeln, daß massenhaft auftretende Schizophyceen und auch andere Planktonten die Farbe des Meeres zu beeinflussen vermögen. Schon Kapitän Cook scheint auf seinen ersten Reisen (1768, 1770) solche durch Trichodesmium hervorgerufene Verfärbungen des Seewassers gesehen zu haben, ebenso Kotzebue auf seiner Reise von Teneriffa nach Brasilien (1815). Weiters berichtet Darwin in seinem Reisewerk, daß er bei den Abrolhosinseln lange Streifen von Tricho- desmium gesehen habe, und Frauen feld fand auf der Novarareise (1857 — 59) von dieser Alge hell-lehmgelb gefärbte „Sägespäne-See". Nach Rein seh bildet der aus Trichodesmium hildenhrandfi f. aÜantica bestehende sog. „Passatstaub" im südlichen Atlantik schwefelgelbe Streifen. Lange , blut- rote Streifen, die am 3. Juni 1845 an der Fig. 35. Nodularia sputnigena Hertens. (Nach Bornet und Thuret aus Wille.) Fig. 34. Dunaliella salina Dunal. (Nach Hamburger.) Fig. 36. Äphanizomenon flos aquae (L.) Halfs. (Nach Kützing aus Wille.) portugiesischen Küste in der Nähe der Tajomündung auftraten, sind nach Montague auf Massen Wucherungen einer Alge, Dimaliella salina (Fig. 34), zurückzuführen, wovon 40000 Individuen auf 1 qmm See- fläche kommen können, während in der Ostsee eine eigenartige, oft graugelbe oder grüne Färbung durch Nodiüaria (Fig. 35) und Äphani- zomenon flos aquae (Fig. 36) u. a. als „Wasserblüte" auftretende Algen hervorgerufen wird. Eine Chlorophycee, Diselmis (= Sphaerella?) marina, färbte am 3. März 1840 das Wasser im Hafen von Cette intensiv grün. Monotones Peridineenplankton bedingt zumeist eine rote oder braune Verfärbung des Wassers. Carter bezeichnet Peridinium sanguineum als die Ursache des roten Küstenwassers bei Bombay, Whitelegge Glenodinium rubrum als den Urheber einer ähnlichen Erscheinung, die 1891 bei Australien beobachtet wurde. Im Jahre 1898 92 Kapitel 11. Das Wasser. WAAr , ^-,- . entdeckte Mead eine Art derselben Gattung in dem „red-water" der Narragansett-Bay (in Mass. U. S. A.). Nishikawa endlich, dem wir diese Daten entnehmen, sieht in einer Gonyaulax-Art die Ursache der „red-tide" an den japanischen Küsten (s. auch Kap. X). Von besonderer Bedeutung für die Rotfärbung der See sind jeden- falls Crustaceen aller Art, vorzüglich aber Copepodenschwärme, die als Rothäsung (Rödaat) den norwegischen Heringsfischern, als „boet rouge" den bretonischen Sardinenfischern wohlbekannt sind. Brady erwähnt, daß während der Challenger - Expedition oft meilenweite Bänder von solchen Copepodenschwärmen angetrofi'en ^^ wurden, und Krümm el berichtet ^^^^'^^^^^'^^''^^ über ein Zusammentreffen mit einem solchen während der Plankton-Ex- pedition am äußeren Rande des Labradorstromes. „Wir sind hier auf einen sog. Tierstrom gestoßen, den wir in einer Strecke von 50 — 70 Seemeilen durchfahren haben. Die ganze Masse, die in Form braunroter Wolken an der Oberfläche sichtbar wurde, bestand wesentlich aus einer im Norden sehr gemeinen Copepodenart, dem Ca- lanus finmarchicus." (Fig. 37.) . Von älteren Autoren erwähnen wir Cook, der auf seiner letzten Reise in der Südsee viele rote Krebse gesehen hatte (1776), ferner Darwin, der das Meer rings um Feuerland durch eine Art einer großen Gar- neele hellrot gefärbt fand, während die dunkelgelblichen Streifen kugeliger Massen bei den Galapagosinseln wohl von planktonischen Eiern und eine rote Trübung des Meeres an der Küste von Chile von den Larven irgend- eines Weichtieres herrühren mochte. An der lappländischen Küste halten sich gewisse Blauwale in der Nähe planktonischer Kruster auf (Bo- reophausia-, Thysanoessa-, Parathemisto-Avten u. a.), die den Fischern als „Kriel" wohlbekannt sind. Als Goebel in den Jahren 1883 und 1884 vom Mai bis September sehr erfolgreich Blau- walformen sehr nahe der Küste jagte, fand er sie inmitten oder in der Nähe von Krielmassen, welche im weitesten Umkreise das Meer rosafärbend, einen wahren Brei bildeten, in dem die Schiffsschraube wie in Butter arbeitete (Linko). Ein milchiges Aussehen verleiht weiters ein Copepode, Eurytemora affinis, dem Brackwasser der Elbe (Timm). Auch Würmer können eine ähnliche Trübung des Wassers bedingen; so soll nach Co 11 in die See bei den Samoainseln zur Fig. 37. Calanus finmarchieus (Gunner) S- (N. G. 0. Sars.) Verfärbung des Meerwassers durch Planktonten. 93 Palolozeit durch die massenhafte Ausstoßung der Eier und des Sperma weithin grünlich- und weißUchtrübe gefärbt erscheinen. Auch Tunicatenschwärme können das Wasser verfärben. Hier einige Beispiele: Forbes beobachtete an der Nordküste Schottlands rote Wolken im Meere; sie bestanden ausschließlich aus Appendicularien. Auch Quoy und Gaimard berichten (1833), daß eine Oicopleura, die sie in der Algoabucht fanden, das Meer rotbraun erglänzen ließ. Während der VakÜTia- Expedition konnte man nach Apstein an der Westküste Südafrikas „vom Schiffe aus eine gelbgrüne Wolke sehen, die etwas länger als das Schilf war (ca. 100 m), aber an der breitesten Stelle höch- stens halb so breit. Die Wolke bestand aus Salpa flagel- lifera, die hier an dem Westrande des Benguelastromes sich angesammelt hatten.'^ In der nörd- lichen Adria fand Graeffe einmal im Juni Echinodermen- larven (von Echino- cardimn mediterra- neum) in so großer Zahl, „daß große rote Streifen die Meeres- fläche bedeckten"; ein andermal wurde im November, eine Seemeile von der Küste zwischenTriest und Miramar , ein Schwärm einer Mysis- Art beobachtet, „der die See weithin rot färbte." Intensive Grünfärbung beobachtete ich einige Male und zwar gewöhnlich zu Anfang des Som- mers im „Canal grande" von Triest, hervorgerufen durch Massenproduk- tion einer marinen Euglenoide, Eutreptia lanotvi (Fig. 38). Auffallend ist jedenfalls bei den durch Planktonorganismen hervorgerufenen Ver- färbungen des See Wassers, daß das Phänomen in der Mehrzahl der Fälle an die Küste gebunden ist. Die häufigste Farbe ist rot, am spärlichsten treten durch grüne Organismen bedingte Verfärbungen auf. Auch in Teichen und Seen wird die natürliche Farbe des Wassers bisweilen durch plötzlich massenhaft auftretende Planktonten ändert. So wird Grünfärbung u. a. hervorgerufen durch: Fig. 38. Eutreptia lanowl Steuer. (Original.) Eudorina elegans Ehrenbg. (Nach Lemmermann.) ^ Jb- ^1 94 Kapitel II. Das Wasser. Fig. 40. Volvox minor Stein mitAmoe- ben und Fadenbakterien. (Nacb Molisch.) i ■ Fig. 41. Clathrocys- tis aeruginosa (Kütz.) Bichteriella botryoides, Protococcus hotryoides, Scenedesmus quadri- cauda, Cartesia cordiformis, Pandorina morum, Eudorina (Fig. 39) und Volvox (Fig. 40), durch Chlamidomonas , Phaeotus ^C-'^S», und Euqlena, fer- ^-...^ ^? s )» ner durch die V-uijt'A .. "'^ <^?"r";* ,^ St- "■'" "^ J^'"'^ mariumsdesiacum und Polyedrium trigonum, endlich sehr häufig durch die Schizophycee Clathrocystis aerii- Henfr. "(Nach Kirch- ginosa (Fig. 41). ner aus Wille.) Reines Dinohryon- Plankton (Fig. 42) bedingt einen griingelblichen Farbenton, gelbgrün- lich fand Klunzinger das Wasser im Loppiosee (bei Riva) verfärbt von einer Diatomee, Synedra acus, während eine andere Diatomee, Diatoma temie var. elongatmn, den Heidesee bei Plön lehmgelb zu färben vermag. Im Zürich- see gibt TaheUaria fenestrata (Fig. 43) dem Wasser einen gelbbraunen Farbenton. Rotfärbung bedingen u. a. die Schwefel- bakterie Pseudomonas {Chromatium) oheni, fer- ner Euglena sanguinea und Ästasia haematodes. Klun- zinger fand einen See bei Stuttgart bräunlich bis rost- rot gefärbt von einem Cera- Fig. 42. Dinobryon ser- a b Fig. 43. TaheUaria fenestrata Kg. (Nach Kirchner.) tularia Ehrbg. (N. Stein.) a Gürtelseite, 6 Schalenseite. GMlIIIIIEIIOIJIEEe) Fig. 44. Oscillatoria rubescens D .C . (NachKützing.) tium, Lozeron den Zürichsee bisweilen rotbraun von der im Plankton prädominierenden Oscillatoria rubescens (Fig. 44). Von der Bevölke- rung wird diese oft blutrote, durch diese Spaltalge bedingte Seen- färbung als das Auftreten des „Burgunderblutes" bezeichnet. Kürz- lich wurde sie auch in einem See des Trentino in großen Mengen von Largaiolli aufgefunden. Weiters können noch Daphnia-Arten, ferner Cyclops strenuus und einige Diaptomus-kxi&n, wenn sie in großen Mengen auftreten, die oberflächlichen Wasserschichten röten (namentlich im Winter, im Verfärbung des Süßwassers durch Planktonten. 95 Hochgebirge und im hohen Norden), und Zacharias berichtet von einer roten Wassermilbe {Biplodontus despiciens) , die in einer Bucht des ehemaligen salzigen Sees bei Halle a. S. in solch außerordent- licher Anzahl angesammelt war, „daß das Wasser längs des Ufers auf weite Strecken hin hochrot aussah/' Selbst der Eisdecke, die im Winter unsere Seen und Teiche be- deckt, vermag unter Umständen das in ihr eingefrorene Plankton eine typische Färbung zu verleihen. Wesenberg-Lund fand im Winter 1894 — 95 das Eis in einer Bucht des Schlosses von Frederiksborg braunschwarz gefärbt von Unmengen von Dauereiern eines Räder- tieres, Brachionus pala, die zusammen mit Ephippien und Statoblasteu im Eis eingefroren waren. Ein Eisstück wurde im Laboratorium zum Auftauen gebracht, und in 2 — 3 Tagen waren die Rädertiere aus den Eiern ausgeschlüpft. Der innige Zusammenhang zwischen Planktonproduktion und Wasserfarbe läßt sich sehr schön in den baltischen Seen verfolgen. Das im Vorfrühling sehr klare, planktonarme Wasser nimmt gegen den Mai zu einen gelblichbraunen F'arbenton an wegen der nun massenhaft wuchernden Diatomeen. Im Sommer wird ein Teil der Seen grün oder blaugrün wegen der nun dort sich entfaltenden blau- grünen Algenflora. Ein Teil der Seen bleibt gelbbraun, aber diese Farbe wird nun nicht mehr durch ein Diatomeenmaximum bedingt, sondern ausschließlich durch Ceratien, die über Sommer die Spalt- algen vertreten. Erst im Herbst ist die gelbbraune Färbung der Seen eine allgemeine und diese wird durchgehends durch das zweite oder Herbstmaximum der Diatomeen bedingt. Im Spätherbst beginnt sich dann das Wasser im Zusammenhang mit der zunehmenden Verarmung des Planktons zu klären (Wesen- berg-Lund). Seen von blaugrüner Planktonfarbe überziehen sich an wind- stillen Sommertagen bisweilen mit einem ebenso gefärbten Schleier. Wir werden uns mit dieser als „Wasserblüte"^) allbekannten Er- scheinung noch später wiederholt zu beschäftigen haben. Während die früher besprochene, durch Planktonten bedingte Verfärbung des Wassers auch zur gleichen Zeit durch mehrere Planktonarten hervor- gerufen werden kann („Vegetationsfärbung" dann genannt), von denen aber immerhin eine mehr oder weniger vorherrschen kann, erweist sich die Wasserblüte als aus winzigen Algen fast ausnahmslos einer 1) Früher weniger treffend „Seenblüte" genannt, weil sie nicht nur auf Seen vorkommt, sondern auch in Teichen, Flüssen (z. B auf der Havel) und im Meere. 96 Kapitel 11. Das Wasser. Art bestehend (Algenwasserblüte). Vermöge ihres geringen spe- zifischen Gewichts emporgetrieben, halten sich diese Algen bei ruhigem Wetter stets oben und lassen sich dadurch auch leicht von den übrigen Planktonorganismen sondern bzw. wie Rahm abschöpfen. Die Wasserblüte bildenden Algen gehören hauptsächlich den Blau- algen (Schizophyceen) an, und zwar den Familien der Rivulariaceen (so Rivularia echmulata), Nostocaceen {Anabaena- kri&a), Oscillato- riaceen (0. rubescens, Fig. 44) und der Chroococcaceen (besonders Clafhrocystis aeruginosa, Fig. 41). Die Grünalgen (Chlorophyceen) sind mehr gleichmäßig in den Gewässern verteilt; zu den nur an der Oberfläche schwebenden Arten gehört Botryococciis hrauni, der in den norddeutschen Seen bei massen- haftem Vorkommen eine Wasserblüte bildet. Über die goldglänzende Wasserblüte eines Flagellaten, Chromo- phyion rosanoffi wird später (Kap. IV. 5) Näheres mitgeteilt. Im Zürichsee sollen es die zuweilen im Herbst massenhaft an der Oberfläche erscheinenden Ephippien einer Cladocere, Daphnia cucculata, sein, die das Wasser weithin wie mit einem feinen, glänzen- den Staub bedeckt erscheinen lassen (Lozeron). Wir hätten hier den seltenen Fall einer durch tierische Planktonten verursachten Wasserblüte. An demselben See sollen weiters im Herbst „Milliarden kleiner Krebstierchen'^ ein wunderbares Irisieren der Wasseroberfläche hervorrufen; dieselbe Erscheinung zeigt die Olschicht, die von zer- setzten Planktonten herrührt (Schröter). Eine gelbliche Pollenwasserblüte kann von den Pollen der Windblütler (Coniferen, Erlen und Betulaceen) erzeugt werden, die den sog. Schwefelregen erzeugen. Diese Pollenwasserblüte ist häufiger anzutreffen als man meint. Kirchner gibt für die Wasserblüte des Bodensees Pollen von Coniferen, hauptsächlich Picea excelsa, an, und nach Green wird die ganze Oberfläche der großen kanadischen Seen nicht selten von einem dicken Schaum von Kieferpollen bedeckt (Potonie). Verschieden von der Wasserblüte, aber auch eine gewisse Fär- bung der Wasseroberfläche bedingend, ist endlich die Bildung von Fladen und Watten, wie sie z. B. Apstein beschreibt. Sie haben meist eine schmutzigbraune Farbe, sehen oft fast wie Exkremente aus und bestehen bisweilen ganz aus Kieselalgen, die zur warmen Jahres- zeit in solchen Mengen vom Grunde an die Oberfläche getrieben werden. Auch im Meere sind Wasserblüten beobachtet worden, doch meist in schwachsalzigem Wasser (Ostsee, Finnischer Meerbusen), hervor- gerufen von denselben Arten, die auch im süßen Wasser die zarten Wasaerblüte. Algenschleier erzeugen (^Aphanizomenon und Eividaria). Auch die schon erwähnte Sägespänesee oder den Passatstaub (von Seeleuten wohl auch Walfischblut genannt oder als Fischlaich gedeutet) werden wir vielleicht den marinen Wasserblüten zuzurechnen haben. Literatur. 1, Amberg, 0. Limnolog. Untersuchungen des Yierwaldstättersees. Phvs. Teil I. Opt. und therm. Unters. Festschr. z. Jubiläumsfeier des öOjähr. Best. d. Naturf. Ges. Luzem. Luzem 1905. •2. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 3. Apstein, C. Salpen d. deutsch. Tiefsee-Exp. Wiss. Ergebn. d. d. Tiefsee- Exp. Bd. 12. Lfrg. 3. 1906. 4. Aufseß, 0. V. Die Farbe der Seen. Münchner Inaug.-Diss. 1903 und Annal. d. Physik. 4. F. Bd. 13. 1904. 5. Bachmann, H. (s. p. 17 Nr. 2). 6. Brady, G. St. Report on the Copepoda coli, by „Challenger". Rep. Chal- lenger. Bd. 8. P. 23. 1883. 7. Breu, G. Farbe und Farbenerscheinungen am Königssee. Z. f. Gewässer- kunde. Bd. 8. 1905—1906. 8. Burckhardt, G. (s. p. 71 Nr. 6). 9. Collin, A. (s. bei Krämer, A.). 10. Darwin, C. Reise eines Naturforschers um die Welt. 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Naturkunde in Württemberg. Jhg. 57. Stuttgart 1901. 22. Krämer, A. Ü. d. Bau der Korallenriffe. Kiel u Leipzig, Lipsius u. Tischer, 1897 (mit Anhang: Collin, A. Über den Palolowurm). 23. Krümmel, 0. Geophysikal. Beobachtungen. Ergebn. d. Plankton -Exped. Bd. 1. 1895. 24. Krümmel, 0. (s. p. 17 Nr. 10). 25. LargaioUi, V. L'oscillatoria rubescens nel Trentino. Tridentum. Bd. 5 Trento 1902. Steuer, Planktonkunde. 7 98 Kapitel II. Das Wasser. 26. Linko, A. Plankton des Barentsmeeres. Komitee für Unterstützung d. Küstenbevölkerung d. russischen Nordens. St. Petersburg. 1904. 27. Lorenz, J. v. (s. p. 17 Nr. 13). 28. Lozeron, H. La repartition verticale du plancton dans le Lac de Zürich. Vierteljahrsschr. d. naturf. Ges. Zürich. Jhg. 47. 1902. 29. Nishikawa, T. Gonyaulax and the discolored water in the Bay of Agu. Annotationes japon. Bd. 4. Tokyo 1901. 30. Ostenfeld, C. H. og Paulsen. Planktonprover fra Nord Atl. af . . . Steen- strup. Meddelelser oin Grönland. Bd. 26. 1904. 31. Potonie, H. 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(s. p. 17 Nr. 19). 41. Wesenberg-Lund, C. (s. p. 84 Nr. 23). 42. Zacharias, 0. Über Grün-, Gelb- und Rotfärbung der Gewässer durch die Anwesenheit mikroskopischer Organismen. Forschungsber. Plön. Bd. 10. 1903. 6. Der Grerucli des Wassers. Whipple hat die verschiedenen Gerüche der Seen genauer unter- sucht und unterscheidet: a) einen aromatischen Geruch; b) einen Fischgeruch; c) einen Grasgeruch. Mez nimmt folgende Abstufungen an: geruchlos fischartig .faul dumpfig moderig stinkend faul. Der Geruch des Wassers stammt offenbar, wenn wir von den Abwässern absehen, in vielen Fällen von den abgestorbenen Plankton- organismen und wird sich daher während und namentlich kurz nach dem Produktionsmaximum des Planktons am auffallendsten bemerkbar Geruch des Wassers, durch Plankton bedingt. 99 machen; in den meisten Fällen wird es sich, dabei um Phytoplankton handeln, hauptsächlich um grüne, „Wasserblüten" bildende Formen. Die Schizophyceen insbesondere sollen sich durch einen „grassy odor" auszeichnen, den Geruch von Clathrocystis (Fig. 41) nennt Whipple .,sweet grassy", angenehm grasartig. Der Geruch dieser Alge ist an den Altwässern der Donau bei Wien alljährlich im Herbst, während und nach der „Wasserblüte" wahrzunehmen, die durch ein Produk- tionsmaximum eben dieser Blaualge hervorgerufen wird. Ich möchte ihn aber eher als Fischgeruch bezeichnen; Amberg nennt ihn nach seinen Untersuchungen im Katzensee „fischartig und moderig". „Eine Planktonprobe mit Clathrocystis riecht schon nach einem Tag deut- lich nach Merkaptan." Wille nennt den Geruch verwesender Clathro- rystis- und Polycystis-Arten einfach einen „abscheulichen Gestank". Verschieden von dem des Süßwassers ist der Geruch des See- wassers, wohl auch größtenteils bedingt durch die in Zersetzung über- gehenden, organischen Stoffe; er ist an der Küste intensiver als auf hoher See, vielleicht auch am Meeresgrunde stärker als an der Ober- fläche. Wasserproben, die während der Pola-Expedition dicht über dem Meeresboden entnommen waren, verrieten ihren Gehalt an Kohlen- wasserstoff oft schon durch einen petroleumartigen Geruch. Xach Fuchs soll das Meer im Indischen Ozean bisweilen infolge der großen Anhäufung von Oscillatorien einen sumpfartigen Geruch annehmen. C. F. A. Schneider berichtet, daß von dem Trichodesmimn erythraeum (Fig. 32) der Javasee und aus dem Molukkischen Archipel in der Kajüte „schon eine kleine Menge der Substanz einen durch- dringenden, doch nicht unangenehmen Geruch, an jenen des Heues erinnernd", verbreitete. Unter den Planktonflagellaten soll eine Per idinium- Art im Herbst des Jahres 1898 an der amerikanischen Küste in der Xähe von Rhode Island in Massen aufgetreten sein, und die an der Oberfläche flottierenden, absterbenden Individuen soUen sich weithin durch ihren Geruch bemerkbar gemacht haben. Im Herbste des folgenden Jahres 1899 und im Jahre 1900 traten in japanischen Häfen tief bräunlichgelbe Wolken von Gonyaulax poly- gramma auf, die einen unangenehmen Geruch verbreiteten, ähnlich dem der Algen, „wenn sie in großer Menge gesammelt werden". Ließ der (schon früher genannte) Beobachter Nishikawa das verfärbte Wasser in einem Glase über eine Woche ruhig stehen, so begann es nach Schwefelwasserstoff zu riechen. Von angenehmerem Geruch des Seewassers weiß Teodoresco zu berichten: eine rote Volvocacee, nämlich die uns schon bekannte 100 Kapitel IL Das Wasser. Dimaliella sdlina (Fig. 34) soll, wo sie in größerer Menge vorkommt, einen herrUchen Veilchenduft entsenden. Nach Dittrieli sollen Quoy und Gaymard angeblich „beim Vorhandensein vieler Meeresleuchttiere" einen starken Ozongeruch ver- spürt haben. Diese wenigen, zum Teil recht zweifelhaften Angaben zeigen, wie schlecht wir noch über den Geruch des Wassers orientiert sind, zu dessen Feststellung wir auf das am schlechtesten ausgebildete unserer Sinnes- organe angewiesen sind. Ich habe die Empfindung, daß der typische „Meergeruch" auf der Nordsee intensiver ist als z. B. im Mittelmeer, was sich vielleicht mit dem Planktonreichtum der nordischen Meere in Zusammenhang bringen ließe. Jedenfalls wäre die Aufzeichnung ge- legentlicher Beobachtungen nicht überflüssig; es wäre möglich, daß namentlich an den SteEen lebhafter vertikaler Wasserströmungen der „Meergeruch" intensiver ist als anderswo. Puff bringt nämlich den sogenannten Korallengeruch, d. h. den Geruch sich zersetzender Meeres- organismen mit dem Auftreten kalten Auftriebwassers in Zusammen- hang, durch das Organismen tieferer Wasserschichten in größeren Mengen an die Oberfläche emporgewirbelt werden und hier rasch zu- grunde gehen. Schließlich mag nicht unerwähnt bleiben, daß das Meerwasser den in Zersetzung begriff'enen Planktonten vielfach nicht nur seinen Geruch verdankt, sondern wohl auch stellenweise seine klebrige, fettige Eigenschaft. Im Gegensatz zum Süßwasser ist es bei Be- rührung mit unserer Haut durch eine sehr bemerkbare Weichheit ausgezeichnet. „Taches d'huile" nennt man in der französischen Schweiz glatte, schimmernde, stille Wasserstellen auf dem sonst schwach gekräuselten See, Sie entstehen wahrscheinlich durch das Ol, welches während des Verwesungsprozesses organischen Materiales, wohl zumeist des Planktons, frei wird; dieses „Planktonöl" steigt empor und breitet sich an der Oberfläche aus. Auch die Schaumstreifen an der Meeresküste hat man mit dem Planktonöl in ursächlichen Zusammenhang gebracht. Vielleicht gibt, wie Wesenberg-Lund vermutet, das Planktonöl den Wellen die Fähigkeit, während sie sich brechen, Luftblasen zu bilden und so die Entstehung des Schaumes zu bedingen; der reine, ganz weiße Schaum ist für die Wellenkämme des Meeres durchaus charak- teristisch. Ob indessen die Mengen von Fetten aus zerstörtem Plank- ton, die mit den Alkalien des Seewassers verseift werden, oder ob die gelösten Salze allein diese Schaumbildung begünstigen, bedarf nach Krümmel noch einer näheren Feststellung. Meergeruch; Planktonöl; Druckverhältnisse des Wassers. 101 Literatur. 1. Amberg, 0. (s. p. 46 Nr. 1). 2. Dittrich, R. Über das Leuchten d. Tiere. Wissensch. Beilage z. Pro- gramm d. Realgymnasiums am Zwinger zu Breslau. 1888. 3. Fuchs, Th. Über die pelagische Flora und Fauna. Verh. d. k. k. geolog. Reichsanstalt. Wien 1882. 4. Krümmel, 0. (s. p. 17 Nr. 10). .5. Mez, C. Mikroskoi^ische Wasseranalyse. Berlin, Springer, 181)8. 6. Nishikawa, T. (s. p. 98 Nr 29). 7. Puff, A. Das Auftriebwasser. Inaug.-Diss. Marburg 1890. 8. Quoy et Gaimard. Observations sur quelques Mollusques et Zoophytes envisages comme causes de la phosphorescence de la mer. Ann. Sc. nat. Zoolog. 1824. Bd. 4. 9. Schneider, C. F. A. Mitteilung über die gelben und grünen Streifen in dem Meere von Java . . . Lotos. Prag 1875. (Katurk. Tijdschrift voor nederl. Indie. Bd. 3.^. 1873.) 10. Steuer, A. Die Entomostrakenfauna d. alten Donau bei Wien. Zool. Jahrb. Syst. Bd. 15. 1901. 11. Teodoresco, E. C. Organisation et developpement du Dunaliella, nouveau genre de Volvocacee-Polyblepharidee. Beih. Bot. Cbl. Bd. 18. 1905. 12. Wesenberg-Lund, C. (s. p. 84 Nr. 23). 13. Whipple, G. C. The microscopy of drinking water. New York and London 1899. 14. Wille, N. Schizophyceen. Nord. Plankton. 2. Lfrg. XX. 1903. 7. Die Druckverhältnisse des Wassers. Der Druck, unter dem die Oberfläche der Seen und Meere unserer Erde steht, beträgt eine Atmosphäre; er ist gleich dem Drucke einer Wassersäule von 10 m Höhe und wächst demnach in vertikaler Rich- tung mit je 10 m Tiefe um eine Atmosphäre. Der mit der Tiefe wachsende Druck würde, so meinte man früher, in größeren Tiefen jedes Leben unmöglich machen, indem die Organismen einfach zer- malmt würden. Das wäre in der Tat der Fall, wenn die Tiefsee- organismen selbst nicht in ihren Körperhöhlen und Geweben von Wasser der gleichen Dichtigkeit erfüllt wären, so daß Druck und Gegendruck sich überall ausgleichen. Eine ungeahnt rasche Anpassungsfähigkeit an veränderte Druck- verhältnisse gestattet sogar nicht wenigen Planktonten eine recht aus- gedehnte Verbreitung in vertikaler Richtung und ermöglicht ihnen außerdem, beliebig große vertikale Wanderungen in kurzer Zeit aus- zuführen. Nur so ist es möglich, daß selbst zarte Planktonten noch lebend aus Tiefen von mehreren Tausend Metern emporgebracht wer- den können. Chun schreibt z. B. über einen Schließnetzfang aus 5000 bis 4000 m: „Obwohl diese Organismen dem gewaltigen Druck von 500 Atmosphären ausgesetzt sind, so zeigten sie sich doch in 102 Kapitel U. Das Wasser. ihrer Struktur wohlerhalten. Wir müssen allerdings bedenken, daß ja dieser Druck nicht einseitig wie zwischen zwei Walzen wirkt, son- dern daß er sich nach bekannten Gesetzen im Wasser allseitig ver- teilt. Der einzelne Organismus gleicht gewissermaßen einem einzigen Wassertröpfchen, das, wie wir wissen, bei so hohem Druck eine kaum nachweisbare Kompression erleidet." Überdies suchte man diese ver- schiedene Empfindlichkeit der Tiere gegen gesteigerten Druck auch experimentell festzustellen und kam dabei zu dem Resultate, daß z. B. Mollusken erst bei einem Druck von 600 Atmosphären lethargisch wurden. Copepoden schienen schon 200 Atmosphären Druck zu empfinden, wurden bei 600 Atmosphären starr und scheinbar leblos, erholten sich aber bald wieder, wenn sie in noi'male Lebensbedingungen zurückcrebracht wurden. Nun wissen wir allerdinors, daß o^ewisse Copepoden noch in weit größere Tiefen mit entsprechend höherem Druck schadlos hinabzusteigen vermögen, und es mögen daher Art- verschiedenheiten und Luftmangel bei den Tierexperimenten Ursache sein, daß sie einen nicht noch stärkeren Druck auszuhalten vermochten. Indessen gibt es ohne Zweifel auch Tiefseeformen, die gegen Druckverschiedenheiten sehr empfindlich sind. „Zarte Tiefseeorga- nismen, die Gasblasen enthielten, können buchstäblich zerfetzt an die Oberfläche gelangen; aber auch da, wo keine luftführenden Räume sich finden, kommen umfangreiche Zerreißungen vor, wenn die Gewebe den raschen Druckverschiedenheiten nicht schnell genug zu folgen vermögen." (Seeliger.) Namentlich bei Tiefseefischen ist es eine bekannte Tatsache, daß sie zuweilen mit aufgeblähtem Körper, gesträubten Schuppen, vor- getretenen Augen und umgestülptem Schlund und Enddarm an der Oberfläche erscheinen (der „Blast" oder die „Trommelsucht" der Tief- see-Coregonen z. B.). Doch wirken bezeichnenderweise nur bei jenen bathypelagischen Fischen die Druckdifferenzen tödlich, die eine Schwimmblase besitzen. (Brauer u. a.) Daß selbst die planktoni- schen Fischeier solchen Druckdifi'erenzen angepaßt sind, geht aus folgender Bemerkung Nüsslins hervor: Die Eier der pelagisch laichen- den Blaufelchen, die in Tiefen bis zu 250 m absinken, sind dem hohen Druck (bis zu 24 Atmosphären) durch ihre festeren Schalen angepaßt, während die größeren, dünnschaligeren Eier der Gangfische nur an den flachen Ufern des Bodensees abgesetzt werden. Daß gefangene Tiefseetiere, wenn sie überhaupt noch lebend auf- kommen, so rasch absterben, dürfte überdies weniger in dem ver- änderten Druck als vielmehr in der für sie zu hohen Temperatur des Oberflächen Wassers begründet sein. Der Fürst von Monaco erzählt, Einfluß der Druckverhältnisae des Wassers auf das Plankton. 103 daß, während im Verhältnis zu der großen Zahl der unter seinen Augen aus der Tiefe des Atlantischen Ozeans heraufgebrachten Tiere nur wenige aus Tiefen von höchstens 1400 m kommende Individuen noch einen Schimmer von Leben zeigten, der sogleich erlosch, im Mittelmeer die meisten, welche er aus Tiefen bis zu 1650 m empor- zog, in voller Kraft in seine Hände kamen. Derselbe Forscher beobachtete, „daß zahlreiche Arten im Mittel- meere ein rasches Aufsteigen durch Schichten, in welchen der Druck von 160 bis auf 5 Atmosphären abnimmt, ohne physiologische Stö- rungen schwerer Natur ertragen, und daß sie sich ebensogut ohne bemerkenswerte Veränderuncjen in ento-egenoresetzter Richtung aus der Litoralzone in die Tiefe verbreitet haben." Nun haben wir aber gehört, daß die Tiefseetemperatur im Mittelmeer gegenüber der des Atlantik sehr hoch ist (13 gegen ca. 3*^ C) und aus dieser Anpassung an gleichmäßiger warmes Wasser glaubt Monaco die größere Lebens- zähigkeit der erbeuteten mediterranen Tiefseetiere ableiten zu können. Auch Chun hat wiederholt die größere Bedeutung der Tempera- tur gegenüber den Druckdifferenzen für die Tiefseefauna hervorgehoben, und es wurden daher auch während der Valdivia-Expedition jene Tief- seeformen, die man längere Zeit im Leben beobachten wollte, vor allem in gekühltes Wasser gesetzt. Literatur. 1. Brauer, A. (s. p. 84 Nr. 3). 2. Chun, C. (s. p. 17 Nr. 4). 3. Monaco, A. v. Sur la faune des eaux profondes de la mediterranee au large de Monaco. Compt rend. acad. sc. Paris, Bd. 110. 1890. 4. Nüsslin, 0. Coregonus wartmanni Bloch und macrophthalmus Nüssl. Biol. Cbl. Bd. 27. 1907. 5. Regnard, P (s. p. 84 Nr. 18). 6. Seeliger, 0. (s. p. 48 Nr. 43). , 8. Die Bewegung des Wassers und meteorologische Einflüsse. L Das Wasser befindet sich wohl niemals im Zustande absoluter Ruhe, wenn auch die Bewegungen, namentlich vertikale Strömungen, zuweilen so schwach sind, daß wir sie direkt kaum wahrzunehmen vermögen und ihr Vorhandensein nur indirekt erschließen können. Es lassen sich folgende Arten von Wasserbewegungen unterscheiden: a) Wellenbewegung; b) Strömungen a) in horizontaler, ß) in vertikaler Richtung; c) Gezeiten. 104 Kapitel II. Das Wasser. a) Wellenbewegnng. Das Charakteristische der Wellenbewegung liegt darin, daß sich im wesentlichen nur die Form der Bewegung auf größere Distanzen weiterpflanzt, während die Teilchen selbst nur geringe Ortsverände- rungen erleiden. Ein auf dem Wasser schwimmender Gegenstand, etwa eine Qualle, wechselt bekanntlich, wenn wir von den Eigen- bewegungen des Tieres absehen, nur wenig seine Stelle, die vorbei- ziehenden Wellen werfen ihn zwar hin und her, auf und ab, nehmen ihn aber doch nicht mit, es wäre denn eine Strömung im eigentlichen Sinne des Wortes neben der Wellenbewegung vorhanden. Die Höhe der Wellen wird von den Beobachtern gewöhnlich überschätzt. Lorenz gibt für den Hallstätter See als Maximum 3 m an; im Meere dürften selbst bei sehr hohem Seegang die Wellen ß m nicht erheblich überschreiten. Die höchste verbürgte Messung geht nach Krümm el auf 15 m. Wichtig für uns ist die vertikale Ausbreitung der Wellen. Schon eine 8 cm hohe Welle kann sich mit der Zeit bis in 30 m Tiefe noch bemerkbar machen. Es wird angegeben, daß die Wellenwirkung in vertikaler Richtung den 350fachen Betrag der Wellenhöhe ausmacht, daß aber die Schwingungsgröße sehr bald abnimmt. Wenn auch das Plankton nicht in dem Maße vom Wellenganor beeinflußt wird wie etwa die Fauna und Flora des Litorale, die sich durch robusten, flach ausgebreiteten Körperbau, niedrige, feste Ge- häuse den Lebensbedingungen an der Brandungszone anpaßte und durch breite Fußbildimgen, kräftige Muskeln oder durch festaufsitzende Wurzelscheiben vor dem Losgerissen werden zu schützen weiß, so scheint doch auch den meist zart gebauten Planktonten starker See- gang keineswegs förderlich zu sein. Für das Süßwasserplankton hat France nachgewiesen, daß es seine schichtenweise Verteilung bei starkem Wellengang aufgibt und mehrminder gleichmäßig in vertikaler Richtung verbreitet ist oder sich gar größtenteils in die Tiefe zurückzieht. Auch in der Adria konnte ich bei stark bewegter See kaum einmal Medusen an der Oberfläche beobachten. Sie tauchten aber zuweilen sofort wieder empor, wenn sich die See beruhigt hatte. Schon im Jahre 1862 wies Haeckel auf die große Empfindlich- keit der Radiolarien gegen Wellenbewegung hin, eine Eigenschaft, die sie mit vielen anderen Planktonten teilen, „ja sie scheinen dieselbe in erhöhtem Grade zu besitzen, da sie schon bei ziemlich mäßigem Wellenschlag in die Tiefe sinken, wenn die großen Tiere noch an der Oberfläche verweilen." Einfluß der Wellenbewegung auf das Plankton. 105 Ganz besonders verderblich wird der Wellenschlag den auf dem Wasser treibenden Planktonten, so den Veleilen (Fig. 45), die be- kanntlich in ihrer Jugend in tieferen Wasserschichten leben. „Das nächste nach ihrem Auftauchen aus dem Wasser einsetzende schlechte Wetter muß sie auch auf offenem Meer vernichten, sobald sich über- schlagende Wellen entstehen und die Velellaflöße zum Kentern bringen. Man kann sich leicht überzeugen, daß eine einmal unter Wasser ge- ratene Velella nicht wieder in ihre natürliche Lage zurückkehren kann. Daher die Mengen von bis auf die Luftflasche verwesenden Yelellen und Porpiten, denen nach schlechtem Wetter das Schiff oft noch tagelang begegnet. (Woltereck.) j;. iYiiiiun, ■ ih*«v^ Fig. 45. Velella Spirans Eschz. (Original.) An der Küste und in seichteren Binnengewässern werden weiters durch heftige Wellen wohl auch Litoral- bzw. Vadalformen und selbst Grund bewohnende Formen ins freie Wasser entführt und solche tycho- oder pseudoplanktonische Tiere und Pflanzen vermögen wenigstens zeitweilig den Charakter des Planktons nicht unwesentlich zu verändern. Endlich beeinflußt, wie wir später noch sehen werden, lebhaft bewegte See das Meerleuchten, indem wegen der zu häufigen und heftigen mechanischen Reizung bei leuchtfähigen Planktonten zu bald Ermüdung eintreten soll. Nach Doflein haben die stillen, tieferen Wasserschichten von etwa 100 — 200 m abwärts in allen Ozeanen eine typische Fauna, die Stillwasser fauna, die fast besser charakterisiert ist als die eigent- liche Tiefseefauna, mit welcher sie eine Menge Formen gemeinsam 106 Kapitel H. Das Wasser. hat. Aus dieser Vorliebe für stilles, unbewegtes Wasser läßt sich auch erklären, warum „Tiefseetiere" der freien Ozeane bisweilen in geschützten Buchten in die oberen Wasserschichten aufzutauchen pflegen: Die Unbewegtheit des Wassers ermöglicht es ihnen. b) Strömungen. a) Horizontale. Von größter Bedeutung für die Entfaltung und Verbreitung des Planktons sind endlich die Stromverhältnisse. In unseren Seen wird die Stärke der Strömung im allgemeinen abhängig sein von der Zahl, Größe und dem Gefälle der Zu- und Abflüsse. Von der orroßen Bedeutung der Zu- und Abflußverhältnisse eines Sees geben die Berechnungen Foreis über den Genfersee ein an- schauliches Bild. Darnach fließen durch die Rhone jährlich 10000 Millionen Kubik- meter W^asser ab und mit ihnen gehen dem See verloren: 100000 Tonnen Kohlensäure; 100 000 „ oxydierbare organische Substanz; 380 „ Mikroben; 840 „ Mikroorganismen. Für diese Verluste wird, da sich ja die Lebensbedingungen und das Leben im Genfersee jahraus, jahrein ungefähr gleich bleiben, ein gleichwertiger Ersatz geschaffen, und zwar: 1. Durch die Luft, die dem See Sauerstoff und mit dem Regen aufgelöste organische Stoffe zuführt; ein Liter Regenwasser enthält: Ammoniak 2,3 mg Salpetersäure und salpetrige Säure, Nitrate und Nitrite . 0,9 „ Organische Stoffe, Staub usw 49 „ Weiters erfolgt durch die Luft oder vom Lande her ein ununter- brochener Transport fester Stoffe (organischer Staub, Vegetabilien, Kadaver, Exkremente, Eier von Wasserinsekten usw.). 2. Durch Zuflüsse, die ebenfalls aufgelöste und unaufgelöste Stoffe dem See zuführen. Die jährlich abfließende Wassermasse des Genfersees beträgt un- gefähr Yc, der Totalmasse, und es verbleiben daher die organischen Stoffe höchstens 7 — 8 Jahre im Kreislauf des Sees, bevor sie in den großen Zyklus der allgemeinen Weltzirkulation zurückkehren. Ver- allgemeinernd wird sich mit Kofoid aussagen lassen, daß die Plankton- produktion im umgekehrten Verhältnis steht zur Zeit der Wasser- Einfluß horizontaler Strömungen auf das Plankton. 107 erneuerung (Kofoids Gesetz), daß sie mithin bei langsamster Er- neuerung des Wassers am größten sein wird. Als geradezu schädlich für die Planktonproduktion müssen die Zuflüsse der Gebirgsseen mit kaltem Wasser und viel suspendierten, mineralischen Bestandteilen betrachtet werden. Ein sprechendes Bei- spiel dafür ist der schmale Arm des Vierwaldstättersees, der Alp- nachersee, der qualitativ und quantitativ ärmer ist als der übrige See. Damit stimmen auch die Beobachtungen Bachmanns am schottischen Loch Neß überein, der in der oberen Hälfte, das ist an der Stelle der Zuflüsse weit planktonärmer ist als an seinem unteren Ende. Die- selben Beobachtungen machte Huitfeld-Kaas an norwegischen Seen, so am Mjösen. Die höchste Bedeutung aber erlangt die Stromstärke selbstredend für die Existenz des Planktons aller fließenden Gewässer, des sog. Potamoplanktons, da, wie sich Schröder ausdrückt, „das Gefälle und die Planktonmenge eines fließenden Gewässers einander umgekehrt proportional sind" (Schröders Gesetz). Es wäre daher wünschens- wert, bei potamoplanktonischen Arbeiten vor allem das Gefälle des Flusses festzustellen. Dies geschieht am einfachsten durch Fest- stellung der Zeit, in der ein leichter, schwimmender Körper eine be- stimmte Strecke Weges zurückgelegt hat. Auch bei dem Studium der Meeresströmungen hatte man sich vielfach solcher „Schwimmer" bedient und zwar zunächst nicht, um die Schnelligkeit, sondern um überhaupt die Existenz und den Ver- lauf der wichtigsten Meeresströmungen nachzuweisen. Ja, man war in grauer Vorzeit offenbar geradezu durch solche „zufälliore Treib- körper" (fremdartige Hölzer, Früchte, Tange, Eisberge) auf die Meeres- strömungen aufmerksam gemacht worden. Diesen „zufälligen Treibkörpern", die bekanntlich auch bei der Entdeckung Amerikas eine wichtige Rolle gespielt, können wir nach Monaco die „experimentellen Treibkörper" anreihen, hohle Gefäße aus Glas (Flaschen), Holz (Fässer aus Eichenholz) oder Metall (Hohl- kugeln oder birnförmige Schwimmer aus Kupfer), die in ihrem Innern in einer wohlverpackten, zugeschmolzenen Glasröhre ein Schriftstück enthalten, das den eventuellen Finder des Schwimmers über den Zweck desselben informiert. Durch solche Experimente sowie durch die Bestimmung der Strom- versetzung kann aber selbstverständlich nur der Verlauf der Ober- flächenströmungen festgestellt werden; sie versagen, wemi es sich darum handelt, zu untersuchen, wo und wie z. B. die nordischen, kalten Strömungen unter die von den Äquatorialgegenden kommenden 108 Kapitel 11. Das Wasser. Strömungen tauchen und welclien Lauf sie weiter in der Tiefe nehmen. Gegenwärtig wird daher der Verlauf der Strömungen fast ausschließ- lich aus den Daten der Temperatur- und Salzgehaltsmessungen er- schlossen. Unterströme von geringeren Tiefen lassen sich überdies auch durch Treibbojen feststellen, indem man zwei genau gleichgestaltete, zylindrische Körper in entsprechenden Abständen untereinander mit einem Lotdraht verbindet und den unteren Körper so beschwert, daß der obere genau an der Oberfläche schwimmt. Ist nun in der Tiefe ein nach Stärke und Richtung verschiedener Strom vorhanden, so kann man aus der resultierenden Trift des Oberflächenkörpers nach dem Parallelogramm der Kräfte den Unterstrom für sich finden, wenn der Oberstrom bekannt ist. Der Planktonfischer wird bis- weilen schon aus der Art des Absinkens seines Netzes und aus dem Verlauf der Zugleine auf eventuelle untere Strömungen aufmerksam gemacht. Da wir heute wissen, daß die Ströme vielfach eine eigenartige, für sie typische Planktonfauna und -flora mit sich führen, kann in vielen Fällen auch die Planktonforschung in den Dienst dieses ozeano- graphischen Arbeitsfeldes mit Erfolg gestellt werden. Aus meinen Untersuchungen der Copepodenausbeute der Valdi via- Expedition scheint hervorzugehen, daß in manchen Fällen eine veränderte Zusammen- setzung des Planktons das erste Anzeichen ist, daß das SchiflF sich dem Bereich einer anderen Strömung nähert. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß nach der Kritik, die Cleves Untersuchungen besonders durch Gran erfahren haben, in allen diesen Fällen größte Vorsicht geboten ist. Doch werden uns namentlich in den Polar- meeren, wo durch die ständigen Treibeismassen Oberflächentempera- turen und Salzgehalt einem beständigen Wechsel unterworfen sind, zur Erkennung und Beurteilung eines Meeresstromes und zur Fest- stellung seiner Herkunft Planktonformen, namentlich die größeren unter ihnen, die Quallen, als „Strömungsweiser" gute Dienste leisten. In neuerer Zeit werden zur Feststellung der Strömungen auch besondere Apparate benutzt, so z. B. der Nansen sehe Strommesser; er vereinigt in sich die bisher von zwei besonderen Instrumenten ge- leisteten Aufgaben: die des Strom weisers von Aime, gewöhnlich Stromindikator von Irminger genannt, und die eines Flügelradstrom- messers (Woltmann, Amsler-Laffon u. a.), wie sie die Strombau- techniker in Flüssen verwenden, um die Verteilung der Strom- geschwindigkeit in einem bestimmten Durchflußprofil zu bestimmen. (Krümmel.) Einfluß horizontaler Strömungen auf die Haliplanktonverteilung. 109 Nirgends wird uns die Bedeutung des ^^jtävru qh''' der griechi- schen Philosophen so augenfällig, wie bei der Betrachtung der großen ■3 ozeanischen Strömungen, „Das ganze, gewaltige Weltmeer ist in stetig kreisender Bewegung. Jeder Meerestropfen ist auf ewiger Wanderschaft. Er wandert von Pol zu Pol, durchmißt im Laufe der 110 Kapitel II. Das Wasser. Zeiten alle Breiten, er sinkt von der warmen Oberfläche hinab in die kalten Tiefen und steigt an anderer Stelle wieder zum Lichte empor.^' (Schieiden.) Wie die kreisenden Bewegungen der Planeten ist auch der Lauf der wichtigsten Meeresströmungen kreisförmig: wir sprechen daher von Zirkelströmungen und unterscheiden deren in der Hauptsache je zwei im Pazifik und Atlantik, je einen nördlichen und südlichen pazifischen und atlantischen Zirkelstrom, während der Indik nur einen südlichen aufzuweisen hat. Die Bewegung der Strömungen erfolgt in der äquatorialen Zone entgegen der Erdrotation von Osten nach Westen, und zwischen ihnen verläuft der äquatoriale Gegenstrom in entgegengesetzter Richtung. Nördlich vom indischen Gegen ström streicht die indische Nordäquatorialströmung im Nordwinter als Nord- ost-Monsun-, im Nordsommer als Südwest-Monsun-Trift. Kalte Polar- ströme (der Oja Shio und der Labradorstrom) dringen von der Arktis her an die nördlichen Zirkelströme heran, während im Atlantik ein Zweig des Golfstromes der nordeuropäischen Küste entlang läuft und. hier weitere kleine Zirkelströme bildet (Fig. 46). Wir müssen es uns versagen, näher auf die Entdeckungsgeschichte des auch für die Entwicklungsgeschichte der Haliplanktonforschung wichtigsten Stromes, des Golfstromes, näher einzugehen, und wollen uns damit begnügen, das anschauliche Bild wiederzugeben, das Maury von ihm entwirft. „Der Golfstrom ist ein Fluß im Ozean, er versiegt nie, wenn alles verdorrt, er tritt nicht aus seinen Ufern, wenn auch die mächtigsten Fluten ihn schwellen. Seine Ufer und sein Bett sind kaltes Wasser, dazwischen fließt er mit warmen, blauen Fluten. Nirgends auf der Erde existiert ein gleich majestätischer Strom. Er ist reißender als der Amazonenstrom, wilder als der Mississippi, und die Wassermasse dieser beiden Flüsse bildet noch nicht den 1000. Teil der Wassermasse, die er führt.'' Sein W^asser braucht etwa h'^j^ Monate^ um von der amerikanischen zur europäischen Küste zu gelangen und kehrt nach 2 Jahren und 10 Monaten auf dem Wege Westwind-Trift, Kanarienstrom, Nordäquatorial, Antillenstrom wieder an den Ausgangs- punkt zurück. Seine mittlere Geschwindigkeit beträgt anfangs 39, später 40 — 48 Seemeilen. Ungefähr auf der Höhe von Neufundland trifi't er mit dem kalten Labradorstrom zusammen; der dichte „Silber- nebel von Neufundland" bezeichnet die Stelle, wo er unter den Golf- strom taucht. Im Innern des nordatlantischen Zirkelstromeä liegt die plankton- arme Sargassosee, eine „ruhige Krautsee schwimmender Algen", von der wir noch später ausführlich werden zu sprechen haben (s. Kap. VI. 4. B.). Einfluß der Zirkel- u. Konvektionsströme auf die Planktonverteilung. 1 1 1 Mit wenig Worten mag noch der Stromrerhältnisse des Mittel- meeres und der Adria Erwähnung getan werden. Der Seitenast des Golf'stromes, der im Mittelmeer zirkuliert, gibt einen Zweig der Adria ab, der an der griechisch-dalmatinischen Küste nach Nordwesten zieht, um, wie wir bereits gesehen haben, erwärmt und salzärmer an der italienischen Küste wieder dem Mittelmeer zuzuströmen. Xur schwer lassen sich die Strömungsverhältnisse in der Adria im Detail ver- folgen. Xach älteren Angaben erfolgt die erste Abzweigung schon auf der Höhe von Korfu, wo ein Seitenstrom sich in westlicher Rich- tung dem Kap S. Maria di Leuca nähert. Ein zweiter Seitenstrom durchquert die Adria auf der Höhe von Pelagosa, ein dritter geht vom Quarnero und der Südspitze von Istrien an die gegenüberliegende italie- nische Flachküste. ß) Vertikale Strömungen. Wir müssen endlich noch auf die für das Auge unsichtbaren vertikalen Strömungen i Konvektionsströmungen, Auf- und Abtrieb- strömungen) hinweisen, von denen man annimmt, daß sie Planktonten ohne oder mit nur schwacher Eigenbewegung, also hauptsächlich Phytoplanktonten, zu passiven, vertikalen Wanderungen veranlassen. Wie wir besonders durch die Untei'suchungen von Schott wissen, gehen südlich und nördlich vom Äquator im Atlantik, der am besten biologisch erforscht ist, die wärmeren vertikalen Oberllächenströme mindestens bis zu 800 m, und erst von 1000 m ab hat der horizon- tale, kalte, polare Strom freie Bahn gegen den Äquator. Es können mithin selbst an wärmere Temperaturen gebuudene Organismen bis in die Tiefsee zu größeren Tiefen sich verbreiten, und doch kann ihnen der Eintritt in die Tiefsee der polaren Gebiete unmöglich ge- macht sein — ein Umstand, der für die Verbreitung des Haliplanktons von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. In den vertikalen Strömungen liegen endlich Faktoren vor, welche auch, wie später noch genauer ausgeführt werden soll, einen außer- ordentlich großen Einfluß auf die Planktonquantität des Meeres aus- üben. Aufsteigende Strömungen führen regelmäßig zu einer großen Plankton Vermehrung; absteigende sind in einzelnen Spezialfällen als Ursache der Planktonarmut nachzuweisen, wie auch für den geringen Planktongehalt der stromstillen Gebiete, z. B. der Sargassosee, als in hohem Grade mitverantwortlich zu betrachten. c) Gezeiten. Unter Gezeiten oder Tiden versteht man das periodische und regelmäßige, auf kosmischen Einflüssen beruhende Steigen und Sinken 112 . Kapitel II. Das Wasser. des Wasserspiegels der Ozeane. Binnen eines Zeitabschnittes ron 12 Stunden und 25 Minuten beobachten wir ein allmähliches Steigen des Wassers (Flut), dem dann nach einer kurzen Pause ein lang- sames Fallen des Wassers folgt (Ebbe). In den Binnenmeeren sind die Xiveauschwankungen viel geringer als in den offenen Ozeanen und auch bisweilen unregelmäßiger. Der Planktongehalt des Meeres ist wenigstens in Landnähe nicht unabhängig von den Gezeiten, worauf schon 1897 auf Grund quan- titativer Planktonstudien Watanabe in Misaki und Krämer in Apia aufmerksam machten. Krämer fand: bei Ebbe bei Flut bei Ebbe bei Flut 0,35 ccm 0,24 ccm Plankton 0,47 com 0,27 ccm Plankton 0,41 „ 0,26 „ „ ' 0,75 „ 0,6 „ Wir ersehen daraus, daß der Planktonreichtum bei Ebbe crrößer ist als bei Flut. Das gilt auch im speziellen für die planktonischen Meeresbak- terien, denn Fischer findet, daß zur Flutzeit, in welcher eine größere Menge von Wasser mit geringerem Keimgehalt in die Xähe des Landes gebracht wird, der Keimgehalt des Wassers niedriger ist als zur Zeit der Ebbe. Auch das Potamoplankton wird an den Fluß- mündungen durch die Gezeiten beeinflußt und zwar in durchaus dem- selben Sinne. Lemmermann fand z. B. in der Weser bei Bremen zur Flutzeit 141 334, zur Ebbezeit im gleichen Wasserquantum 335 124 Organismen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Ebbe- strom vielfach auch Bodenformen und Tiere und Pflanzen von Buch- ten, Häfen und anderen benachbarten Gewässern mitreißt. Als ein Eldorado der Planktonforscher gilt seit jeher die Straße von Messina, die gefürchtete „Charybdis" der Alten. Zwischen zwei tiefen und großen Meeresbecken, dem Tyrrhenischen und Jonischen Meere gelegen, deren Wasser durch die Flut- und Ebbebewegung in ihr hin- und hergetrieben werden, wird die Straße kaum eine Stunde nördlich von Messina von einer Bank durchzogen, die an ihrer tiefsten Stelle nur 105 m unter dem Wasser liegt und steil nach der sizili- schen und kalabrischen Küste ansteigt. Nördlich wie südlich der- selben fällt der Meeresboden rasch zu Tiefen von 300, 400 und mehr Metern ab, so daß man in der Höhe von Messina bereits mehr als 350 m loten kann. Diese Bank bildet aber die unterirdische Grenze zwischen beiden Meeresteilen, und indem die Gezeitenströme über sie hinwegfließen, wird der Bodenvegetation und -fauna unausgesetzt frisches, nahrungsreiches Wasser zugeführt, gleichzeitig aber durch die Enge der Straße und ihre Boden- und Küstengestaltung ein kom- Gezeiten, Niveauschwankungen im Süßwasser und Planktonquantität. 113 pliziertes System von horizontalen und vertikalen Strömungen hervor- gerufen, von denen für die Auftrieborgauismen die an den Gehängen der Bank entstehenden, aufsteigenden sehr wichtiij sind. Wie der nach der Bank aufsteigende Rand beider Meeresbecken oifenbar die Wanderung der Fische in die Straße hinein wesentlich bedingt und ihnen günstige Laichplätze schafft, so veranlaßt auch diese Barre die Häufigkeit der Leptocephalen und des Mondfisches, die schon Grassi auf aufsteigendes Tiefenwasser deutete, und anderer Tiefseetiere bei Messina. .Bei mittlerer Stärke der Gezeitenströmung wird das Wasser in der Mitte der Straße aus der Höhe von Messina durch die Flut etwa bis Bagnara im Norden, durch die Ebbe bis Reggio im Süden, fortbewegt; ersteres liegt bereits außerhalb der Straße, letzteres wenigstens an einer recht breiten und tiefen Stelle, so daß die Ge- zeitenbewegung stete Gelegenheit zu einer Durchmischung des Wassers aus dem Innern der Straße mit solchem aus der mehr offenen See bietet. Der Einfluß der Küste ist hier daher anderen Küstenplätzen gegenüber erheblich herabgesetzt; viele Formen, welche diese sonst meiden, werden durch die ganze Straße hindurchgeführt und gelangen mit den Seitenströmen, welche in den Hafen von Messina einmünden, in diesen hinein. Selbst in dieses noch nicht 1 km breite und wenig über 50 m tiefe Becken wird so in regelmäßigen Intervallen täglich mehrmals Wasser aus der Straße ein- und altes ausgeführt. (Loh- mann.) jj. Schließlich mag noch hier im Anschlüsse an die Wichtigkeit regelmäßiger Pegelbeobachtungen für die Limnoplanktologie erinnert werden. Je größer die Xiveauschwankungen einer Süßwasseransamm- lung sind, eine desto größere Rolle werden wir ihnen bei der Plank- tonproduktion zuzuschreiben haben, mögen sie nun vom Grunde des Beckens durch Sickerwässer (abgedämmte Abwässer der Ströme) oder durch verschieden starke Zu- und Abflüsse bedingt sein, mögen sie natürlich verlaufen oder durch Schleusenanlagen willkürlich reguliert werden oder aber durch meteorologische Einflüsse hervorgerufen wer- den. Nicht nur in stehenden, sondern auch in fließenden Gewässern bedeutet gewöhnlich eine Erhöhung des Wasserstandes einen starken Rückgang der Planktonquantität, ein Fallen des Wasserspiegels dagegen eine Steigerung des Reichtums an freischwebenden Organismen. Daß aber auch das Gegenteil der Fall sein kann, dafür geben meine Unter- suchungen in den Altwässern der Donau einen Beleg, wo das Mini- mum der Planktonproduktivität mit dem niedersten Wasserstande (im Winter) zusammenfällt. Steuer, Planktonkunde. 8 114 Kapitel IL Das Wasser. Als Extrem der Mveauschwankimgen lernen wir die periodisch yersiegenden Seen kennen. Als Beispiele mögen der Blatasee in Kroatien und der Zirknitzersee in Krain dienen; in beiden Seen fiel mir seinerzeit die^ quantitative und qualitative Reichhaltigkeit an Plankton auf, und Ahnliches berichtet Barrois von den hochgelegenen periodischen Gebirgsseen des Libanon. Der Planktonreichtum perio- discher Seen wird uns verständlich, wenn wir uns daran erinnern, daß auch der moderne Teichwirt den Ertrag seiner Fischteiche durch periodische Trockenlegung (Sommern der Teiche) zu heben bestrebt ist. Die zahlreichen Funde von ephippientragenden Daphniden (z. B. im Blatasee) belehren uns, daß die Planktonten in der Regel sich frühzeitig genug auf die bevorstehende Trockenperiode vorzubereiten wissen. IL Meteorologische Einflüsse. Auch von meteorologischen Einflüssen ist das Plankton direkt oder doch indirekt abhängig. Wir haben zunächst an die herrschen- den Winde zu denken. Da, wie wir bereits wiederholt betonten, vor allem ruhiges Wasser für das Gedeihen des Planktons notwendig ist, werden regelmäßigen, mehrminder starken Winden ausgesetzte Gebiete ärmer an Plankton sein als solche, die sich im Windschatten befinden. Winde zerreißen den zarten Algenschleier (W asserblüte), der zuweilen die Oberfläche der Seen und Teiche bedeckt, wie man dies besonders deutlich an der Blaualge Clathrocystis (Fig 41 p. 94) sehen kann. „Sowie Wind aufkommt, wird sie zuerst zu schmalen Streifen „auf- gerollt", bei stärkerem Winde verschwinden diese, und man sieht sie nun im Wasser in den oberflächlichsten Schichten verteilt (Ap stein). Auch die zonare Verteilung wird durch W'ind und Sturm beeinflußt, zum Teil ganz aufgehoben. „Bei starkem Sturmwind findet auch bei Nacht eine gleiche Verteilung des Limnoplanktons statt, wie unter ähnlichen Wetterumständen bei Tage." (France.) In eigenartiger W eise wird das Phytoplankton des Zürichersees von den W^inden beeinflußt. Pfenniger war überrascht von den innigen Beziehungen, die zwischen dem Auftreten des Föhn und dem Erscheinen der Oszillatorien in den Filteranlagen der Stadt Zürich herrschen. Ein Gartenbesitzer in Innsbruck beobachtete, daß die grüne Wasser- blüte in einem Bassin verschwindet, d. h. in die Tiefe absinkt, sobald föhniges Wetter einsetzt. Derartige Phytoplanktonten wären somit in gewissem Sinne „Wetterpflanzen". In gleicher Weise wie im Süßwasser wird auch im Meere die vertikale Ausbreitung der Planktonten durch Winde beeinflußt. Lo Einfluß der Winde auf die Planktonverteilung; Hali- u. Zoocorrenten. 115 Bianco fand beispielsweise den Pluteus einer Ärhacia im Xeapler Golf bei Windstille schon wenige Zentimeter unter der Oberfläche bis in 4 — 5 m Tiefe; bei von Süd-Ost leicht bewegtem Meer aber sammeln sich diese Echinodermenlarven in Tiefen bis zu 25 m an. Nach Gün- ther sinken auch pelagische Fische bei Sturm alsbald in die Tiefe. In unmittelbarem Zusammenhange mit den Luftströmungen unserer Atmosphäre stehen endlich die sog. Halicorrenten; namentlich die Triftströmungen sind durch konstante Winde bedingt. Ändert der indische Monsun seine Richtung, dann ändert auch der indische Nord- äquatorialstrom in gleichem Sinne seinen Lauf. Ein schönes Beispiel des Zusammenhanges typischer Winde mit dem Auftreten gewisser Planktonformen liefert uns die nördliche Adria. Wenn während der kühleren Jahreszeit im Golf von Triest die Bora von den Karsthöhen niederbraust und das Oberflächenwasser des Golfes gewissermaßen vor sich hertreibt, scheint am Grunde des Golfes eine von der Seeseite kommende Gegenströmung sich den Küsten zu nähern; denn sobald sich der Sturm gelegt und die See sich beruhigt, pflegen im Hafen sofort Medusen in Mengen aufzu- tauchen, die man oft seit Wochen und Monaten nicht mehr im Golf gesehen. Eine ähnliche Beobachtung machten Römer und Schaudinn in den Sunden West -Spitzbergens, wo sie ein orkanartiger Süd -Ost mehrere Tage festhielt. An den Küstenstädten sind es dann nament- lich die ruhigen, versteckten Hafenwinkel, in denen sich nach einem Sturm die prächtigsten Quallen und Salpen in ganzen Scharen an- stauen — in unwürdiger Gesellschaft des ekelhaften, treibenden Hafen- mistes. In ähnlichem unharmonischen Verein treten uns die schönsten und reinsten Produkte der „künstlerisch schaffenden Natur" und die minder schönen menschlicher Kulturarbeit in den sogenannten Tier- strömen oder Zoocorrenten allenthalben an unseren Küsten ent- gegen. Scheinbar ganz gesetzlos in ihrem Auftreten und Verschwin- den, regellos in ihrer Ausbreitung, Form und Richtung, sind sie den Fischern längst bekannt, ihrem Wesen nach aber noch wenig erkannt. Vielleicht ist Haeckel auf dem richtigen Wege, wenn er bei ihrem Entstehen an die Wirbelwinde denkt, „die auf den Straßen die da- selbst verbreiteten Massen von Staub und kleinen Gegenständen zu- sammentreiben.'^ Nathansohn erinnert an den Anstau, der stattfindet, wenn das ausgesüßte Küsten wasser bei seiner seewärts gerichteten Bewegung auf den Widerstand des sich landwärts bewegenden Wassers der offenen See stößt. 8* 116 Kapitel 11. Das Wasser. Pettersson und C. Voo^t haben zuerst auf die bioloofische Be- deutung dieser Erscheinung und den Wert der Zoocorrenten für den Planktonforscher aufmerksam gemacht, und in anziehender Form weiß sie uns Haeckel zu schildern. „Die pelagischen Tiere und Pflanzen erscheinen in diesen Zoo- correnten so massenhaft angehäuft und so dicht credräng-t, wie etwa die menschliche Bevölkerung in den belebtesten Straßen einer großen Handelsstadt. Millionen und Abermillionen kleiner Geschöpfe aus allen . . . Gruppen planktonischer Organismen wimmeln bunt durch- einander und gewähren ein Schauspiel, von dessen Reiz man sich ^__^^^ nur durch eigene An- — schauung eine Vorstel- lung verschaffeu kann. Schöpft man aufs Ge- ratewohl mit dem Wasserglase eine Por- tion aus diesem bunten Gewimmel heraus, so ist nicht selten „die größere Hälfte des im Glase enthaltenen Gemenges (eines wirklichen leben- den Tierbreies) von Tiervolumen, die kleinere von Wasser volumen eingenommen." Schon von weitem sind diese „wimmelnden Seetier- straßen" gewöhnlich an der spiegelglatten Beschaffenheit kenntlich, welche die Meeresoberfläche hier zeigt, während sie dicht daneben mehr oder weniger gekräuselt ist. Oft kann man einen solchen „öligen Tierstrom", der gewöhnlich eine Breite von 5 — 10 m besitzt, weiter als einen Kilometer verfolgen, ohne eine Abnahme des dichten Tiergewimmels in demselben wahrzunehmen, während zu beiden Seiten desselben, rechts und links, das Meer fast leer ist, oder nur einzelne versprengte Nachzügler aufweist." Alle Planktonten, deren Vorkommen auf die oberflächlichsten Wasserschichten beschränkt ist, sind in ihrer Verbreitung als passive Wanderer von den herrschenden Winden und Strömungen abhängig. Als Repräsentanten dieser eigenartigen „Oberflächenfauna" (Burck- hardt) des Süßwassers nennen wir das Cladocerengenus Scapholeberis (Fig. 47) und als typische marine Vertreter die Velellen (Fig. 45) oder Segelquallen, die „Segler bei dem Winde", und die Physalien (Fig. 48), die Galeerenquallen oder die „spanischen Vordemwinde" der Seeleute. Nur mit Segel ausgestattet, doch ohne Steuer und genügende Eigen- Fig. 47. Scapholeberis mucronata (0. F. Müller), am Wasserspiegel hängend. (Nach einer Skizze von Scourfield.) Zoocorrenten; Winde und „Oberflächenfauna". 117 bewegung, sind diese zarten Gebilde ganz dem Winde preisgegeben und von Stürmen an Land geworfen, erscheinen die Küsten von ihren Leichen mit kilometerlangen, blauen Streifen umsäumt. Ähnlich wie - • der Wind ist auch der Regen bezüg- lich seiner Ein- flußnahme auf das Plankton. Was wir früher über die Planktonvertei- lung im Süßwasser bei Wind und Sturm sagten, hat zumeist auch bei längerem Regen seine Gültigkeit: auch da wird die herrschende Schichtung aufge- hoben, das Plank- ■mUtot- w. fM^ Fig. 48. Physalia spec. aus der Sagami- bay in Japan (Samml. Doflein) (Originalzeichnung v. L.Müller- Mainz.) ^ ton ist mehr oder minder gleichmäßig ver- teilt oder zieht sich in die Tiefe zurück, namentlich in seichten Flachlandseen. In un- seren tiefen Alpenseen aber sammelt sich bei Regen, bedecktem Himmel oder gar, wenn dichter Nebel über dem Wasser lagert, ver- hältnismäßig viel mehr Plankton in den ober- sten Wasserschichten an als an klaren Tagen. (Hofer.) Indirekt beeinflußt der Regen das Plank- ton, indem er in Flüssen Uferformen und Tümpelformen mitreißt und so eine momen- tane Anreicherung des „Potamoplanktons" zur Folge hat, wie z. B. in der Weser. (Lemmer- mann.) Das gilt ganz besonders von den echten tropischen Seen. „Die heftigen Tropenregen befördern viele Stoflfe vom Ufer in das Wasser, laugen das Land aus, so daß bei größerer Regenmenge auch die Organismen im See direkt oder indirekt eine größere Nahrungsmenge zur Verfügung haben." (Ap stein.) Weiters bedingt der Regen aber auch ein Steigen des Wasserspiegels der 118 Kapitel 11. Das Wasser. Seen und Teiche und setzt dadurch, im Sinne einer Verdünnung wirkend, die Planktonquantität herab. Noch ungünstiger macht sich wegen der gleichzeitigen Herabsetzung des Salzgehaltes anhaltender R^sen in seichteren Meeresabschnitten bemerkbar. Schon Graeffe macht darüber bezüglich des Planktons des Triester Golfes eine passende Bemerkung: „Die Acalephen sind, wie auch die Hydroid- medusen, besonders an der Meeresoberfläche zu finden, wenn die Nord- ostwinde reines, klares Wasser in die Bucht geschafft haben. Sciroccal- wetter und Regen sind stets ungünstige Witterung für den Fang dieser und der meisten pelagisch lebenden Tiere mit Ausnahme der Copepoden, welche stets das Meerwasser in allen Schichten er- füllen." Wie verderblich sciroccale Regengüsse dem Triester Plankton werden können, möge die von mir vor Jahren gemachte Beobachtung illustrieren, derzufolge während eines Frühjahres im Triester Golf durch Wochen überhaupt nahezu kein lebendes Plankton zu finden war. Nur einige lebensfähige Copepoden hatten die durch die Regen- güsse verschuldete Aussüßung des Golfwassers ohne Schaden ertragen können. Ganz anders wirkt der Neapler Scirocco auf die Planktonwelt des Golfes. Wie Schmidtlein erwähnt, kann man dort sicher sein, nach schwerem Scirocco oder Libeccio Planktonten, hauptsächlich Velellen, in großer Zahl zu erhalten. SO-, S-, SW- und W-Winde treiben, so versichert Brandt, das Plankton in den Golf hinein, 0-, NO-, N- und NW- Winde treiben die flottierenden Tiere der Meeres- oberfläche wieder hinaus, und die ungünstige Wirkung dieser Winde ist meist schon nach einigen Tagen und selbst bei ziemlich schwachem Winde deutlich an der Abnahme der pelagischen Tiere zu verspüren. Fuchs nimmt weiters an, daß nach heftigem, lange Zeit an- dauerndem Sturm „die vertikale Zirkulation so tief greift, um schließ- lich auch Tiefseetiere im Rücken des Windes emporzubringen", und Lo Bianco schließt sich dieser Ansicht auf Grund seiner Beobach- tungen im Neapler Golf an. Der ungünstige Einfluß heftiger Gewitter auf gewisse Planktonten geht aus den Zuchtversuchen Knörrichs mit Daphnien hervor, die alsbald in jenen Aquarien eingingen, in denen nicht Algen sich in Vegetation befanden. Das Absterben der Daphnien nahm um so größere Dimensionen an, je schwüler und höher die Temperatur vor oder während des Gewitters war. Diese Schädigungen der Mikro- fauna wurden wohl durch eintretenden Sauerstoffmangel verursacht. Die bei Gewittern herrschende hohe elektrische Spannung bewirkt offenbar eine Überführung des im Wasser gelösten Sauerstoffs in feste Einfluß von Regen, Gewittern und Vulkanausbrüchen auf das Plankton. 119 chemisclie Bindung (Bildung von Wasserstoffsuperoxyd und von Nitriten), eine Anschauung, die sich auf die Versuche von Berg und Knauthe stützt, aber nicht ohne Widerspruch geblieben ist. (Euler.) Tatsache ist jedenfalls, „daß Fische in Teichen während eines Gewitters unter Anzeichen der Erstickung sterben. Demnach muß der freie, im Wasser aufgelöste Sauerstoff durch irgendwelche Einflüsse ver- zehrt worden sein." Interessante Beobachtungen über den Einfluß des Aschenregens auf das Plankton im Xeapler Golfe konnte Lo Bianco gelegentlich des letzten Vesuvausbruches (April 1906) anstellen. Die während des Aschenregens herrschende Dunkelheit veranlaßte Planktonten und selbst Benthosformen zunächst zu einem Aufstieg in höhere Wasser- schichten, so daß man an der Oberfläche am Tage Formen sehen konnte, die sonst nur zur Xachtzeit in diesen Schichten gefangen werden. Der auf das Meer niederfallende Aschenregen verursachte alsbald ein Massensterben; namentlich die höheren, oberen und mitt- leren Schichten waren ganz ohne Leben, während sich das Plankton- netz, sobald es über den Grund hin weggezogen wurde, alsbald mit sterbenden oder schon abgestorbenen Planktonten füllte. Ohne Zweifel ist die gefährliche Wirkung der vulkanischen Asche auf die Plank- tonten hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, eine mechanische. Wohl können sich fast alle zarteren Formen gegen mechanische Insulte durch reichlichere Schleimsekretion einige Zeit schützen; allein bei dem langanhaltenden Aschenregen verursachte die Schleimsekretion nur eine Verklebung der in immer größerer Menge auf den Körper auffallenden Ascheteilchen. Die erwähnten Planktonten sahen wie im Rauch geschwärzt aus und begannen infolge des durch die Asche er- höhten spezifischen Gewichtes langsam abzusinken, um am Meeresgrunde zu sterben; dasselbe Schicksal ereilte schließlich auch die Crustaceen, die wegen der großen Mengen der verschluckten Asche ebenfalls ab- sanken. Aber es ist bezeichnend, daß sie sich noch am längsten am Leben erhielten, genau so wie die Copepoden des Triester Golfes, die, wie erwähnt, einer abnormen Aussüßung des Golfwassers noch am längsten zu widerstehen vermochten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß bei einer solchen Aussüßung eines Meeresteiles so wie bei dem vulkanischen Aschenregen zunächst nicht durch chemische Reize, sondern ebenfalls durch mechanische Ursachen und zwar die von der Küste zugeführten Sinkstoffe die Dezimierung des Planktons herbeigeführt wird. Zugleich mit der Vernichtung des Planktons konnte auch ein Verschwinden der direkt oder indirekt an das Plankton gebundenen 120 Kapitel 11. Das Wasser. Fische (Sardinen, Sardellen, Makrelen) im Neapler Golf konstatiert werden. Erst gegen Ende Mai, als sich das vom Aschenregen schoko- ladebraun verfärbte Wasser geklärt und das Plankton erneuert hatte, stellten sich auch die erwähnten Fische und mit ihnen die Delphine im Neapler Golf wieder ein. Literatur. 1. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 2. Apstein, C. Das Plankton d. Colombosees auf Ceylon. Zoolog. Jahrb. Syst. Bd. 25. 1907. 3. Attimayr, F. (s. p. 17 Nr. 1). 4. Bachmann, H. (s. p. 17 Nr. 2). 5. Barrois, Th. 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Bd. 1. 1908. 122 Kapitel HI. Methodik der Planktonforschung. Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. 1. Faiigapparate für qualitative Planktonforschung. Während, wie wir eingangs schon erwähnten, Joh. Müller beim Beginn seiner Planktonstudien seine Untersuchungsobjekte durch mühe- volle „mikroskopische Untersuchung des eingebrachten Seewassers'^ erlangte, besteht gegenwärtig der Planktonfang im wesentlichen in einem Filtrationsprozeß, durch welchen das im freien Wasser verhält- nismäßig schütter verteilte Plankton auf einen kleinen Raum konzen- triert wird. Dieser Zweck kann in zweierlei Weise erreicht werden. 1. Entweder findet die Trennung des Planktons von der flüssigen Materie, in der es suspendiert ist, schon innerhalb des Wassers statt, was durch Fischen mit besonders konstruierten Planktonnetzen bewerk- stelligt wird, oder 2. es wird ein beliebig großes Wasserquantum aus der ge- wünschten Tiefe mit dem in ihm enthaltenen Plankton aufgebracht und die Filtration erst später besorgt. Wenn es sich dabei nur um oberflächliche Wasserschichten handelt, kann das Wasser nach dem Vorschlage Apsteins einfach mit einem Gefäße geschöpft und sodann in irgendeiner Weise filtriert werden. Zur Erlangung des Wassers aus tieferen Schichten bedient man sich entweder größerer Gefäße, die das Wasser in der gewünschten Tiefe einlassen, oder in neuerer Zeit der Pumpen. Die Zahl der Apparate, die zur Erlangung des Planktons nach der einen oder anderen Methode im Laufe der Zeit ersonnen wurden, ist eine so große, die Verbesserungen, die an diesem oder jenem Apparat später angebracht wurden, sind so mannigfacher Art, daß es uns zu weit führen würde, alle Konstruktionen hier ausführ- lich zu beschreiben. Die Konstruktion eines Universalfangapparates, mit dem das gesamte Plankton eines Gebietes gesammelt werden könnte, wie es besonders für eine exakte, quantitative Planktonforschung erwünscht wäre, wird wohl schon wegen der so gewaltigen Größen- unterschiede der einzelnen Planktonten und wegen der so verschie- denen Dichte ihrer Verteilung im Wasser, sowie endlich wegen der an verschiedenen Lokalitäten so wechselnden Komposition des Plank- tons kaum je gelingen. Netzzeug. 123 Das einfachste der Planktonnetze, mit dessen Beschreibung wir beginnen wollen, stellt einen Beutel aus feinem Stoff dar, der, an einem Metallring wie ein Insektennetz befestigt, entweder an einer Stange oder an einer Leine durch das Wasser gezogen wird. Es entspricht diese horizontale Fischerei an der Wasseroberfläche der schon in der Einleitung erwähnten alten, unrichtigen Anschauung, daß der „Auftrieb" oder „pelagische Mudder" lediglich an der Oberfläche vor- komme, und erst später wurde in schiefer Richtung und endlich auch in Vertikaler Richtung aus größeren Tiefen gefischt. Als Netzzeucr verwendet man heute fast allgemein das feine, seidene Müllergazegewebe, wie es in Muhleu zum Trennen des feinsten Mehles im Gebrauch ist. Es kommt in verschiedenen, nach Nr. 00 — 20 unterschiedenen Maschenweiten in den Handel. Die Wahl der Nr. hängt von der Größe der Planktonten ab, die man fischen will. Für größere Tiere {Limnocalanus, Eurytemora, Lepfodora) verwendet Ekman Nr. 4 mit 23,5 Maschen pro qcm. Das Netz ist dann fein genug, um auch kleinere Planktonten zurückzuhalten, noch größere aber, wie Mysis, erfordern einen noch gröberen Netzstoff. Von der gewöhnlich verwendeten Nr. 20 (Fig. 49) gehen nach Hensen auf den Quadratzentimeter Fläche 5926 Löcher. Die größten Maschen haben nach Lohmann bei ungebrauchten Zeugproben Längen zwischen 52 und 115 /i. sind die Maschen 70—98 u lang (in 85%derFäUe). Bei längerem Gebrauch kann aber die Loch- weite sich erheblich verringern. Als sehr fest und dicht empfiehlt Lohmann einen schweren, teueren Am häufigsten Fig. 49. Müllergaze Nr. 20. (Nach Lohmann.) Fig. 50. Dichter Seidentaffet zum Filtrieren von Meer- wasser (in gleicher Vergröße- rung wie Fig. 49 und 77). (Nach Lohmann.) ( Lücken im Gewebe. Seidentaffet, der, wie ein Vergleich der bei- den, bei gleich starker Vergrößerung ge- zeichneten Figuren (49 und 50) lehrt, fast gar keine Lücken im Gewebe aufweist und sich daher zur Filtration des „Mikroplankton", also der kleinsten Planktonten, sehr gut eignet. Für weniger minu- ziöse Fischerei und größere Netze kann auch ein Wollgewebe, Baum- wollkaliko, Kongreß- oder Vorhangstoff oder sog. Käsetuch (nach Heincke ein kräftiges, lockeres Leinengewebe, das in der Landwirt- 124 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Schaft zur Trennung des weißen Quarkkäses von den flüssigen Teilen der Milch gebraucht wird) in Verwendung kommen, das man dann aber bei der marinen Planktonfischerei mit Vorteil vorher mit irgend- einem der bei der Marine üblichen Konservierungsmittel (Eintauchen in eine Abkochung von Eichenlohe) imprägniert. Der teuere Müller- gazestoff findet dann nur bei dem sogenannten Eimer Verwendung, den wir nun zu besprechen haben. Bei den alten Müllernetzen sammelte sich nämlich das Plankton nach dem Aufholen des Netzes in dem Netzzipfel an-, man mußte warten, bis alles Wasser abgelaufen war, wobei natürlich das Plankton schließlich, wenn auch nur für kurze Zeit, trocken zu liegen kam, und tauchte sodann das umgestülpte Netzende in ein mit Wasser ge- fälltes, weithalsiges Glas. Durch Anbringen eines Gefäßes am Ende des Netzbeutels, in dem sich das gefangene Plankton ansammelt, kann in der einfachsten Weise verhindert werden, daß das Plankton direkt mit der freien Luft in Berührung kommt. Ist das Gefäß oder der Eimer aus Glas, so kann man sich sofort nach dem Fange mittels einer Taschenlupe über die Zusammensetzung des gesammelten Plank- tons orientieren. Durch eine entsprechende Metallfassung kann der Glaseimer vor dem Zerschlagenwerden an der Bordwand oder, wenn das Netz zufällig auf Steingrund aufstößt, geschützt werden. Mittels eines Gewindes oder einfachen Bajonettverschlusses läßt er sich leicht von dem unteren Metallring des Netzbeutels abnehmen. Ist das Sammelgefäß aus Metall, so erfolgt die Entleerung desselben gewöhn- lich durch ein an seinen Boden angelötetes Rohr, das mittels eines Hahnes oder, wenn über das Ablaufrohr ein kurzer, bieg- samer Schlauch gesteckt ist, mittels eines Klemmringes oder eines Stöpsels geschlossen wer- den kann. Wie erwähnt, ist die Form des Netzbeutels gewöhnlich eine konische. Bei der Konstruk- tion des Netzbeutels hat man sich nach Ap s t ei ns Angaben zu- nächst ein Mustei-,einen Schnitt" aus Papier zu entwerfen. „Vervollständige ich den abgestumpften Kegel (Fig. 51 a) und bezeichne mit x die Mantelhöhe der ergänzten Spitze, so verhält sich V'znx Fig. 51. Muster zur Anfertigung eines Planktonnetzes. (Nach Apstein.) X ■\- i = r \^\ daraus folgt x = B-r Konstruktion der Planktonnetze. 125 a = 94,5", a=61,2o, Denken wir uns den Kegelmantel aufgerollt (Fig. 51b), so muß sich der Umfang des Kreises, den ich mit dem Radius x{=2x:t) schlacren kann, zu 2rjr verhalten wie SöO*^ : a: also " = — : daraus folgt : a -= Bei den von Hensen und Ap stein konstruierten quantitativen Planktonnetzen beträgt 1. für das kleine Netz: 7?= 12,5 cm, r = 2cm, i = 40cm, 2. für das mittlere Netz: II = 20 cm, r = 3 cm, i = 100 cm, 3. für die beiden großen Netze: J^ = 45cm, r= 18,5 cm, {=100 cm, (47,6 cm) (20 cm) (152 cm) Die Größen der Netze für die quali- tative Fischerei richten sich nach den Ob- jekten, die gefangen werden sollen. Der Botaniker wird sich mit den kleinsten Modellen begnügen können, kleinere, ge- drängt vorkommende Zooplanktonten mit geringer Eigenbewegung werden geringere Netzdimensionen erfordern als große und nur spärlich vorhandene Planktontiere, wie etwa große Quallen und Salpen, oder solche, die durch wenige rasche Bewegungen flüch- ten können, wie manche Copepoden und Jungfische. Bei dem von der deutschen Tiefsee- Expedition benutzten Vertikalnetz (Fig. 52) betrug die Länge des Netzbeutels un- gefähr 4 m. Es ist vorteilhaft, den Netz- beutel zum Schutze mit einem Überzug aus einem derberen, weitmaschigen Netz- zeug zu versehen und außerdem ist der Eimer durch einige Schnüre mit dem Ring der oberen Netzöffnung zu verbin- den. Die Schnüre sind etwas kürzer ge- zogen als die Mantelhöhe {i Fig. 51) des Netzbeutels beträgt, um den starken Zug pj^ 52 Veitikalnetz nach zu vermindern, dem der Netzbeutel beim Chun (phot. F. Winter). 126 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Ziehen ausgesetzt ist und damit ein Zerreißen des zarten Gewebes zu verhindern. Der Ringdurchmesser dieses Netzes beträgt 1,5 — 2,5 m. Durch an den Eimer gehängte Gewichte kann man ein rascheres Absinken des Netzes bei Vertikalfäogen und ein Fischen in größeren Tiefen bei Horizontalfängen bewirken. Eine nicht kreisrunde sondern viereckige Mündung zeichnet das große Richardsche Vertikalnetz aus (filet vertical ä grand ouverture ou filet Richard) mit seinem konischen Netzbeutel aus Packtuch und einer Öffnung von 9 — 25 qm. Ein konischer Einsatz aus Tuch verhindert wie bei Fischreusen das Entweichen der gefangenen Tiere. Fig. 53. Triester Planktongrippo nach Cori. (Original.) Nach Art eines Grundnetzes (grippo) ist der von Cori beschrie- bene Planktongrippo (Fig. 53) konstruiert. Der Netzbeutel ist hier nicht konisch, sondern pyramidenförmig, die Einströmungsöffnung auch y , // hier viereckig und mittels Spagatverschnürung an %\ 11 // einem Tau befestigt, an dem sich in der bei [^_/^~- --^ Grundschleppnetzen üblichen Weise oben eine ^_^^"~" — ^- Reihe von Korkstücken, unten eine Anzahl von Bleiplatten befinden, die zur Erweiterung der Netzöffnung beim Fischen dienen sollen. Zu bei- den Seiten sind weiters zwei Stäbe angebracht, und durch die an ihren Enden befindlichen Schnüre wird in der aus der Zeichnung ersichtlichen Weise mittels einfacher Holzknebel die Befestigung des ganzen Netzes an einer Leitstange bewirkt, von deren Mitte die Zugleine abgeht. Das Gewicht an der Leitstange erleichtert wieder das rasche Ab- sinken des Netzes und ermöglicht auch annähernd horizontales Fischen in größeren Tiefen. Ein Fortschritt ist in der Konstruktion des Sammelgefäßes zu verzeichnen (Fig. 54). Bei den gebräuchlichen qualitativen Netzen (v. Apstein, Fig. 54. Netzeimer mit Bajonett- verschluß nach Cori (Original). Der Pfeil deutet an, auf welcher Seite der Fang in das Sammelglas ge- schüttet wird. Netze für horizontale Planktonfischerei. 127 Helgoländer Brutnetz) bildet den Boden des Eimers ein straff ge- spanntes Gazestückchen, das mittels eines Klemmringes an dem Eimer befestigt wird. Xach dem Fiscbzug kommt somit, wie bei dem alten Müllernetz, das Plankton ins Trockene, der Klemmring muß losgeschraubt und in umständlicher Weise das Plankton von dem Gazestückchen abgeschabt werden. In unserem Falle hat der Eimer einen Metallboden, dafür einen seitlichen, doppelfenstrigen Ausschnitt, über den das vorher angefeuchtete Gazestück gespannt und durch einen darüber gelegten Rahmen mittels Schrauben fest- gehalten wird. Es sammelt sich also nach dem Aufziehen des Netzes der Fang in dem geringen Wasserquantum, dessen Niveauhöhe durch Fig. 5.Ö. Oberflächenkurre. (Nach Monaco.) den unteren Fensterrand gegeben ist und wird an der durch den Pfeil angedeuteten, dem Fenster gegenüberliegenden Seite des Eimers in das Sammelgefäß gebracht. Die Befestigung des Eimers geschieht wieder mit Hilfe des schon von J. de Guerne, Besana u. a. ver- wendeten Bajonettverschlusses. Das Netz läßt sich wegen seiner einfachen Befestigung mittels der Holzknebel leicht abmontieren und reinigen und nimmt, zu- sammengerollt, einen sehr kleinen Raum ein. Der beschriebene Planktongrippo erinnert in seinem Bau an die von Monaco schon 1887 erfundene Oberflächenkurre (Fig. 55), die ebenfalls einem Grundnetz, dem „ottertrawr', nachgebildet ist. Sie dient hauptsächlich zum Fange aller größeren Planktonformen der oberflächlichen Meeresschichten, die mit den anderen gebräuchlichen Netzen entweder gar nicht oder nicht in genügender Menge erbeutet werden können. An dem Netz faUen uns zunächst die großen seitlichen Flügel auf, die wie bei gewissen Grundnetzen zur Vergrößerung des abfisch- baren Gebietes dienen. An ihren Enden befinden sich sog. Scher- bretter, d. s. oben mit Kork, unten mit Bleiplatten eingesäumte Holz- platten, die sich im Wasser, sobald das Netz gezogen wird, vonein- 128 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. ander zu entfernen trachten. Das Entweichen der gefangenen Tiere wird durch eine im Netzsack angebrachte Falle vereitelt. In etwas verbesserter Form und in riesigen Dimensionen her- gestellt, dient dieses Netz als „neues Helgoländer Obertrawl" oder „Dreischerbretternetz" (Fig. 56) gegenwärtig der deutschen wissenschaftlichen Kommission für die internationale Meeresforschung zum Fange von größeren Larven und kleinen Jungfischen im freien Netze zum Fang der Makroplanktonten. 129 Wasser. „Es ist ein 34 m langer, konisch zulaufender Netzbeutel von Hanfgarn, mit vorderer dreieckiger Mündung, jede Dreieckseite 15 m lang mit einer Gesamteingangsfläche von rund 100 Quadratmetern. Die Maschen sind vorn am Eingang 80 mm weit und verkleinern sich ganz allmählich bis auf 5 mm im Steert des Netzes. Das Offenhalten des Netzbeutels geschieht durch die starken, eisenbeschlagenen Scher- bretter nach Art der Scherbretter der Grundnetze; zwei davon sind ganz gleich, eines aber etwas abweichend gestaltet und befestigt und stärker beschwert. Dieses dritte Scherbrett befindet sich, wenn das Netz fischt, seiner größeren Schwere wegen stets unten, an ihm ist also dann die nach unten gerichtete Spitze der dreieckigen Netzmün- dung befestigt, während die beiden anderen Scherbretter an den Enden der nach oben gewendeten Dreieckseite befestigt sind." Als Vorzüge des Netzes werden leichte Handhabung trotz der sehr bedeutenden Größe und die Möglichkeit einer ziemlich schnellen Fahrt mit diesem Netze (3, 4 und mehr Seemeilen Fahrt pro Stunde) hervorgehoben. Zum Fange größerer Organismen dient weiter auch das Hjort- sche Netz mit seinem unhandlichen Ring an der Mündung von 5 — 7 m Durchmesser. Wir haben noch der bei der Planktonfischerei verwendeten Seile Erwähnung zu tun. Wo mit der Hand gefischt wird, sind Hanfseile anzuwenden (Flaggenleinen); für kleine Oberflächennetze genügen solche von 5 mm Durchmesser, für Brutnetze sind Leinen von lYg — 2 cm nötig. Wo Winden mit Handbetrieb oder Dampfwinden in Verwen- dung kommen, müssen Stahltrossen benützt werden, die auf einer Trommel der Winde aufgerollt werden. Apstein verwendet Stahl- trosse von 3,9 mm Dicke, bestehend aus einer Hanfseele und 24 dünnen Drähten; für Tiefseefänge müssen sie entsprechend stärker genommen werden. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß man in manchen Fällen auch direkt Grundnetze zum Fangen größerer Zooplanktonten in Anwen- dung bringen kann. Im Triester Golf wird man z. B. bisweilen Quallen vergebens an der Meeresoberfläche suchen, während Grundnetze sie in Mengen zutage fördern, was schon Graeffe im Jahre 1883 be- merkte und ihn zu der Annahme veranlaßte, daß sich die Acalephen in der Tiefe „an Algen und anderen Gegenständen festklammern." Zum Einsammeln der über dem Boden schwebenden Planktonten wurden sog. „Schlittennetze" konstruiert, die auf Kufen oder Räder- gestellen angebracht, etwa Yg — 1 m über dem Boden hinweg fischen. Solche Netze wurden u. a. von Hensen und Aurivillius angewendet. An der Oberfläche treibendes „Makroplankton" (also Quallen, Steuer, Planktonkunde. 9 130 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. i Salpen, Jungfische u. dgl.) wird bei der Zartheit der Objekte am besten in weithalsige Gefäße geschöpft. Aber auch dabei zerreißen besonders zarte Formen, wie Eiicharis, leicht, wenn man nicht sehr vorsichtig zu Werke geht. Werden die Tiere in tieferem Wasser ge- sehen, so erzeugt man erst an der Oberfläche einen Wirbel, der sie langsam an die Oberfläche bringt, von wo aus sie dann leicht in das Sammelglas geschöpft werden können. In vielen Fällen ist es wünschenswert, Plankton nur aus einer bestimmten Tiefe zu erhalten. Es müssen dann Netze konstruiert werden, die geschlossen in die gewünschte Tiefe versenkt werden, sich dort öffnen und fischen und sodann wieder geschlossen aufgebracht werden können („Schließnetz"). Daß das Netz geschlossen versenkt wird, scheint nicht immer unbedingt nötig, da z. B. Burckhardt be- obachtet hat, „daß beim Hinunterlassen das Netz ganz leer blieb", und bei gewissen Fragen ist es tat- sächlich nicht von Belang, wenn auch etwas Plank- ton beim Versenken des Netzes schon eingebracht wird (Fischeier). Ein Schließnetz einfachster Art stellt das „Helgo- länder Brutnetz" (Fig. 57) dar, das durch zwei von- einander weit abstehende große Reifen aus spanischem Rohr offen gehalten wird. Beim Fischen dient das am ersten, vorderen Reifen befestigte Tau als Zug- leine, während durch einen Zug an der zweiten, am hinteren Reifen befestigten Leine ein, wenn auch nicht exakter, so doch für viele Zwecke ausreichen- der Verschluß des Netzes herbeigeführt wird, indem dann der vordere und hintere Teil des Netzes wegen ihrer Schwere einfach zu beiden Seiten des hinteren Reifens absinken. In einer von dem Fischmeister Lornsen ver- besserten Form dient es jetzt als „Helgoländer Scherbrutnetz" (Fig. 58) zum Fange von Fischeiern und -larven den Teilnehmern der „internationalen Meeresforschung". Die Mündung des Netzes ist hier viereckig, und an ihrer unteren Seite befindet sich ein schräg nach unten geneigtes, feststehendes Scherbrett; dieses Brett verhindert durch den Widerstand, den es beim Zuge durch das Wasser diesem entgegensetzt, unter Erzeugung eines schräg nach unten wirkenden Gegendruckes den fast unvermeidlichen Auftrieb des Fig. 57. Helgo- länder Brutnetz. (Nach Heincke.) Schließnetze einfachster Art. 131 Netzes aus der Tiefe an die Oberfläche. Das Netz fischt auf diese Weise sehr gut in einer konstanten, nahezu durch die Läno-e der aus- gegebenen Leine bestimmten Tiefe und ermöglicht es, bestimmte Tiefenregionen nach Eiern und Larven abzufischen (Heincke). Eine weitere Type einfacher Schließnetze stellen jene dar, bei denen der Verschluß durch Zuschnüren des Netzbeutels etwa in seiner Mitte bewerkstelligt wird. Das Turbjne-Netz z. B., „welches bei den Forschern an der Station zu Granton in Schott- land in Gebrauch steht, wird mit Hilfe von zwei Leinen in Tätigkeit gesetzt. Die eine ist die Schleppleine, die andere bewirkt, je nachdem sie Helgoländer Scherbrutnetz. (Nach Heincke.) schlaff oder gespannt erhalten wird, durch Ein- schnürung das Offnen und Schließen" (Monaco). Das früher viel verwendete, horizontal fischende „Tannernotz" ist so eingerichtet, daß es mit Hilfe fallender Gewichte abgeschnürt werden kann, so daß der abgeschnürte Teil dann nichts mehr fängt. Offen hinabgelassen wird weiter auch das sog. Nansensche Schließnetz. Etwas komplizierter schon ist der von Marsh konstruierte und im Green Lake (U. S. A.) erprobte Apparat (Fig. 59). Der Mechanismus, der den Netzverschluß herbeiführt, besteht hier aus einem Messingrahmen von 15 cm Länge (Ä), in dem ein zweiter, etwas größerer, dafür schmälerer Metallrahmen sich nur wenig auf- und ab- Fig. 59. Schließnetz nach Marsh. (Nach Marsh.) 132 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Fig. 60. Vertikalschließnetz nach Burekhardt. (Nach Burckhardt.) ■'- — fixe Aufhängeleinen, " — bewegliche Schnüre. a Drahtseil, h Coris Auslöaeappurat, d gro- ßer oberer Reif, e Reif an der Netzöffnung, / Tragreif mit Ösen, (j Aufhängeschnilre desselben, h Deckel, i Schnur, k Gewicht, beide zum Schluß des Deckels, l Schnur, m Gewicht, beide zum Offenhalten des Deckels, o unterer großer Reif, q Trichter mit Ausflußhahn, » Schnur zum 3 kg-Ge- wicht, t 3 kg- Gewicht, u Schnur für das Trichtergewicht. bewegen kann. Zwischen den beiden un- teren Schmalseiten der Rahmen ist eine Feder angebracht, die dieselben ausein- anderhält. An dieser Auslösevorrichtung ist nun zunächst das Netz dauernd durch eine Leine jB befestigt, die später den Netzbeutel abzuschnüren hat. Die drei Schnüre, die von dem großen Ring der Netzöffnung ausgehen, vereinigen sich wieder zu einem Ringelchen. Durch dieses ist ein dünner, leicht zerreißbarer Faden gezogen, der um die beiden oben- erwähnten, vorher auseinandergepreßten Schmalseiten der beiden Metallrahmen geschlungen und verknotet ist. Nun kann das Netz in die gewünschte Tiefe versenkt und hierauf eine beliebige Strecke vertikal nach aufwärts gefischt werden. Soll dann das Netz geschlossen werden, so genügt ein kräftiger Ruck an der Zugleine, um den dünnen P^den zu zerreißen, wobei die Feder die beiden Metallrahmen aneinandertreibt, das Rin- gelchen wird frei, der obere Teil des Netz- beutels sinkt ab, und durch das Gewicht des ganzen Netzes wird nun die Schlinge der Leine B angezogen und damit der Verschluß hergestellt. Wir haben zugleich mit diesem Ap- parat ein Schließnetz kennen gelernt, das speziell für vertikale Fischerei eingerich- tet ist. Ebenfalls durch Einschnüren des Netzbeutels wird der Verschluß bei dem von Bruce beschriebenen Scotia-Schließ- netz herbeigeführt (Scotia-Closing-Plank- ton-Net). Das Netz wird ebenfalls offen und vertikal versenkt; eine Feder gibt durch ein abgelassenes Fallgewicht die Zugtaue der Netzöffnung frei. Bei demVertikalschließnetz von Vertikalschließnetze. 133 Burckhardt (Fig. 60) wird der Verschluß nicht durch Einschnürung des Netzbeutels, sondern durch einen Deckel hergestellt, der die Xetz- münduncr zu schließen vermag. Das Netz ist nach Birges Vorgang konstruiert, der Auslöse- apparat dem Cori sehen horizontalen Schließnetz entnommen; er be- steht im wesentlichen aus zwei auf einem Metallstück beweglich montierten Haken, die die Netzschnüre zu tragen haben, welche sie nacheinander freigeben, wenn an der Zug- leine verschieden breite Fallgewichte herab- gelassen werden und auf die Auslösevorrich- tung anschlagen. Der Verschluß des Burckhardtschen Vertikalschließnetzes wird, wie erwähnt, durch einen flachkonischen Deckel (Jt) aus starkem Weißblech bewerkstelligt. „Dieser Deckel umschließt mit seinem Rand genau den Reif an der Öffnung des Netzes (e), der mit weichem WollenstofF umwickelt und darüber mit Barchent umkleidet ist. An diesem Reif ist er durch ein Scharnier befestigt. Des Deckels wegen kann das Netz nicht an diesem Reif aufgehängt wer- den, sondern die drei Schnüre (g) wurden an einem zweiten Reif von gleichem Durch- messer (/■) befestigt, der zu diesem Zweck drei nach außen vorstehende Ösen trägt. Dieser zweite Reif läuft unter dem ersten um den Barchent des Hansen sehen Kegels und trägt so das ganze Netz. Von den Ösen dieses Reifens laufen die drei Schnüre zu dem großen Reif an der Basis des er- wähnten Kegelaufsatzes (o), von da nach unten (s) und vereinigen sich unter dem Eimer, wo sie ein 3 kg schweres Gewicht (t) tragen. An diesen Ver- einigungspunkt ist auch der Eimer (q) lose festgebunden (h), damit das Netz beim Hinunterlassen nicht in Unordnung komme. Wenn das Netz offen ist, steht der Deckel senkrecht. Damit dies möglich sei, wurde etwa 50 cm über der Netzötfnung ein vierter Reif (cT) befestigt, der denselben Durchmesser hat, wie der an der Basis des Äufsatzkegels (o). Am Deckel hängen an Schnüren zwei Gewichte, das eine (ni, 0,7 kg) öffnet ihn oder hält ihn off'en, seine Schnur (l) Fig. 61. Ap>t npen- schließnetz ouerer ieil). (Nach Apstein.) 134 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. läuft durch eine Öse des oberen (d) und des unteren (o) großen Reifens. Das zweite, 1,2 kg schwere (k) schließt den Deckel; die dasselbe tragende Schnur (i) passiert unter dem oberen (d) und über dem unteren (o) großen Reif." Einfacher in der Kon- struktion ist jedenfalls das Apstein- sche Klappenschließnetz (Fig. 61). Bei diesem handelt es sich um ein quantitatives H e n s e n sches Plankton- Fig. 62. Petersens vertikales Schließuetz. i^JSacli Chun.) a vor dem Hinablassen, b nach dem Aufkommen. netz (s. darüber später!), dessen Offnungen durch zwei aufgesetzte Klappen zu verschließen sind. Diese Klappen werden geöffnet und durch Halteschnüre an einem Ausschnappapparat befestigt. Das Netz wird offen ins Wasser gelassen und füllt sich nun mit Wasser, das von außen durch die Gaze hineinfiltriert, also keine Organismen Vertikal schließnetze. 135 enthält. Auch beim Hinunterlassen geht der Wasserstrom durch die Xetzwand zur Xetzöffnung heraus. Hat das Netz die gewünschte Tiefe erreicht, so wird es eingeholt. Hat es eine bestimmte Schicht durch- fischt, so wird durch ein nachgeschicktes Fallge- wicht der Ausschnappapparat in Tätigkeit gesetzt, die Schnüre fallen ab, und die Deckel schließen die NetzöfFnung. Wesentlich anders gebaut ist das Vertikal- Schließnetz der italienischen „Vettor-Pisani"-Expe- dition, das nach seinem Erfinder, dem Komman- danten des Schifl'es, Palumbo-Xetz genannt wird. Hier wird der Verschluß beim Hinablassen des Xetzes lediglich durch den Gegendruck des Wassers bedingt, und das Netz öff'net-sich, sobald die Be- wegung nach abwärts aufhört. Den Verschluß des Netzes veranlaßt ein über dem Netze angebrachtes Umkippthermometer, das beim Umkippen ein Fall- gewicht freigibt, durch welches das Zusammen- klappen des Netzes veranlaßt wird. Ein Abkömmling dieses Palumbo- Netzes ist dasPe t er sensche vertikale Schließ netz(Fig.62). Bei diesem fungiert als Auslösevorrichtung der uns schon von früher bekannte, in einem MetaUgestell montierte Propeller. Im Prinzip liegt folgende einfache Idee dem Schließnetze zugrunde: Wird der eiserne Rahmen des Netzes durch zwei Scharniere zum Auf- und Zuklappen eingerichtet, so muß das Netz bei dem Ziehen durch das Wasser sich öff- nen, wenn es an zwei Drähten angezogen wird, die an den Scharnieren befestigt sind. Umgekehrt muß es sich schließen, wenn zwei Drähte in rech- tem Winkel zu den vorigen an den Mittelpunkten der beiden Netzrahmen anziehen (Chun). Mit diesem Netz arbeitete seinerzeit Chun im Golf von Neapel, und Monaco verwendete es in etwas veränderter Form bei seinen Untersuchungen an Bord der „Hirondelle", zweifelte aber an dem sicheren Verschluß des Netzes. Chun hat daher die Konstruktion des Netzes in neuerer Zeit wesentlich verbessert, und es leistete ihm bei der deutschen Tiefseexpedition vorzügliche Dienste. Auch bei dem während der Planktonexpedition gebrauchten is. 63. Schließnetz der Plankton - Exp. (Klischee Zwickert.) 136 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Schließnetze erfolgt der Verschluß durch Zusammenklappen der beiden Netzrahmen (Fig. 63). Eine weitere Modifikation dieser Netztype stellt endlich das „Midwater-Townet" von G. H. Fowler dar, bei dem aber statt des Propellers wieder Fallgewichte in Anwendung kommen. Die hier viereckige Netzmündung wird durch zwei Bügel auseinandergehalten, die beim Verschluß des Netzes gegen einen mittleren größeren Rahmen zusammenklappen. Die ähnlich wie beim vorigen Netz wirkende Auf- hänge- und Auslösevorrichtung ist in einem Gerüst aus Teakholz untergebracht. Im Gegensatz zu vertikal fischenden Schließnetzen ist die Mün- dung bei den Horizontalschließnetzen nicht parallel, sondern senkrecht zur Wasseroberfläche gestellt und meist nicht kreisrund, sondern viereckig bzw. quadratisch. Der Verschluß kann wieder ent- weder durch irgendwelche Deckel oder Klappen bewerkstelligt werden oder aber nach Art des Petersen-Netzes durch Zusammenklappen der mit Scharnieren aneinandergefügten Rahmenteile herbeigeführt werden. Einfach im Bau und nur für geringe Tiefen berechnet ist der von Lakowitz konstruierte Apparat. Auf den quadratischen Messing- rahmen passen hier zwei nach außen sich öffnende Klappen, die durch Zugschnüre nach Belieben geöffnet und geschlossen werden können. Etwas komplizierter schon ist Coris horizontales Schließnetz. Der quadratische Netzrahmen ist aus zwei horizontalen Bandeisen und zwei vertikalen Rundeisen angefertigt; letztere dienen der hori- zonten Verschlußschiene zur Führung. An ihr und an dem unteren Bandeisen ist der Netzsack angenäht. Beim Hinabfallen der Ver- schlußschiene schließt sich die Netzöffnung. „Damit sich die seitlichen Teile des Netzsackes beim Schließen zur Erzielung eines prompten Verschlusses in Form von zwei Falten zwischen die Verschluß- und die untere Querschiene legen, ist noch eine an die beiden Verschluß- stücke mit Scharnieren versehene Klappvorrichtung angebracht, an welche die seitlichen Teile des Netzsackes angenäht sind. Die Klapp- vorrichtung besteht jederseits aus einem Paar von Bandeisenstücken, welche sich beim Schließen in Form von zwei horizontal gestellten mit den Spitzen gegeneinander gekehrten > < aufeinanderlegen." Die Auslösevorr ''htung dieses Netzes wurde von Hatschek kon- struiert und schon früher (siehe Vertikalschließnetz von Burckhardt, S. 133) kurz beschrieben. Nach Hofer arbeitet dieser Apparat „außerordentlich zuverlässig", Burckhardt dagegen findet, daß weder der Verschluß ganz sicher Horizontalschließnetzc. 137 noch ein genau horizontales Fischen möglich ist; endlich kann auch das durchfischte Wasserquantum nicht genau bestimmt werden. Auch bei dem Voigt sehen Schließnetz wird das Ofinen und Schließen durch Fallgewichte bedingt. Zum Verschluß der auch hier viereckigen Netzöfi'nung dient eine Klappe, die zu Beginn des Fischens auf ein vor der Netzöffnung befindliches Eisen- gestell fällt. Das Xiederfallen des zweiten Fall- gewichtes gibt den Netzrahmen frei, der nun selbst auf die vor ihm liegende Klappe fällt, und damit ist das Netz geschlossen. Eigenartig in der Erfindung, doch leider zu kompliziert und delikat in der Konstruktion ist das sogenannte Courtinenschließnetz von Monaco (Fig. 64). Will man mit diesem Netz fischen, so hat man zunächst in die gewünschte Tiefe ein Drahtseil hinabzulassen, an dessen Ende ein je nach der Tiefe wechselndes Ge- wicht (Hemmungspuffer) befestigt wird. Das geschlossene, auf das Seil aufgefaßte Netz glei- tet nun an demselben nach abwärts, öffnet sich durch den Anprall an dem Hemmungspuffer, in- dem dabei durch die an den Zahnleisten entlang rollenden Zahnräder ein Vorhang aufgeht. Mit dem so geöffneten Netz kann nun horizontal gefischt werden. Ist die Fischerei beendet, so läßt man an dem Seile ein Fallgewicht in die Tiefe gleiten, welches den aufstehenden Rah- men abwärts drückt. Wieder wird durch die Zahnleisten und Zahnrädchen die Vorhangsrolle in Bewegung gesetzt, doch diesmal in entgegen- gesetzter Richtung, und damit schließt sich die Netzöffnung. Nun kann das Netz emporgezogen werden. Auch dieses Netz hat sich, wie Ri- chard angibt, auf die Dauer nicht bewährt. Nicht minder subtil sind die beiden von Gies brecht kon- struierten horizontalen Schließnetze, die er Fall- und Flügelschließ- netz nennt, und das Schließnetz von Rich&'-d, das sich im Prinzip auf die Gies brecht sehen Netze zurückführen läßt (Fig. 65). Allen diesen Netzen eigentümlich ist ein aus vier, miteinander durch Scharniere verbundenen Stäben hergestellter, viereckiger, verti- kaler Netzrahmen, der an der vorderen, vierkantigen Stange eines Fig. 64. Monacos^ hori- zontal fischendes Cour- tinen-Schließnetz. (Nach Monaco-Marenzeller.) Geschlossen, absinkend. Das Öffnen geschieht im nächsten Augenblick, sobald die Stange (l) den Hemmungspuffer er- reicht. 138 Kapitel III. Methodik der Planktoaforschtnig. zweiten fixen Rahmens so montiert ist, daß er sich an dieser Stange als Führung auf- und niederschieben läßt. Von dem Netzrahmen nach hinten bis zu dem in der Mitte der hinteren fixen Rahmen- stange befestigten kegelförmigen Gefäß ist ein Netzsack ausgespannt, der indessen nur gewissermaßen als Atrium zu dienen hat, während der eigentliche Netzbeutel erst an dem hinteren Ende des kegel- förmigen Gefäßes befestigt ist; in dem Gefäß selbst ist durch eine nur gegen den Netzbeutel sich öifnende Klappe einem Entweichen des bereits gefangenen Planktons vorgebeugt. Wie erfolgt nun Offnen und Schließen des Apparates? Ein von unten nach aufwärts wirkender Druck nähert die beiden unteren Stäbe des Netzrahmens den beiden oberen und führt so den Verschluß des Netzes herbei. Werden nun die beiden oberen Stäbe des Netz- rahmens an ihrer Verbindungsstelle an der als Führung dienenden ver- tikalen Stange festgehalten und hört der von unten wirkende Druck auf, so fallen die beiden unteren Stäbe des Netzrahmens hinab, und das Netz öffnet sich. Lasse ich darauf die beiden oberen Stäbe des Netzrahmens los, so gleiten sie an Fig. 65. Fallschließnetz nach Giesbrecht- der Vertikalstange nach abwärts, Richard. (Nach Richard.) p ,, i? r i, -j j. Oi-i, ^ ' lallen aui die beiden unteren ötabe des Netzrahmens, und damit ist das Netz wieder geschlossen. Bei den Giesbrechtschen Netzen werden die beiden oberen Stangen {L in Fig. 66) des Netzrahmens mittels eines elastischen Hakens iE) an einer etwas vorspringenden Kante des vertikalen Füh- rungsstabes iß) aufgehängt und fallen ab, sobald durch den Druck eines an der Zugleine herabgelassenen Laufgewichtes ein über dem Haken montierter Keil {K) diesen an der vorspringenden Kante ab- gleiten läßt. Daß das Netz geschlossen hinabgelassen werden kann, wird beim Fallschließnetz in ähnlicher Weise wie bei dem schon erwähnten Palumbonetz durch den Widerstand des Wassers erzielt, der beim gleichmäßig -raschen Abgleiten des Netzes in die Tiefe die beiden unteren Stäbe des Netzrahmens gegen die beiden oberen drückt. Beim Horizontalschließnetze. 139 Flügelnetz verhindert das vorzeitige Aufklappen des Netzes ein gar zu subtiler Apparat, dessen ausführliche Beschreibung wir füglich übergehen können. Richard nun montiert das Giesb recht sehe Netz nicht fix an der Zugleine, sondern läßt es nach Art des Courtinennetzes von Monaco an einem Tau hinabgleiten, bis es wie dieses unten auf ein Gewicht anstößt. Durch diesen Stoß werden die beiden unteren Stäbe des bisher ge- schlossen gewesenen Netzrahmeus von einem Haken frei, an dem sie bisher festhingen, gleiten hinab, und es kann nun gefischt werden. Der Verschluß des Netzes nach beendetem Fischzug wird in ähnlicher Weise wie bei den Giesb recht sehen Netzen durch ein Fallgewicht ausgelöst, das auf einen Hebel aufschlägt, an dessen einem Arm die beiden oberen Stäbe des Netzrah- mens bisher aufgehängt waren. Bei den Netzen von Giesb recht und Richard sind weiters an den obe- ren und unteren Stäben des fixen Rah- mens Platten montiert, die zur Steue- rung des Netzes dienen sollen. Während der letzten von Krupp veranlaßten Fahrten des „Puritan" im Neapler Golf kamen neue, aber noch nicht näher beschriebene, von Wiese- ner konstruierte Schließnetze in Ver- wendunsf. Fig. (56. Auslösevorrichtung des Flügelschließnetzes nach Gies- brecht. (Nach Giesbrecht.) [j die beiden oberen Stangen des Netz- rahmens, mittels E, eines elastischen Hakens, an einer vorspringenden Kante von S, dem Führungsstab, aufgehängt. K Keil, der durch ein auffallendes Lauf- gewicht den Haken E von der Kante des Führungsstabes Ä abgleiten läßt und da- mit das Zusammenklappen der Netz- rahmen verursacht. Vielfach ist es erwünscht, auch bei voller Fahrt Plankton zu fischen. Dadurch kann einerseits das zeitraubende Stoppen des Schiffes unterbleiben, andererseits auch dem einzelnen Biologen auf einem Passagierdampfer Gelegenheit zu Planktonbeobachtungen auf Seereisen gegeben sein. Mit denselben Netzen kann weiters auch in rasch- fließenden Strömen nach dem sogenannten Potamoplankton ge- sucht werden. Monaco fischte mit einem derartigen Netz, dem „Filet Buchet" bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 10 Knoten. Der Apparat besteht 140 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. aus einer Metallhülse, deren hintere Öffnung man beliebig erweitem und verengen kann. In dieser befindet sich das Gazeuetz. Das zu filtrierende Wasser dringt vorn durch eine kleine Öffnung ein, nachdem es einen Teil seiner Kraft verloren hat, und verläßt, nachdem das Plankton zurückbehalten worden, den Apparat durch eine Röhre mit je nach der Fahrtgeschwindigkeit verschieden weitem Kaliber. Während dieser Apparat mehrere Mann zur Bedienung erfordert, ist das letzte, im Jahre 1904 von Richard beschriebene ModeU (Filet fin etroit) wesentlich einfacher zu handhaben. Schon 1887 hatte für den gleichen Zweck Hensen ein soge- nanntes „Korbnetz" (Fig. 67) und den „ Blechkonus '^ konstruiert. Das eigentliche Netz (iS^) ist hier von einem 240 mm hohen Blech- Fig. 67. Korbnetz, Längsschnitt. (Nach Hensen.) Fig. 68. Faltennetz, Querschnitt. (Nach Hensen.) raantel (Ä) umgeben. Bei B ist das Blech an einen starken Metall- ring angelötet. Bei C findet sich ein hohler Metallkonus, bei D ein Deckel, an den der Metallkonus so angeschraubt ist, daß rings um ihn eine ringförmige Öffnung (a) bleibt. Der Durchmesser des Konus beträgt an dieser Stelle 40 mm, der Durchmesser des äußeren Randes der ringförmigen Öffnung 48 mm, die ringförmige Öffnung (a) daher 5,524 qmm. Das Ganze wird durch drei Uberfallschrauben, deren eine bei E gezeichnet ist, gehalten. Der Deckel D drückt auf den Ring F, der mit Barchent überzogen ist und an den das leinene Netz N an- genäht ist. Dies Netz entfaltet sich, weil im Boden des Blechmantels rings am Rande die Löcher b vom Gesamtquerschnitt 5,5 qcm an- gebracht sind. An diesen Löchern zieht das Wasser und entfaltet das Netz. Man wirft das Netz hinten am Schiff aus, gibt so viel Seil nach, wie erforderlich ist, daß das Netz unter der Oberfläche bleibt, und fischt 10 Minuten oder länger, zieht den Apparat auf, Planktonfang bei voller Fahrt. 141 nimmt das !N^etz heraus und spült den Inhalt in einer Schale ab. Läßt man das Netz sehr lange tischen, so füllt es sich schließlich so sehr mit Plankton, daß es schwer filtriert. Soll die filtrierende Ober- fläche des Netzes noch vergrößert werden, so kann der Netzstotf in Falten gelegt werden, die durch zwei Reihen von Stäben gespannt werden, wie das in der Querschnittfigur (Fig. 68) ersicht- lich gemacht ist. Ein ähnliches Faltennetz ist im Prinzip auch der von Viguier empfohlene Apparat. Mit einem leichter herzustellenden Netz fischte Borgert auf einer Fahrt im Mittelmeer (Fig. 69). Der Vorteil des Borgertschen Netzes besteht in der leichten Handhabung, den geringen An- schaflungskosten und der Verwendbarkeit auch bei langsamer Fahrt. Der Apparat besteht aus drei Teilen: dem kegelförmigen, zum Abnehmen eingerichteten Aufsatz, dem eigentlichen Netze und dem filtrierenden Eimerchen. Der Aufsatz trägt an seiner Spitze die kleine Einströmungsöfl'nung und etwa in halber Höhe einen Kranz von sechs kleineren Löchern. Die Größenverhältnisse des Netzes sind folgende: Höhe des Aufsatzkegels 20 cm, Durchmesser der HauptöfiFnung an der Kegelspitze 2,8 cm, der Nebenöffnungen im Kegel- mantel 1,2 cm, Durchmesser des Netzringes 30 cm. Breite desselben 7 cm, Seitenlänge des Netzes 55 cm. Zuweilen ist es nötig, das Netz durch einen vor dem Netze der Länge nach an das Hauptseil angebundenen, schweren, eisernen Rost- stab zum Untersinken zu bringen. Das Aussetzen aller für das Planktonfischen bei voller Fahrt bestimmten Apparate geschiebt Fig. 69. Borgerts Xetz. von Achter aus und zwar in Luv (Windseite), da (Nach Borgert.) man dann nicht die vom Schiffe in Lee über Bord (^"" ^•'*=''*'' ^"^ ^'*''''- . xT to'i ^ßi voller Fahrt. geworfenen Abfälle ins Netz bekommt. Bei den deutschen Terminfahrten verwendet Apstein die sog. Planktonröhre (Fig. 70), eine einfache Messingröhre, die vorn bis auf 1 qcm verengt und hinten durch ein abnehmbares Gazeläppchen geschlossen ist und an der Unterseite einen Bleikiel trägt. In der Nordsee genügt es, die Röhre eine Seemeile weit hinter dem Schiff schleppen zu lassen. 142 Kapitel DI. Methodik der Planktonforschung. Ein ähnliclier Apparat wurde später von Zacharias unter dem Namen „Ethmophor" beschrieben. Zur Erlancrung von „Plankton-Streckenfäncren'' verwendet Volk bei seinen Elbe-Untersucbungen zu beiden Außenseiten des Dampfers je ein eisernes Rohr von 5 m Länge und 3,5 cm lichter Weite, das Fig. 70. Apsteins Planktonröhre. iNach Apstein.) derartig befestigt wird, daß das Vorderende etwa 0,3 m unter Wasser taucht, während sich das Hinterende ungefähr 1,5 cm über dem Wasserspiegel befindet. Bei gewöhnlicher Fahrgeschwindigkeit steigt das Wasser in diesen Röhren so weit, daß es an deren hinteren (oberen) Enden wie aus Brunnenröhren ausfließt und alsdann seinen Planktongehalt größtenteils in untergehängten Gazenetzen zurückläßt. Wie wir eingangs erwähnten, ist die Planktonfischerei auch noch in der Weise möglich, daß wir ein bestimmtes Wasserquantum mit dem darin befindlichen Plankton von der Oberfläche oder aus der Tiefe uns verschafi'en und die Filtration erst später besorgen. Bei dieser Art von Planktonfischerei bedienen wir uns entweder einfacher Flaschen oder der Planktonpumpe. Das Planktonfanggefäß, dessen sich Peck und Harrington bei ihren Arbeiten im Puget-Sount an der nordwestlichen, pazifischen Küste Nordamerikas bedienten (Fig. 71), besteht aus einem durch Ge- wichte beschwerten, zwei Liter fassenden, irdenen Gefäß, das mit einem durchlochten Kork verschlossen ist. In das Loch desselben wird eine abgebogene, am äußeren Ende zugeschmolzene Glasröhre festgesteckt und gleichzeitig eine entsprechend lange Zugleine an dem abgeknickten Stück der Glasröhre befestigt. Das so wasserdicht verschlossene Gefäß wird nun an einem Draht bis in die gewünschte Tiefe hinabgelassen. Ein Ruck an der Zug- Planktonröhren und Flanktonflaschen. 143 leine zerbriclit den Glasstab, und nun kann das Wasser mit dem darin suspendierten Plankton in die Flasche eindringen. Hierauf wird die Flasche emporgezogen, und die kleine Einströmungsöffnung ver- hindert, daß noch weiteres Plankton zutritt. Ist die Flasche emporgezogen, so wird das aufgebrachte Wasser in einem Filter nach Sedwick-Rafter filtriert. Ahnlich ist die von Whipple kon- struierte Flasche; sie ist in einem schweren eisernen Rahmen montiert. Der weite Hals der Flasche ist wieder durch einen durch- bohrten Pfropf verschlossen, in dessen Loch ein Glasstäbchen als Stöpsel steckt. Der Rahmen der Flasche ist mittels einer Spring- feder von bestimmter Stärke mit dem Zugtau verbunden. Weiters ist das obere Ende dieser Feder mit dem Glasstäbchen noch durch eine Schnur verbunden, die nur so lang ist, daß sie bei Streckung der Feder das Glasstöpselchen aus dem Kork zu ziehen vermag. Auch hier wird wieder, sobald die Flasche in der gewünschten Tiefe angekom- men ist, durch einen Ruck, der diesmal die Feder streckt, die das Stöpselchen anzuziehen hat, die Öffnung der Flasche bedingt. Es ist selbstverständlich, daß bei dem Fano: mittels Flaschen nur minimale Planktonquantitäten gesammelt werden können und daß weiters der Fang aller größeren, auch nahezu aller mit lebhafter Eigen- bewegung ausgestatteten Organismen ausgeschlossen erscheint. Immer- hin kann diese Methode dem Phytoplanktologen, überhaupt denen, die sich mit dem Studium der kleinsten Planktonten befassen, wegen ihrer Einfachheit gute Dienste leisten. Wir schließen hier logischerweise jene Fangmethoden an, die uns die Erlangung der allerkleinsten Planktonten ermöglichen: der Bak- terien und anderer Mikroplanktonten. Die Entnahme von Wassei-proben zur bakteriologischen Unter- suchung geschieht im einfachsten Falle mittels keimfrei gemachter Flaschen oder Reagenziengläser. Damit nicht Schmutz und Staub der Aufhängevorrichtung während des Hinablassens, Schöpfens oder Aufholens in das Innere des Schöpfgefäßes gelangen können, sollen nach Fischer die Reagenziengläser in einem Stück Bleirohr mittels Fig. 71. Planktonfanggefäß. (Nach Peck und Harrington.) 144 Kapitel III. Methodik der Planktonforachung. eines Fadens so eingeklemmt werden, daß mindestens die obere Hälfte des Röhrchens aus demselben hervorragt. Durch Befestigung des Bleirohres selbst etwas oberhalb der Mitte an einer Schnur wird er- reicht, daß, wenn das Bleirohr an der Schnur hängt, das von ihm umschlossene Reagenzienglas mit der Schnur einen Winkel von 30 bis 40** bildet und somit die Mündung des Gläschens etwas seitlich von derselben und von ihr abgewendet bleibt. Die Schnur soll außerdem unmittelbar vor der Entnahme noch so weit angefeuchtet werden, daß eine Abgabe von Staub aus derselben ausgeschlossen ist. Erst im letzten Augenblick vor dem Hinablassen ist der Watte- pfropfen zu entfernen, das Röhrchen aber, wenn es mit der Wasser- probe wieder heraufgeholt ist, sofort durch den unterdessen zwischen den Fingern gehalte- nen oder durch einen neuen sterilen Watte- pfropfen wieder zu verschließen. Für bakteriologische Untersuchungen des Süßwassers empfiehlt Pfennig er einen ver- besserten Krämerschen Senkkolben; das Offnen (durch Bruch) der Kapillare geschieht hier durch einen scharfen Ruck an einer Reiß- leine. Der Apparat soll in allen Tiefen gleich- mäßig und zuverlässig arbeiten. Zur Entnahme von Proben aus größeren Tiefen kann auch der Sigsbeesche Wasser- schöpfapparat (s.S. 19) benützt werden, der sich nur insofern für bakteriologische Zwecke nicht ganz eignet, als eine gründliche Reinigung des Apparates nicht möglich ist, da er sich nicht leicht und rasch genug zerlegen läßt. Fischer verwendete daher auf der Plankton- expedition einen Apparat, den er selbst in folgender Weise beschreibt (Fig. 72a, b): „Der Apparat besteht aus einem Messingzylinder a, welcher an seinem unteren Ende durch den Ventilsitz h und den Ventilkegel c, am oberen Ende durch den Ventilsitz d und den Ventil- kegel e abgeschlossen wird. In den Führungs- schacht des oberen Ventilkegels ist eine Stange f eingeschraubt, welche in der Aus- bohrung des unteren Ventilkegels geführt wird. An dem oberen Ventilsitz ist der Rahmen h mit dem Steg i be- L.Ji a Fig. 72. Apparat zur "Wasserentnahme für bak- teriologische Zwecke. (Nach Fischer.) a beim Hinablassen, b beim Aufholen. Fangapparate für Mikroplankton (Bakterien). 145 festigt. Der in das obere Ende dieses Rahmens eingescliraubte Stift A' greift in die Ausbohrung l der Flügelschraube m und dient dieser als Führuns. Die Flügelschraube hat nach unten einen mit Gewinde versehenen Ansatz n, welcher in den in der Mitte gleichfalls mit Ge- winde versehenen Steg i geführt wird. An dem Rahmen h ist ein um die Halteschrauben p drehbarer Aufhängbügel o angebracht." Bei dem ins Wasser hinabgelassenen Apparat werden, solange er im Absinken begriifen ist, die Ventile in der Weise, wie das die Fig. 72a zeigt, gehoben und der Zylinder fortwährend vom Wasser durchströmt. Im Augenblick des Emporziehens fallen die Ventile herab, und es wird, wenn das Emporziehen nicht zu langsam erfolgt, durch den Wasserdruck die Flügelschraube m in dem Sinne gedreht, daß sich der Ansatz n immer mehr gegen das obere Ventil verschiebt und dasselbe schließlich gegen den Ventilsitz andrückt. Durch Ver- mittelung der Stange f wird jetzt auch das untere Ventil geschlossen gehalten. Fig. 72b zeigt den Apparat beim Aufziehen; die Ventile sind herabgefallen und werden durch die Flügelschrauben gegen ihren Sitz gedrückt, wodurch ein weiterer Zutritt von Wasser ausgeschlossen ist. Zur Untersuchung des Wassers läßt sich der obere Teil des Apparates abnehmen, worauf die für die Aussaat erforderlichen Mengen mit keimfrei gemachter Pipette aus dem Zylinder entnommen werden können. Die Entnahme von Wasserproben aus geringen Tiefen kann mit Hilfe dieses Apparates auch während der Fahrt ausgeführt werden. Der Apparat wird dann in derselben Weise wie das Lot beim Loten während der Fahrt tunlichst weit in der Fahrtrichtung vorausgeschleu- dert und bis zu einer an der Leine angebrachten Marke unter Wasser getaucht. Etwas komplizierter schon ist ein von Portier und Richard beschriebener Apparat zur Wasserentnahme für bakteriologische Zwecke. Je deutlicher die Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt hatten, daß bei der Fischerei mit Planktonnetzen aus Gazestoff immer noch ein recht erheblicher, bisweilen sogar bedeutender Teil kleinerer Planktonformen verloren geht, um so fühlbarer machte sich der Mangel eines Apparates, der den Fang auch der kleinsten Planktonten aus jeder gewünschten Tiefe ermöglicht; solche Apparate nun sind die uns schon bekannten Wasserschöpfer; der übelstand, daß auch hier nur verhältnismäßig geringe Wasserquantitäten erlangt werden können, wird durch den verhältnismäßigen Individuenreichtum und die gleich- mäßige Verteilung dieser kleinsten Planktonten aufgehoben. Doch Steuer, Planktonkiinde. 10 14G Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. hat Kofoid den Petterssonschen Wasserschöpfer nun so umgebaut, daß mit ihm jetzt 20 Liter aus beliebiger Tiefe gesammelt werden können; das darin susj^endierte Plankton wird durch sorgfältige Fil- tration gewonnen. Beliebig große, für die nachträgliche Filtration bestimmte Wassermengeu können durch Planktonpumpen geliefert werden; allerdings ist mit der Pumpmethode alles Plankton etwa unter- halb 100 m Tiefe unerreichbar. Die Pumpmethode wurde im Jahre 1897 gleichzeitig von Frenze 1 in Deutschland (Müggelsee) und Kofoid in Nordamerika (Illinoisfluß) eingeführt, nachdem allerdings schon viel früher Forel einen Appai-at (Pompe) beschrieben hatte, mit dem man aus bestimmbaren Tiefen Wasser samt seinen Bewohnern heraufholen kann. Die Pumpe ist in der oben angezeigten Beschränkung in verschieden tiefem Wasser verwendbar, besonders vorteilhaft in Teichen, die wegen ihrer Seicht- heit vertikale Netzzüge nicht mehr erlauben, in reich bewachsenen Tümpeln, stark fließenden Strömen und endlich auch zur Auf Samm- lung von Plankton im Winter unter dem Eis. Eine einfache, leichte und auch leicht transportable Planktonpumpe konstruierte Fordyce. R. Volk benutzte für seine Untersuchungen des Elbeplanktons eine gleichmäßig arbeitende Rotationspumpe (eine sogenannte Würgel- pumpe) mit einer Vorrichtung zu genau stetigem Heben des Saug- korbes aus beliebiger Tiefe bis zur Wasseroberfläche, wodurch aus allen in Frage kommenden Schichten genau gleiche Wassermengen gefördert werden. „Ein mit der Pumpe verbundener Zählapparat gibt jederzeit die Menge des geförderten Wassers wie auch die Tiefe an, in der sich gerade der Saugkorb befindet." Loh mann benutzte für seine vor Syrakus unternommenen Plankton- untersuchungen eine Flügelpumpe (Fig. 73), die nebst einer drehbaren Holz winde an einem kräftigen Holzgestelle montiert ist. Pumpe und Winde sind durch eine eiserne Übertragungsstange so miteinander verbunden, daß eine Umdrehung der Winde zwei Bewegungen der Pumpe hervorruft. Über die Winde läuft aber das Tau, welches das untere Schlauchende hebt und senkt. Es wird also durch die Drehung der Kurbel gleichzeitig die Hebung des unteren Schlauchendes und das Auspumpen des Wassers aus dem oberen Schlauchende besorgt, und beide Funktionen werden mit stets einander gleicher Intensität vollzogen. Da die Richtung, in welcher gedreht wird, für die Tätig- keit der Pumpe ohne Bedeutung ist, kann, sobald das untere Schlauch- ende emporgehoben ist, dasselbe durch Änderung der Drehung sofort wieder gesenkt werden. Planktonpumpen. 147 Wir haben bereits bei Besprechung der Fischerei mit Netzen er- wähnt, daß es in manchen Fällen vorteilhaft ist, auch bei voller Fahrt Plankton zu sammeln. Dies ist nun auch mit Hilfe der Pump- Fig. 73. Planktonpumpe und -filter nach Lohmann. (Nach Lohmann.) Rechts oben ein Holzgestell, welclies die Flügelpumpe und die Winde trägt. Beide werden durch eine Kurbel in Tätigkeit gesetzt. Durch den Schlauch s.r. wird das Wasser aus dem Meere auf- gepumpt. Das Schlauchende wird durch ein Tau gehalten, das um die Winde läuft. Je nach der Drehungsrichtung der Kurbel kann das Schlauchende im Wasser gehoben oder gesenkt werden. Links vinten Trichtereinrichtung zum Filtrieren größerer Wassermengen im Boot oder an Bord eines Schiffes. Der Trichter, in einem Eisengestell cardanisch aufgehiingt, zeigt nach innen vorspringende Stäbe zum Stützen des Faltenfilters. Ein Metallring, der auf das Filter gelegt wird, schützt es vor dem Winde. Das untere Ende des Trichters ist mit Blei beschwert. methode möglich, und zwar bedient man sich dabei am besten der Schiffs- pumpe selbst. Schon Hensen hat, wie aus dem 5. Bericht der Kom- mission für wissenschaftliche Untersuchung der deutschen Meere (1887) 10* 148 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. hervorgeht, mittels der Dampfpumpe Wasser an Deck geleitet und filtriert; ihm folgen Krämer auf einer Reise im Roten Meere (1895), Herdman bei der Durchquerung des Nordatlantik im Jahre 1897 in dieser Methode nach. Im selben Jahre entdeckten Murray und Blackman, die auf einer Fahrt von England nach Barbados das ebenfalls mit der Schiffspumpe gewonnene Meerwasser filtrierten, in dem so gewonnenen Plankton unter anderem die schon mehrfach erwähnten Coccosphären (Fig. 6). Weiters sammelte Th. Wulff in den Jahren 1902 und 1903 auf diese Weise Plankton im Atlantik, Mittelmeer, Roten Meer und Indik. Im Sommer 1905 hatte ich selbst Geleffenheit, mich mit dieser Methode auf einer Reise durch die Adria und das östliche Mittelmeer vertraut zu machen. Das Seewasser wird auf unseren Dampfern von einer ziemlich tief unter dem Wasserspiegel gelegenen, gegen das Eindringen von Tangen usw. entsprechend geschützten Öff'nung am Schiffsrumpf ge- wöhnlich in einen unter der Kommandobrücke postierten Tank auf- gepumpt, von dem Rohrleitungen auf Deck, in die Badekammern usw. abgehen. An die Hähne der Auslaufröhre können dann Beutel aus Müllergazestoff befestigt wei'den, und wenn der Hahn geöffnet ist, kann dann das Seewasser beliebig lange, sofern nur die Maschinen in Gang sind, filtriert werden. Um möglichst rostfreies Wasser zu bekommen, befestigte ich den Gazebeutel am Kühlwasserauslauf des Trustlagers im Maschinenraum (über der Propellerachse) und erhielt dort nach durchnittlich 12 stündigem Filtrieren nicht nur reines, son- dern auch trotz der hohen Temperatur im Maschinenräume (zirka 40^ C) durchaus lebendes Plankton. Nun kann allerdings nach dieser Methode immer nur Wasser aus einer bestimmten Tiefe gepumpt werden, zudem ist in manchen Meeresteilen, wie gerade im östlichen Mittelmeer, das so erlangte Plankton quantitativ sehr spärlich, was schon Cleve auf Grund der Sammlung von Wulff hervorhebt, doch dürfte diese Methode immer- hin wegen ihrer Einfachheit speziell zur Untersuchung des ober- flächlichen Phytoplanktons auch späterhin gerne in Anwendung ge- bracht werden. Die Mannigfaltigkeit der Fangmethoden zeigt — das muß be- sonders beachtet werden — , daß mit keinem der beschriebenen Appa- rate das gesamte Plankton gesammelt werden kann, und wir werden uns daher nach dem Fangresultate eines Apparates kein vollkommen richtiges Bild von der tatsächlichen Zusammensetzung des Planktons Planktonfang mittels Schitfspumpen ; Kritik der Fangmethoden. 149 machen können-, das gilt sowohl für das Süßwasser wie in erhöhtem Maße für die See, für die Fischerei mit Netzen sowohl wie für die Pumpmethoden, denn auch mit der Pumpe werden wegen der ver- hältnismäßig kleinen Einströmungsöffnung, die noch dazu vielfach durch einen vorgesteckten Saugkorb geschützt werden muß, immer nur kleinere, keiner oder nur geringer Eigenbewegung fähige Organismen gefangen werden. In ihrer Beschränkung auf das Plankton oberflächlicher Wasser- schichten, namentlich in seichteren Gewässern, bietet sie aber ohne Zweifel nicht zu unterschätzende Vorteile. Durch die Möglichkeit bei langsam auf- und abgleitendem Schlauchende auch in vertikaler Richtung größere Wasserquantitäten zu filtrieren, kann die Pump- methode auch mit der vertikalen Netzfischerei verglichen werden und muß sie ergänzen. Die letztere gibt uns wieder ohne Zweifel eine bessere Übersicht über die Zusammensetzung des ganzen Planktons als die in horizontaler Richtung betriebene Netzfischerei, die uns immer nur über die Zusammensetzung des Planktons in einer be- schränkten Zone Auskunft geben kann. Namentlich auf flüchtigen, limnologischen Streifzügen sind jedenfalls Vertikalfänge vom Grunde den früher so beliebten Horizontalfängen vorzuziehen (Burckhardt). Auch ist es schwierig, das Netz genau horizontal zu ziehen, so er- wünscht das auch für die Entscheidung mancher Fragen wäre. Dieser Schwierigkeit suchte man zu entgehen, indem man das Netz mittels einer vertikalen Leine mit einem Schwimmer (Boje) verband, dessen Beobachtung eine Regulierung der Zuggeschwindigkeit und damit ein annähernd horizontales Fischen ermöglicht (Hjord). Im allgemeinen wird man auch bei den Schließnetzen den vertikal fischenden gegenüber den horizontal fischenden den Vorzug geben müssen, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß erstere bisweilen in planktonarmem Wasser allzu wenig fischen. Ein Haupterfordernis eines praktischen Schließnetzes ist tunlichste Einfachheit der Konstruktion, die wir bei den Horizontalnetzen meist vermissen. In Binnengewässern und bei schönem Wetter mögen letztere immerhin sich gut bewähren; anders verhält es sich aber auf hoher See, wo schon die Instandhaltung der vielen Metallbestandteile, die leicht vom Seewasser angegriffen werden, viel Mühe und Zeit erfordert. Dazu erlaubt auch die bei vielen Schließnetzen übliche An- wendung von Laufgewichten nicht, an das Drahtseil noch andere Appa- rate (Thermometer usw.) zu befestigen, ein Übelstand, der bei dem zeitraubenden Fischen in tiefem Wasser gewiß erheblich ins Ge- wicht fäUt. 150 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Handelt es sich darum, in kurzer Zeit möglichst viel Plankton „aufzusammeln", so können wir bei nächtlicher Horizontalfischerei die besten Erfolge erzielen, indem wir nns den Phototropismus des Plank- tons (siehe darüber Kapitel V, 3) zunutze machen und das Plankton, das sich ohnehin zur Nachtzeit hauptsächlich an der Oberfläche an- sammelt, noch durch künstliches Licht in unsere Apparate locken. Diese eigenartige Planktonfischerei wurde schon mehrfach be- trieben, so von Monaco und Agassi z und kürzlich auch von Dof- lein. Als Lichtquelle dienten entweder elektrisches Licht oder eine gewöhnliche Lampe oder Laterne, die in einer Glasglocke etwa 1 m unter Wasser getaucht werden konnte, wobei ein langer Kamin aus Metall die Luftzufuhr besorgte. Nachdem, schreibt Doflein in seiner „Ostasienfahrt", die Lampe versenkt war, begann alsbald „ein unbeschreib- liches Gewimmel von Tieren sie zu umschwirren. In ganzen Wolken schwebten die winzigen Organismen aus den dunklen Gründen herauf und uratanzten die ungewohnte Lichtquelle . . ." Ein Novum für die Planktonfischerei wenigstens wäre die Be- nützung leuchtender Organismen, etwa in Gestalt einer zweckentsprechend eingerichteten „Bakterienlampe" (Molisch). Die Fischer der Banda- inseln bedienen sich ja schon seit langer Zeit der „organischen Lumi- niszenz" bei ihrer nächtlichen Angelfischerei, indem sie Leuchtorgane von Leuchtfischen über den Angelhaken anbringen (Steche). 2. Fangapparate für quantitative Planktonforsclmng. Die quantitative Planktonforschung hat die Aufgabe, die in einem bestimmten Volumen Wasser vorhandene Planktonmenge zahlenmäßicr festzustellen, und versucht auf diesem Wege statistischer Forschung die verschiedensten Probleme der Planktonbiologie in exakterer Weise zu lösen, als es ohne diese quantitativen Fangmethoden möglich wäre. Wir können, wollen wir z. B. den Planktongehalt eines Teiches, Sees oder gar Meeresabschnittes zahlenmäßig feststellen, selbstverständ- lich nicht das ganze in Betracht kommende Gebiet ausfischen, son- dern wir werden uns auf Stichproben zu beschränken haben und gehen dabei von der Annahme aus, daß das Plankton so weit gleich- mäßig verteilt ist, um aus diesen Stichproben auf das gesamte Plankton schließen zu können. Sehr gewissenhaft durchgeführte Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß Hensens, des Begründers der quantitativen Planktonforschung, Yoraussetziing einer annähernd gleichmäßigen Planktonverteilung den Tatsachen vollkommen entspricht. Nur die Größe des Areales, für die eine Stichprobe zur quantitativen Nachtfänge. — Prinzipielles über quantitative Planktonfischerei. 151 Planktonbestimmung genügt, ist da und dort verschieden. Wenn sich aber doch größere Ungleichmäßigkeiten in der Planktonverteilung er- geben, dann lassen sich diese gerade wieder mit Hilfe der quantita- tiven Methode am exaktesten aufdecken und bei Berücksichtigung der spezifischen örtlichen Verhältnisse, der phy- sikalisch - chemischen Beschaffenheit des Wassers, kurz der gesamten Existenz- bedingungen des Planktons in der Mehrzahl der Fälle auch in befriedigender Weise er- klären. Die zweite Voraussetzung, von der Hensen ausging, war die, daß durch seine quantitativen Fangapparate auch tatsächlich das Plankton zum größten Teile wirklich gefischt werden könne. Diese Voraussetzung ist, wie wir heute wissen, nicht ganz richtig gewesen: wir besitzen noch keinen Apparat, mit dem das gesamte, in einem bestimmten Wasservolumen schwebende Plankton, von den größten Formen bis hinab zu den kleinsten Bakterien, vollzählig auf einmal gesammelt werden könnte, und Hensen war vorsichtig genug, die mit seinen noch unzureichenden Mitteln gefundenen Werte ausdrücklich als Minimalzahlen zu be- zeichnen. Die quantitative Planktonforschung be- diente sich ursprünglich fast ausschließlich der vertikal fischenden Planktonnetze. Die Größenverhältnisse der drei hauptsächlich in Gebrauch befindlichen Typen (großes, Hensens großts, quantitatives mittleres, kleines quantitatives Planktonnetz) Netz. (Nach Chun.) haben wir schon früher (S. 125) mitgeteilt. Ein Hensensches quantitatives Planktonnetz (Fig. 74) besteht aus folgenden drei Teilen: 1. Dem eigentlichen, filtrierenden Netz aus Müllergaze von der schon früher beschriebenen Gestalt. 2. Dem filtrierenden Eimer mit seinem durch einen Hahn ver- schließbaren Auslaufrohr. Der Eimer besteht bei dem gegenwärtig sowohl bei Süßwasser- wie auch bei Meeresplanktonuntersuchungen am häufigsten verwendeten „mittleren Planktonnetz" nach Apstein Fiff. 74. 152 Kapitel III. Methodik der Planktonforschimg. „aus einem 20 cm langen Messingzylinder, dessen Seiten bis auf drei schmale Stäbe herausgenommen sind, aber so, daß nach oben und nach unten je 3 cm vom Zylinder stehen bleiben. Die Gaze wird oben und unten durch Klemmringe, an den Seiten durch drei schmale Platten, die auf die drei stehengebliebenen Stäbe passen, vermittels Schrauben angedrückt. So ist am Netzzeug des Eimers kein Nadel- stich nötig, wenn man die seitlichen Kanten der Gaze zwischen zwei Platten bringt. Der nach der Mitte zu abfallende Boden des Eimers trägt ein Rohr, welches durch einen durchbohrten Hahn geöffnet und geschlossen werden kann. Der obere Teil des Zylinders trägt ein Gewinde, durch welches der ganze Apparat an den Messingring an- geschraubt werden kann." 3. Den oberen Abschluß des ganzen Netzes bildet der konische Aufsatz aus Barchent (siehe früher: Burckhardts Schließnetz!), der den Zweck hat, die im Verhältnis zur filtrierenden Fläche zu große Einströmuncrsöffnung des Netzes zu verkleinern. Die Fischerei mit dem quantitativen Planktonnetz geschieht in der Weise, daß man das Netz zunächst auf der Luvseite in die ge- wünschte Tiefe genau vertikal hinabläßt und dann mit einer Ge- schwindigkeit von Yg ^ pro Sekunde wieder vertikal emporzieht. „In tieferen Meeren produzieren die Tiefen so wenig, daß man sich auf die Durchfischung der oberen 200, höchstens 400 m beschränken kann" (Apstein). Wenn das Netz an der Wasserfläche angelangt ist, hebt man es ganz langsam unter rüttelnder Bewegung heraus, damit die Organismen an den Wänden herabsinken, außerdem bewirft man es von außen mit Wasser, so daß sich schließlich alle Organismen im Eimer angesammelt haben, aus dem sie durch Offnen des Hahnes in das Sammelgefäß entleert werden können. Hierauf wird der Hahn geschlossen und das Netz nochmals bis fast an seine Mündung ins Wasser getaucht, wieder wie früher emporgezogen und, nachdem man das Wasser ablaufen gelassen, der eventuelle Planktonrückstand eben- falls dem Sammelglase einverleibt. Nach dem Fange ist jedesmal auf eine gründliche Reinigung des Netzes (Auswaschen in Süßwasser!) zu achten. Um die Plankton quantität in verschiedenen Wasserschichten zu studieren, werden vertikale Stufenfänge gemacht; dabei wird immer die ganze Wassersäule bis zu der Tiefe hin, bis zu welcher das Netz hinabgelassen wurde, durchgefischt u. z. in der Weise, daß man in immer größer« Tiefen hinabsteigt. Die Differenz zwischen je zwei aufeinander folgenden Stufenfängen gibt dann das Material, welches in dem betrefl'enden Raumintervall vorhanden ist (s. Fig. 75, V). Hensens quant. Netz; Stufenfänge; Voll- u. Fangplankton; Fangverlust. 153 Natürlich können auch mit einem vertikalen Schließnetz Stufen- fänge gemacht werden, die einerseits den Vorteil gegenüber den Stufen- fängen mit offenen Xetzen bieten, daß nur eine gewünschte Strecke in beliebiger Tiefe abgefischt wird, andererseits aber den Xachteil haben, daß wegen der geringen, in dieser Weise ^^ ^^ durchfischten Strecke nicht genügend Material, namentlich von größeren, weniger häufigen Planktonten erbeutet werden kann als erwünscht und zur Ermöglichung sicherer, einwandfreier Schlüsse aus solchen Schließnetzfängen nötig wäre (s. Fig. 75, S). Theoretisch würde durch einen vertikalen Xetzzug das gesamte Plankton aus einer Wasser- säule erlangt werden, deren Basis der Größe der Netzöffnung, deren Höhe der Tiefe des Netzzuges entspricht. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, und wir müssen somit zwischen dem in der abofefischten Wassersäule ent- >" 200 600 800 1200 Fig. 75. Die beiden Arten der Vertikaliischerei. (Nach Schutt.) (' Stufenfänge mit offenem Ver- haltenen Plankton, dem „Vollplankton", tlkalnetz, S Stufenfange mit und einem Bruchteil desselben, den von dieser Summe irgendein Fangapparat erbeutet hat, als „Fangplankton" unterscheiden (Lohmann). Die Abweichung des Fangplanktons vom Vollplankton wird also ausschließlich durch den Fangverlust bedingt. Wir haben bereits früher erwähnt, daß das Gazenetz eine er- hebliche Menge namentlich der kleineren Planktonten wegen der für sie zu großen Maschenweite durchpassieren läßt. Nach Kofoids Unter- suchungen im Südwasser Nordamerikas bleiben im Seidengazeuetz nur V^j bis ^2 der Totalsumme aller Organismen zurück, und Lohmann fand, daß etwa die Hälfte des durch Papierfilter nachweisbaren Auftriebes verloren geht, daß dieser Verlust aber unter Umständen noch erheblich steigen, oder auch auf fast ^^ sinken kann. „Nur die Metazoen und einige wenige der größten Arten von Protozoen . . . wurden voll- ständig oder fast vollständig gefangen, während die meisten Protisten einen sehr großen Verlust erlitten und gerade von vielen sehr häufigen Formen nur wenige Prozente gefangen wurden." Andererseits hält aber doch die Müllergaze Nr. 20 viel mehr selbst kleinste Planktonorganismen zurück, als man nach der Weite ihrer Maschen erwarten sollte, da das Faden werk nach Loh mann nicht weniger als ^ \q der Stückfläche ausmacht, während auf die Löcher nur 7j(, kommt. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die 154 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Knotung der Fäden, die die Hälfte aller Fadenkreuze außerordentlich geeignet macht, kleinste Organismen festzuhalten. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Müllergaze nach Loh- manns sorgfältigen Untersuchungen nur die Cystoflagellaten voll- ständig fängt, die Radiolarien nahezu rollständig, während von den Foraminifern und Tintinnen nur Yg oder ^4 gefangen wird und alle übrigen Protozoen bis auf einige wenige Individuen, die durch lokale Verstopfung des Netzzeuges festgehalten werden, verloren gehen. Der Netzverlust kann bisweilen so erheblich werden, daß z. B. bei einer Tintinnopsis-Art „die Netzfänge das Maximum des Vor- kommens in die Zeit des wahren Minimums verlegen ( !)". Die Diato- meen werden im Mittelmeer vom Netze besser zurückgehalten als im Misch- und Kaltwassergebiet, bei Peridineen erweist sich der Ver- lust im Mittelmeer etwas größer als in der Ostsee. Die erwachsenen Metazoen des Planktons werden sämtlich voll- ständig oder doch nahezu vollständig von der Müllergaze zurück- gehalten. „In der Kieler Bucht erlitten freilich die über das Naupliussta- dium hinaus entwickelten Copepoden noch eine» Verlust von ^3% . . . Auch noch für die Larven und ersten Jugendstadien ist die Müller- gaze meistens ausreichend dicht. Doch erleiden die Nauplien der Copepoden schon einen nennenswerten Verlust (14% in der Ostsee), und es ist wahrscheinlich, daß auch die kleinsten Individuen der Turbellarien, Rotatorien und Ostrakoden nur zum Teil gefangen werden/" Daß wir nun mit dem Müllergazenetz weniger Plankton fischen, als in dem durchfischten Wasser enthalten ist, mit einem Wort: der Netzfangverlust hat folgende Ursachen: 1. Kann in planktonreichem Wasser leicht eine Verstopfung des Netzzeuges eintreten, wie das namentlich im Süßwasser vorkommt. 2. Ein Teil des gefangenen Planktons bleibt im Fadenwerk des Netzes hängen. Dieser „Abspülverlust" kommt allerdings nur bei kleinen Fängen zur Wirkung. Nach Loh manns Zählungen blieben im ganzen auf der Müllergaze hauptsächlich zurück 15 600 Ceratium iripos, 7500 Prorocentrum niicans, etwa 250 Tintinnopsis uncula, sowie 15 Krebse und 3 Muscheln. 3. Formen mit relativ kräftiger Lokomotion entziehen sich dem eintretenden Wasserstrom und werden somit nicht gefangen („Rück- triebfehler''). Dieser Übelstand macht sich nach Fuhrmann auch bei dem von Apstein für Süßwasseruntersuchungen eingeführten Plankton- netz bemerkbar. Fangverlust ; Filtrationswiderstand. 15Ö „Das Apsteinsche Netz hat eine sehr kleine Öffnung: über der- selben vereinigen sich drei verhältnismäßig dicke Schnüre an einem starken Ring, an welchem sich die Fangschnur befestigt. Die Schnur macht beim Aufziehen des Netzes geringe Bewegungen, die, unter- stützt durch die Wirbelströmungen, hervorgerufen durch drei dicke Schnüre, welche sich über der Netzöffnung befinden, einerseits die das Plankton zusammensetzenden Organis- men wegwirbeln, andererseits die mit sehr feinem Tastsinn begabten Crustaceen in die Flucht jagen. Die Flucht wird noch unter- stützt durch das seitwärts gedrängte, nicht filtrierende Wasser." Der Einfluß der schwin- genden Schnüre könnte einigermaßen herab- gesetzt werden, wenn man etwa wie bei dem von Reighard konstruierten Netz (Fig. 76) den Aufhängeap parat in ent- sprechend veränderter Form aus Metall herstellen würde. Einer erheblichen Ver- größerung des Netzeinganges stellen sich aber andere Schwierigkeiten entgegen, wenn nicht zugleich das ganze Netz unförmlich groß gemacht werden soll. Wir haben hier nämlich den sogenannten Filtrations- wider stand in Rechnung zu ziehen. Die filtrierende Wassermenge (J/i ist gleich dem Querschnitt der Einströmungsöffnung des Netzes (Q), multipliziert mit dem Wege (/«), respektive der Zeit mal Geschwindigkeit (tv), den das Netz durch- läuft; also M == Qh = Qtv. Tatsächlich wird indessen wegen des Widerstandes, den das W^asser der Filtration entgegensetzt (C), nur ein Teil der Wassermenge il/ filtriert, nämlich M^. Daher ist M= CM^ und entsprechend die Planktonmenge P = CP^ . Nach der von Amberg jj^egebenen Zusammenstellung ist der Filtrationswiderstand abhängig von der Feinheit der Netzgaze, dem Querschnitt der Netzöffnung, der filtrierenden Fläche, dem Offnungs- winkel des Netzes, der Zuggeschwindigkeit, der Fangtiefe und der Planktonmenge. Je kleiner die Netzöffnung, je größer die filtrierende Oberfläche ist, desto geringer wird der Filtrationswiderstand sein. Leider wird der Verkleinerung der Netzöffnung: durch die Größe, Bo- weglichkeit und den Spürsinn der „fluchtverdächtigen" Planktonten nur zu bald eine Grenze gezogen. Nach Hensen würde der Filtrations- Fig. 76. Aufhiingeapparat bei Reighards Planktonnetz. (Nach Reighard.) 156 Kapitel ni. Methodik der Planktonforschung. widerstand bei einer Netzöffnimg von der Größe eines Zehnpfennig- stüekes auf Null herabsinken. Man ging nun daran, den Filtrationswiderstand zahlenmäßig fest- zustellen, um ihn bei den folgenden Berechnungen als konstanten Faktor berücksichtigen zu können. Dieser Filtrations- oder Netz- koeffizient (^) läßt sich experimentell bzw. durch Rechnung be- stimmen. Er beträgt für das große Hensensche Planktonnetz für eine Zuggeschwindigkeit von 1 m in 2"' nach den älteren Angaben 1,80; in neuester Zeit wurde dieser Wert genauer mit ij; = 1,34 fest- gestellt. Für das mittlere Planktonnetz mit einer Eingangsöffnung von 155,3 ccm Fläche berechnete Loh mann ^ = 1,39. Ebenso groß ist nach Ap stein ^ für das kleine Netz mit 92 ccm Eingangsöffnung. Reighard hat den Netzkoeffizienten experimentell in der Weise bestimmt, daß er sich in einem 2 m tiefen hölzernen Gefäß eine Auf- schwemmung von sorgfältig gereinigtem LoheliaSamen bereitete, die durch beständiges Rühren möglichst in gleichmäßiger Verteilung er- halten wurde. Durch dieses Gemisch wurde bei verschiedenen Ge- schwindigkeiten das zu prüfende Netz vom Boden vertikal nach auf- wärts gezogen. Da das Gewicht des gesamten vorhandenen Samens sowie desjenigen, der sich in der durchfiltrierten Wassersäule befun- den haben mußte, bekannt war, mußte nur noch die wirklich erbeu- tete Samenmenge gewogen werden. Der Filtrationskoeffizient ist also hier gleich dem Quotienten aus dem Gewichte des in der durch- fischten Wassersäule vorhandenen und dem Gewichte des wirklich ge- fischten Samens. Indessen eignet sich die Reighardsche Methode nur für kleine Netzmodelle, eine zweite, von Birge angegebene, nur für sehr planktonreiche Gewässer. Schröter und Amberg bestimmten den Filtrationskoeffizienten in folgender Weise: „Man schöpft 10 1 Oberflächenwasser und filtriert sie durch das Netz; es wird dabei die Planktonmenge P^^ zurück- gehalten. Dann zieht man das Netz horizontal mit einer bestimmten konstant bleibenden Geschwindigkeit v eine abgemessene Strecke weit durch das Wasser. Die Wassersäule, welche ohne Widerstand durch- Gltriert wurde, sei M =f Qli und betrage 500 1, ihr Gehalt an Plankton sei Psoo- Die wirklich erbeutete Planktonmenge ist aber nur PI^q. In 10 1 waren also P^q ccm Plankton enthalten. Bekannt ist nun P^q und P'jo. Es ist nun F ^^C = P^, oder C, der Filtrationskoeffizient, = J," -^^ -MO In neuester Zeit wird der Filtrationskoeffizient zumeist experi- mentell durch Parallelfänge mit Netz und Pumpe festgestellt, wobei das gepumpte Plankton durch feine Filter zurückgehalten wird. Filtrations- oder Xetzkoeffizient. 157 Der Filtrationskoeffizient bleibt aber nicht konstant, sondern ändert sich, je länger wir ein und dasselbe Xetz gebrauchen. So fängt nach den Angaben Burckhardts ein schon lange gebrauchtes Netz (nach 100 — 200 Zügen) bedeutend weniger als halb so viel wie ein noch ziemlich neues (nach circa 10 Zügen) und noch viel weniger als ein ganz neues Netz, da die Netzmaschen mit der Zeit enger werden. Beträgt der Flächeninhalt des Loches bei einem frischen Gazenetz im Wasser anfangs 5250 q^, so sinkt er nach längerem Ge- brauche auf 2500 qa herab. Weiters verstopfen sich die Löcher nach längerem Gebrauch namentlich im Süßwasser, weniger im Meere, mit Detritus und kleineren Planktonten, ja in manchen Fällen schon während eines einzigen Fischzuges so erheblich, daß das Netz in der zweiten Hälfte desselben nur mehr einen minimalen Bruchteil des Totalfanges fängt. Wir sehen also, daß die Fehlerquellen, die sich aus der Fischerei mit dem quantitativen Netz ergeben, recht erhebliche sind, und wir werden vor allem, um sie zu vermindern, möglichst oft während des Gebrauches eines Netzes dessen Filtrationskoeffizienten prüfen müssen. Günstiger liegen die Dinge, wenn wir gar nicht darauf ausgehen, das gesamte Plankton zu fischen, sondern nur die Quantität dieser oder jener Gruppe größerer Planktonten zahlenmäßig feststellen wollen und ihre Mengenverhältnisse zu verschiedenen Zeiten oder an ver- schiedenen Lokalitäten bestimmen wollen. Wenn es sich somit nicht um absolute, sondern nur um relative Maßzahlen handelt, werden wir darauf zu achten haben, daß die Fehlerquelle überall und jederzeit annähernd gleich groß sei und daß die Planktonfischerei überall in durchaus einheitlicher Weise durchgeführt wird. Wir werden aber nicht vergessen dürfen, daß selbst dann noch, schon infolge der Ver- schiedenheiten in der Planktonzusammensetzung, die Fehlerquellen nicht vollkommen gleich groß sein werden. Kommt es aber darauf an, die Gesamtmenge des vorhandenen Planktons festzustellen, dann werden wir mit einem Apparate, dem Planktonnetz, nie auskommen, sondern zu w^ eiteren Apparaten greifen müssen, und zwar zu Pumpe, Filter und Zentrifuge. Mit der Pumpe ist es, wie wir wissen, möglich, Plankton aus ganz seichten Gewässern zu erlangen, sowie Wasser bis zu Tiefen von etwa 100 m, vielleicht selbst 200 m an Bord zu pumpen und nachher das Pumpwasser durch dichte Filter zu filtrieren. Die so erlangten Resultate sind, sobald man eine genügende Wassermasse filtriert, weit besser als die der Netzfänge für alle in großer Zahl auftretenden und größeren Formen, werden aber natürlich um so unsicherer, je seltener die Arten sind. 158 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. weil man schließlich doch im Maximum nur einige 100 Liter filtrieren kann, während das Xetz mit Leichtigkeit in kürzester Zeit viele Hun- derte durchpassieren läßt. Für größere Tiefen also und für Gebiete mit starken Strömungen, stürmischer Witterung, Brandung usw. wird die Pumpe kaum verwendbar sein, so gut und sicher sich sonst auch mit ihr arbeiten läßt (Lohmann). Als Filter werden verwendet: Papier- und Seidentaff'etfilter, Armeefilter „System Brückner" aus Infusorienerde. Auch mit Sedgwick-Rafter- Sandfiltern, Berkefeld- Filtern, Filtern aus plastischer Kohle, weißgegerbtem Ziegen- und Schafleder waren Versuche gemacht worden. Es bleibt nun zu erwägen, ob durch die Methode der Aufpum- pung des Wassers und der Aufsaugung desselben durch das freie Schlauchende ein Verlust an Fang eintreten kann. Nach Lohmanns Untersuchungen ist der „Pumpverlust" ein sehr geringer. Der be- deutsamste Verlust entsteht durch das Zugrundegehen zarter, empfind- licher Formen durch die Filtration und das Durchgehen der kleinsten Formen durch das Filter. Der Beweis, daß ein nicht unerheblicher Durchtritt von Organismen erfolgt, läßt sich leicht durch die Unter- suchung des Filtrates führen. So fand Lohmaan vor Syrakus, daß von Thalassiothrix nitzschioides noch 0,0^1^, von Pontosphaera huxleyi 16,27o, von Gymnodinium (10 [l groß) 26,0 7o und von nackten Chrysomonadinen (5 — 6,5 ^ groß) 26,0% das Filter passiert hatten. Noch größer muß der Durchtritt der planktonischen Bakterien sein,, worüber aber noch keine Zahlen vorliegen. Von größerer Bedeutung ist, daß, wie erwähnt, eine große Zahl nackter und zarter Formen bei der Filtration einfach zugrunde geht und viele im konservierten Zustande nur schwer wieder zu erkennen sind. Neben dem „Filtrationsverlust" ist noch der „Abspül- verlust" zu beachten, denn eine absolut vollständige Reinigung ist beim Filter ebensowenig ausführbar wie beim Netz, ist aber bei ersterem sicher gründlicher durchführbar. Nach Lohmanns Zählungen übersteigt auch der Spülverlust nicht die Schwankungen, die aus der Ungenauigkeit der Zählungen sich ergeben. Die Filterfänge (filtriert mit „gehärtetem Filter" von Schleicher und Schüll in Düren im Rheinland) zeigen also im großen und ganzen nur geringe Verlustquellen-, und auch diese können noch aus- geglichen werden durch die Untersuchung von Appendicularien- gehäusen und durch Zentrifugieren geschöpften Wassers. Lohmann kam nämlich schon vor Jahren auf die Idee, die un- gemein zarten Gehäuse der von den kleinsten Planktonten lebenden Appendicularien als feinste Planktonfallen und -filter zu verwerten. Filter; Appendiculariengehäuse als Fangapparate. 159 Die Öffnungen der Gittermembranen nämlich, mit denen diese Gehäuse ausgestattet sind (Fig. 77), sind um vieles kleiner als die Löcher der Gazenetze (vgl. Fig. 49 und 501); dazu ist die spaltartige Form der Maschen für unsere Zsvecke viel günstiger als die fünfeckige des Gazemaschen- K ^ 4 | | \ | j J J wei'kes. Bei den Oikopleuren schwankt die Breite der Löcher zwischen 9 — 46 jtt, die j^ Länge zwischen 65,4 — 127 ^u. Der Planktou- gehalt dieser Appendiculariengehäuse (Fig. 7 8) kann direkt zu quantitativen Studien aus- , , j 1 T 1 1 i Flg. 77. Gitterwerk der Ein- gewertet werden, denn Lohraann konnte f;, ..«. f^ ' stromungsoiinungen eines feststellen, daß der Lihalt des Fangapparates g mm lanf^en Gehäuses von annähernd nur den Rückstand von weniger Oikojjleum rufescens Fol. als 100 ccm Wasser repräsentiert. Allerdings (^^^^^ Lohmann.) muß man darauf achten, nur frische Gehäuse ^'° gleicher vergr^ößerung wie Fig zu wählen, da in alten, seit einiger Zeit be- reits verlassenen Gehäusen starke Wucherungen von Nitzschien, Svnedren, Bakterien und Monadinen eingetreten sein können. Den- Fig. 78. !::?eitenansicht eines Gehäuses von Oikopleura albicans Leuck. (Nach Lohmann.) fl)ie Appendicalarie ist in ihrer natürlichen Lage eingezeichnet.) Die Pfeile geben die Hauptbahnen des im Gehäuse zirkulierenden Wassers an: 1. recliter Pfeil: Bahn des eintretenden W^assers. Die (paarigen) Einströmungstrichter sind durch ein feines Gitterwerk nach außen abgeschlossen; 2. linker (Doppel-)Pfeil : Bahn des die „Schwanzkammer" durchströmenden Wassers, welches z. T. (untere Pfeilspitze) durch die Ausflußöffnung das Gehäuse als Strahl verläßt und das Gehäuse yor- w^ärts treibt, z. T. (obere Pfeilspitze) in die „Zwischenflügelkammem" eintritt und von da in den Fangapparat fließt und hier seiner Schwebkörper beraubt wird; 3. mittlerer Pfeil: Bahn des in den Kiemenkorb der Appendicularie eintretenden Nahrnngsstromes. noch sind die Gehäuse zur Orientierung über das kleinste Plankton und zur Kritik anderer Methoden unübertroffen. 160 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Quantitativ verwertbare und zugleich für das ganze Jahr gültige Untersuchungen über das Auftreten der kleinsten Planktonten ermög- licht endlich das Zentrifugieren von Wasserproben. Während man mittels der Pumpe das Plankton ganzer vertikaler Wassersäulen erlangen kann, setzt allerdings die Zentrifuge die Entnahme nur ein- zelner Wasserproben voraus, und mit ihrer Hilfe können daher nur Stichproben aus den verschiedenen Tiefen einer vertikalen Wasser- säule untersucht werden. „Sie ist daher zwar überall anwendbar und dürfte vor allem auch zur Prüfung des Organismengehaltes der abys- salen Wasserschichten von Bedeutung werden; sie gestattet ferner eine genauere Analyse solcher Wasserproben auf die allerkleinsten und zartesten, skelettlosen Protisten. Aber sie ist nicht imstande, den In- halt einer zusammenhängenden Wassersäule direkt zu bestimmen; nur durch Interpolation und Rechnung läßt sich aus dem Inhalte der einzelnen Wasserproben der wahrscheinliche Gehalt der ganzen Wassersäule finden." Es hat sich nun gezeigt, daß sehr kleine Wasserproben (250 ccm im Mittelmeer, 15 ccm in der Ostsee, 10 ccm im Lunzersee) zur quantitativen Analyse des Planktons in weitem Umfange ausreichen, vorausgesetzt, daß die Zentrifuge nur zur Untersuchung der kleinsten, weder durcli Müllergaze noch durch Papierfilter in quantitativ brauch- barer Weise fangbaren Organismen verwendet wird. Die Anwendung der Zentrifuge für die Untersuchung des Plank- tons ist keineswegs neu. „Cori kam 1895 bei Versuchen mit einer sehr primitiven Zentrifuge, die im Maximum 1300 Umdrehungen pro Minute machen konnte, zu dem Ergebnis, daß lebendes Plankton sich nicht auf diese Weise sedimentieren lasse. Dagegen hatte im folgen- den Jahre Do Hey bereits voUen Erfolg mit einer sehr starken, be- sonders konstruierten Zentrifuge, die er »Planktonokrit« nannte und die nicht weniger als 8000 Umdrehungen in einer Minute aus- führte. Er sedimendierte so jedesmal 2 1 Meerwasser in 1 — 2 Minuten und bestimmte auf diese Weise täglich den Gehalt des Meeres an Auftrieb nach Volumen und Gewicht." Auch Fild, Jackson, Juday, Kofoid, Krämer und Ward haben sich mit mehr oder weniger Er- folg der Planktonzentrifuge bedient. Im wesentlichen besteht der Unterschied zwischen den Zentri- fugen-Stichproben und der Untersuchung der Netz- und Filterfänge nur darin, daß bei den letzteren zunächst der Planktongehalt einer relativ recht großen Wassermasse gesammelt und erst zur Zählung in kleinste Stichproben zerlegt Avird, während bei den ersteren die kleinsten Stichproben direkt dem Wasser selbst entnommen werden und sogar noch in lebendem Zustande untersucht werden können. Zentrifugieren des Planktons (Literatur). Ißl Literatur. 1. Agassiz, A. Report on the dredging Operations of the westcoast of Central Amerika carried on by the „Albatross". Bull. Mus. Comp. Zool. Harward College. Cambridge, Bd. 23. 1892. •2. Agassiz, A. 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Bei einiger Übung lassen sich unschwer schon mit freiem Auge zahlreiche, selbst recht kleine Planktonten, namentlich nach der Art 11* 164 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. ihrer Bewegung erkennen, und größere Formen, die gewöhnlich nur in entsprechend geringerer Individuenzahl mit gefangen werden, wie die durchsichtige Leptodora (Fig. 79) und Sida im Süßwasser, Fri- tillarien, Copilien (Fig. 28, S. 69) und kleinere Crustaceenlarven im Meeresplankton , werden so weni- ger leicht über- sehen und kön- nen einzeln mit einer als Heber benutzten Glas- röhre aus dem Sammelglase ge- fangen und isoliert werden. Man beachte und notiere bei dieser Ge- legenheit auch gleich den allgemeinen Charakter des Planktons, wie er sich im Fano-oflase re- präsentiert: die kleinsten Planktonten bedingen, wenn sie die Hauptmasse des Planktons aus- machen, eine einheitliche Trübung, Schizo- phyceen lassen es zuweilen flockig erscheinen, zahlreiche Diatomeen den Vergleich mit einer Limonade auch wegen des charakteristischen gelblichen Farbentones zu, andere Planktonten wieder, wie z. B. Copepoden und Echinodermen- larven, verleihen unter Umständen, wenn sie die Hauptmasse des Fanges bilden, dem ge- samten Plankton einen Stich ins Rote. Zur Lupenbeobachtung eignet sich am besten eine Stativlupe mit großer, nicht zu schwacher Linse, die an einem langen, beweglichen Arm befestigt, das Absuchen der ganzen Glasplatte, die den Lupentisch vorstellt, ermöglicht. Der Spiegel darf dementsprechend nicht fixiert, sondern muß frei beweglich sein. Allen diesen Anforderungen entspricht am besten die Hatscheksche Präparierlupe (von Mechaniker J. Kettner in Prag). Für Planktonuntersuchungen an Bord hat Richard einen speziellen Apparat konstruiert. Weiters hat die Firma Zeiß ein Mikroskopobjektiv für Untersuchungen unter Wasser unter dem Namen „Planktonsucher" in den Handel gebracht (Harting und P. Mayer). Die einzelnen Planktonproben werden dem Sammelglase je nach Bedarf von der lichtseitigen Wasseroberfläche oder vom Grunde des Fig. 79. Leptodora Kindti (Fockei. (Nach Lilljeborg und Weißmann.) Beobachten und Zeichnen des Planktons. 165 Gefäßes (an der Zimmerseite dann) mittels einer Pipette oder Glas- röhre entnommen und darauf vorsichtig in ein Uhrschälchen mit flachem Boden entleert. Für die mikroskopische Untersuchung kann natürlich jedes gute Instrument verwendet werden, doch versichern erfahrene Plankto- logen, daß eine verläßliche Durchmusterung des Fanges, bei der keine Formen übersehen werden können, nur mit dem Hensenschen Zählmikroskop ausführbar ist, das allein ein planmäßiges und vollständiges Durchsuchen des Fanges unter dem Deckglase er- möglicht.^) Zur leichteren Untersuchung lebhaft sich bewegender Mikroplank- tonten empfiehlt es sich, auf dem Objektträger dem Wasser gelöstes Kirschgummi, Tragantgummi oder dgl. zuzusetzen. Volk empfiehlt noch besonders Quittenschleim bei der Beobachtung von Ciliaten und Rotatorien dem Präparate zuzusetzen. Für den Anfänger dürfte der Hinweis auf die absolute Notwen- digkeit des Zeichnens lebender Planktonten (unter Zuhilfenahme eines Zeichenprismas und mit Angabe der Vergrößerung) nicht über- flüssig sein. Trotz der Vollkommenheit der mikrophotographischen Technik, die ja auch in der Planktologie überreichlich Verwendung findet, scheint mir immer noch eine gute Handzeichnung weitaus wert- voller als die schönste Photographie zu sein, und ihre Anfertigung auch verhältnismäßig weniger — zeitraubend! Hinderlich für eine längere Beobachtung lebender Planktonten ist bisweilen ihre Vergänglichkeit, doch ist es immerhin möglich, unter gewissen günstigen Umständen das Plankton länger frisch zu erhalten, als man gewöhnlich erwartet, und nicht wenige Planktonten sind minder empfindlich, als man glauben könnte. Nach Oberg ist es vorteilhaft, darauf zu achten, daß bei der Beobachtung unter der Lupe nicht der warme kohlensäurereiche Atem das Wasser mit dem lebenden Plankton trifft. Nach meinen Beobachtungen- halten manche Quallen {CJirysaora [Farbentafel Fig. 6]) ohne weiteres Zutun in Kelleraquarien oft viele Wochen aus, nur ihr Volumen schwindet allmählich.^) Im Roten Meer war es mir möglich, das früh morgens gefischte Plankton trotz der sommerlichen Hitze mittels der Bahn von Port 1) Siehe darüber Kap. III. S. 182. 2) Im wesentlichen erklärt sich dieser Schwund der Leibessubstanz nach Fürth derart, daß sich ein erheblicher Teil des Gewebes unoxydiert im Wasser löst, daß sich sonach eine partielle Desintegration der Gewebe, noch während das Tier lebt, vollzieht. 166 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Tewfik nach Suez zu schaffen, wo es zum größten Teil noch lebend untersucht werden konnte. Auch ist es möglich, lebendes Hali-Plankton bei geeigneter kühler Temperatur weit ins Binnenland zu senden. Frühzeitiges Absterben der Zooplanktonten hat vielleicht nicht, wie man früher glaubte, darin seine Ursache, daß die freien Schwebewesen in zu engen Gefäßen sich aufhalten müssen, sondern in unzureichender Ernährung. Tatsächlich gelang Ostwald die Zucht der als sehr hinfällig bekannten Hyalo- daphnien sogar in ganz kleinen Tuben erst dann, als er sie in ge- eigneter Weise (mit zerriebenen Plankton -Diatomeen) zu füttern be- gann. Krätzschmar gibt als passendes Futter der Änuraea aculeata die kleine Protococcacee Kirclineriella lunaris an. Als noch günstiger erwies sich „besonders für die kurzstacheligen, kleineren Anuraeen eine ähnliche Alge von geringeren Dimensionen, die den Palmellaceen zuzurechnen ist." Selbst zu Experimenten^) konnten die Tiere benutzt werden. Aber auch andere Momente, wie genügende Durchlüftung, Schutz vor Verunreinigung des Wassers und kontinuierliche Wasserbewegung sind unter Umständen nicht außer acht zu lassen; die große Bedeutung der letzteren scheint zur Genüge aus den neueren Zuchtversuchen mit verschiedenen Plank- tonten hervorzugehen. In künstlich be- wegtem Wasser konnten bisher mit Er- folg Planktondiatomeen (von Karsten), Medusen (von E. T. Brown), Hummer- larven (von Mead) und Jungfische von Blennius (von Garstang), Solea u. a. (von P. Fabre-Domergue und E. Bietrix) gezüchtet werden. Zur Wasserbewegung verwendete Karsten eine an einem Fig. 80. Apparat zur Aufzucht Kinostatenuhrwerk befestigte Tonscherbe, von planktonischen l>Zählung der Individuen« setzt, eine jahrelange Danaidenarbeit.'' Chemische Analyse und Zählung der Planktonten. 181 Ein Jahr später schreibt Schutt über die Zählmethode: „Das ganze Verfahren kann ein Muster genannt werden dafür, wie eine Aufgabe, die ein der physiologischen Experimentierkimst nicht Kun- diger für eine Danaidenarbeit zu halten geneigt ist, mit Hilfe exakter Fragestellung, sinnreicher Apparate und gewissenhafter Handhabung leicht und glatt gelöst wird." Niebt das Maß der damit verbundenen Mühen, sondern der zu erwartende wissenschaftliche Erfolg muß für den Naturforscher bei der Inano-riffnahme einer Untersuchunor aus- schlaggebend sein. Ob die Resultate der Zählmethode die Mühe des Zählens gelohnt, wird der Leser am besten selbst beurteilen können, denn wir werden im folgenden wiederholt genötigt sein, auf die so- wohl in der Limno- wie in der Haliplanktologie mit Hilfe dieser quantitativen Methode erzielten Ergebnisse hinzuweisen. Der Vorgang des Zählens nun ist, in kurzem geschildert, dieser: Das Plankton wird aus der Kouservierungsflüssig- keit in so viel Wasser übergeführt, daß sich die Masse darin gut durcheinanderschütteln läßt, das Plankton dadurch ziemlich gleichmäßig im Wasser verteilt erscheint.^) Aus dem in dieser Weise gleichmäßig mit Plankton erfüllten Wasser wird nun mit Hilfe der Hensen sehen Stempelpipette (Fig. 84) ein be- stimmtes Volumen herausgehoben. Die Stempel- pipette besteht aus einem dicken, unten eben geschliffenen Glasrohr, in dem sich ein Stempel bewegt, der au seinem Ende einen genau in die Glasröhre passenden MetaUzylinder trägt. Aus diesem ist so viel Metall ausgeschliffen, daß beim Aufziehen des Stempels zwischen Rohr und Zylinder ein bestimmtes Volumen Wasser (4- Plankton) aufgenommen werden kann, z. B. 1 ccm. Doch kann nach meinen Erfahrungen dann, wenn nur ganz kleine Planktonten vor- handen sind, auch eine gewöhnliche graduierte Glaspipette mit entsprechend großer Mündung zur Entnahme der Probe verwendet werden. Diese Planktonprobe wird nun auf der Glas- platte des Objekttisches eines Zählmikroskopes (Fig. 85) entleert. 1) Zur Erzielung einer möglichst gleichmäßigen Verteilung versetzt Volk die Planktonprobe mit dem sog. Präparierschleim, einem Gemisch von Salep- Infusion mit Quittenschleim, etwas Zucker und Alkohol und etwa 4 7o Formalin. Fig. 84. Stempelpipette. (Klischee Zwickert.) 182 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Der genau horizontal gestellte Objekttisch des Zählmikroskopes ist nämlich so groß, daß er Glasplatten von llYg X 10 cm fassen kann, und wird durch 2 Schrauben von vorn nach hinten und in seitlicher Richtung bewegt. Auf die Glasplatte sind feine Linien eingeritzt mit 0,5, 1, 2,5 und 5 mm Spatium. Statt des kostspie- ligen Zählmikro- skops kann für die quantitative Ana- lyse auch der eben- falls von Z Wickert (Kiel) verfertigte Zähltisch benutzt werden, der auf je- des Mikroskop auf- geschraubt werden kann (Lohmanu). Beim Zählen wird nun mit Hilfe der oben erwähnten Schrauben diePlatte mit dem darauf aus- gebreiteten Fang nach und nach durch das Gesichtsfeld ge- führt, wobei die Parallellinien der Platte als Führung dienen, damit kein Teil des Fanges übersehen werden kann, und die im Gesichtsfeld erscheinenden Planktonten werden der Reihe nach gezählt.^) Die anzuwendende Vergrößerung richtet sich natürlich zunächst nach der Größe der Objekte; Hensen empfiehlt 200 und 20 fache Ver- größerung. Die aUerkleinsten Planktonten zählte Lohmann lebend unter dem Deckglase bei 250 — 500 facher Vergrößerung. „Enthält 1) Es ist vorteilhaft, als Okular ein Okularmikrometer zu verwenden, dessen Messeinlage durch eine Blecheinlage mit quadratischem Ausschnitt ersetzt ist (Rafter). Fig. 85. Zählmikroskop. (Klischee Zwickert. Zählmethode. 183 das Wasser viel Flagellaten und Ciliaten, so ist eine Zählung der leb- haft hin und her schwimmenden Organismen natürlich sehr erschwert oder sogar ganz unmöglich. Man braucht aber nur das Deckglas, bevor mau es auf den Tropfen legt, kurze Zeit über Osmiumdämpfe zu halten, um eine Betäubung dieser Organismen herbeizuführen, so daß die Bewegungen ganz langsam werden oder aufhören." Die Zählung selbst geschieht mit Hilfe eines Setzerkastens, der mindestens so viel Fächer enthalten muß, als Spezies im Fange vor- handen sind; jeder Spezies entspricht ein mit dem betreffenden Namen versehenes Fach im Setzerkasten. Für jeden im Gesichtsfeld auf- tauchenden Organismus wird nun in das ihm entsprechende Fach eine Zählmarke (Bohne, Erbse oder besser Linse) gelegt. So kann man leicht eine Platte, auf der sich bis zu 50 verschiedene Arten durch - einandergemengt finden, auszählen. Sind nur wenige Spezies vorhanden oder interessieren aus dem Fang nur einige wenige für spezielle Fragen, so genügt es, während des Zählens die jeweilige Zahl der gefundenen Individuen etwa durch die gleiche Zahl Punkte oder Striche auf einer neben dem Mikroskop liegenden Zähltabelle anzumerken. Für die Zählung selbst gibt Hensen als Regel an, daß man suchen sollte, von den zahlreichsten der zu zählenden Objekte nicht weniger wie 1000 und nicht mehr wie 3000 auf die Zählplatte zu bringen. Weniger lohnt kaum der Mühe, mehr erschwert die Zählung sehr bedeutend und wird ermüdend. Die normale Hensensche Zählplatte vermag 4 ccm Flüssigkeit aufzunehmen, und wenn sie genau horizontal liegt, ist eine Verschiebung der Teile beim Zählen nicht zu fürchten. Als Regel kann weiters festgestellt werden, daß mindestens die ge- zählte Summe der Individuen gleich sein sollte der Quadratwurzel aus der in dem Fang vorhandenen Summe. Nicht unerhebliche Schwierigkeiten verursacht das Zählen bei Verkettungen von Formen, z. B. Oscillarien. In diesen Fällen zählt Hensen die ganzen Fäden und bestimmt dann die mittlere Zahl der Zellen in einer Anzahl von Ketten. Da indessen durch langes Schütteln die Ketten leicht zerbrechen, wäre doch eine Detailzählung der ein- zelnen Zellen zu bevorzugen. Leere Gehäuse, z. B. von Tintinnen, sollen mitgezählt werden. Die Zählung der kleineren Diatomeen muß auf trockener Platte gemacht werden, sonst würden bei 200facher Vergrößerung viele übersehen werden. Es wird zu diesem Zwecke ein bestimmtes Volumen Flüssigkeit (mit dem suspendierten Plankton) auf eine Platte gebracht und diese der Wärme aussresetzt, damit die 184 Kapitel III. Methodik der Planktonforschnng. Flüssigkeit verdunstet. Es sind dann die Diatomeen auf der Platte in einer Ebene ausgebreitet und können nicht so leicht übersehen werden. Aber auch die meisten der übrigen Formen lassen sich noch gut auf solchen Trockenplatten unterscheiden. Hat man von einigen Spezies die genügende Anzahl gezählt, so scheiden diese aus; das erleichtert wesentlich die weitere Arbeit. Ist man mit der Zählung fertig, und ist das Resultat derselben sorgfältig in einem Protokoll verzeichnet, so hat man noch durch eine einfache Multiplikation aus dem wirklich durchgezählten Bruchteil des Fanges die Gesamtzahl aller gefangenen Individuen zu berechnen. Endlich hat man noch unter Berücksichtigung des früher erwähnten Filtra- tionskoeffizienten die gefundenen Zahlen auf 1 qm Oberfläche der durchfischten Wassersäule umzurechnen. Diese Umrechnung hat na- türlich auch bei der Bestimmung des Rohvolumens zu erfolgen und erleichtert den Vergleich der einzelnen Fänge. Andere Planktologen haben vorgeschlagen, nicht die unter 1 qm Oberfläche befindliche Planktonmenge zu berechnen, sondern die in 1 cbm Wasser suspen- dierte. So berechnet z. B. Krämer seine Küstenfänge von Samoa nach folgender Formel: Zahl der Fänge (n) == 1 zentrifugierte Menge (c ) = 0,2 ccm Tiefe des Fanges (f) = 10 m Öffnungsfläche Y75 qm (0) = 75 Wir nennen den Ertrag die unter 1 qm Wasseroberfläche schwe- bende Planktonmenge, Einheitsmenge dagegen die in 1 cbm Wasser enthaltene Planktonmenge, beide Mengen ausgedrückt in ccm. Schmidle gibt zur Berechnung der Einheitsmenge die For- mel an: E= — , — r— , zur Berechnung des Ertrages die Formel: E^ = — j — 100 m, wobei m gleich der im Standglas gemessenen Planktonmenge ist (in ccm), r der Radius der Netzöffnung (in cm), h die Länge der durchfahrenen Strecke (in m). Vernachlässigt ist dabei der Filtrationskoeffizient des Netzes. Sind nun die mindestens ein Jahr hindurch in tunlichst kleinen Zeitintervallen (wöchentlich) gemachten Planktonfänge in der oben kurz erläuterten Weise durchgezählt, so ist es möglich, durch ent- sprechende Eintragungen der gewonnenen Zahlen in ein Ordinaten- system Jahreskurven zu konstruieren, die ein übersichtliches Bild von der Planktonentwicklung im Laufe eines Jahres geben soUen. Dabei stellt sich aber gewöhnlich die Schwierigkeit heraus, daß die CO 0,2-75 ^ ^ — 7 = }—T,^ = 1,0 ccm. nt 1-10 ' Zählmethode und Darstellung der Planktonknrven. 185 Dichtigkeit der Bevölkerung des Wassers durch die einzelnen Arten sich nach den bisher üblichen Methoden nicht in einem einheitlichen Maßstabe darstellen läßt, weil die Extreme der Bevölkerungsdichte zu weit auseinanderliegen. Bei Kurven, deren Ordinaten die Dichte in einfach linearer Anordnung der Werte wiedergeben, müssen daher für verschiedene Arten oft ungleiche Maßstäbe benutzt werden. Dadurch ,-„.000,090 000,000,000 I n ir ET Y w H VIll n I n XK 000.000,000 ,000,000,000 ,000,000,000 000,000,000 1 ^ \. / \ / ^ ■ \ / \ 1 1 \y \ 800,000,000 £00,000,000 1 ' ' — 1 V— 1 V \ 200,000,000 100.000,000 f \ y \ / , 60,000,000 ^0,000,000 20,000,000 10,000,000 — — =f- \ — / \ / \ r ,^^ / V ■x / y \ 8,000,000 6,000,000 ^,000,000 2.O0O.C0Ü ■ — ^s— \ \ \ Fig. 86. Logarithm -Kurve für die Diatomeen (6 spec.) des großen Plöner Sees. (Nach Scourfield.) aber werden die Kurven verschiedener Arten untereinander unver- gleichbar, weil mit dem Maßstabe nicht nur die Höhe, sondern in er- heblichem Grade auch die Form der Kurve sich ändert. Weiter macht das oft in wenig Tagen stattfindende Anwachsen der Volksstärke einer Art von wenigen Exemplaren zu vielen Millionen das Kurvenzeichnen nach der üblichen Methode unmöglich. Scour- field schlug daher schon vor Jahren vor, die Kurven in diesen Fällen auf „logarithmisch liniiertem Papier" zu zeichnen, auf dem die Abschnitte auf der Ordinate den Logarithmus der Individuenzahlen und nicht die Individuenzahlen selbst vorstellen (Fig. 86). Lohmann versuchte die angedeuteten Schwierigkeiten durch Zeichnung sogenannter Kugelkurven zu überwinden. 186 Kapitel III. Methodik der Planktonforschung. Die Kugel hat vor allen übrigen Körpern bei kleinster Aus- dehnung in linearer Richtung den größten Inhalt; „es umschloß also, wenn ich jedes Individuum der darzustellenden Art als mathematischen Punkt betrachtete und aUe Individuen einer Volksdichte in gleichen Abständen innerhalb einer Kugel verteilt dachte, die Kugel eine viel größere Zahl von Individuen, als bei annähernd gleicher linearer Aus- dehnung irgendein anderer Körper vermocht hätte." Ja es ist, wenn die Kugel als Kurvenelement genommen wird, gar nicht nötig, die Kugel selbst zu zeichen, sondern es genügt völlig, ohne der Klarheit der Darstellung Eintrag zu tun, wenn die Durchmesser gegeben sind und als Ordinateu eingezeichnet werden. Weiters kann die Abszissen- achse als Äquatorebene sämtlicher Kugeln angenommen werden; der Schnittpunkt der Ordinate und Abszisse gibt dann den Mittelpunkt jeder einzelnen Kugel an, und die Kurve ist in gleicher Weise ver- ständlich, ob man nun nur den oberhalb der Äquatorebene (Abszissen- linie) liegenden Teil zeichnet oder beide Hälften ausführt. Literatur. 1. Amberg, 0. Die von Schröter- Amberg modifizierte Sedgwick-Raftersche Methode der Planktonzählung. Biol. Cbl. Bd. 20. 1900. 2. Apstein, C. (s. p. 7 Nr. 1). 3. Apstein, C. Die Schätzungsmethode in der Planktontbrschung. Wiss. Meeresunters. N. F. Kiel. Bd. 8. 1905. 4. Brandt, C. Beitr. z. K. d. ehem. Zusammensetzung d. Planktons. Wiss. Meeresunters. N. F. Kiel. Bd. 3. 1898. .5. Davenport, C. B. Statistical methods, with especial reference to biologi- cal Variation. New- York and London 1899. 6. Dolley, C. S. (s. p. 161 Nr. 24). 7. Duncker, G. Die Methode der Variationsstatistik. Arch. f. Entw.-Mech. Bd. 8. 1899. 8. Duncker, G. Wesen und Ergebnisse der variationsstatistischen Methode in der Zoologie. Verh. d. deutsch, zool. Ges. 9. Vers. 1899. 9. Gran, H. H. (s. p. 71 Nr. 21). 10. Haeckel, E. (s. p. 120 Nr. 23). 11. Hensen, V. (s. p. 47 Nr. 18). 12. Hensen, V. (s. p. IC.2 Nr. 37). 18. Hensen, V. Die Plankton - Expedition u. Haeckels Darwinismus. Kiel u. Leipzig, Lipsius u. Tischer, 1891. 14. Krämer, A. Die Messung d. Planktons mittels d. Zentrifuge u. die damit erreichten Resultate in der Südsee u. in den heimischen Gewässern. Verh. Ges. deutsch. Naturf. u. Ärzte. 68. Vers. Frankfurt a. M. 2. Teil. 189". 15. Lauterborn, R. Vorl. Mitt. ü. d. Variationskreis von Anuraea cochlearis. Zoolog. Anz. Bd. 21. 1898. 16. Lohmann, H. (s. p. 162 Nr. 53). 17. Rafter, G.W. Biological examination of potable water. Proc. of Rochester Acad. of Sc. N.-Y. 1894. Planktonkuiven (Literatur). 187 18. Schmidle, W. Das Chloro- u. Cyanophyc- Plankton d. Nyassa u. einiger anderer innerafrik. Seen. Botan. Jahrb. Bd. 33. 1904. 19. Schutt, f. (s. p. s Nr. 22). 20. Scoresby, W. Über d. Farbe d. grönländischen Meeres. Journ. f. Chemie u. Physik. Bd. 30. 1820. 21. Scourfield, D. J. The logarithmic plotting of certain biological data. Journ. Quekett microsc. club. S. 2. Bd. ß. Nr. 41. 1897. 22. Vanhöffen, E. Die Fauna u. Flora Grönlands. Drygalskis Grönland-Expe- dition. 2. Bd. Berlin 1897. 23. Volk, li. (8. p. 163 Nr. 69). 24. Walter, E. Über eine praktisch verwertbare Methode z. quant. Bestimmung des Teichplanktons. Plöner Forschungsberichte. Bd. 3. 1895. 188 Kapitel IV, Anpassungserscheinungen des Planktons. Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. 1. Scliwebvermögen. Wenn wir eingangs das Plankton als eine spezielle Lebensgemein- schaft des Hydrobios kennen lernten, wollen wir nun, nachdem wir uns über die Eigenschaften seines Milieus orientiert haben, feststellen, ob und in welcher Weise sich die Planktonwesen diesem Milieu an- gepaßt haben. Als wichtigste und augenfälligste Anpassungserscheinung des Planktons haben wir seine Schwebfähigkeit zu bezeichnen. Sämtliche Planktonten lassen sich diesbezüglich ungezwungen in folgende drei Kategorien einordnen. Wir unterscheiden 1. solche, die spezifisch leicbter als das Wasser sind und dem- nach wenigstens teilweise aus demselben hervorragen: bekannte Bei- spiele dafür aus dem Haliplankton sind die Velella, die Segelqualle „Vor dem Winde" (Fig. 45, S. 105), sowie Physalia, das portugiesische Kriegsschiff (Fig. 48, S. 117). 2. Der größte Teil des Planktons hat ein gleiches oder annähernd gleiches spezifisches Gewicht wie das umgebende Wasser. 3. Die spezifisch schwereren Planktonten endlich können sich nur durch besondere Einrichtungen, durch aktive Bewegungen u. dgl. im Wasser schwebend erhalten. Sie besitzen auch zumeist, namentlich soweit es sich um Zooplanktonten handelt, im Gegensatz zu den Ver- tretern der beiden vorerwähnten Kategorien die Fähigkeit selbstän- diger Seitwärtsbewegung. Nur wenige Planktonten sind imstande, sich aus dem Wasser emporzuschnellen, so Copepoden aus der Familie der Pontelliden (die Gattungen Pontella, Anomalocera [Farbentafel Fig. 4] und Fon- tellopsis). Mräzek vermutet, daß auch anderen Crustaceen (Schizo- poden?) eine Art „Flugvermögen" zukommt. Ein bekanntes Beispiel aus dem Nekton sind die fliegenden Fische. Doch scheinen nach den Angaben Brandts, die mit meinen Beobachtungen übereinstimmen, die Jungfische der Exocoeten — und nur diese gehören ja zum Plank- ton — noch nicht imstande zu sein, aus dem Wasser herauszuspringen, sondern sie schwirren „wie große Fliegen, die ins Wasser gefallen sind", mit eingetauchtem Schwänze an der Oberfläche dahin. Schwebvermögen des Planktons. 189 Treibend am Wasserspiegel erhalten sich die Tange der Sargasso- see und die Zosteren, mit ihnen auch die ihnen eigene Tierwelt. Die Meerwanze, Halobates (Fig. 87), die wir wohl auch hier noch an- führen dürfen, vermag, wie ihre Verwandten im Süßwasser, trocke- nen Fußes über die Wasserfläche dahinzu- eilen. Einigen echten Plauktonten aber kann das Emportauchen aus dem Wasser verderblich werden Fig. 87. Halobates micans Esch. ,^. (Nach Dahl.) Die Eigentümlichkeit der Cuticula mancher Entomostraken nämlich {Bosmina, Ecadne [Fig. 88], Podon u. a.), das Wasser abzustoßen, macht es den genannten Tierchen unmöglich, wieder unter das Wasser zu tauchen, und man sieht sie oft in großen Mengen scheinbar hilflos am Ober- flächenhäutchen des Was- sers treiben. Nach Ostrou- moff sollen sich indessen einige der erwähnten Clado- ceren auf dem Wasser- spiegel „mit Hilfe der Luft, welche die abgeworfenen Hüllen anhält , häuten". Sicher ist jedenfalls, daß zwei Süßwasserkrebschen, die Cladocere Scapholeheris (Fig. 89) und ein Ostracode, Notodromas, sich ohne Schaden, am Oberflächen- häutchen hängend, treiben Fig. 88. Evadne spinifera P.E.MüUer. (Sa.chC]a,nB.) lassen. „Planktonische" Hydren pflegen mittels eines Schleimfadens am Wasserspiegel zu hängen (Scourfield). Auch eine marine Schnecke, Janthina (Farben- tafel Fig. 2), vermag mittels eines selbstverfertigten schaumigen Floßes an der Wasseroberfläche zu schweben. Als in umgekehrter Lage am 4 190 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. Fig. 89. ,'>cuplt(jlebe)-is mucronata (0. F. Müller), am Wasserspiegel hängend. (Nach einer Skizze von Scourfield.) Wasserspiegel haftend werden von Bergti noch folgende tycho- oder heraipelagische Gymnobranchier namhaft gemacht: Arten von Fioiia und Spurilla, Melihe, LomanotuSjDcndronotuSj Bornella, Hexdbranchus, Doriopsis {=Doridopsis) und Plocamopherus. Höchst mannigfacher Art sind die Mittel zur Herabsetzung des spe- zifischen Gewichtes. Er- höhung der Schweb- fähigkeit kann erreicht werden: 1. durch Absonderuncr von Schleim und Ausbildung von Gallertsub- stanz, durch wässerige Aufquellung vieler oder aller Gewebe; 2. durch Vacuolenbildung; 3. durch Ansammlung spezifisch leichterer Stoffwechselprodukte; dies geschieht a) durch Ausscheidung von Gas in Hohlräume des Körpers oder besondere Behälter; b) durch reichliche Bildung von Fett und Ol; daraus ergibt sich zugleich die Abhängigkeit der Schwebfähigkeit vom Verlaufe des Stoffwechsels; 4. durch bedeutende Oberflächenvergrößerung und damit Erhöhung des Reibungswiderstandes. Dies kann erreicht werden: a) durch Vergrößerung der Ge- samtoberfläche (Trommeltypus nach Schröter). Ein Extrem in dieser Richtung stellt der Diatomeen - Goliath Antelmi- nellia gigas dar (Fig. 90); b) durch Scheibenbildungen (Dis- coplankton Ostenfelds). Bei- spiele dazu wären die Coscino- discen (Fig. 91) unter den Diatomeen, die Dis- coideen unter den Radiolarien, Porpita unter den Röhrenquallen; c) durch Streckung des Körpers in einer Richtung und Ausbil- dung der Stabform. Wir erinnern an Synedra (Fig. 92) unter den Diatomeen, Sagitta unter den Würmern (s. Fig. 152), und den Krebs Liicifer. Fig. 90. AntelmineUin gigas (Cast.) Schutt. (Nach Schutt.) Fig. 91. Coscinodiscus curvatulus Grün. Schalenansicht. (Nach Schmidt aus Gran.) Mittel zur Erhöhung der Schwebfähigkeit des Planktons. 191 d) durch Ausbildung regelrechter Schwebeapparate. Dahin gehören die langbestachelten Chaetoceras- Arten (Fig. 93) {Chaetoplankton Ostenfelds), die fallschirmartigen Gebilde einiger Flagellaten, die mannigfaltigen Stacheln und Borsten der Crustaceen, die Schwimmglocken der Siphonophoren; e) auch durch Kolonien- („Froschlaichtypus"), Bänder-, Netz- und Kettenbildungen kann eine Vergrößerung der Oberfläche erzielt werden. Kettenbildende Fig. 93. Chaetoceras danicum Cleve (= horeale Schutt.) (Nach Schutt.) I Diatomeen, Ceratien, kolonienbildende Radiolarien sowie die oft meterlangen Salpenketten wären als H Beispiele zu nennen. Nach diesen einleitenden Bemerkungen woUen wir nun die Hauptgruppen des Planktons von diesem Gesichts- punkte aus betrachten. Wir beginnen mit den Ph)i:oplailktoiiten, denen ja, da sie fast ohne Ausnahme an den Lichtgenuß gebunden • sind, ein Schweben in den oberen Wasserschichten von ganz besonderem Werte sein muß. Es mag gleich erwähnt sein, daß wir die aus- gesprochensten Schwebevorrichtungen hauptsächlich bei marinen, speziell bei Hochseephytoplanktonten antreffen. Einige Botaniker, wie Schmidle, sehen in den mancherlei Mitteln zur Erhöhung der Schwebfähigkeit der Plankton- algen des Süßwassers keine „Anpassung solcher Formen an eine schwebende Lebensweise", sondern nur Vor- richtungen, welche „zur Erhaltung und Verbreitung der L Art" beitragen. Es werden sogar die Schwebevorriehtungen Fig. 92. der in Rede stehenden Planktonten auf dieselbe Linie mit Synedra deli- (Jen vielfach gestalteten Aussäevorrichtungen der Pha- (NfchTL^hner) "erogamen, z. B. der Achänen der Kompositen gestellt, „von denen niemand sagen wird, dieselben hätten sich dem Luftleben angepaßt". Dabei wird aber, wie Schröder richtig bemerkt, übersehen, daß das Schweben derselben im Luftmeer doch weit kürzere Zeit dauert als das planktonische Leben der Süßwasseralgen. Für die echt planktonischen Schizomyceten scheint mit nicht vielen Ausnahmen das Vorhandensein von Geißeln charakteristisch zu 192 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. sein, und bei den planktonischen „Halibakterien" im speziellen hält Fischer die schraubige Gestalt für eine Anpassung an das Wasser- leben, die die Bewegungsfähigkeit und das Schweben im Wasser be- günstigt. Das hervorstechendste Merkmal der Planktonalgen gegenüber den festsitzenden Algen ist jedenfalls ihre geringe Größe, die aber nicht lediglich als Anpassung an das Schweben aufzufassen sein wird, sondern auch in anderer Hinsicht von Vorteil ist: so wird offenbar der Photosynthese durch ein- oder wenigzellige kleine Organismen, die in jeder beliebigen Stellung volle Durchleuchtung erfahren, am besten gedient. Kleine Organismen nehmen Nährmaterialien aus dem Wasser am leichtesten auf, und ferner sind sie im bewegten Wasser zweifellos im Vorteil gegenüber großen Algen mit vielen Zellen (Oltmanns). Bei den Schizophyceendürfte zumeist durch Schleimbildung eine Verminderung des spezifischen Gewichts erzielt werden. Als Bei- spiel mögen dienen die Chroo- coccaceen (Fig. 41) und beson- ders i:?a?iarac/M?e und Katagnymene . -,. ^ (Fig. 94). Nach Klebahn wird Flg. 94. Kataqnymene spiraiis Lemmer- \. '=' . mann var. capitata (West). (Nach Wille.) ^le Wasserblute gewisser limno- Teil einer Gallerthülle, den verschlungenen Lauf planktouischcr SchizOphjCeen des Fadens zeigend. ^^^^^ „GaSVaCUOlcu" bewirkt, welche sich im Innern der Zellen entwickeln und als Schwimmapparate dienen. Molisch gibt indessen an, daß diese Schwebekörperchen oder Airosomen nicht gasförmig sind, sondern eine mehr oder weniger feste oder flüssige Konsistenz besitzen. Ahnliche Gebilde konnten von Molisch überdies auch bei schwebenden Purpurbakterien [ßhodotheca und lihodocapsa) nachgewiesen werden. A. Fischer endlich betrachtet die sog. Gasvacuolen als optische Bilder eines anisotropen, zu den Kohlehydraten gehörenden „Ana- baenins." Mannigfacher Art sind die Schwebeeinrichtungen der planktoni- schen Diatomeen. Die grundbewohnenden Formen sind meist naht- führend und bewegen sich gleitend auf dem Boden weiter, und zwar durch Ausscheidung von Gallerte. Die echt planktonischen Diatomeen dagegen sind nahtfrei und die Gallerthüllen, die auch bei einigen von Schwebeeinrichtungen der Schizomyceten, Schizophyceen und Diatomeen. 193 Fig.95. Asterionella gracillima Heib. mit Gallerthaut. (Xach Voigt.) Fig. 96. Cyclotella comtaKtz. var. radiosa Grün. (Nach Kirchner.) ihnen bereits nachgewiesen werden konnten, so bei Asterionella (Fig. 95), Taheüaria von Voigt, bei Frarjilaria von Schröder, bei Chaeto- ceras und Bacteriastrum von Bally und Schröder, sind hier zu- meist fallschirmartig, während Schröter und Lauterborn eine äußerst durchsichtige Gallerthülle bei einer pelagischen Form von Cyclotella conita (Fig. 96) fanden, „wo dieselbe 2 — 6 der münzenförmigen Zellen zu zylindri- schen Kolonien vereinigt und wahrscheinlich durch Ver- größerung der Oberfläche die Schwebefähig- keit erhöht". Doch ist nach Schutt die Tendenz zur Aggregation der Zellen und Arbeitsteilung sonst charakteristisch für die Bodendiatomeen; häufig genug finden wir längere Ketten noch im Süßwasserplankton, im echten Hochseeplankton sind wohl isolierte Zellen oder Verbände von spärlicher Gliederzahl die Regel. „In der Hochsee werden alle Zellen gleichmäßig vom Wasser getragen, sie brauchen sich nicht gegenseitig zu stützen noch zu schützen, ja sie gedeihen isoliert noch am besten. Die Nährstoffe des freien Meeres sind ja gleichmäßig im Wasser verteilt, sie sind aber nicht reichlich im Wasser vorhanden (Stickstoff nach Hensen), und es ist daher notwendig, daß wegen starker Konkurrenz die einzelnen Zellen weit voneinander entfernt sind. Das freie, gleiche Vagabundenleben der Hochseeflora ist einer höheren or- ganisatorischen Vervollkommnung ungünstig" (Schutt). Bei mög- lichster Sparsamkeit mit dem Baumaterial, die uns, vergleichbar dem Gitterwerk moderner Eisenkonstruktionen, in leistenförmigen, anastomo- sierenden Verdickungen der äußerst zarten Schalen vor Augen tritt, sehen wir in verschiedenster Weise den einen Zweck erfüllt: die Schwebfähigkeit zu erhöhen. Dies wird erreicht durch allseitige Körpervergrößerung, wie bei dem schon erwähnten, mehrere cmm fassenden Körper von ÄnielminelUa gigas (Fig. 90), durch Aus- dehnung der Zelle in der Richtung der Längsachse bei Syncdra (Fig. 92), durch blattförmige oder scheibenförmige Verbreiterung der Zellen bei einigen breiten Rhizosolenien (Fig. 97) und den Coscinodiscen Steuer, Planktonkunde. 13 194 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. (Fig. 91). Regelrechte Schwebeapparate können auftreten in Form feiner Stachelkränze am Rande scheibenförmiger Zellen, wie bei Gosslerielta (Fig. 98). Als lange, haar- feine Gebilde erinnern sie in ihrer Wirkung an die Pappushaarkronen der Kompositenfrüchte. . Bei Chaeto- ceras (Fig. 93) finden wir einfache Hörner, bei Bader iastrum (Fig. 99) sind sie gespalten. Fig. 97. Ithizosolenia sigma Schutt. (NachSchütt.) Fig. 9». (jrossleriella tropica Schutt. (Nach Schutt.) Fig. 99. BacteriastruiH varians Länder. (Nach Schutt.) PlanJäoniella sol (Fig. 100) aus dem Warmwasser erinnert wegen ihrer zarten, durch Radialstrahlen verstärkten Membran an die Samen der Ulmen. Mit Borsten versehene Zellenketten zeigen oft auch Torsion, was bei Chaetoceras mit nur je 4 Schwebeborsten an jeder Zelle von be- sonderer Wichtigkeit ist, damit in der Kette die Borsten nach möglichst vielen Seiten ausstrahlen. Nackte Zellen- ketten erscheinen weiters ge- krümmt, und Torsion bei Krümmung der Zellen führt dann zu Schraubenformen (Fig. 101), wie wir sie schon bei den marinen Bakterien Fig. loi. Bhizo- als Anpassungserscheinung solenia stolter- kennen lernten. Solche /«*''« ^- P^'^'S- Fig. 100. PlanJctoniella sol (Wallich). (Nach Schutt.) Krümmungen sollen außer- (Nach Schutt.) dem ebenso wie die schief abgeschnittenen Zellenden der Rhizosolenien nach Schutt zur Steuerung dienen, „indem die Zelle oder die Zell- kolonie, einseitig geneigt, dadurch wieder wagrecht zu liegen kommt. Schwebeeinrichtungen der Diatomeen, Conjugaten und Chlorophyceen. ] 95 d. h. der weiteren Bewegung den größtmöglichen Widerstand ent- gegensetzt und damit möglichst langsam fällt". Unter den Conjugaten, die überdies im Plankton eine unter- geordnete Rolle spielen, könnte man die Scheibenform der Desmi- diaceen als Anpassungserscheinung auffassen, wenn dieselbe nicht auch bei Grundformen allgemein vorkommen würde. Dies führt uns zu der Vermutung, daß manche Schwebeeinrichtungen nicht erst als An- passungserscheinungen während des Planktonlebens erworben wurden, sondern daß sich nur solche Grundformen in den Lebensbezirk des Fig. 103. Pterosperma moebiusi Joergens. (Nach Lohmann.) Fig. 102. Eudorina elegans JEhrenbg. (Nach Lemmermann.) Fig. 104. Pediastrum duplex Meyen. (Nach Zacharias.) Pelagials begeben konnten, die dazu am besten geeignet waren (Bach- mann). Die Großzahl der Plankton-Desmidiaceen zeichnet sich über- dies durch charakteristische Gallerthüllen aus. Kugelig oder tafelförmig ausgebreitet und vielfach von einem mächtigen Gallertmautel umgeben erscheinen die Chlorophyceen; ich erinnere an Fandorina, Eudorina (Fig. 102), Sphaerocysiis, Pelago- cystis. Auf einen äquatorial gelagerten Fallschirm stoßen wir wieder bei Pterosperma (Fig. 103). Die peripheren Zellen der planktonischen Pediastren (Fig. 104) sind mit Borstenbüscheln besetzt, in denen Zacharias ebenfalls einen besonderen Schwebeapparat erblickt. Da Schweben und selbständige Bewegung (durch Cilien und Geißeln) sich in ihrer Wirkung fast aufheben, werden wir bei allen Planktonten mit selbständiger Bewegung zum mindesten eine geringere Mannigfaltigkeit der Schwebeeinrichtungen erwarten als etwa bei den 13* 196 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. planktonischen Diatomeen. Als Beispiel könnten viele der Flagel- laten herangezogen werden. Bei diesen sind immerhin die stark be- waffneten Warmwasserformen der Peridineen trefflich zum Schweben Fig. 105. Amphi- solenia thrinax Schutt. (Nach Schutt.) eingerichtet, aber zugleich auch, wie man annimmt, schlechtere Schwimmer als die einfacher ge- bauten nordischen Peridineen. Es hat sich gezeigt, daß fast jeder der ozeanischen Ströme seinen speziellen Lebensbedingungen besonders an- gepaßte Peridineen enthält, wie auch im Süßwasser die reiche Varia- tionsfähigkeit der Ceratien als eine Anpas.sungserscheinung an die ver- schiedenartigen lokalen Lebensbe- dingungen aufgefaßt wurde. Während die marinen Ceratien sich im Warmwasser im Gegensatz zu den „philisterhaft solid'' und einfach gebauten nordischen For- men durch starke Verlan orerunof, oft auch Verbreiterung der Hörner auszeichnen, vertritt Amphisolenia (Fig. 105) den stabförmigen Typus, wie wir ihn bei gewissen Diatomeen schon kennen lernten. Triposolenia (Fig. 106 a, h) vereinigt in sich gewissermaßen die Eigentümlich- keiten der „langh aisi- gen" Amphisolenien . ' und der sperrigen ^.z:^^ Ceratien. Sie schraubt y^/^ Fig. 106. Triposolenia sp. (Nach Kofoid.) a aufwärts schwimmend; b absinkend. f sich, wie Kofoid gezeigt hat, mittels Geißelbewegung in ge- streckten Spiralen fast senkrecht durchs Wasser nach aufwärts (Fig. 106 a), während beim Absinken der Körper alsbald platt und horizontal im Wasser zu Hegen kommt, wodurch ein unerwünscht Schwebeeinrichtungen der Flagellaten (Peridineen) und Amoebozoen. 197 rasches Absinken vermieden wird (Fig. 106 b). Von besonderem In- teresse ist weiters die Beobachtung Kofoids, daß zahlreiche Formen von Ceratium fripos durch Abschneiden der Homer, also durch Auto- tomie, die Schwebfähigkeit ver- mindern, durch nachträgliche Ver- längerung der Hörner, also durch Regeneration, sie zu erhöhen ver- mögen. Autotomie und Regenera- j / y^j tion sind hier ein Mittel, die Tiefenlage, in der die Planktonten schweben, beliebig zu verändern. Bei Ornithocercus (Fig. 107) tritt abermals ein Fallschirm auf. Als Beispiel einer Gallertausschei- dung zur Erhöhung der Schweb- fähicrkeit wird von Schröder Phaeocystis angeführt. Schleim- absonderung wurde vielfach auch ^^'S- l^?- Ornühocercussplendidus SchüU. 1 ,!• 1 1 T-. ,• (Nach Schutt.) gelegentlich der Üincystierung ge- wisser Flagellaten beobachtet. Wenn auch dieser Schleim entschieden zur Verminderung des spezifischen Gewichtes sein Teil beizutragen vermag, ist sein Hauptzweck doch zweifellos der, eine Schutzhülle für die zarten Cysten abzugeben. Von größter Bedeutung für das Schwebvermögen fast aller Phyto- planktonten ist endlich das fette Ol, während die -^r-^ Landpflanzen als wichtigstes Stofi'wechselprodukt die ' spezifisch viel schwerere Stärke bilden, die den wich- tigsten Phytoplanktonten, den Diatomeen und Schizo- ■ ^ phyceen, durchaus zu fehlen scheint (Wesenberg- J Lund). Nach ungefähr denselben Prinzipien wie beim Phytoplankton sehen wir auch die Schwebfähigkeit ij des Zooplanktons erhöht. Fig.lOS. Difflugia Den Süßwasserrhizopoden (Ärcella, Difflugia, ''^ftcTzachariast Fig. 108) dienen zeitweilig im Plasma auftretende Gasvacuolen gewissermaßen als Schwimmblasen, die ihnen ein tycho- pelagisches Leben ermöglichen. Unter den marinen, echt plankto- nischen Foramini feren finden sich zur Erhöhung der Schwebfähig- keit lange Stacheln bei den Orbulinen, Globigerinen (Fig. 109) und Hastigerinen, auch Galierthüllen konnten bei den beiden zuletzt ge- nannten Gattungen bereits nachgewiesen werden. 198 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. Gallertartige Hüllen und Stacheln finden wir weiters bei den Heliozoen (Fig. 110). Höchst mannigfaltig sind auch die Schwebeeinrichtungen der Radiolarien. So besteht der hydrostatische Apparat der Thalassi- collen und der koloniebil- dendenRadio- larien nach Brandt aus einem dich- ten, spezifisch leichteren Gallertman- tel, der neben- bei auch als Polster oder Puffer beim Anprallen an andereKörper gute Dienste leistet, wei- ters aus Va- cuolen. Letz- tere, Tropfen wässeriger Flüssigkeit, in denen nach Brandt außer Seesal- zen und Stoff- wechselpro- dukten vor- Fig. 109. Globigerina hulloides d'Orb. (Aus Zacharias.) 7üfflich Koh- lensäure vorkommen dürfte, treten in Pseudopodien oder in größeren Plasmaansammlungen auf, und durch ihr Entleeren erfolgt eine Vergrößerung des spezifischen Gewichtes und damit ein Absinken der Radiolarien, während Sekretion neuer Vacuolen eine Ver- ringerung des Gewichtes und damit ein Aufsteigen der Tiere be- dingt. Das Untersinken erfolgt auf Grund äußerer mechanischer, ther- mischer oder chemischer Reize durch Kontraktion der Pseudopodien, Schwebeeinrichtungen der Heliozoen und Badiolarien. 199 wodurch die Vacuolenwände reißen. Bei den Discoideen liegt das Skelett als platte Scheibe horizontal im Wasser. Bei den Acanthariern ist die Gallerte weniger ausscebildet, sie genügt aber, um mit Hilfe der eiofen- artigen Gallertcilien (Myophrisken Fig. 110. Acanthocystis pelagica Ostenfeld. Fig. 111. Acanthometron pellucidum (Nach Ostenfeld.) j, Müller. (Nach R. Hertwig.) oder Myoneme) das Sinken und Steigen der Tiere in ähnlicher Weise wie bei der früher besprochenen Radiolariengruppe zu ermöglichen. Um so sinnreicher sind die Anpassungserscheinungen der Acan- thariastacheln, die in gesetzmäßiger Weise angeordnet sind. Es lassen sich nach Popofsky diesbezüglich hauptsächlich fol- gende Gesetze aufstellen: 1. Das Müllersche Gesetz: 20 Stacheln in 5 miteinander abwechselnden Gürteln zu je 4 um die stachellosen Pole des Weich- körpers gruppiert (Beisp. Acanthometron, Fig. 111). 2. Das Haeckelsche Stellungsgesetz: 32 Stacheln, davon 20 nach Müllers Gesetz, von den übrigen 12 verteilen sich je 4 auf ^ig. 112. Bosetta elegans Pop. den Äquator und die beiden Tropengürtel (Nach Popofsky.) (Beisp. Actinastrum). (Nördliche Poiansicht.) 3. Das Brandt sehe SteUungsgesetz: 20 Stacheln, davon 2 in den Polen, die anderen 18 gruppieren sich in 3 Gürteln zu je 6, und zwar so, daß G Stacheln, die in gleichen Winkeln zueinander stehen (60"), auf den Äquator und je 6 auf den nördlichen und südlichen 45. Breiten- 200 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. grad entfallen. Die Stacheln der einzelnen Gürtel wechseln mitein- ander ab (Beisp. Bosetta Fig. 112). Nach Mielk läßt sich indessen auch für die Familie der Rosettideu das Müllersche Gesetz anwenden. 4. Das Popofskysche Drei- gürtel-Stellungsgesetz: 18 Sta- cheln, die in 3 Gürteln zu je 6 Stacheln (also: Äquator 6 Stacheln und nördlicher und süd- 113. Trizona brandti Pop. (Nach Popofsky.) (Nördliche Polansicht.) Fig. 314. Lithoptera fenestrata J. Müller. (Nach Popofsky.) licher 45. Breitengrad je 6). Polstacheln fehlen hier (Beisp. Trizona, Fig. 113). Bei aUen Formen wird aus hydrostatischen Gründen stets der Äquator wagrecht im Wasser liegen, und es werden daher vor allem die Äquatorialstacheln, die dem Wasser vermöge ihrer Stellung die größte Fläche entgegenstellen kön- nen, besonders in Größe und Breite sowie bezüglich der Stachelanhänge (Flügel) ausgebildet werden. So wird bei dem Acanthostauriden- typus dadurch, daß 4 Äquatorial- stacheln bedeutend größer und breiter sind als die übrigen Stacheln, die Annäherung an die Linsen- oder Schalenform erreicht {Lithoptera, Fig. 114). Dadurch, daß nur zwei Äquatorialstacheln bedeutend in die Länge wachsen, kommt die besonders schwebfähige Nadel- oder Walzenform bei dem Amphilonchidentypus zustande (Fig. 115). In ähnlicher Weise wie die Architektonik des ganzen Skelettes 115. Amphilonchidium nationalis Pop. (Nach Popofsky.) Schwebeeinrichtungen der Radiolarien. 201 läßt sich auch der Bau der einzelnen Stacheln viel besser verstehen, wenn wir ihre Bedeutung für die Erhöhung der Schwebfähigkeit und daneben Vergrößerung der Angriffsfläche horizontaler Stromkräfte (zur Ausbreitung der Art) in Rücksicht ziehen. Diesen Doppelzweck werden vierflügliore Stacheln besser erfüllen als dreiflüglige; letztere fehlen tatsächlich bei allen Acanthometriden. Auch das Vorkommen zweischneidiger Stacheln haben wir als Anpassungserscheinung auf- zufassen. Endlich können wir beobachten, daß der ge- samte Weichkörper in seiner Form das Bestreben einer möglichst vollkommeuenÄn- passung an das plankto- nische Leben zu erkennen gibt (Popofsky). Daß schließlich die rich- tige Orientierung des Indivi- duums im Wasser, z. B. die Horizontalstellung der Aqua- torialstacheln, wirklich von Bedeutung für das Tier ist, erhellt aus gewissen patho- logischen Veränderungen, die zuweilen im Skelettbau auf- treten und die das Gleich- gewicht des schwebenden Tieres stören würden; in diesen Fällen wird nach Popofsky durch Ausscheidung von Skelett- substanz an einem entsprechend anderen Orte des Skelettes die durch Ver- letzungen veranlaßte Schwerpunkts Verlagerung zu kompensieren versucht. Bei dem einachsigen Skelett der 3Ionopylea (= Nasselaria, Fig. 116) liegt der Schwerpunkt so, daß die Hauptachse senkrecht im Wasser steht. Das Skelett ist daher nach Brandt mehr zum Sinken und Steigen eingerichtet als zur Vermehrung der Schwebfähigkeit. Die Gitterkugeln der Tripyleen (= Fhaeodaria) sind entweder genau kugelig oder wie bei Sagenoscenen birnförmig, und es legt nach Haecker „schon die Ähnlichkeit mit einem Luftballon den Gedanken nahe, daß diese Körperform mit einem gewissen Steigvermögen im Zusammenhang steht'^ Das Sarkodehäutchen, das den Körper um- hüllt, erscheint von den Spitzenstücken der Radialstacheln zeltartig gespannt erhalten zu werden, und das Steigen und Sinken dürfte in Fig. 116. Pterocanium {Dictyopodium) trilobum Haeckel. (Aus Zacharias.) 202 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. % ähnlicher Weise durch Bildung und Ausscheidung von Yacuolen- flüssigkeit vor sich gehen wie bei den bereits früher erwähnten Radio- lariengruppen. Eine weitere Anpassung scheint noch insofern vor- zuliegen, als in der Regel bei den Warmwasserformen eine Vergröße- rung der Oberfläche, bei den Tiefen- und Kaltwasser- formen zugleich mit einer erheblichen Volumvergröße- rung des gesamten Körpers eine Vermehrung der Stütz- punkte der Sarkodehaut durch Ausbildung armleuchter- artiger Seitenzweige der Radialstachelspitzen erzielt wird. (HaeckerV) Unter den Ciliaten besitzt das Gehäuse der Tintinnen (Fig. 117) bei großer Fläche ein verhältnismäßig ge- ringes Gewicht und dient in manchen Fällen wohl nicht nur zum Schutz, sondern auch zur Vergrößerung des Reibungswiderstandes. Bezüglich der Struktur des Ge- häuses hat Biedermann die Vermutung ausgesprochen, daß das Innere der kleinen und kleinsten Kämmerchen hohl oder zum mindesten mit einer Substanz erfüllt ist, die spezifisch leichter ist als diejenige der Kammerwände. Dann hätte ihre Ausbildung für den Gehäusebewohner einen hydrostatischen Vorteil. Die an manchen Ge- häusen vorkommenden Spiralleisten sind offenbar von lokomotorischer Bedeutung; sie werden etwa wie eine Schiffsschraube wirken müssen, sobald das Tier darin um seine Längsachse rotiert und dadurch die gerad- linige Fortbewegung des Tieres in außerordentlichem Grade unterstützen und beschleunigen. Neben solchen Hochfaltungen kommt es bei den Lanzentintinnen {Xystonella, Fig. 117) noch zur Ausbildung eines „Lanzen- armata Brandt knaufes", der den aboralen Teil des Gehäuses nicht allein (von den 1 onga- erheblich verstärkt, sondern auch verhältnismäßig schwerer CNach Brandt ") ^^^ht. Brandt vermutet, daß es sich bei dieser Bildung um eine Anpassung an das Hochseeleben handelt. Wenn das Tier ausgestreckt ist und Nahrung suchend dahinschwimmt, wird der Knauf ein Gegengewicht für den ausgestreckten Weichkörper bilden und so zu einer gleichmäßigen horizontalen Fortbewegung des sich drehenden Tieres beitragen. Zieht sich aber bei bewegter See infolge der mechanischen Reizung das Tier ganz in den hinteren Teil der Hülse zurück, so wird das Tier verhältnismäßig schnell dem Fig. 117. Gehäuse von Xystonella 1) s. darüber später S. 235. Schwebeeinrichtungen der Giliaten und Coelenteraten. 203 Bereiche der Wellenbewegung entzogen, weil es nun wegen der Verlegung des Gewichtes nach hinten vertikal, mit der pfriemenförmigen Spitze voran, niedersinkt. Bei der Besprechung der den planktonischen Metazoen zukommen- den Schwebeeinrichtungen können wir uns kürzer fassen ; sind sie doch für manche Gruppen, so für die Staatsquallen so charakteristisch, daß diese An- passungserscheinungen als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können. Bei allen planktonischen Coelenteraten fällt das lockere, gallertige Gefüge der Gewebe, ihr hoher Wassergehalt auf: so berichtet Kruckenberg, daß er bei einigen craspedoten Medusen des Triester Golfes 95,34 — 96,3 % Wasser nachweisen konnte. Zuweilen wird das umbrellare Gallertgewebe sehr voluminös wie bei Äequorea und hat dann wohl auch noch als Polster oder Puffer zu dienen. Einige craspedote Medusen sollen sogar spezifisch leichter sein als das Wasser, denn Eimer und Brandt behaupten, daß z. B. Aurelien, (i Fig. 118. Pelagia noctihica Per. Lsr. (Originalzeichnung von L. Müller -Mainz.) 204 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. wenn sie ihre Bewegungen einstellen, ganz langsam bis unmittelbar an die Oberfläche emporsteigen. Wesentlich förderlich für die Erhöhung der Schwebfähigkeit ist endlich die Körperform der erwähnten Medusen: Scheiben- und Schirm- form (Fig. 118) ist vorherrschend, während die Körperform der Cteno- phoren sich auf ein Sphäroid zurückführen läßt. Bei den Cestiden erscheint der Körper in der Sagittalebene bandförmig ausgezogen, bei den Beroiden sackförmig, seitlich komprimiert. Als Schwebeapparate der Siphonophoren endlich finden wir kontraktile Schwimmglocken, Gasbehälter und große Luftflaschen, sowie große, über Wasser tauchende Gasballons, die, vom Winde getrieben, eine passive, seitliche Bewegung ermöglichen. Nach Chun segeln diePhysalien ( Fig. 48, S. 117) aber „viel langsamer als die Velellen (Fig. 45, S. 105), da die gewaltigen und lang nachschleifen- den Fangfällen das Tier bei mäßigem Winde gewissermaßen vor Anker legen. Der eigentümliche Bau der Velellen wird uns erst verständlich, wenn wir die vollendete Anpassung an die passive Bewegung durch den Wind in Betracht ziehen. Die Ausbildung eines schrägstehenden Segels, die kahnförmige Gestalt des Mantels, die Verkürzung der Fang- fäden zu tasterähnlichen, mit Nesselstreifen besetzten Anhängen, die reichliche Schleimsekretion am Mantelrande, welche die Wirkuug der Fangfäden ergänzt und das Verkleben der Beutetiere bedingt, das ramifizierte Gefäßnetz, welches ein Austrocknen der der Luft aus- gesetzten Regionen des Körpers verhütet, und endlich die Reihe von Luftlöchern auf der Oberseite der Luftkammern, welche der von der Sonne stark erwärmten und ausgedehnten Luft den Austritt gestatten: das alles sind Momente, die erst durch Anpassung an ein rasches Segeln erklärlich werden." Unter den planktonischen Würmern treffen wir kugelige Körper- gestalt bei Rotatorien und vielen Larvenformen (Trochophorastadium), scheibenförmig abgeplattet erscheinen die Turbellarien, Pelagonemertes, Tomopteris (Fig. 119). Das Gewebe ist zuweilen, namentlich bei den ausgesprochenen Hochseeformen, sehr wasserreich, gallertartig aufgequollen; von galler- tiger Konsistenz sind die Tonnengehäuse der Terebellidenlarven. Namentlich durch die Ausbildung sog. Skelettzellen im Mitteldarm- gewebe der Bostralia -IjQx^e^ soU nach Haecker wegen der halb- flüssigen Inhaltsmasse dieser Zellen das spezifische Gewicht des Gewebes herabgesetzt werden. Die Annelidenlarven sind überhaupt au die planktonische Lebensweise vorzüglich angepaßt: das Kopfsegment bildet sich zu einer blasig aufgetriebenen Schwimmglocke um (Polygordius- Schwebeeinrichtungen der Coelenteraten und Würmer. 205 Larve); der Schlagcilienapparai des Kopf- und Analsegmentes wird unterstützt durch eine kräftige Ausgestaltung der Wiraperbögen der dazwischen gelegenen Segmente (einige Spioniden); stabförmig ge- streckt erscheint der Körper der 3Iagelona-La,rYen, die sich unter Verzichtleistung auf den Wimper- apparat durch aal- artig schlängelnde Bewecrungen schwimmend fort- zubewegen ver- mögen, während die langen „Stoß- fühler" (früher irr- tümlich als „Fang- fühler" gedeutet) bei Spionidenlar- ven mit schwach ausgebildeten Bauch wimper- bögen durch ab- wechselndes Ein- ziehen und Aus- strecken den Tieren vermutlich eine aktive, stoß- weise Bewegung ermöglichen. Als Schwebe- ^"^^' ^^^' Tomopteri'^ euchaeta Cliun. (Nach Chun.; einrichtungen zum Zwecke der Oberflächenvergrößerung lassen sich wohl die larvalen, langen Borsten der Polychaetenlarveu deuten, soweit sie nicht, wie dies schon Joh. Müller für die Blitraria- Larve vermutete, nebenbei auch noch zum Schutze des weichen Körpers dienen. In schönster Ausbildung finden wir sie bei den beiden typischen Hochseelarven, den erwähnten 3/?7;-ar/a-Larven, hier bisweilen am distalen Ende flachkolbenartig angeschwollen oder von der Gestalt der Skier (31. skifera, Fig. 120), und bei den liostralia- Larven, die sich außerdem noch durch den gekielten oder zugespitzten 206 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. Kopfabschnitt, der wohl als .,Wasserbrecher" zu dienen hat, und die langen Stoßfühler als echt plank tonische Larven zu er- kennen geben (Haecker). Auch an planktonischen Wurmeiern sind Schwebe- einrichtungen beobachtet worden. So verhelfen z. B. nach Voigt und Zacharias Gallerthüllen, Oltropfen, von der Schale ausstrahlende Borsten den Eiern der Synchaeten zu pelagischem Schweben. Doch werden lange Borsten, Dornen u. dgl. nicht ausschließlich als zur Vergrößerung der Oberfläche dienend gedeutet. Nach Burckhardt sollen z. B. die ^g^l=^ vier Dornen der Vo^/ioZm i r^tl^^ zeichneter Weise dazu ^=^® Ti: dienen, dem Tiere bei der Lokomotion die nötige Stabilität in der Richtung zu geben. Er- innert uns doch," meint Burckhar dt, „^^o^Äo/ca vollständig an ein unter- seeisches Boot, das am Vorderende eine unge- heuere Schraube trägt". Jedenfalls sind Stacheln bei planktonischen Rota- Fig. 120. Mitraria skifera Haecker. . • x. x.- c. / a ^ ,-KT , Tx , s tonen sehr häufig (Anu- (Nach Haecker.) ^ . ,, t» , raea, Iriarthra, Foly- atihraj, während die zum Anheften dienenden Organe rückgebildet sind oder ganz fehlen (Ascomorpha, Syn- cliaeta, Hudsonella, Anuraea, Notholca, Triartlira, Poly- artJira). Dagegen zeigt sich das Wimperorgan überall in höchster Vollendung. Zu Gallertbildungen kommt es bei Melicertiden und Floscularien (Wesenberg-Lund). Die Gallerte ist bei Mastigocerca setifera Lauterb., dem am besten an das Pianktonleben angepaßten Räder- Notholca longi- tier, außen scharf abgegrenzt, bei der farbenprächtigen sjnna KeU. Hudsonella pijgmaea (Calm.) lockerer, wasserreicher ^^j^r, " ^^"^ (Lauterborn). Unter den planktonischen Arthropoden überwiegt als Schwebe- einrichtung das Prinzip der Oberflächenvergrößerung durch Ausbildung Fior. 121. Schwebeemrichtunoren der Würmer und Crustaceen. 201 langer, befiederter Extremitäten; daneben erscheint der Körper bald zu einer flachen Scheibe platt- gedrückt, bald wieder zu einem langen, ver- möge der Schwerpunktsverhältnisse horizontal im Wasser liegenden Stabe ausgebildet. Olkugeln in den Geweben tragen außerdem vielfach zur Herabsetzung des spezifischen Gewichtes bei. Chun hat nachgewiesen, daß die Oltropfen der Entomostraken auch anderen Organismen, nämlich Siphonophoren, die sich von niederen Krebsen ernähren, zur Herabsetzung des spezi- fischen Gewichtes dienen. Die Copepoden hin- wiederum verdanken die Olkugeln dem Phyto- plankton, von dem sie sich ernähren. Im speziellen sind Fig. 122. Kopfform von Hyalndaplinia cristata. (Nach Zacharias.) a während des Sommers, b während des Herbstes, c während des Winters. Fig. 123. unter den Cladoceren des Süßwassers die oft bizarren Helme der Hyalodaphnien (Fig. 122 ) als Wasserbrecher zu deuten und mögen außerdem die Kon- stanz der Lokomotionsrichtung erhöhen: die gallertigen Hüllen der Holopedien (Fig. 12, - .^y,vr■^^^^t-^i>. ^ i^ ll Y.r<{^■'J-<" Eclnnospira / ' (Fig. 138). 3. Die Mün- dung der Schale wird vergrößert, und auch die Kammerung in Fig. 139. Atlanta peroni Lsr. (Nach Gegenbaur.) ^ 216 Kapitel IV. Anpassungserscheinungen des Planktons. den oberen Umgängen derselben trägt zur Schwimmfälligkeit bei wie bei den SinusigeraS cha\en. 4. Es kommt zur Bildung seitlicher Mündungsflügel. 5. Außen an der Schale treten als Oberflächenvergrößerung Reihen von Zähnen, Stacheln und Haaren auf. 6. Endlich erfolgt zugleich mit einer Reduktion des Vorderkörpers und der Sohle eine mächtige Entfal- tung der Velar- fortsätze. Die Schalen der Heteropoden sind zart , aber groß und scheiben- förmig abgeplattet und gekielt bei Atlanta (Fig.139), um dem Wasser wenig Widerstand entgegenzusetzen, rudimentär bei Carinaria (Fig. 140) und endlich in Wegfall gekommen bei Pterotrachea (Fig. 141). Bei dieser ist der Körper gallertartig aufgequollen, walzenförmig; er liegt horizontal im Wasser. So ist mit der Reduktion der Schale, der gallertartigen Auftreibung des Körpers im Verein mit einer durch Flossenbildung Fig. 140. Carinaria mediterranea Per. Les. (Originalzeichnung). Fig. 141. Pterotrachea (Firola) cpronata Forsk. (Nach Leuckart aus Lang.) (Pterygopodium) angestrebten Oberflächenvergrößerung das Anpassungs- vermögen der Heteropoden an das Schweben im Wasser genügend gekennzeichnet. Ahnliches gilt auch von den schwebenden Opistobranchiern. Während die Limaciniden mit ihren dünnen, den Schnecken- schalen ähnlichen Gehäusen nach Brandt zu kräftigen Ruderbewe- Schwebeeinrichtimgen der Mollusken. 217 gungen in horizontaler Richtung fähig sind und schräg im Wasser emporsteigen, sind die übrigen Pteropoden mit ihren nach unten nadei- förmig zugespitzten, im Querschnitt kreisrunden oder abgeplatteten Schalen weniger zum freien Schweben als vielmehr zu Bewegungen in vertikaler Richtung geeignet. Mäßiges Flossenschlagen wird sie in der ihnen zuträglichen VVasserschicht halten, energischere Flügelbewegung senkrecht emporsteigen lassen, Aussetzen der Bewegung bringt sie rasch in tiefere Wasserschichten. Im allgemeinen machen aber doch die Schwimmbeweomncren vieler Pteropoden einen sehr unbeholfenen Eindruck. Namentlich die lange Schale der Creseis ist nach Schiemenz für das Schwimmen eine mög- lichst ungünstige: sie pendelt beständig hin und her, und wir können nun sehen, daß die anderen Pteropoden zu einer besseren Anpassung Schwimmrichtung des Tieres.